Ankara drängt immer heftiger auf die Auslieferung Öcalans
Türkei droht Italien mit Handelssanktionen und legt Gesetzentwurf
zur Abschaffung der Todesstrafe vor / Schily in Rom
Von Gerd Höhler
ANKARA, 16. November. Die Türkei übt immer stärkeren
Druck auf die italienische Regierung aus, um die Auslieferung des in Rom
festgenommenen PKK-Chefs Abdullah Öcalan zu erreichen. Die liberale
Istanbuler Zeitung Radikal zitierte am Montag den türkischen Verteidigungsminister
Ismet Sezgin mit der Drohung, Italien könne bei türkischen Rüstungsaufträgen
ausgeschlossen werden, wenn es Öcalan nicht ausliefere.
Justizminister Hasan Denizkurdu legte dem Kabinett in Ankara einen
Gesetzentwurf zur Abschaffung der Todesstrafe vor, um so die Auslieferung
zu erleichtern. Bonns Innenminister Otto Schily reiste am Montag nach Rom,
um mit seiner Amtskollegin Rosa Russo Jervolino „vorsorgliche Gespräche
über den gegenseitigen Schutz von Einrichtungen“ zu führen. Nach
italienischen Angaben sollte es dabei auch um das weitere Schicksal Öcalans
gehen. In Deutschland liegt seit 1990 ein Haftbefehl gegen Öcalan
vor. Die Bundesanwaltschaft prüft derzeit ein Auslieferungsersuchen.
Ankaras Verteidigungsminister Sezgin bemühte sich gemeinsam mit
Außenminister Ismail Cem, am Rande einer Ministertagung der Westeuropäischen
Union in Gesprächen mit italienischen Politikern das offiziell noch
nicht gestellte Auslieferungsersuchen zu begründen. Cem kritisierte
in scharfer Form die dem italienischen Justizminister zugeschriebene Äußerung,
eine Auslieferung Öcalans an die Türkei komme „nicht in Frage“.
Auch der türkische Vizepremier Bülent Ecevit kritisierte
entsprechende Äußerungen. Jede Toleranz gegenüber der PKK
seitens der europäischen Länder bedeute, „daß sie dem Terrorismus
ihre Türen öffnen“. Nach Presseberichten sprachen sich sowohl
der einflußreiche italienische Ex-Präsident Francesco Cossiga
als auch der Chef der Regierungspartei DS, Walter Veltroni, dafür
aus, Abdullah Öcalan Asyl zu gewähren. Veltroni habe die
Ansicht geäußert, dessen Asylgesuch in Italien sei „begründet“.
Nahezu einstimmig attackierte die türkische Presse Italien. Der
PKK-Chef werde in Italien „so zuvorkommend wie ein Gast behandelt“, empörte
sich am Montag das islamistische Blatt Zaman und sieht Rom bereits als
„neues Hauptquartier der PKK“. Das Massenblatt Sabah erhob den Vorwurf,
die italienischen Kommunisten wollten „vergessen und andere vergessen machen,
daß Öcalan für den Tod von 30 000 Menschen verantwortlich“
sei.
Eine Gruppe türkischer Häftlinge hielt am Montag in einem
Istanbuler Gefängnis weiterhin einen italienischen Mitgefangenen als
Geisel. Er soll erst freigelassen werden, wenn Öcalan in der Türkei
ist. Unterdessen haben tausende Exilkurden in vielen Städten für
den PKK-Chef demonstriert und die italienischen Behörden aufgefordert,
ihm Asyl zu geben.