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Gute Stimmung auf der „Piazza Kurdistan“
Weil sie hoffen können, daß Rom Abdullah Öcalan Asyl
gewährt, verhalten sich dessen Anhänger diszipliniert
Von Roman Arens (Rom) und Helmut Lölhöffel (Bonn)
„Viva Italia“ skandierten etliche tausend Kurden voll dankbarer Inbrunst
auf ihrer seit dem vergangenen Wochenende besetzten römischen „Piazza
Kurdistan“, die allerdings in den Stadtplänen weiter den alten Namen
Celimontana behalten wird. Hier war PKK-Chef Abdullah Öcalan nach
seiner Ankunft aus Moskau am vergangenen Donnerstag abend kurz im alten
Militärhospital, bevor er aus Sicherheitsgründen in eine Klinik
außerhalb von Rom gebracht wurde.
Die Kurden, die aus halb Europa und mit einer Chartermaschine sogar
aus Australien herbeigeeilt sind, wollen, daß ihr Held als freier
Mann hier aufs Podium steigt und eine Rede hält. „Dann würde
mein Herz heftig schlagen“, sagt Ali C., ein Familienvater mit drei in
der Schweiz geborenen Kindern, „Wir lieben unseren Führer. Wir wollen
ihm nahe sein.“ Der Mechaniker aus dem Aargau würde noch Tage und
Wochen auf dem Platz aushalten - egal, sagt er, was für Folgen das
für seinen Arbeitsplatz haben könnte. Er will erst weichen, wenn
eine „politische Lösung“, sprich Asyl für den „Apo“ (Onkel) gefunden
ist. Derzeit sieht es so aus, als würde die Sehnsucht erfüllt
werden. Es werden ihm jedoch noch einige Geduld und Bibbernächte im
Freien abverlangt. Nachts ist es auch in Rom derzeit empfindlich kalt.
„Unser Führer ist unsere Sonne. Die wärmt uns.“ Der türkische
Kurde hat stolz eine PKK-Fahne um sich geschlungen. In der Schweiz kann
er sich offen zur Mitgliedschaft in der Arbeiterpartei Kurdistans bekennen.
Anders sein Landsmann Salman A. neben ihm. Der türkische Kurde
aus Stuttgart, auch er Familienvater mit einer guten beruflichen Position
als Schweißer, sei wegen seines Engagements für die in Deutschland
verbotene Vereinigung, erzählt er, schon viermal festgenommen worden.
Er beklagt sich, daß man ihm kürzlich vier Monate Haft oder
7500 Mark Geldstrafe aufgebrummt habe. Nun genießt er es, sich in
Rom ohne das Risiko von Repressalien outen und von den deutschen Strafen
wie von Auszeichnungen erzählen zu können.
Auf dem Kurdistan-Platz herrschen Ordnung und Chaos, Disziplin und
Ausgelassenheit. Weit vor dem Platz haben Carabinieri die Verkehrsregelung
für die zahllosen Autos aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz,
Holland oder Dänemark übernommen. Am Rande des Platzes haben
sie ihre Polizeihoheit praktisch abgegeben und sehen gelassen zu, wie Kurden
mit Armbinden für Sicherheit sorgen und jeden Neuankömmling filzen,
als wolle er ein Flugzeug besteigen. Nichts soll das schöne bunte
Bild trüben; kein Agent provocateur soll eine Chance bekommen. In
rhythmischen Sprechgesängen wird die Freiheit Kurdistans beschworen.
Mit Musik und Tänzen wird eine ausgelassene Volksfest-Stimmung erzeugt.
Erschöpft vom kollektiven Hungerstreik - es wird nur Tee ausgeschenkt
-, liegen in, an und hinter Autos Schlafende in Decken eingewickelt. Gruppen
hocken diskutierend auf dem Boden oder lesen sich das Neueste aus Zeitungen
vor. Der Wille, die internationale Presse für sich einzunehmen, ist
präziser und freundlicher organisiert als in manchen staatlichen Einrichtungen
nicht nur in Italien.
Als am Dienstag nachmittag ein Demonstrationszug Aufstellung nimmt,
werden zahllose rote Rosen an die Teilnehmer ausgegeben. Die Blumen sollen
verschenkt werden. „Wir Kurden geben immer, erhalten aber nur Schläge“,
erklärt Salman A.; er freut sich, daß Italien die Kurden mit
viel unbefangener Herzlichkeit aufnimmt. Er weiß gewiß, daß
viele seiner Landsleute Nacht für Nacht von Schleppern an den hiesigen
Stränden ausgesetzt werden. Er weiß aber wohl nicht, daß
die kurdische Gemeinde in ganz Italien trotzdem noch kleiner ist als in
einzelnen deutschen Großstädten: nur rund fünftausend Personen.
