Türkei erneuert Forderung nach Auslieferung Öcalans
Abschaffung der Todesstrafe erwogen - Spekulationen um möglichen Auslieferungsantrag Deutschlands
Ankara/Rom (AP) Die Türkei hat am Sonntag erneut die Auslieferung
des in Rom gefaßten PKK-Chefs Abdullah Öcalan gefordert. Der
stellvertretende
Ministerpräsident Bülent Ecevit sagte vor Journalisten in
Ankara weiter, wer Öcalan Asyl gewähre, «öffnet dem
Terrorismus Tür und Tor». Nach einem Bericht der
Tageszeitung «Milliyet» erwägt die türkische
Regierung sogar die Abschaffung der Todesstrafe, um Öcalans Auslieferung
zu erleichtern. Der Vorsitzende des
Innenausschusses im Bundestag, Willfried Penner, erklärte unterdessen,
er halte eine Auslieferung Öcalans nach Deutschland für möglich.
In der Türkei ist der Führer der Kurdischen Arbeiterpartei
(PKK) wegen Anstiftung zum Mord, Führung einer terroristischen Vereinigung
und Gefährdung der
territorialen Integrität des Landes angeklagt und könnte
wegen dieser Vergehen zum Tode verurteilt werden. Seit 1984 ist in der
Türkei allerdings kein Todesurteil
mehr vollstreckt worden. Italien hat bislang kategorisch eine Auslieferung
in Staaten verweigert, in denen Verurteilten die Hinrichtung droht.
Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Öcalan war am Donnerstag
abend überraschend in Rom festgenommen worden. Neben der Türkei
wird der PKK-Chef
seit 1990 auch von Deutschland wegen Anstiftung zum Mord an abtrünnigen
Parteimitgliedern und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung
gesucht. Die
italienische Nachrichtenagentur Ansa meldete, Öcalan habe in Italien
um politisches Asyl gebeten. Das römische Innenministerium äußerte
sich dazu nicht. Öcalan soll
am Dienstag einem italienischen Richter vorgeführt werden.
Der türkische Außenminister Ismail Cem kritisierte unterdessen
das italienische Justizministerium, das bereits erklärt haben soll,
daß das Auslieferungsgesuch aus
Ankara abgelehnt werde. Das Ergebnis eines Prozesses zu verkünden,
der noch gar nicht begonnen habe, sei nicht mit Gerechtigkeit zu vereinbaren,
sagte Cem vor
seiner Abreise nach Rom, wo er an der Tagung der Westeuropäischen
Union teilnehmen wird.
Das Nachrichtenmagazin «Focus» schrieb am Samstag, die Bundesregierung
werde keine Auslieferung Öcalans beantragen. Nach Informationen des
Magazins sind
Bonner Kreise davon überzeugt, daß Italien dem PKK-Führer
Asyl gewähren wird. Das Bundesinnenministerium in Bonn wollte zu dem
Bericht nicht Stellung
nehmen. Der SPD-Politiker Penner sagte dagegen, mit dem Schengener
Abkommen seien zwischen Italien und Deutschland «Fragen der Auslieferung
relativ einfach
geworden».
Nach Angaben des Kurdistan Informationszentrums (KIZ) kündigte
der Europasprecher der PKK, Kani Yilmaz, am Samstag in Rom an, Öcalan
werde ab sofort in
Hungerstreik treten. Aus Protest gegen seine Festnahme gingen Hunderte
Kurden vor dem Militärkrankenhaus in Rom, in das der PKK-Führer
eingeliefert wurde,
auf die Straße.
Rund 2.000 Kurden demonstrieren in Deutschland
In Wiesbaden und Saarbrücken demonstrierten am Samstag abend insgesamt
rund 1.900 Kurden gegen Öcalans mögliche Auslieferung an die
Türkei. Auch auf der
Domplatte in Köln kam es nach Angaben der Polizei wiederholt zu
Demonstrationen von Kurden. Die zuerst etwa 150 Teilnehmer zeigten Transparente
in deutscher
und türkischer Sprache sowie Symbole der PKK. Später wuchs
die Menge auf rund 400 Personen an. Zwischenfälle wurden nicht gemeldet.