Noch keine Entscheidung im Fall Öcalan
Bonn prüft Antrag auf Auslieferung des PKK-Chefs
Bundesinnenminister Schily zu Gesprächen über Sicherheitsmaßnahmen
nach Rom gereist
csc Bonn (Eigener Bericht) – Das Außen- und das Justizministerium
in Bonn prüfen, ob auch die Bundesregierung – wie die Türkei
– einen Antrag auf Auslieferung des in Rom verhafteten PFF-Führers
Abdullah Öcalan stellen wird. Eine Entscheidung ist nach Regierungsangaben
noch nicht gefallen. Der Sprecher des Bonner Justizministeriums, Bernhard
Böhm, wollte am Montag auch keine Details dazu nennen. Böhm meinte
nur, die italienische Regierung müsse einem deutschen Auslieferungsantrag
nicht unbedingt Folge leisten. Hier gebe es „keinen Automatismus“. Gegen
den Chef der Kurdischen Arbeiterpartei liegt seit dem 12. Januar 1990 ein
Haftbefehl der Bundesantwaltschaft in Karlsruhe vor. Darin wird dem PKK-Chef
Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung sowie
die Anordnung eines 1984 in Rüsselsheim begangenen Mordes an einem
angeblichen Verräter vorgeworfen. Außerdem ermittelt die Bundesanwaltschaft
wegen der Brandanschläge auf türkische Einrichtungen in Bonn.
Nach dem Schengen-Abkommen hat jeder Staat 40 Tage Zeit, eine Auslieferung
zu beantragen, wenn eine Verhaftung aufgrund eines internationalen Haftbefehls
erfolgte. Zumindest in Bonn ist aber bislang nicht eindeutig geklärt,
ob Öcalan aufgrund der internationalen Haftbefehle aus Deutschland
und der Türkei oder wegen eines Paßvergehens in Rom festgenommen
worden ist. Im Fall eines Paßvergehens wäre die 40-Tage-Frist
ohne Bedeutung. Dann gilt italienisches Recht. Bundesinnenminister Otto
Schily (SPD) beriet über die Folgen der Festnahme Öcalans am
Montag in Rom direkt mit seinem italienischen Kollegen Rosa Russo Jervolino.
Dabei sei es auch um den gegenseitigen Schutz von Einrichtungen gegen mögliche
PKK-Anschläge gegangenen, hieß es.
Wie in Rom demonstrierten auch in Bonn Kurden für die Freilassung
des PKK-Führers. Vor dem Bonner Kunstmuseum, am Rand der Bannmeile
zum Regierungsviertel, bauten sie ein Zelt für eine Mahnwache auf.
Rund 50 Kurden begannen dort in der Nacht zum Montag auch mit einem Hungerstreik,
den sie bis zum Dienstag fortsetzen wollen. Ein Polizeisprecher nannte
die Situation bislang ruhig und friedlich. Das Bundesinnenministerium rechnet
mit weiteren Demonstrationen. Ob Sicherheitsbedenken bei der Entscheidung
über einen Auslieferungsantrag eine zentrale Rolle spielen, wollte
die Regierung nicht beantworten.
Öcalan hat in Italien bereists Asyl beantragt. Der Kurdenverband
KOMKAR erklärte in Bonn, man erwarte, daß Öcalan von Rom
nicht an Ankara ausgeliefert werde. Vielmehr sollte der 49jährige
„seine politische Tätigkeit von Italien aus weiterführen“ können.
„Auslieferung an die Türkei kaum vorstellbar“
Politiker fordern Asyl für
Öcalan in Italien
Demonstrationen für den Kurdenführer in
Rom und anderen europäischen Städten
kb. Rom (Eigener Bericht) – Die Festnahme des kurdischen Guerilla-Führers
Abdullah Öcalan in Rom hat unter seinen in Europa lebenden Landsleuten
eine Welle der Solidarität ausgelöst. Mehrere tausend Kurden
aus verschiedenen Staaten versammelten sich am Montag in Rom zu einer Dauerdemonstration
für die Gewährung politischen Asyls an Öcalan in Italien.
Führende Politiker der italienischen Mitte-Links-Koalition haben sich
ebenfalls dafür ausgesprochen, Öcalan als politischen Flüchtling
anzuerkennen und damit seine Auslieferung an die Türkei zu verweigern.
Öcalan selber hat indessen, wie die Tageszeitung La Stampa meldete,
einen handgeschriebenen Brief an den italienischen Ministerpräsidenten
Massimo D’Alema geschickt. Darin erklärt er, es habe in der Vergangenheit
„positive Annäherungen einiger befreundeter italienischer Parlamentarier
und parallel dazu einiger angesehener Personen Eurer Regierung“ gegeben.
Weiter erweckt er den Eindruck, als habe er Italien bewußt als Asylland
gewählt, und spricht von „Einladungen, die früher von zahlreichen
Parlamentariern“ ergangen seien, sowie vom „demokratischen Charakter“ der
Regierung und der Ankunft vieler kurdischer Flüchtlinge in Italien
in den vergangenen Monaten. In der italienischen Presse wurde dazu
auf bestehende Kontakte zwischen den Neokommunisten und der von Öcalan
geführten verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) hingewiesen.
Außer den Neokommunisten und den Grünen, die an der Regierung
beteiligt sind, haben sich auch die Linksdemokraten als größte
Koalitionspartei für die Gewährung politischen Asyls an den Kurdenführer
ausgesprochen. Ähnlich äußerten sich die kürzlich
in die Regierungskoalition eingetretene Zentrumspartei UDR und der Außenminister
Lamberto Dini. Er sagte mit Blick auf die Türkei, er könne sich
nur schwer eine Auslieferung in ein Land vorstellen, in dem es noch die
Todesstrafe gebe. Dini betonte zugleich, es habe wegen des Falles Öcalan
vorher keinerlei Kontakt zwischen der Regierung und der PKK gegeben.
Öcalan ist inzwischen nach Presseberichten unter stärksten
Sicherheitsvorkehrungen in ein Krankenhaus in Palestrina außerhalb
von Rom verlegt worden. Vor dem Militärhospital in der Hauptstadt,
wo er sich nach seiner Festnahme am vergangenen Donnerstag zunächst
befunden hatte, strömten immer mehr Kurden aus ganz Europa zusammen,
die in Sprechchören ihre Solidarität bekundeten. Ein Teil der
Demonstranten trat in den Hungerstreik, ähnliche Aktionen kleinerer
Gruppen wurden auch aus Bonn, Athen, Bukarest, Moskau und Straßburg
gemeldet.