/
www.infoladen-daneben.de  //start/archiv/patriachat/aab/17
letzter Text  nächster Text

Aufforderung zum Tanz

Worum es mir Im folgenden geht, Ist erstens eine Kritik am Verhalten der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB), beziehungsweise auch der unabhängigen Antifa im Umgang mit dem Vergewaltiger J.. Zum zweiten möchte ich kurz Stellung nehmen zu der FrauenLesben-Aktion gegen die Friedrichshainer Kneipe Schnarup Thumby (die Erklärung der Gruppe ist nachzulesen in der Interim 482).

Anfang dieses Jahres wurde über Plakate und in der Interim 471 durch Frauen Lesben oben genannter Vergewaltiger geoutet. Die einzigen mir bekannten schriftlichen Stellungnahmen dazu kamen in der Folge in erster Linie von Frauen Lesben-Gruppen, der Gruppe Venceremos und der AAB.
Letztere beschränkte sich darauf, in einem äußerst formalistischen papier darzustellen, daß der Vergewaltiger nicht aus ihrer Gruppe käme und anschließend widersprüchlicherweise ihren Umgang bei Vergewaltigungsvorwürfen darzustellen. Was in meinen Augen so keinen Sinn macht, wenn doch der Geoutete angeblich nicht in ihrer Struktur war. Nach einigen Wochen schlief die Diskussion, welche ohnehin eher Schlammschlachtcharakt er hatte, wieder ein.
Eine weitere öffentlich wahrnehmbare Reaktion, seitens der AAB oder von unabhängigen Antifagruppen, blieb meines Erachtens nach aus. Die Szene ging über zum Bussiness as usual. Nur in Einzelgesprächen bekam ich ansatzweise Auseinandersetzungen
mit. Oder der Hohn darüber, daß es mit dem Outing die AAB getroffen hat. Auch das Berliner Antifa Infoblatt hielt es nicht für nötig Stellung zu beziehen, obwohl seit Bekannt werden der Vergewaltigung schon zwei Ausgaben erschienen sind.
In vielen Teilen sind Antifagruppen männerbündische Vereinigungen, und damit tendenziell eher ‚ konservativ in puncto praktischer und theoretischer Patriarchatskritik. Dementsprechend ist es leider nichts Neues, daß sich die Män-ner der gemischtge-schlechtlichen Antifa weitestgehend den Aus-einandersetzungen über ihr eigenes sexistisches Verhalten oder über den Umgang mit Vergewaltigern verweigern. Eine Konsequenz daraus ist, daß sich immer wieder Frauen aus den gemischten Gruppen zurückziehen, weil das Männerverhalten für sie untragbar ist. Das Gesagte gilt in der Substanz sowohl für unabhängige, als auch für organisierte Antifas.
Eindeutiger als andere Gruppen propagiert die AAB als Konzept ein auf die Parole Antifa heißt Angriff reduziertes Verständnis von Antifaschismus, mit dem sich die Etablierung eines rechten Mainstreams innerhalb der Dominanzkultur der BRD weder begreifen,  geschweige
denn bekämpfen läßt. (Auf die vier Seiten zu Feminismus als Grundlage für den anttfaschisti-schen Kampf in der 73-seitigen Konzeptbroschü-re der AAB möchte ich hier nicht weiter eingehen Sie spielen für die Praxis der AAB, soweit ich sie bisher wahrnehmen konnte, keine größere Rolle als die eines antipatriarchalen Feigenblattes. Und es ist auch gerade ein Postulat der AAB, daß sich Gruppen an ihrer politischen Praxis messen lassen müs-sen.) Die Folgen einer solchen antifaschistischen Plattitüden-Politik sind, daß auf kurzfristig vielleicht beeindruckende Popereignisse gesetzt wird, die individuelle und kollektive Emanzipation jedoch kaum noch eine Rolle spielt und damit auch der Anspruch auf eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung aufgegeben wird.
Um es noch einmal deut-lich zu sagen: Weder der Täterschutz gegenüber Vergewaltigern, noch das Ausblenden des eigenen Sexismus ist ein aus-schließliches Verhalten der AAB oder der Antifa. Nur stellt sich im Bereich des militanten Antifaschismus das Problem, daß sich die agierenden Männer ohnehin in einem gesellschaftlichen Rahmen bewegen, der individuelle Männergewalt legitimiert. Und diese Män-nergewalt richtet sich in der Regel gegen Frauen oder andere konkurrie-rende Männer.
Wenn jedoch wir, als linksradikale Antifaschi-sten (hallo Jungs!) uns dieser Problematik nicht stellen, dann ist die not-wendige militante Bekämpfung von Nazis nicht wesentlich mehr als ein reines Kräftemessen mit der Gegenseite.
Eine Gruppierung wie die AAB, welche diese Aus-einandersetzung  anscheinend nicht nur nicht führt, sondern in ihrer Propaganda Antifa auf rein körperliche Ausein-andersetzungen redu-ziert, so beispielsweise mit Aufklebertexten wie action speaks louder than words (auch wenn dieser ein Comic-Mädchen mit Knarre als Motiv hat), bleibt in einer patriar-chalen militaristischen Logik gefangen.
In der Konsequenz gehört zu einer solchen Logik aber auch dem Vergewal-tiger, als Mann, Kader, Fighter oder was auch immer Rückendeckung zu geben, da seine „sonstigen Qualitäten“ ja höher bewertet werden, als seine Machtausübung mittels sexualisierter Gewalt.
In meinen Augen ist das Dulden von J. im öffentlichen Raum einer Szenekneipe ein Versuch ihn quasi über Umwege wieder zu integrieren (ob sozial oder politisch sei dahingestellt.)
Es stellt sich jetzt natür-lich die Frage, welche Konsequenzen aus dem Verhalten der AAB oder eines Teiles von ihr zu ziehen sind.
Und es bleibt zu klären, wie ein möglicher politischer Ort aussehen könnte, an dem sich die Männer der Gruppe mit dem Täter und mit sich selbst auseinandersetzen. Denn ein Rauswurf allei-ne schafft noch keine Veränderung. Ich kann dazu auch keine Paten-trezepte liefern, denke aber die folgenden Punkte eröffnen Möglichkeiten eines Umgangs:

