DER SPIEGEL 2/1999

TÜRKEI
Hier lebt niemand mehr

Militärisch ist die kurdische Arbeiterpartei PKK weitgehend besiegt. Doch in den kurdischen Hochburgen bleibt der Haß auf Ankara, Öcalan ist auch im Exil populärer denn je.
Der Schafhirt Riza war der vorletzte Bewohner des Dörfchens Fis. Als er starb, dauerte es Tage, bis die Nachricht zu den Verwandten in die Provinzhauptstadt Diyarbakir kam.
Sein Vetter Ahmet rief die ganze Familie zusammen, Brüder, Schwestern, Kinder und Enkel des Toten, gut 40 Leute insgesamt, packte sie alle auf seinen Lastwagen und fuhr hinüber ans östliche Tigrisufer, vorbei an zwei Armeeposten und 80 Kilometer hinauf in die Berge von Lice.
Einen Friedhof gibt es nicht mehr in Fis. Der Nachbar Abdullah hatte den alten Riza gleich neben der Straße begraben. Am Rand des verlassenen Dorfs stehen zwei Schützenpanzer der türkischen Armee, die aus früheren DDR-Beständen stammen. Alle paar Minuten fährt ein Jeep der Gendarmerie vorbei. Die Trauernden sagen die Totensure für Riza auf.
Den türkischen Kurden gilt Fis als ein besonderer Ort, er ist symbolischer Mittelpunkt ihrer rebellischen Geschichte. Vor über 20 Jahren, am 27. November 1978, wurde hier die marxistische Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gegründet, und seit 1984 tobt im Südosten Anatoliens der längste und zeitweilig auch erfolgreichste Kurden-Aufstand in der Geschichte der Türkei.
Ist nach der Flucht des PKK-Führers Abdullah Öcalan die Flamme der Rebellion im Herzen Türkisch-Kurdistans erloschen? So hätte es die offizielle Türkei gern.
Vor zwei Monaten, als Öcalan auf dem Flughafen von Rom festgehalten wurde, feierten die Türken, als hätten sie einen ihrer größten Siege errungen. Überall im Land wurde gegen den PKK-Chef demonstriert, und auch das vergessene Fis geriet wieder in die Schlagzeilen.
„Sogar in seinem eigenen Dorf verfluchen sie ihn!“ überschrieb „Hürriyet“ ein Bild, das einen Protestzug mit türkischen Flaggen zeigte ­ der hatte sich allerdings nicht in Fis formiert, wo ja niemand mehr lebt, sondern in der 15 Kilometer entfernt liegenden Kreisstadt Lice.
Der dortige Bürgermeister hatte ein paar hundert Teilnehmer zusammentreiben lassen, Polizisten begleiteten den Marsch und schickten alle, die sich in Hauseingängen und Brückenunterführungen verdrücken wollten, auf die Straße zurück.
Militärisch mag die türkische Armee die PKK weitgehend geschlagen haben ­ nach 30 000 Toten auf beiden Seiten ­, aber innerlich stehen die Menschen noch immer hinter Öcalan, der für sie eine lange Tradition kurdischer Freiheitskämpfer fortsetzt.
Im Februar 1925, die Republik war noch keine zwei Jahre alt, sammelten sich in der Talsenke von Fis die Truppen des Kurdenscheichs Said von Palu, um nach Diyarbakir zu marschieren und den Gouverneur zu vertreiben. Staatsgründer Atatürk ließ den Aufstand blutig niederschlagen. Der Scheich und 700 seiner Getreuen wurden gehenkt, das Gebiet blieb 40 Jahre lang Militärzone ­ was es auch heute wieder ist.
Im Winter 1937/38 erhoben sich in der Nachbarprovinz Dersim abermals zwei Kurdenstämme. Ankara ging mit Gasbomben, Artillerie und 50 000 Soldaten gegen die Rebellen vor; der Geschützlärm war bis Fis zu hören. Zehntausende Aufständische wurden deportiert oder getötet, die kurdische Kernprovinz Dersim erhielt den türkischen Namen Tunceli.
Keine 300 Meter von Rizas Grabstelle entfernt ragt das Skelett eines massiven Steinhauses aus den Trümmern von Fis. Es hat früher dem Landbesitzer Seyfettin Zoroglu gehört, der inzwischen eine sagenhafte Heldenfigur geworden ist.
Ende der siebziger Jahre trafen sich junge Linksradikale und kurdische Nationalisten bei Seyfettin, unter ihnen der Student Abdullah Öcalan aus Ankara. Zusammen mit seiner damaligen Frau Kesire und fünf weiteren Vertrauten gründete Öcalan in diesem Haus die PKK und ernannte sich selbst zum Generalsekretär. „Wir haben von dem Treffen damals nichts mitbekommen“, sagt einer aus Rizas Familie. „Es muß alles sehr geheim abgelaufen sein.“Erst Monate später, als Seyfettin plötzlich in die Berge verschwand, verstanden die Dorfbewohner, daß der Kampf der PKK begonnen hatte.
