Volksblatt Würzburg, 23.12.2000

Kurdischer Familie droht die Abschiebung

Einem Wechselbad der Gefühle sieht sich eine Familie ausgesetzt, die seit elf Jahren in Schweinfurt lebt.

VON HANNES HELFERICH

Familie Sunhac hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Als Vater Ihsan, Mutter Hatice und die Kinder Kalender und Özlem aber erfuhren, dass das Bleiberecht wieder entzogen wurde, da "haben wir durchgedreht".

Weihnachten haben die Suncaks, obwohl sie Aleviten moslemischen Glaubens sind, alle Jahre gefeiert. "Wir haben uns immer auf dieses Fest gefreut", sagt die 15 Jahre alte Özlem. Dieses Jahr feiern die Sunckas nicht, weil "keine gute Stimmung" herrscht. Die bereits als Asylanten anerkannte Familie soll Deutschland jetzt doch verlassen, die Abschiebung droht.

Die kurdische Familie flüchtete 1989 nach Deutschland. Sieben lange Jahre lebte sie beengt im Wohnheim an der Breiten Wiese. 1996 wurden Ihsan (44), Hatice (39) und die beiden Kinder Özlem (15) und Kalender (16) asylrechtlich anerkannt. Auf Betreiben des Bundesbeauftragten, der alle positiv ausfallenden Entscheidungen überprüfen kann, wurde der Familie das Bleiberecht jetzt gerichtlich wieder entzogen. Am 3. November lehnte das Verwaltungsgericht Würzburg die Klage der Familie dagegen ab. Alle sechs Geschwister von Vater Suncak sind anerkannt. Sie leben im Saarland, Baden- Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und zwei in der Schweiz. "Nur wir nicht", klagt der verzweifelte Vater. Auch Hatice ist mit den Nerven am Ende. Als man nach Jahren der Unsicherheit endlich anerkannt war, da habe Freude überwogen. Als die Nachricht kam, dass "wir jetzt doch gehen müssen, da sind wir fast durchgedreht."

Ihsan Suncak geriet in seinem Heimatdorf Saliusag, rund 200 Kilometer von Adana (500 000 Einwohner) entfernt, zwischen die Fronten des Krieges. Er wurde von den türkischen Sicherheitskräften schwer misshandelt. Seither ist der 44-Jährige traumatisiert, seit längerer Zeit in psychosomatischer Behandlung. Sollte er abgeschoben werden, ist er Selbstmord gefährdet, meint seine Ärztin. Hatice verlor, als sie ihrem Mann bei einer "Strafaktion" zur Seite stehen wollte, ihr noch ungeborenes drittes Kind. Jürgen Wilk von der Bürgeraktion "Solidarität statt Rassismus" nennt das Schicksal der Suncaks typisch für die kurdische Landbevölkerung. Diese Menschen wollten sich aus dem Konflikt zwischen Armee und Behörden heraushalten, würden aber hineingezogen, müssten Position beziehen.

Wilk kritisiert, dass die sogar in türkischen Zeitungen nachzulesenden Ereignisse und Bestätigungen von Zeugen vom Verwaltungsgericht als "abenteuerlich und abwegig abgetan" worden seien. Der Unterstützerkreis hat letzte Woche eine Kampagne gestartet. Mehrere hundert Bürger haben sich schon mit dem Schicksal der Familie vertraut gemacht und eine Unterschriftenliste - wie gestern am Postplatz - unterzeichnet. An der Friedenschule, wo die voll integrierten Özdem und Kalender den "Quali" anstreben, haben zahllose Mitschüler ihre Solidarität ausgedrückt. Die beiden Jugendlichen, die kein türkisch sprechen, wollen Arzthelferin und Kfz-Mechaniker werden. "In der Türkei habe ich keine Zukunft, sehe ich keine Perspektive", sagt Kalender, der bei der TG 1848 Fußball spielt.

Die Listen will Wilk demnächst an OB Gudrun Grieser übergeben. Die Stadt Schweinfurt fordert man auf, "diesen langjährigen Mitbürgern ein Bleiberecht zu gewähren". Auch der Ausländerausschuss der IG Metall und der Ausländerbeirat stehen hinter dieser Forderung. Der neue Vorsitzende des Ausländergremiums, Rudolf Frahammer, spricht gar von einem Skandal, "weil die Familie doch schon eine Aufenthaltsgenehmigung hatte". Menschen einem solchen Wechselbad der Gefühle auszusetzen nennt der Österreicher unmöglich. Wilk fordert neben dem Bleiberecht für die Suncaks einen grundsätzlichen Abschiebestopp in die Türkei. Für ihn dränge sich der Verdacht auf, dass nicht mehr die politische Verfolgung das Kriterium für eine Anerkennung sei, sondern die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes.

Rechtsanwältin Kerstin PauschTrojahn hat namens der Suncaks gegen das Würzburger Urteil Beschwerde eingelegt. In einer Spezialklinik für Foltertraumatisierte soll ein Gutachten erstellt werden, das den Wahrheitsgehalt der Aussagen Suncaks beweisen soll. Darüber hinaus hofft sie, dass die Familie aus humanitären Gründen wieder anerkannt wird.

"Wir haben uns noch nie etwas zuschulden kommen lassen, wollen arbeiten, dürfen aber nicht und hoffen", sagt Ihsan. Nach einer Pause fügt er an: "Hoffen vor allem für die Kinder."