Türkei warnt davor, Öcalan zu helfen
Italiens Regierungsparteien: Skepsis gegenüber Auslieferung des
PKK-Chefs
Von Thomas Götz
ROM, 15. November. Hunderte Kurden demonstrierten am Wochenende vor
dem römischen Militärspital am Celio-Hügel, in dem sie den
Chef der verbotenen Partei PKK Abdullah Öcalan vermuteten. In Bussen
waren sie aus Deutschland und anderen europäischen Ländern nach
Rom gereist, um den am Donnerstag abend auf dem Flughafen Fiumicino verhafteten
Politiker ihrer Solidarität zu versichern. Türkische Regierungsvertreter
forderten mit scharfen Worten die Auslieferung Öcalans, der in der
Türkei als Terrorist gesucht wird. In der italienische Regierung mehren
sich die Stimmen, Öcalan nicht an die Türkei auszuliefern, weil
ihm dort die Todesstrafe droht.
Bis heute ist nicht klar, ob die italienische Polizei Öcalan tatsächlich
mit falschem Paß ertappt hat. Die PKK verkündete, er habe sich
freiwillig gestellt, da er künftig von Italien oder Deutschland aus
den Befreiungskampf der Kurden politisch führen wolle. Seine Ankunft
sei mit der Regierung abgesprochen. Das Dementi folgte auf dem Fuß.
Weder vor noch nach der Landung Öcalans sei die Regierung kontaktiert
worden, hieß es. Der in einem Provinzkrankenhaus unweit Roms gut
bewachte Öcalan gab daraufhin zu Protokoll, er habe lediglich mit
einigen Parlamentariern Kontakt gehabt, nicht aber mit der Regierung. Auch
er betonte jedoch, sich den Behörden ausgeliefert zu haben.
Für Öcalan ist dies entscheidend. Wäre er beim Versuch
ertappt worden, illegal einzureisen, sein Antrag auf Gewährung politischen
Asyls wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt. Als Asylant könnte
der PKK-Chef nicht an die Türkei ausgeliefert werden. Mit dem Hinweis
auf die bis heute im türkischen Strafrecht vorgesehene Todesstrafe
wäre eine Auslieferung ohnehin ausgeschlossen, argumentieren die Justizsprecher
der an der Regierung beteiligten Koalitionsparteien. Gestern schloß
sich auch der Chef der Linksdemokraten, Walter Veltroni, dieser Ansicht
an. Am deutlichsten sprach sich der Chef der Comunisti Italiani, Armando
Cossutta, für die Anerkennung Öcalans als Asylant aus.
Als Rechtsvertreter Öcalans fungieren zwei Parlamentarier der
Regierungskoalition, einer aus den Reihen der Kommunistischen Partei, der
andere von den Grünen. Diese beiden Fraktionen hatten im September
schon für einen Eklat gesorgt, als sie das Exilparlament der Kurden
ins Gebäude des römischen Parlaments einluden. Die Türkei
hatte daraufhin ihren Botschafter kurzfristig zurückberufen.
Vor diesem Hintergrund sind auch die harschen Worte des türkischen
Ministerpräsidenten Mesut Yilmaz zu verstehen: „Wer den Kurden helfen
will, wird das teuer bezahlen. Wer die kurdischen Kriminellen toleriert,
bekommt es mit uns zu tun“, zitiert der „Corriere della sera“ Yilmaz. Auch
der Außenminister der Türkei, der gestern in Rom eingetroffen
ist, stieß ins gleiche Horn:
„Der Terrorismus ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das durch
nichts zu rechtfertigen ist“, sagte Ismail Cem.
Italien versucht indessen, Zeit zu gewinnen. Man hofft, daß aus
Deutschland ein Auslieferungsantrag eintrifft und der Regierung ermöglicht,
Öcalan nach Deutschland auszuliefern. Sollte ein solcher Antrag nicht
eintreffen, wie die Nachrichtenagentur ANSA andeutete, dürfte Öcalan
der Status eines politischen Flüchtlings zuerkannt werden. Damit,
so meinen die Anwälte des Verhafteten, wäre aber auch eine Auslieferung
an Deutschland ausgeschlossen, weil auch jenes Verbrechen, das Öcalan
dort zur Last gelegt wird, im Zusammenhang mit der politischen Tätigkeit
seiner Partei verübt wurde.
Häftlinge eines Gefängnisses in Istanbul haben am Sonntag
einen italienischen Mithäftling als Geisel genommen, um die Auslieferung
des in Rom festgenommenen PKK-Chefs Abdullah Öcalan zu erzwingen.
Der Direktor des Gefängnisses verhandelte am Abend mit den Geiselnehmern,
um die Freilassung des Mannes zu erreichen.