Saarbrücker Zeitung 8.1.99

Aus Angst untergetaucht
Kriegsdienstverweigerung in der türkischen Armee

Wenn man im Fernsehen Bilder aus den Krisenregionen der Welt sieht, ist das weit weg. Doch die Folgen solcher Kriege sieht man direkt vor unserer Haustür. Einige junge Kurden verweigerten öffentlich den Kriegsdienst in der türkischen Armee. Sie wollen nicht auf ihre Landsleute schießen.
Seit 15 Jahren herrscht Bürgerkrieg im Südosten der Türkei.  Das türkische Militär geht dort mit massiver Gewalt gegen die Befreiungskämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK vor. Die Kurden forderten jahrelang einen eigenen Staat, sind aber von dieser Forderung abgerückt.
Vor kurzem verweigerten in einer bundesweiten Aktion anläßlich des Tags der Menschenrechte 20 türkische Staatsbürger aus mehreren Bundesländern den Kriegsdienst mit der Waffe in der türkischen Armee, darunter auch zwei junge Türken Saarlouis. Im Saarland waren sechs junge Männer an der Aktion beteiligt, die ihre Verweigerung öffentlich im Gebäude des saarländischen Landtages erklärten. In der Türkei ist Kriegsdienstverweigerung verboten und wird mit hohen Haftstrafen geahndet.
Die Aktion 3. Welt Saar in Losheim, die die Initiative der Wehrdienstverweigerer unterstützt, stellte den Kontakt zu vier der Beteiligten her, die stellvertretend für alle Kriegsdienstverweigerer sprachen.Seyit Mehmet Genc war monatelang illegal im Saarland untergetaucht, nachdem ihm die Abschiebung in die Türkei drohte. Emrullah Özdemir machte von sich reden, weil seine Mitschüler am Waderner Hochwaldgymnasium in einer Unterschriftenaktion gegen die Abschiebung protestierten und sich die Aktion 3. Welt Saar für seine Familie einsetzte. Mit am Tisch saß auch Abdullah Örüm aus Dillingen, der im Krisengebiet lebte und über den alltäglichen Terror dort berichtete. Aus Rheinland-Pfalz war Vezir Düz zu der Gesprächsrunde gekommen. Er hatte seinen Militärdienst in der Türkei bereits begonnen, war aber aus Furcht vor einem Einsatz im Kurdengebiet desertiert. Dafür droht ihm nun in seinem Mutterland eine sehr harte Strafe.
Ebenfalls bei dem Gespräch dabei war Roland Röder von der Aktion 3. Welt Saar, der den Kontakt zu den Kriegsdienstverweigerern arrangiert hatte. cb 


Unter Todesdrohung desertiert
Viele junge Türken sind nicht mehr bereit, den Dienst an der Waffe zu verrichten

