17.11.1998
Wird Abdullah Öcalan in Italien
Asyl erhalten?
jW sprach mit Ulla Jelpke, Bundestagsabgeordnete
der PDS
F: Sie haben an Protestkundgebungen
von Kurden gegen die Festnahme von Abdullah Öcalan teilgenommen. Wie
ist die Stimmung unter den
Kurden zur Zeit?
Ich war beispielsweise Donnerstag
nacht auf einer spontanen Kundgebung von Kurden in Düsseldorf und
habe dort natürlich auch Gespräche
geführt. Das war eine spontane
Protestaktion nachts vor dem Landtag, wo mehrere hundert Kurden ihrem Protest
gegen die Festnahme Abdullah
Öcalans Ausdruck verliehen
beziehungsweise dafür demonstrierten, daß er in Italien Asyl
bekommt. Die Stimmung unter den Kurden ist sehr
aufgeregt. Sie sind meines Erachtens
überrascht worden und waren nicht vorbereitet auf das, was jetzt geschehen
wird. Ich denke aber, daß man
auch gerade hier beruhigend darauf
einwirken sollte. Es muß erreicht werden, daß die Anwesenheit
Öcalans in Westeuropa Anlaß wird, den Dialog
wiederaufzunehmen. Man muß
klarmachen, daß es um die politische Diskussion geht. Der Krieg darf
nicht nach Westeuropa getragen werden.
F: Wie steht denn die PDS zur Frage der Auslieferung Öcalans nach Deutschland?
Dazu muß ich sagen, daß
wir bisher keine Debatte darüber geführt haben. Ich bin aber
ziemlich sicher, daß die PDS sich natürlich gegen jegliche
Auslieferung Abdullah Öcalans
nach Deutschland aussprechen wird. Das ist eine ganz klare Sache: Alle
in der PDS werden sich gegen eine
Auslieferung Öcalans nach
Deutschland aussprechen. Wir werden uns auf jeden Fall dafür einsetzen,
daß er entweder den Status eines
Asylbeantragenden, oder als Vorsitzender
oder Führer einer ethnischen Gruppe, eines Volkes, diplomatischen
Status zuerkannt bekommt. Diese
Möglichkeit existiert nach
geltendem Völkerrecht. Beide Möglichkeiten sollten für seinen
derzeitigen Aufenthaltsort Italien in Betracht gezogen
werden. Auch in Deutschland würden
wir uns dafür einsetzen, aber aktuell geht es vor allem darum, eine
Auslieferung zu verhindern.
Die Behörden haben sich dazu
bisher nicht geäußert. Weder Generalbundesanwalt Kay Nehm noch
Bundesinnenminister Otto Schily nahmen
bisher zum weiteren Verlauf Stellung.
Lediglich der Innenausschußvorsitzende Willfried Penner hat sich
zum Fall geäußert. Er betonte, daß es den
Haftbefehl bereits gebe und daß
er sich für einen Vollzug des Haftbefehles einsetzen werde. F: Nun
ist Bundesinnenminister Otto Schily nach Rom
gefahren, um sich dort mit seiner
italienischen Amtskollegin zu beraten. Wie geht es weiter, wenn Öcalan
tatsächlich nach Deutschland ausgeliefert
werden sollte?
Ich kann mir im Moment nicht vorstellen,
daß die neue Bundesregierung einen Prozeß gegen Öcalan
zulassen wird. Vor allem vor dem Hintergrund
dessen, daß kurdische Gruppen
in verschiedenen Städten mit Hungerstreiks und anderen Formen des
Protestes begonnen haben. Ich meine, daß es
sehr wohl überlegt sein muß,
was sich die Bundesregierung dann zumuten würde. Ich gehe schon davon
aus, daß das gesteigerten Protest bei den
Kurden hervorrufen würde.
Ich würde es demgegenüber für viel wichtiger halten, daß
man die Tatsache, daß sich Abdullah Öcalan nun in
Westeuropa befindet, als eine
neue Zäsur begreift, die den Dialog über den Konflikt zwischen
der Türkei und Kurdistan wieder einleitet. Das sollte
nicht nur von Deutschland, sondern
von ganz Westeuropa unterstützt werden. Von diesem Standpunkt aus
sollte auch Druck auf die neue
Bundesregierung ausgeübt
werden.
Interview: Harald Neuber