FAZ, 30.03.2009 „Diyarbakir ist unsere Festung“ Von Michael Martens, Istanbul 30. März 2009 Die Festung ist nicht gefallen. Mehr noch, die selbsternannten Belagerer haben vor den Toren von Diyarbakir eine deutliche Niederlage erlitten. Bei den türkischen Kommunalwahlen am Sonntag haben laut vorläufiger Auszählung der Stimmen mehr als 65 Prozent der Wähler der Millionenstadt im Südosten der Türkei dem Amtsinhaber Osman Baydemir von der „Partei für eine Demokratischen Gesellschaft“ (DTP) ihr Vertrauen geschenkt. Die DTP wird, abgesehen von einigen liberalen türkischen Intellektuellen in den Großstädten, die sie aus Sympathie unterstützen, von Kurden gewählt. Gegen sie hatte der von der in Ankara regierenden „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ aufgestellte Bürgermeisterkandidat Kutbettin Arzu keine Chance - er erhielt nur um die 31 Prozent Zustimmung. Erdogans Irrtum Die von Ministerpräsident Tayyip Erdogan im Wahlkampf energisch ausgesprochene Forderung „Ich will Diyarbakir!“ blieb unerfüllt. Die letzten Umfragen vor der Wahl hatten das schon vermuten lassen. Dass die Niederlage der AKP gegen die wie alle von Kurden unterstützten Parteien vor ihr von der Schließung bedrohte DTP so deutlich ausfallen würde, hatte allerdings zumindest in der Regierungspartei offenbar niemand erwartet. Dabei hatte Erdogan selbst der DTP in die Hände gespielt. Nicht nur seine „Ich-will-Diyarbakir-Rede“ hatte für viele kurdische Wähler einen drohenden Unterton und gab Bürgermeister Baydemir zudem eine griffige Gegenlosung vor. Spätestens mit Baydemirs Aussage „Diyarbakir ist unsere Festung. Wir werden sie nicht aufgeben!“, hatte der Kommunalwahlkampf den Charakter eines Referendums darüber angenommen, welche Partei für die Kurden der Türkei spricht. Wunschliste aus Diyarbakir Doch selbst wenn die
AKP die Wahl in Diyarbakir gewonnen hätte, wäre dies nicht mehr als ein
Zwischenschritt auf dem Weg der Integration der Kurden in die türkische
Gesellschaft gewesen. Wie unabsehbar weit der Weg dahin noch ist, lässt
sich einer vor kurzem veröffentlichten Studie der in Istanbul beheimateten
Tesev-Stiftung entnehmen, die in der Türkei für viel Aufsehen gesorgt
hat. Die Untersuchung zeichnet sich schon dadurch aus, dass sie nicht das Ergebnis eines Gesprächs über, sondern mit Kurden ist. Nicht die Ankaraner oder Istanbuler Perspektive steht im Vordergrund, sondern die kurdische Binnensicht des Konflikts. Die Autoren von Tesev haben die teilweise durchaus widersprüchlichen Ansichten, Forderungen oder Vorschläge von Politikern, Geschäftsleuten, Frauenrechtlerinnen und anderen Repräsentanten der Kurden nur ordnend zusammengefasst. Das Ergebnis kann durchaus als eine Art Wunschfahrplan zur Lösung der Kurdenfrage betrachtet werden - zumindest macht es deutlich, wie die Kurden selbst ihre Lage als Staatsbürger der Türkei sehen. Zugeständnisse aus Ankara Eingangs wird die über Jahre hergebrachte Sichtweise des türkischen Staates und seiner Repräsentanten herausgefordert, es handele sich bei der „kurdischen Frage“ um ein reines Terrorproblem, das allein von der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK ausgehe. „Die kurdische Frage ... war da, bevor die PKK existierte; und selbst wenn die PKK vollständig ausgeschaltet werden sollte, würden die Schwierigkeiten und Forderungen der Kurden bleiben“. Doch danach geht es nicht um allgemeine Erwägungen, sondern zumeist um handfeste Anliegen, deren Lösung nach Ansicht der Kurden Bedingung für eine Normalisierung der Lage ist. Lang ist die Wunschliste aus Diyarbakir, und zumindest einige Punkte darauf decken sich partiell mit den Zielen der AKP. So wird die Öffnung der Grenze zu Armenien, von der man sich in den Randgebieten eine Belebung des Handels erhofft, womöglich bald Wirklichkeit. Aus Ankara ist zu erfahren, dass es noch im April, bald nach dem Türkei-Besuch des amerikanischen Präsidenten Obama, zu diesem historischen Schritt kommen könnte. Außer einer Grenzöffnung
zu Armenien fordern kurdische Geschäftsleute einen Abbau der Handelshemmnisse
an den Übergängen nach Syrien, Iran und zum Irak. Diese Staaten sollen
zudem ermuntert werden, Konsulate oder Handelskammern in Diyarbakir zu
eröffnen. Weitere Beeinträchtigungen der wirtschaftlichen Entwicklung
lauern in dem ehemaligen Kriegsgebiet unter der Erde: Etwa eine Millionen
Minen seien bis zum Jahr 2014 zu räumen, wird in der Studie angeführt. „Der Weg der Türkei in die EU führt über Diyarbakir“ Auch gehe das Zugeständnis Ankaras, Kurdischunterricht wenigstens in Privatkursen zuzulassen, nicht weit genug. An staatlichen Schulen müsse es ebenfalls wenigstens Wahlfächer in Kurdisch geben. Zudem sei kurdischsprachiges Personal bei der Einstellung in Krankenhäusern und Ambulanzen zu bevorzugen, damit sich Patienten, die Türkisch nicht beherrschen - das sind vor allem Frauen - verständlich machen können. Schließlich sei auch ein Ende der Ausgrenzung der DTP (und anderer kurdischer Parteien) wichtig. Dazu gehört die Senkung der Zehnprozenthürde zum Einzug in das nationale Parlament auf die anderswo in Europa übliche Fünfprozentklausel. Die alles überwölbende und wohl auch am schwersten zu verwirklichende Forderung ist allerdings jene nach der Verabschiedung einer neuen türkischen Verfassung, die nicht länger den Staatsapparat vor den Bürgern, sondern diese vor ihm schützt und außerdem keinen Unterschied zwischen ihren konfessionellen und ethnischen Bekenntnissen macht. Bisher sind das nicht
mehr als Wünsche und Forderungen, die an eine häufig zitierte Aussage
des früheren türkischen Ministerpräsidenten Mesut Yilmaz vom Ende der
neunziger Jahre erinnern, der gesagt hatte, der Weg der Türkei in die
EU führe über Diyarbakir. Seit den Wahlen am Sonntag ist zudem wieder
einmal deutlich geworden, dass es ein Weg ist, den Türken und Kurden nur
gemeinsam gehen können.
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