In der Öffentlichkeit der Apennin-Halbinsel wird wenig Augenmerk auf
die PKK, ihre Aktivitäten und Methoden gerichtet. Man nimmt vielfach
Partei für ein geschundenes Volk ohne eigenen Staat. Öcalan hätte
sich kaum ein besseres Land aussuchen können. Daß für ihn
eine gerechte Lösung gefunden wird, davon zeigte sich der konservative
Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro überzeugt. Die Sache könne
auch eine Gelegenheit sein, „daß die internationale Gemeinschaft
das Problem der Kurden anpackt“. Jede Gelegenheit sei nützlich, einem
Volk den „Respekt für seine Rechte, die ihm zustehen, zu geben.
Und Achille Occhetto, der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses
der Deputiertenkammer, eilte ein wenig voraus: „Der zu verfolgende Weg
könnte eine internationale Kurdistan-Konferenz unter Vorsitz von Italien
sein.“ Der frühere Chef der Linksdemokraten wies darauf hin, daß
sein Parlamentsausschuß dies schon vor einiger Zeit beschlossen habe:
„einstimmig“. Die Ankunft des Kurdenführers auf dem Flughafen
Fiumicino wird erstaunlich gelassen hingenommen und nicht parteipolitisch
instrumentalisiert. Zwar bohrt die Rechte darin herum, ob, wie von kurdischer
Seite behauptet, der Unabhängigkeitskämpfer mit Wissen und Billigung
der Regierung nach Rom gekommen sei. Aber auch auf der Rechten wird eine
mögliche Asylgewährung wohl keinen großen Widerstand hervorrufen.
Niemals mehr Terrorismus, keine Lösung mit Gewalt - diese Ankündigung
Öcalans findet unter seinen Fans auf dem Platz ungeteilte Zustimmung.
Sie nehmen von ihm an, was er sagt, und erwarten auch von ihm, daß
er das Ende ihres Hungerstreiks ansagt. Die Erklärung des Gewaltverzichts
soll wohl auch das politische Klima noch einmal verbessern. Öcalan
muß kaum fürchten, an die Türkei ausgeliefert zu werden.
Die dortige Todesstrafe macht nach der italienischen Verfassung eine Überstellung
unmöglich.
Viel mehr Sorge, als öffentlich eingeräumt, macht den italienischen
Behörden der türkische Zorn. Ein vorgestern in die Türkei
gereistes Damen-Basketball-Team ist unter besonderen Schutz gestellt worden.
Ängste gibt es vor dem für kommende Woche angesetzten Fußballspiel,
zu dem Juventus Turin zu Galatasaray Istanbul fährt. Es gibt Boykottdrohungen
für die italienisch-türkischen Handelsbeziehungen, auch im Bereich
der Rüstungsgüter. Der Druck der Regierung in Ankara ist enorm.
Aber D’Alema antwortet ruhig: Man werde „keine Erpressungen“ hinnehmen.
Wie in Rom und anderen europäischen Hauptstädten versammelten
sich auch in etlichen deutschen Städten Kurden zum öffentlichen
Protest. Ein zentraler Kundgebungsplatz ist die Kreuzung Heussallee/Adenauerallee
am Rande des Bonner Regierungsviertels. Etwa 70 Kurdinnen und Kurden sind
in einen Hungerstreik getreten. Am Dienstag nachmittag gesellen sich mindestens
2000 dazu, die aus allen Himmelsrichtungen zusammenströmen.
Sie tanzen auf der Straße, rufen Sprechchöre „Es lebe unser
Kampf“ und „Es lebe Apo“, schwenken grün-gelb-rote Fahnen und halten
Porträts ihres Idols Öcalan hoch. Die Polizei sieht darüber
hinweg, daß an der Wand des Kunstmuseums ein riesiges Bild des PKK-Führers
hängt, und ist auch sonst bemüht, keine unnötige Aufregung
entstehen zu lassen.
Die Bundesregierung wartet darauf, wie die Italiener entscheiden.
Außenminister Joschka Fischer (Grüne) und Justizministerin Herta
Däubler-Gmelin (SPD) lassen sich auf dem laufenden halten. Auch Innenminister
Otto Schily (SPD) hat mitzureden. Denn für die Frage, ob aufgrund
eines Haftbefehls des Generalbundesanwalts vom 12. Januar 1990 Öcalans
Auslieferung beantragt werden soll, spielen Sicherheitsüberlegungen
eine Rolle. Vorerst hat Bonn, so bestimmt das Schengener Abkommen über
Auslieferungen, eine Frist von 40 Tagen. Sie läuft am 22. Dezember
ab. Falls Italien ein Asylverfahren in Gang setzt, wird spekuliert, könnte
das weiteren Zeitgewinn bedeuten, um der Entscheidung auszuweichen.