Rom hält Druck aus Ankara stand
Politisches Asyl in Italien für PKK-Chef Öcalan scheint sicher
Der Streit um das Schicksal des Vorsitzenden der Arbeiterpartei Kurdistans
(PKK), Abdullah Öcalan, scheint einen für ihn positiven Ausgang
zu nehmen. Alle Äußerungen führender Politiker in Italien
lassen darauf schließen, daß Öcalan, der am vergangenen
Donnerstag in Rom festgenommen wurde, nicht an die Türkei ausgeliefert
werden und politisches Asyl erhalten soll.
Nach »Tagen des Nachdenkens« hat sich nun auch der kommunistische
Justizminister Oliviero Diliberto zur Sache geäußert und klar
zu verstehen gegeben, daß dem Drängen Ankaras, Öcalan an
die Türkei auszuliefern, nicht nachgegeben werde. Neben Verweis auf
den in der Verfassung verankerten Asylrechtsartikel 10 rief Diliberto den
Fall von Pietro Venezia in Erinnerung. Rom verweigerte im Juni 1996 die
Auslieferung des in den USA wegen Mordes angeklagten Italieners, weil ihm
in den Staaten die Todesstrafe drohte. Dieser Hinweis ist deutlich und
läßt praktisch alle Hoffnungen der Türkei, Öcalan
per Auslieferungsersuchen doch noch in die Finger zu bekommen, im Winde
verwehen, auch wenn am Bosporus seit 1984 die Todesstrafe nicht mehr vollstreckt
wurde.
Regierungschef Massimo D’Alema entzog indes den schärfer werdenden
Anfeindungen aus der Türkei den Boden: »Wir sind ein demokratisches
Land, das seine Gesetze beachten muß und das keinerlei Erpressung,
Druck oder Maßregelungen zu erdulden gedenkt.« Er reagierte
damit auf die Anschuldigungen des türkischen Außenministers
Ismail Cem, der bei seinen Gesprächen mit italienischen Regierungsvertretern
während der WEU-Tagung - wohl vergeblich - die Muskeln spielen ließ
und Rom vorwarf, sich aufgrund des öffentlichen Drucks am Rande bzw.
jenseits der Legalität zu bewegen.
Von der BRD schienen auch am Dienstag keine Signale auszugehen, die
auf einen Antrag zur Übergabe des PKK- Chefs an die deutsche Justiz
schließen ließen. In Italien ist man davon überzeugt,
daß Bonn ganz froh sei, den PKK-Chef in italienischen Händen
zu wissen - sei es als Gefangener oder als politischer Flüchtling.
So konnte der deutsche Außenminister Joseph Fischer (Bündnis
90/Die Grünen) am Rande der WEU-Tagung in Rom auch hervorheben, Öcalan
werde das deutsch-türkische Verhältnis nicht belasten. Das vor
fünf Jahren vom damaligen Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU)
verhängte Verbot der PKK bleibe weiter bestehen, betonte Fischer.
Sollte Bonn tatsächlich ein Auslieferungsersuchen stellen, könnte
die Regierung in Rom eine Überstellung des PKK- Chefs aufgrund der
Schengen-Verpflichtungen nur schwerlich ablehnen. Neben Ankara machen sich
derzeit aber nur die Vereinigten Staaten dafür stark, Abdullah Öcalan
auszuliefern - vorzugsweise wohl in die Türkei. Das State Department
wertete die Verhaftung Öcalans als »wichtigen Schritt im Kampf
gegen den internationalen Terrorismus«.
Über 600 kurdische Gefangene in den Haftanstalten in Bursa, Aydin,
Nazilli und Bergama im Westen der Türkei sehen dies anders: Seit Wochenbeginn
befinden sie sich aus Solidarität mit dem verhafteten Öcalan
im Hungerstreik. Gegen eine Auslieferung des PKK-Chefs an die Türkei
protestierten am Dienstag an der Bannmeile zum Bonner Regierungsviertel
rund 1300 Kurden. Diese käme »einem Todesurteil gleich«,
warnten die »Kurdischen Gemeinden« von Gießen, Fulda,
Mannheim und Dortmund.
Cyrus Salimi-Asl, Neapel