Jump sprach mit vier der jungen Türken, die vor kurzem öffentlich den Kriegsdienst in der türkischen Armee verweigerten.
JUMP: Können Sie zunächst allgemeine Informationen Auskünfte zum Militärdienst in der Türkei geben?
Seyit Mehmet Genc: Der Militärdienst dauert 18 Monate.  In allen NATO-Mitgliedsstaaten sind es höchstens zwölf Monate, nur in der Türkei ist die Dienstzeit so lang. Mit 20 Jahren werden alle männlichen Staatsbürger eingezogen.  Wer nicht zum Militär will, dem drohen fünf Jahre Haft unter sehr schlechten Bedingungen.
JUMP: Was waren die Motive für ihre Kriegsdienstverweigerung?
Emrullah Özdemir: Wir wollen mit dieser Aktion nicht die Türkei als Staat beleidigen. Wir haben nichts gegen die Türkei. Wir wollen nur dagegen protestieren, daß die Türkei kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung akzeptiert, obwohl die UN-Menschenrechtskommission zweimal an die Türkei diesbezüglich appelliert hat.
JUMP: War einer von Ihnen auch schon selbst von den Auseinandersetzungen in Kurdistan betroffen?
Abdullah Örum: Ich stamme aus dem Dorf Düzova. 1993 hatten sich drei Befreiungskämpfer in unserem Ort versteckt. Das Militär besetzte das Dorf, die drei Guerilla-Kämpfer begingen daraufhin Selbstmord. Damit war es aber noch nicht zu Ende. Zur Strafe hat die Armee das Dorf mit Raketen beschossen. Die Hälfte der Häuser wurde zerstört. Meiner Mutter wurde die Erschießung angedroht.  Die Soldaten haben Einwohner des Dorfes auf einen Platz geführt, sie dort gefesselt und mißhandelt.
JUMP: Bedeutet der Militärdienst automatisch einen Einsatz im Krisengebiet im Südosten?
Vezir Düz: Es gibt in der türkischen Armee keine Möglichkeit, sich einem Befehl zu widersetzen. Ich selbst habe meinen Musterungstermin nicht wahrgenommen.  Daraufhin wurde ich von Soldaten verhaftet. Zur Strafe mußte ich die Grundausbildung unter sehr harten Bedingungen im Kurdengebiet bei Sivas ableisten. Von über 2000 Soldaten in der Kaserne sollten 400 in der Südosttürkei eingesetzt werden, darunter 50 Kurden. Ich selbst sollte in die Bergregion um Hakkari versetzt werden, wo die heißesten Kämpfe toben.
JUMP: Was gab für Sie den Ausschlag, zu desertieren?
Vezir Düz: Zunächst wollte ich mich gegen die Versetzung weigern. Unser Vorgesetzter hat uns massiv unter Druck gesetzt und bedroht. Nach einer „Bedenkzeit“ von zehn Tagen hat mich der Vorgesetzte wieder zu sich zitiert.  Wieder setzte er mich stark unter Druck und drohte mir mit dem Tod. Aus Angst habe ich der Versetzung zugestimmt.  Eine Woche vor dem geplanten Termin bin ich während einer Übung im Wald geflohen. Ich habe meine Waffe vergraben und bin zunächst bei einer Familie in Istanbul untergetaucht. Aber das Militär spürte mich dort auf.  Daraufhin bin ich nach Deutschland geflohen.
JUMP: Welche Strafe droht Deserteuren in der Türkei?
Vezir Düz: Schon für das Vergraben der Waffe gibt es eine lange Haftstrafe, auf Desertion droht die Todesstrafe. Die Kriegsdienstverweigerer werden in den meisten Fällen inhaftiert.
JUMP: Wie denken die türkischen Soldaten in der Armee über den Krieg im Kurdengebiet?
Emrullah Özdemir: Viele junge Türken tauchen einfach ab, um sich so dem Militärdienst zu entziehen. Nach offiziellen Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums verweigern sich bis zu 300 000 Leute auf diese Weise dem Dienst mit der Waffe. Die tatsächlichen Zahlen liegen jedoch sicherlich höher.
JUMP: Haben Sie schon von Reaktionen auf ihre Verweigerung erfahren?
Roland Röder: Offiziell gibt es zwar keine Reaktionen, aber wir haben erfahren, daß die Aktion inoffiziell ein starkes Echo gefunden hat. In der Türkei selbst wächst die Distanz der Bevölkerung zur Armee, was immer weitere Kreise zieht.
Emrullah Özdemir: Wir wollten ein Zeichen setzen. Wir hoffen, daß unsere Aktion ein Beispiel abgeben wird. Es sind jetzt für jedes Jahr zwei oder drei weitere Aktionen geplant. Viele Leute in der Türkei haben es satt, den Krieg weiter zu unterstützen.
JUMP: Sehen Sie eine Chance, den Kurdenkonflikt mittelfristig zu lösen?
Emrullah Özdemir: Unser zentrales Ziel ist es, die Schwarzweißmalerei in dieser Geschichte aufzubrechen.  Der Kurdistan-Konflikt ist militärisch nicht zu lösen. Eine endgültige Lösung ist nur durch eine internationale Konferenz denkbar. Bei vielen Guerilla-Konflikten auf der Welt ist in letzter Zeit einiges in Bewegung gekommen. Wir hoffen, daß das auch bei diesem Konflikt möglich sein wird.
Ein erster Schritt dazu wäre eine Änderung der türkischen Militärpolitik. Seyit Mehmet Genc: Wir rufen andere Jugendliche, auch Deutsche, zur Kriegsdienstverweigerung auf. Krieg ist ein Verbrechen. Unsere Solidarität gilt auch den Inhaftierten in der Türkei, die sich seit Jahren für Frieden einsetzen und dafür im Gefängnis sitzen. Die Waffen müssen endlich schweigen, der Konflikt kann nur politisch gelöst werden
Das Interview führte Christian Beckinger