Trotz seines Rufs als Rebellennest überstand Fis die ersten zehn Jahre des neuen Krieges fast unberührt. Während Armee und Polizei 3000 Dörfer im Südosten entvölkerten, um die PKK-Freischärler zu isolieren, konnten die Bauern von Fis weiter ihre Felder bestellen. „Wir standen zwar dauernd unter Bewachung“, sagt einer, „aber wir waren zu Hause.“
Bis zum Oktober 1994. „Da kamen eines Morgens die Gendarmen“, erzählen die Männer. „Es ging ganz schnell. Fis wird aufgelöst, haben die Soldaten gesagt, ihr verschwindet hier.“
Mehr als 130 Familien wurden vertrieben, die meisten Häuser zerstört. Nur ein paar Alte, unter ihnen der Schäfer Riza, blieben zurück. Der Rest suchte in den Slums von Diyarbakir Zuflucht. Der größte Teil ist heute arbeitslos. „Es ist ein Jammer“, sagt der Lkw-Fahrer Ahmet. „Das Tal ist so fruchtbar, jeder Baum kann einen Menschen ein Jahr lang ernähren.“
Bis Ende 1996 war Fis gesperrt, die Felder lagen brach, noch intakte Häuser verfielen. Riza und sein letzter verbliebener Nachbar Abdullah zogen schließlich in Zelte um. „Es ist nicht so, daß ich dauernd Ärger habe mit den Soldaten“, sagt Abdullah, 70, „aber ich muß halt seit vier Jahren jeden Tag nachmittags um vier, wenn die Sperrstunde beginnt, die Schafe allein grasen lassen und mich auf meine Pritsche legen.“
Aus dem römischen Exil, in dem sich Öcalan wie Arafat vom Revolutionär zum Staatsmann wandeln möchte, lockt und droht der PKK-Chef zugleich. Er verspricht Frieden, wenn die türkische Regierung ihn als Verhandlungspartner anerkenne, und Krieg, wenn man ihm weiter nach dem Leben trachte: „Den Frieden verwirklichen können nur diejenigen, die bereit waren, auch für ihn zu kämpfen. Das habe ich getan. Man kann meine Persönlichkeit, meine Identität nicht von der Kurdenfrage trennen.“
Das klingt nach der Hybris eines Besessenen und ist dennoch nicht falsch. In einer 1995 von der Türkischen Börsenvereinigung in Auftrag gegebenen und bis heute einzigartigen Studie über die politische Einstellung der türkischen Kurden erklärten sich 46 Prozent der Befragten mit den Zielen der PKK einverstanden, 75 Prozent bestritten, daß der Staat Öcalans Kämpfer je besiegen könne.
Die Erhebung war auf die Südostprovinzen Diyarbakir, Batman und Mardin konzentriert; 34 Prozent der Befragten gaben zu, daß Verwandte von ihnen reguläre PKK-Mitglieder seien. Gut 42 Prozent sprachen sich für eine türkisch-kurdische Föderation aus, in den Flüchtlingsslums der Großstädte verlangten 71 Prozent offen einen unabhängigen Kurdenstaat.
Die türkische Presse beschimpfte die Organisatoren der Umfrage als CIA-Agenten, Verräter und Linksextremisten. Aber es ist kaum anzunehmen, daß sich die Meinung der Kurden in den vergangenen drei Jahren zugunsten Ankaras verändert hat. Die von Politik und Armee geschürte Landflucht hält an, das Elendsproletariat in den Städten wächst weiter. „Vor ein paar Jahren haben wir in Fis noch selbst Obst angebaut, heute sind wir froh, wenn wenigstens einer von uns auf dem Markt von Diyarbakir eine Stelle als Obstfahrer bekommt“, klagt Ahmet.
Er zählt sich zu den Gemäßigten, doch seine Forderungen decken sich mit Öcalans Minimalprogramm einer „politischen Lösung“: Aufhebung des Ausnahmezustands und Rückkehr der Zwangsdeportierten, das Ende des Dorfschützer-Systems ­ einer Art Konterguerrilla ­, kurdisches Fernsehen und Radio, Kurdisch zumindest als Wahlfach an den Schulen.
Daß die Organisation noch zu Guerrilla-Aktionen imstande ist, bekam Ankara seit der Festnahme Öcalans mehrmals zu spüren: Ende November 1998 schossen PKK-Kämpfer in der Provinz Hakkari einen Armeehubschrauber ab, 16 Soldaten kamen ums Leben. 5 Tote und 30 Verletzte forderte seither eine Serie von Selbstmordanschlägen.
Noch immer können sich Vertreter des türkischen Staates im Kurdengebiet ihres Lebens nicht sicher fühlen. Zur Einweihung mehrerer Volksschulen in der Provinz ¸Sirnak bricht der Staatsminister für den wirtschaftlichen Aufbau des Südostens im Armeekonvoi auf.
Während der Minister und sein Gefolge vor dem neuen Schulgebäude des Dörfchens Pinarbasi an der syrischen Grenze die Nationalhymne anstimmen, wuseln die Kinder zwischen den bewaffneten Posten herum. Der kurdische Teil der Bevölkerung wächst fast doppelt so schnell wie der türkische. In 30 Jahren, hat der Nationale Sicherheitsrat in Ankara ausrechnen lassen, wird es mehr Kurden als Türken geben in der Türkei.
BERNHARD ZAND