Tagesspiegel, 29.3.2000

Neue Kämpfe in der Türkei

Türkische Armee bereitet Offensive in Nordirak vor - der PKK-Führungsrat warnt allerdings davor

güs

An der Grenze zwischen der Türkei und Irak braut sich Ärger zusammen. Seit Tagen sammeln sich türkische Truppen im Grenzgebiet zu einer Frühjahrsoffensive auf die nordirakischen Berge, in denen sich die PKK-Kämpfer nach ihrem Rückzug aus der Türkei verschanzt haben. Nach türkischen Berichten aus der Region sind Pioniereinheiten damit beschäftigt, Brücken über den Grenzfluss Hezil zu schlagen. Kurdischen Quellen zufolge überschritten bereits rund 4000 türkische Soldaten die Grenze und drangen rund sechs Kilometer tief in irakisches Gebiet ein. Die eigentliche Offensive soll demnach aber erst in den kommenden Tagen beginnen und mit einem Großaufgebot der türkischen Armee und der mit Ankara verbündeten Kurdenmilizen geführt werden. Die PKK-Führung zeigte sich von den Vorbereitungen äußerst beunruhigt und warnte die Türkei, ihre Einheiten würden sich nicht kampflos ergeben.

Im Nordirak und dem angrenzenden iranischen Bergland werden mehrere tausend PKK-Kämpfer vermutet, die dort seit dem Rückzugsbefehl ihres inhaftierten Anführers Abdullah Öcalan vergeblich auf eine türkische Amnestie warten. Statt mit den kriegsmüden Rebellen zu verhandeln, will die türkische Armee deren Rückzugsstellungen ausheben, um die Friedensbedingungen dann aus einer Position der Stärke heraus diktieren zu können. Schon in den vergangenen Jahren waren türkischen Truppen regelmäßig im Frühling auf nordirakisches Gebiet vorgedrungen, um Nachschubwege und Rückzugsgebiete der PKK zu zerstören. Dies hatte 1995 noch zu massiven internationalen Protesten geführt, war in den folgenden Jahren aber als inoffizielles Gewohnheitsrecht der Türken hingenommen worden. Nach dem Rückzug der Rebellen hofft die türkische Armee diesmal, beim Vorstoß in den Nordirak die Hauptstreitmacht der Rebellen zerschlagen zu können. Innerhalb der Türkei verbleiben nach den unterschiedlichen Angaben der PKK und der türkischen Armee derzeit nur noch 100 bis 1000 Kämpfer, von denen sich aber mindestens eine Einheit von der PKK und ihrer neuen Versöhnungspolitik losgesagt hat. Auch gegen diese abtrünnigen Rebellen, die sich in der türkischen Provinz Tunceli verschanzt haben, bereitet die türkische Armee eine Offensive vor.

Die PKK-Führung reagierte äußerst besorgt auf die türkischen Truppenbewegungen. Ein Angriff auf ihre in Nordirak lagernden Einheiten werde nicht nur dort ein Blutbad verursachen, sondern auch neue Kämpfe innerhalb der Türkei auslösen, warnte der PKK-Führungsrat. Es gebe unter den untätigen Rebellen in den Rückzugsstellungen ohnehin Kräfte, die den Kampf gegen die Türkei wieder aufnehmen wollten; ein Angriff der türkischen Armee könne daher einen neuen Krieg auslösen. Auf jeden Fall würden die Rebellen sich gegen einen solchen Angriff zur Wehr setzen, warnte Führungsratsmitglied Mustafa Karasu: "Wir wollen nicht sterben, das ist doch klar."