NICOSIA, 16. November. Im Ringen um die Auslieferung des kurdischen
Guerillaführers Abdullah Öcalan will Ankara den wichtigsten Stolperstein
schnell aus dem Weg räumen. Wenn es nach dem Willen der türkischen
Regierung geht, soll das Parlament noch in dieser Woche die Abschaffung
der Todesstrafe beschließen.
Nach den Worten von Justizminister Hasan Denizkurdu arbeiten Rechtsexperten
unter Hochdruck an einem Gesetzentwurf, der Todesurteile durch lebenslängliche
Freiheitsstrafen ersetzt. Er sollte noch am Montag vorliegen. Der Grund
für die Eile liegt auf der Hand: Italien will Öcalan, wenn überhaupt,
nur an ein Land ohne Todesstrafe ausliefern.
Yilmaz lenkt von Krise ab
Zum letzten Mal wurde ein Todesurteil in der Türkei 1984 vollstreckt.
Noch in den siebziger Jahren waren 588 Delinquenten hingerichtet worden.
Menschenrechtsorganisationen lasten den Anti-Terror-Einheiten der sogenannten
Konterguerilla und rechtsextremen Todesschwadronen allerdings zahlreiche
illegale Exekutionen an. Vor allem zu Beginn der neunziger Jahre verschwanden
einige Dutzend Kurden, ohne daß je eine Spur von ihnen gefunden wurde.
Die meisten waren Sympathisanten von Öcalans Arbeiterpartei Kurdistans
(PKK).
„Kein Asyl für den Babykiller!“ – die Schlagzeilen türkischer
Zeitungen machen deutlich, welche Emotionen die Debatte über den Staatsfeind
Nummer eins freisetzt. Verteidigungsminister Ismet Sezgin drohte
Rom, es nicht mehr bei der Vergabe von Rüstungsaufträgen zu berücksichtigen.
„Länder, die gegen uns sind, werden eventuell nicht zur Bewerbung
zugelassen“, zitierte die Zeitung „Radikal“ den Minister.
Die Handelskammer in Istanbul kündigte einen Boykott italienischer
Waren an. Sollte Öcalan nicht ausgeliefert werden, würden die
Handelsbeziehungen „großen Schaden“ nehmen. Italien ist zweitgrößte
Exportnation im Türkei-Geschäft. In den ersten neun Monaten dieses
Jahres hatte es Waren für über fünf Milliarden Mark verkauft.
Abseits der Gefühlswallungen macht Regierungschef Mesut Yilmaz
eine nüchterne Rechnung auf. Ein Prozeß gegen Öcalan könnte
ihm helfen, die schwerste Krise seiner anderthalbjährigen Amtszeit
zu überstehen. Yilmaz ist wegen angeblicher Kontakte zur Mafia unter
Beschuß geraten. Die Opposition will ihn durch einen Mißtrauensantrag
zu Fall bringen. Nun hofft der Premier, die Aufmerksamkeit wenigstens für
ein paar Wochen von seiner Person ablenken zu können.
Die Exilführung der PKK drohte derweil mit Vergeltung. Die
Türkei versuche, die „nationale Zukunft“ der Kurden zu begraben, warnte
die Organisation. Unter solchen Umständen müsse der Befreiungskampf
entschlossen fortgesetzt werden, „egal um welchen Preis“.
Aus Furcht vor Anschlägen hat die Polizei besonders in den Großstädten
wie Istanbul, Ankara und Izmir ihre Präsenz verstärkt. In Kaufhäusern,
Eisenbahnstationen und auf Busbahnhöfen werden häufiger als sonst
die Ausweise kontrolliert. Mehrere Verdächtige sind bereits verhaftet
worden.
Rom erwägt Gewährung von Asyl
Die italienische Regierung will dem Chef der kurdischen Arbeiterpartei
PKK, Abdullah Öcalan, nach Presseberichten wahrscheinlich politisches
Asyl gewähren. Das berichtete die Zeitung „La Repubblica“ am
Montag unter Berufung auf Regierungskreise. Eine Entscheidung sei aber
noch nicht gefallen.
Auch der Chef der größten Regierungspartei DS, Walter Veltroni,
plädiere für Asyl. „Das Asylgesuch Öcalans ist begründet“,
sagte Veltroni. Der für den Fall zuständige kommunistische Justizminister
Oliviero Diliberto gilt dem Blatt zufolge als großer Unterstützer
der PKK. In Rom wird demnach spekuliert, daß Öcalan sich in
Italien stellte, nachdem ihm das Asylrecht unter der Hand von Regierungsmitgliedern
zugesichert worden war.
Schily verhandelt in Italien über Zukunft Öcalans
Bundesanwalt prüft Antrag auf Auslieferung des PKK-Chefs
Von Sigrid Averesch
BONN/ROM, 16. November. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) ist am
Montag überraschend zu einem Kurzbesuch nach Rom gereist, um mit seiner
italienischen Amtskollegin Rosa Russo Jervolino über die Frage einer
Auslieferung des verhafteten Kurdenführers Abdullah Öcalan zu
sprechen. Während das italienische Innenministerium bekanntgab, daß
über das weitere Schicksal Öcalans gesprochen werde, hieß
es in Bonn, es gehe um „vorsorgliche Gespräche zum gegenseitigen Schutz
von Einrichtungen in beiden Ländern vor möglichen Anschlägen“.
Hinweise oder gar Anhaltspunkte für Anschläge gebe es aber nicht,
betonte eine Sprecherin des Ministeriums.
Italiens Ministerpräsident Massimo D’Alema hat am Montag eine
Auslieferung Öcalans in ein Land ausgeschlossen, in dem die Todesstrafe
gilt. Der türkische Premier Mesut Yilmaz drängte Rom, den PKK-Chef
zu überstellen. Man habe Vorbereitungen getroffen, um die Todesstrafe
abzuschaffen, sagte er.
Nach einem Treffen mit seinem türkischen Kollegen Ismail Cem am
Rande des Ministerrates der Westeuropäischen Union (WEU) sagte Bundesaußenminister
Joschka Fischer (Grüne) am Montag in Rom, die Entscheidung über
ein deutsches Auslieferungsgesuch falle zwischen dem Justizministerium
und der Generalbundesanwaltschaft. „Zur Stunde“ sei keine Entscheidung
gefallen, betonte Fischer. Er erwarte „keine Probleme“ in den Beziehungen
zwischen der Bundesrepublik und der Türkei. Die PKK werde in Deutschland
verboten bleiben, sagte Fischer.
In Bonn gab es am Abend allerdings Anzeichen, wonach die deutschen
Behörden auf eine Auslieferung verzichten könnten. Als Grund
wurden Sicherheitsbedenken angeführt. Generalbundesanwalt Kay Nehm
prüft derzeit die für ein Auslieferungsersuchen erforderlichen
Unterlagen. Im deutschen Haftbefehl wird dem Kurdenführer die Mitgliedschaft
in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.
Mehr als 600 kurdische Häftlinge in türkischen Gefängnissen
haben am Montag einen Hungerstreik bebegonnen, um ihre Solidarität
mit Öcalan zu bekunden. In Bonn setzten 50 Kurden den Hungerstreik
für seine Freilassung fort. (sav./dpa)