Italiens Ministerpräsident weist Erpressungsversuche aus Ankara energisch zurück
Der Druck der Türkei auf die italienische Regierung, PKK- Chef
Abdullah Öcalan auszuliefern, wird von Tag zu Tag größer.
Nach den scharfen Angriffen des türkischen Premiers Mesut Yilmaz im
Parlament - Yilmaz hat Italien angeklagt, daß es im Falle eines Neins
zum Auslieferungsersuchen »die Verantwortung für die von der
PKK begangenen Verbrechen teilen wird«, und gedroht, daß jedwede
türkische Regierung entsprechend darauf antworten werde - hat sich
der italienische Regierungschef Massimo D’Alema am Mittwoch abend nochmals
deutlich gegen jeden Einschüchterungsversuch von türkischer Seite
verwahrt. D’Alema hatte spontan eine Pressekonferenz einberufen, nachdem
bekannt wurde, daß sich der aus Bingol stammende Kurde Zulkut Yilmaz
(30), der seit sieben Jahren in der Schweiz lebt, in Rom mit Benzin übergossen
und angezündet hatte und mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus
eingeliefert werden mußte. »Wenn man einen Zustand der Verzweiflung
erreicht, der ein menschliches Wesen dazu bringt, sich selbst anzuzünden,
um die eigenen Ideen und die eigenen Rechte zu verteidigen, müssen
alle ihre Worte genau abwägen«, antwortete der italienische
Regierungschef auf die Anfeindungen aus Ankara.
Italien habe keinerlei Absicht, Komplize des Terrorismus zu sein, doch
»mit genauso großer Standfestigkeit« werde »Italien
den Prinzipien seiner juristischen Kultur treu bleiben« und nicht
bereit sein, »völlig unbegründete Einschüchterungen
zu erdulden«. Die Angelegenheit Öcalan werde »konform
mit unseren Gesetzen« behandelt; mit anderen Worten: Eine Auslieferung
an die Türkei kommt wegen der dort herrschenden Todesstrafe nicht
in Frage.
D’Alema wandte sich gleichzeitig gegen das US- Außenministerium,
das erneut auf eine Auslieferung Öcalans an die Türkei drängte,
und verwies darauf, daß Rom auch nicht einen wegen Mordes verurteilten
Italiener an Washington ausgeliefert habe. »Es hat also keinen Sinn,
von uns zu verlangen, Öcalan zu übereignen. Wir sind ein Rechtsstaat.«
In der Türkei greift der Aufruf des türkischen Fernsehens,
italienische Produkte zu boykottieren, um sich. Ocan Oguz, Präsident
der türkischen Außenhandelskammer, nahm vor der italienischen
Presse kein Blatt vor den Mund: »Wenn die italienische Regierung
Öcalan nicht an die Türkei ausliefert, sind wir bereit, die Verträge
mit den italienischen Kunden zu stornieren.« Das Handelsaufkommen
zwischen beiden Ländern beläuft sich auf umgerechnet rund zehn
Milliarden Mark. Die anti-italienische Stimmung in der Türkei könnte
sich sogar auf das Fußballspiel Galatasaray gegen Juventus Turin
niederschlagen, das am kommenden Mittwoch in Istanbul ausgetragen wird.
Die nächsten Tage sind voller wichtiger Entscheidungen. Bis kommenden
Montag muß der italienische Justizminister über die weitere
Untersuchungshaft des PKK-Chefs befinden. Spätestens am 1. Dezember
entscheidet die Kommission beim Innenministerium, ob Abdullah Öcalan
politisches Asyl in Italien erhält, und bis zum 23. Dezember,
also 40 Tage nach der Festnahme, müssen formelle Auslieferungsersuchen
- etwa auch aus der BRD - beim Justizminister eingegangen sein, ansonsten
ist dessen Festnahme nichtig.
Cyrus Salimi-Asl, Neapel
(junge Welt, 20.11.98)