Tauziehen um Öcalans Auslieferung
Rechtsausschuß-Vorsitzender Scholz: Bonn muß Antrag stellen
BM/mba Bonn/Rom/Ankara - Die Bundesregierung muß nach Ansicht
des Vorsitzenden des
Bundestags-Rechtsausschusses, Rupert Scholz (CDU), in Italien die Auslieferung
des PKK-Chefs Abdullah Öcalan beantragen. Scholz sagte der Berliner
Morgenpost, gegen Öcalan liege ein Haftbefehl unter anderem wegen
Mordes vor. «Die deutsche Justiz muß alle Möglichkeiten
ausschöpfen, um eines Mannes, den sie wegen schwerster Verbrechen
zur Fahndung ausgeschrieben hat, habhaft zu werden.»
Nach den Worten des Verfassungsrechtlers dürfen einem Antrag auf
Auslieferung des am vergangenen Donnerstag in Italien festgenommenen Kurdenführers
auch «Überlegungen der inneren Sicherheit» nicht entgegenstehen.
Auch Öcalans Antrag auf politisches Asyl in Italien stehe einer Auslieferung
nicht im Wege, da es in Deutschland keine politische Verfolgung gebe, sagte
Scholz.
Der italienische Ministerpräsident Massimo D’Alema hat indes signalisiert,
dem Kurdenführer Abdullah Öcalan könne politisches Asyl
gewährt werden. Mit Blick auf eine neue Erklärung Öcalans
sprach D’Alema gestern von einem «neuen Zeichen». Öcalan
hatte sich am Vorabend vom Terrorismus losgesagt.
Der türkische Präsident Süleyman Demirel sprach sich
entgegen anderslautender Vermutungen gegen eine Abschaffung der Todesstrafe
in seinem Land aus, die eine Auslieferung Öcalans unter Umständen
ermöglicht hätte.
In zahlreichen Ländern Europas setzten Tausende Kurden ihren Protest
mit Demonstrationen gegen die Festnahme Öcalans fort. In Bonn gingen
4500 Kurden auf die Straße. In der Türkei traten 600 Häftlinge
in den Hungerstreik. Im südosttürkischen Ort Yüksekova sprengte
sich eine Selbstmordattentäterin in die Luft. In Moskau rettete die
Polizei zwei Kurden, die sich vor der Duma angezündet hatten.