Die Hoffnung der Kurden auf Westeuropa
Willkommene Propagandatribüne in Rom
Als die türkische Regierung Syrien mit Krieg drohte, falls es den
Kurdenführer Öcalan weiterhin beherberge, ahnte sie nicht, dass
sich dessen Ausweisung und seine Ankunft in Italien zu einer grossen Propaganda-Aktion
für die Sache der Kurden auswachsen könnten. In Rom demonstrierten
10 000 Kurden aus Westeuropa für ihren Führer und baten Italien
um Hilfe im Kampf für die Freiheit.
R. St. Rom, 18. November
Im Wagenpark auf dem siebenten Hügel von Rom stösst man auf
Herkunftsschilder von Lörrach über Basel bis Schaffhausen oder,
um es ein bisschen weiter zu fassen, von der Hansestadt Hamburg bis Paris
und Marseille. Deutsch ist nicht gerade Lingua franca, wohl aber das beste
Verständigungsmittel zwischen Parkplatz und dem Militärspital
des Celio, in den Bars und den Trattorien der näheren Umgebung. Die
schwarzhaarigen, meist schnauzbärtigen Männer - Frauen promenieren
nicht allein - sind ihres dunkleren Teints und ihrer glatten Gesichtszüge
wegen leicht von den Italienern zu unterscheiden. Es sind Kurden, die meist
vor langer Zeit nach Westeuropa ausgewandert sind und dort eine geregelte
Arbeit gefunden haben. Seit Samstag demonstrieren sie auf dem Cälius
für die Freilassung und die Aufenthaltsbewilligung für den PKK-Führer
Abdullah Öcalan, der von der italienischen Polizei anfänglich
hier interniert worden sein soll, später hingegen in ein Spital von
Palästrina 50 Kilometer östlich von Rom verbracht wurde. Der
Ort gefiel, und Versammlungen stören hier weniger als anderswo, und
so wurde der Treffpunkt hinter dem Kolosseum beibehalten. In der schnell
reagierenden römischen Gebrauchssprache heisst die Piazza celimontana
nun Piazza Kurdistan.
PKK als derzeit einzige Hoffnung Die marxistisch orientierte PKK scheint
durch die Verkettung von Umständen zum eigentlichen wenn nicht einzigen
Bannerträger der kurdischen Sache geworden zu sein. Dass sich die
Mehrzahl der angereisten Personen als Kommunisten fühlt, ist unwahrscheinlich.
Klare politische Absichten werden kaum formuliert, sieht man vom Kampf
gegen die Unterdrückung und für die - vor allem individuelle
- Freiheit ab. Von Indoktrination ist wenig zu spüren, wenn man nicht
die mit 40 Millionen sehr hoch angegebene Anzahl von Kurden als solche
betrachten will. Dass man sich für die PKK und ihren Präsidenten
erwärmt, der bald Apo (Onkel), bald geliebter Führer genannt
wird, geht zu einem guten Teil auf Enttäuschung über andere Kurdenführer
zurück, deren Politik man für zu opportunistisch-nachgiebig hält
und für zu sehr auf den eigenen Clan bedacht. Eine Gruppe von älteren
Männern mit Turban gibt sich als praktizierende Muslime aus; ihr Sprecher
meint, in dieser Situation stehe die Einheit der Nation an erster Stelle,
über alles andere könne man später reden. Mit Kommunisten
ist dies, wie die Geschichte gezeigt hat, dann nicht immer möglich.
Fragen über die kurdische Geschichte und über die Herkunft der
Kurden bringen viele Gesprächspartner in Verlegenheit.
Ihre Forderungen nach Menschenrechten und Grundfreiheiten indessen
sind lapidar, uwiderlegbar und gerechtfertigt. Ihr Benehmen ist sehr gesittet,
ohne dass man den Eindruck hat, Anständigkeit sei für sie mit
besonderer Anstrengung verbunden. Lange Anwesenheit in Deutschland oder
in der Schweiz haben eine westliche Denkungsart gefördert, die jedoch
nicht so weit gediehen ist, dass eine kultische Verehrung der Führergestalt
schon überwunden wäre; hier schlägt das orientalische Element
durch. Fragen, ob es ausser Öcalan noch Leitfiguren oder anerkannte
Politiker gebe, werden von vielen Angesprochenen gar nicht verstanden.
Eines aber haben alle gemerkt: die noch immer nicht in ihren Einzelheiten
geklärte Ankunft Öcalans in Rom hat eine Gelegenheit eröffnet,
die Sache der Kurden einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen.
Auf dem Cälius wird vor den Ohren der internationalen Presse diskutiert,
und allein in Italien haben sich Interesse und Anteilnahme am Schicksal
dieses Volkes in wenigen Tagen massiv vermehrt.
Erklärungen Öcalans
In einem schriftlichen Interview mit «la Repubblica» hat
Öcalan erklärt, dass er Italien wegen seiner Geschichte, seiner
demokratischen Strukturen und seiner offenen Gesellschaft als mögliches
Asylland ausgewählt habe. Nur Europa könne die Kurden verstehen
und ihnen weiterhelfen, keinesfalls ein Staat wie der Irak oder Nordkorea.
Von Italien aus könne man Europa den unerbittlichen Staatsterrorismus
der Türkei erklären. Den Vorwurf, seine Bewegung habe viele unschuldige
Menschen auf dem Gewissen, erwiderte er mit dem Hinweis auf die Barbarei
der Unterdrücker. Ob der bewaffnete Krieg fortgesetzt werde, hänge
einzig von Ankara ab, man könne von den Kurden nicht die bedingungslose
Kapitulation verlangen. Er sei zum Gespräch mit der Türkei, mit
Europa und den Vereinigten Staaten bereit. Die PKK werde weiterhin alle
«zerstörerischen Angriffe auf Kurdistan neutralisieren»,
aber sie werde inskünftig auch eine Diplomatie entwickeln; der Verzicht
auf eine Verhandlungsposition sei ohne Zweifel ein Fehler gewesen. Sollte
es in der Türkei zu Wahlen kommen, werde man sich mit einem Programm
für Frieden und Demokratie beteiligen.
In bezug auf die Formen des Zusammenlebens mit der Türkei kann
man laut Öcalan über verschiedene Lösungen reden, unter
der Bedingung, dass die Identität des kurdischen Volkes anerkannt
wird. Der Marxismus-Leninismus, zu dem sich Öcalan und die PKK bekennen,
was mit dem Verlust vieler Sympathien in Europa verbunden ist, wird nicht
oder nicht mehr in dogmatischer Form gepflegt.
Das Sowjetsystem habe die Kurden nie unterstützt und sei im wesentlichen
ein System des Staatskapitalismus gewesen, meint Öcalan.
Eher als ein orthodoxer Kommunist erscheint er heute als ein moderner
Sozialist mit pragmatischen Lösungsansätzen.