Gerangel um Öcalans Auslieferung
Festgenommener PKK-Chef kommt wohl nicht nach Deutschland
Ankara erwägt Verzicht auf Todesstrafe
Rom/Bonn In der italienischen Regierung mehren sich die
Stimmen, den am Donnerstag in Rom festgenommenen Chef der
Kurden-Guerilla PKK, Abdullah Öcalan, nicht an die Türkei
auszuliefern. Politiker mehrerer Parteien der Mitte- Links-Koalition
verwiesen darauf, daß Öcalan in der Türkei die
Todesstrafe drohe.
Nach Angaben des Justizministeriums ist eine rasche Entscheidung
auch wegen des von Öcalan gestellten Asylantrags nicht zu
erwarten. Die türkische Regierung schickte zwei Minister
nach Rom, um die Auslieferungs-Forderung zu unterstreichen.
Tausende von Kurden aus ganz Europa, vor allem aus Deutschland,
der Schweiz und aus Österreich, strömten in den vergangenen
Tagen nach Rom. Seit die Nachricht publik wurde, daß der
49jährige Chef der in der Türkei verbotenen Arbeiterpartei um
Asyl
gebeten hat, demonstrieren Kurden in Rom. Auch in anderen europäischen
Städten, darunter Köln, Kiel, Wiesbaden und
Saarbrücken, gingen Kurden auf die Straßen und forderten
Öcalans Freilassung.
Der PKK-Chef befindet sich angeblich wegen einer Herzbehandlung
im Römer Militär-Krankenhaus Celio. Davor lagern
kurdische Männer und Frauen, aber auch Kinder mit Blumen
in den Händen. Schon werden Hungerstreiks initiert, um der
Forderung nach politischem Asyl für Öclan Nachdruck
zu verleihen.
Gleich nach Öcalans Verhaftung drohte der kurdische Untergrundsender
Italien mit Vergeltung. Öcalan selbst wendete sich an die
Italiner. „Amici italiani, daß ich zu Euch gekommen bin,
ist eine wichtige Entscheidung im Hinblick auf die Demokratie. Wir wollen
keinen Krieg, aber einen Dialog mit der Türkei, mit Europa
und den USA." Und weiter heißt es, „ich habe Italien erwählt,
weil es
hier eine starke Presse und eine demokratische Regierung gibt".
Und in der Tat genießen die Kurden in Italien viel Sympathie.
So tagte vor kurzem in Rom mit Billigung der italienischen Regierung
das von der PKK ins Leben gerufene kurdische „Exil-Parlament".
Auch jetzt machen sich wieder die Grünen und Altkommunisten
für sein politisches Asyl stark.
Die deutsche Justiz hat nach Aufassung der Bundesregierung praktisch
keine Chancen, die Auslieferung Öcalans nach Deutschland
zu erreichen. Nach Informationen der WELT widersprach man in
Bonner Regierungskreisen damit ausdrücklich einer gegenteiligen
Erklärung des Innenausschuß-Vorsitzenden Wilfried
Penner (SPD).
Auch Penners Warnung, bei einer Abschiebung des PKK-Chefs drohten
in Deutschland „Racheakte in der Form von
Terroranschlägen", wurde in Bonn heftig kritisiert. „Penner
hat wie ein Trampeltier die deutsch-türkischen Beziehungen belastet,"
sagte ein hoher Beamter des Auswärtigen Amtes.
Nach einer persönlichen Intervention des türkischen
Regierungschefs Mesut Yilmaz in Bonn ist die Bundesregierung davon
überzeugt, daß die Türken ihren Anspruch auf
Auslieferung durchsetzen wollen.
Nach Bonner Erkenntnissen bemüht die Türkei zur Zeit
„jedes Mittel", um die Abschiebung des Terroristen nach Ankara zu
erreichen. Sie werde dabei auch von den USA unterstützt,
die seit langem ein besseres Verhältnis zum Nato-Partner Türkei
anstreben und bei einem Militärschlag auf den Irak auf
türkische Militärbasen angewiesen wären.
In Bonn wurde auch aufmerksam zur Kenntnis genommen, daß
Ankara inzwischen offenbar auch bereit ist, verbindlich zu
erklären, daß dem dort als „Staatsfeind Nummer 1"
geltenden Terroristen nicht die Todesstrafe drohe. Damit wäre das
einzige
Hemmnis Italiens, den Kurden-Führer in seine Heimat abzuschieben,
beseitigen.
Bei der Festnahme Öcalans wurde auch ein deutscher Haftbefehl
vollstreckt, den der Bundesgerichtshof 1990 gegen den
Kurdenführer wegen Mordes und Rädelsfüherschaft
in einer terroristischen Vereinigung erlassen hatte.
Das Gericht stützte sich dabei vor allem auf Aussagen vor
dem Oberlandesgericht Düsseldorf, wo mehrere später verurteilte
Kurden Öcalan als Befehlsgeber für Mordanschläge
belastet hatten. Bereits acht Jahre zuvor hatte allerdings auch die türkische
Justiz ebenfalls einen internationalen Haftbefehl erlassen,
der in Bonn als „wesentlich substantieller" bewertet wird als das deutsche
Dokument.
Deswegen sei eine Verurteilung Öcalans durch ein deutsches
Gericht „alles andere als sicher", hieß es im Bundesjustizministerium.
„Es würde ein schwieriger Indizienprozeß mit offenem
Ausgang". Falls Öcalan unter diesen Bedingungen vor einem deutschen
Gericht angeklagt würde, müsse dies die Beziehung
beider Länder weiter belasten, da die Türkei unvermindert die
Auslieferung
des Terroristen verlangen werde. Dies aber stände im klaren
Widerspruch zum Bemühen der neuen Bundesregierung, das
Verhältnis zur Türkei nachdrücklich zu verbessern.
RMB/DW