Massenverhaftungen von Kurden in der Türkei

Ankara, 19. Nov. (afp) Die türkischen Sicherheitskräfte haben den Druck auf Sympathisanten der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) massiv erhöht. Mehr als 700 militante Kurden seien bereits festgenommen worden, meldete die türkische Nachrichtenagentur Anatolia am Donnerstag. Als Begründung für die Festnahmen hiess es, die kurdischen Aktivisten hätten zur Unterstützung Öcalans aufgerufen.  Unter den Festgenommenen befand sich der Vorsitzende der prokurdischen Hadep-Partei, Murat Bozlak. Angeordnet wurden die Festnahmen vom Staatssicherheitsgericht in Ankara. Allein in Ankara wurden 60 Hadep-Anhänger festgenommen.
_Tod in Polizeigewahrsam_
In der Provinzhauptstadt Diyarbakir im Südosten der Türkei kam ein 18jähriger Kurde während eines Polizeiverhörs ums Leben. Die Hadep-Partei beschuldigte die Polizei, sie habe den jungen Mann zu Tode gefoltert. Nach Darstellung der Polizei erlitt der Kurde während des Verhörs am Mittwoch abend einen Herzinfarkt.
_Öcalan weiter unter Arrest_
Rom, 19. Nov. (Reuters) Der italienische Justizminister Diliberto hat angeordnet, dass der in Rom inhaftierte Kurdenführer Abdullah Öcalan weiterhin in Gewahrsam bleibt. Der Minister habe ein Gericht angewiesen, Öcalan weiter unter Arrest zu stellen, ihn aber nicht in ein Gefängnis zu verlegen, erklärte eine Sprecherin des Justizministeriums am Donnerstag in Rom. Wegen des Streits um die Auslieferung Öcalans haben sich in den vergangenen Tagen die Beziehungen zwischen der Türkei und Italien verschlechtert.
_Ende der Selbstverbrennungen gefordert_
Rom, 19. Nov. (ap) Der PKK-Führer Öcalan hat seine Anhänger aufgefordert, nicht weiter mit Selbstverbrennungen gegen seine Festnahme zu protestieren. Erst am Mittwoch hatte sich ein Kurde in Rom mit Benzin übergossen und angezündet. In ganz Europa protestieren Kurden gegen die Festnahme Öcalans. In Moskau starb ein Kurde, der sich am Dienstag aus Protest selbst verbrannt hatte.
_Yilmaz lehnt Gesprächsangebot Roms ab_
Ankara, 19. Nov. (Reuters) Der türkische Ministerpräsident Yilmaz hat am Donnerstag ein Gesprächsangebot aus Rom abgelehnt. Der italienische Ministerpräsident D’Alema habe ein Treffen auf den kommenden Mittwoch vorgeschlagen, um im Vorfeld eines Fussballspiels in Istanbul die wegen des Aufenthalts Öcalans in Italien entstandenen Probleme zu besprechen, berichtete die Nachrichtenagentur Anatolia.
_Sturz der Regierung Yilmaz absehbar_
(ap) Das türkische Parlament hat am Donnerstag beschlossen, der Regierung von Ministerpräsident Yilmaz die Vertrauensfrage zu stellen.  Die Abgeordneten stimmten mit 311 zu 213 für das Misstrauensvotum. 276 Stimmen würden ausreichen, um die Koalitionsregierung zu stürzen. Das Parlament will den Schritt am Montag diskutieren und die Vertrauensfrage am Mittwoch stellen. Yilmaz wird von drei Oppositionsparteien vorgeworfen, Beziehungen zum organisierten Verbrechen unterhalten zu haben.
=Neue Zürcher Zeitung, 20.11.1998 Nr. 270  2