Neue Zürcher Zeitung, 19.11.1998

Die Hoffnung der Kurden auf Westeuropa

Willkommene Propagandatribüne in Rom

Als die türkische Regierung Syrien mit Krieg drohte, falls es den Kurdenführer Öcalan weiterhin beherberge, ahnte sie nicht, dass sich dessen Ausweisung und seine Ankunft in Italien zu einer grossen Propaganda-Aktion für die Sache der Kurden auswachsen könnten. In Rom demonstrierten 10 000 Kurden aus Westeuropa für ihren Führer und baten Italien um Hilfe im Kampf für die Freiheit.
R. St. Rom, 18. November

 

Im Wagenpark auf dem siebenten Hügel von Rom stösst man auf Herkunftsschilder von Lörrach über Basel bis Schaffhausen oder, um es ein bisschen weiter zu fassen, von der Hansestadt Hamburg bis Paris und Marseille. Deutsch ist nicht gerade Lingua franca, wohl aber das beste Verständigungsmittel zwischen Parkplatz und dem Militärspital des Celio, in den Bars und den Trattorien der näheren Umgebung. Die schwarzhaarigen, meist schnauzbärtigen Männer - Frauen promenieren nicht allein - sind ihres dunkleren Teints und ihrer glatten Gesichtszüge wegen leicht von den Italienern zu unterscheiden. Es sind Kurden, die meist vor langer Zeit nach Westeuropa ausgewandert sind und dort eine geregelte Arbeit gefunden haben. Seit Samstag demonstrieren sie auf dem Cälius für die Freilassung und die Aufenthaltsbewilligung für den PKK-Führer Abdullah Öcalan, der von der italienischen Polizei anfänglich hier interniert worden sein soll, später hingegen in ein Spital von Palästrina 50 Kilometer östlich von Rom verbracht wurde. Der Ort gefiel, und Versammlungen stören hier weniger als anderswo, und so wurde der Treffpunkt hinter dem Kolosseum beibehalten. In der schnell reagierenden römischen Gebrauchssprache heisst die Piazza celimontana nun Piazza Kurdistan.
PKK als derzeit einzige Hoffnung Die marxistisch orientierte PKK scheint durch die Verkettung von Umständen zum eigentlichen wenn nicht einzigen Bannerträger der kurdischen Sache geworden zu sein. Dass sich die Mehrzahl der angereisten Personen als Kommunisten fühlt, ist unwahrscheinlich. Klare politische Absichten werden kaum formuliert, sieht man vom Kampf gegen die Unterdrückung und für die - vor allem individuelle - Freiheit ab. Von Indoktrination ist wenig zu spüren, wenn man nicht die mit 40 Millionen sehr hoch angegebene Anzahl von Kurden als solche betrachten will. Dass man sich für die PKK und ihren Präsidenten erwärmt, der bald Apo (Onkel), bald geliebter Führer genannt wird, geht zu einem guten Teil auf Enttäuschung über andere Kurdenführer zurück, deren Politik man für zu opportunistisch-nachgiebig hält und für zu sehr auf den eigenen Clan bedacht. Eine Gruppe von älteren Männern mit Turban gibt sich als praktizierende Muslime aus; ihr Sprecher meint, in dieser Situation stehe die Einheit der Nation an erster Stelle, über alles andere könne man später reden. Mit Kommunisten ist dies, wie die Geschichte gezeigt hat, dann nicht immer möglich. Fragen über die kurdische Geschichte und über die Herkunft der Kurden bringen viele Gesprächspartner in Verlegenheit.
Ihre Forderungen nach Menschenrechten und Grundfreiheiten indessen sind lapidar, uwiderlegbar und gerechtfertigt. Ihr Benehmen ist sehr gesittet, ohne dass man den Eindruck hat, Anständigkeit sei für sie mit besonderer Anstrengung verbunden. Lange Anwesenheit in Deutschland oder in der Schweiz haben eine westliche Denkungsart gefördert, die jedoch nicht so weit gediehen ist, dass eine kultische Verehrung der Führergestalt schon überwunden wäre; hier schlägt das orientalische Element durch. Fragen, ob es ausser Öcalan noch Leitfiguren oder anerkannte Politiker gebe, werden von vielen Angesprochenen gar nicht verstanden. Eines aber haben alle gemerkt: die noch immer nicht in ihren Einzelheiten geklärte Ankunft Öcalans in Rom hat eine Gelegenheit eröffnet, die Sache der Kurden einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen. Auf dem Cälius wird vor den Ohren der internationalen Presse diskutiert, und allein in Italien haben sich Interesse und Anteilnahme am Schicksal dieses Volkes in wenigen Tagen massiv vermehrt.
Erklärungen Öcalans
In einem schriftlichen Interview mit «la Repubblica» hat Öcalan erklärt, dass er Italien wegen seiner Geschichte, seiner demokratischen Strukturen und seiner offenen Gesellschaft als mögliches Asylland ausgewählt habe. Nur Europa könne die Kurden verstehen und ihnen weiterhelfen, keinesfalls ein Staat wie der Irak oder Nordkorea. Von Italien aus könne man Europa den unerbittlichen Staatsterrorismus der Türkei erklären. Den Vorwurf, seine Bewegung habe viele unschuldige Menschen auf dem Gewissen, erwiderte er mit dem Hinweis auf die Barbarei der Unterdrücker. Ob der bewaffnete Krieg fortgesetzt werde, hänge einzig von Ankara ab, man könne von den Kurden nicht die bedingungslose Kapitulation verlangen. Er sei zum Gespräch mit der Türkei, mit Europa und den Vereinigten Staaten bereit. Die PKK werde weiterhin alle «zerstörerischen Angriffe auf Kurdistan neutralisieren», aber sie werde inskünftig auch eine Diplomatie entwickeln; der Verzicht auf eine Verhandlungsposition sei ohne Zweifel ein Fehler gewesen. Sollte es in der Türkei zu Wahlen kommen, werde man sich mit einem Programm für Frieden und Demokratie beteiligen.
In bezug auf die Formen des Zusammenlebens mit der Türkei kann man laut Öcalan über verschiedene Lösungen reden, unter der Bedingung, dass die Identität des kurdischen Volkes anerkannt wird. Der Marxismus-Leninismus, zu dem sich Öcalan und die PKK bekennen, was mit dem Verlust vieler Sympathien in Europa verbunden ist, wird nicht oder nicht mehr in dogmatischer Form gepflegt.
Das Sowjetsystem habe die Kurden nie unterstützt und sei im wesentlichen ein System des Staatskapitalismus gewesen, meint Öcalan.
Eher als ein orthodoxer Kommunist erscheint er heute als ein moderner Sozialist mit pragmatischen Lösungsansätzen.