• Die AAB veröffentlicht ihre bisherigen Diskussionen zum Umgang mit dem Vergewaltiger J., um für alle mehr Transparenz zu schaffen. Damit meine ich nicht die Veröffentlichung von Absichtserklä.rungen oder formelhaften. Erklärungen, wie dies in der Interim 472 geschah.
• Die Männer der Gruppe ziehen sich eine Zeitlang aus der praktischen Politik zurück und organisieren sich als Männergruppe, um das Geschehene kollektiv aufzuarbeiten. Auch hier wäre eine Transparenz des Diskussionsprozesses notwendig, damit dieser Prozeß auch für Außenstehende nachvollziehbar wird.

Ich muß zugeben, meine Hoffnung ist eher gering, daß diese Vorschläge auf Resonanz stoßen. Sie sind auch eher als Anre-gungen zu verstehen in welche Richtung gehan-delt und diskutiert wer-den könnte.
Den Status quo finde ich jedenfalls nicht tragbar. Zu dessen Veränderung ist nicht nur die AAB gefragt, sondern auch die unabhängigen (Antifa-) gruppen.
Sollte sich jedoch die AAB weiterhin nicht verhalten, so wäre aus meiner Sicht darüber nachzudenken, ob sie nicht als Gruppierung boykottiert werden sollte. Dies würde bedeuten, nicht mehr in Bündnissen mit ihr zu-sammenzuarbeiten, Entzug von Infrastruktur (Lauti) etc. Ein solches Vorgehen kann nur eine letzte Konsequenz aus Täterschutzverhalten
sein, sollte aber wenigstens in Betracht gezogen werden. Mir ist bewußt, daß damit nicht die Problematik von Sexismus in der Antifa gelöst wird, aber vielleicht bieten dar-aus entstehende Diskussionen auch weitergehende Entwicklungsmöglichkeiten.

Zum Abschluß möchte ich noch ein paar Zeilen der Kritik zu der Frauen-Lesben-Aktion gegen das Schnarup Thumby verlieren.
Ich verstehe die Aktion nicht nur als direkte Reaktion auf das Auftauchen des Vergewaltigers 3. in der Kneipe. Ohne das Nichtverhalten und die Duldung der unabhängigen Antifagruppen, der AAB und der Szene im allgemeinen wäre dessen Anwesenheit im Schnarup Thumby wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Dennoch läßt diese Aktion viele Maßstäbe von autonomer/ linksradikaler Politik hinter sich. Wie die Gruppe selbst schreibt, waren am Abend der Ak-tion die zuvor geklebten Plakate und Parolen bezüglich des Auftauchens des Vergewaltigers in der Kneipe bereits entfernt. Der Angriff gegen die Kneipe traf also im schlimmsten Fall uninformierte Gästlnnen.
Selbst wenn Einzelne in der Kneipe von dem Vorfall gewußt haben, so bleibt es mir unverständlich, wie die agierende Gruppe die Gefährdung von Unbeteiligten in Kauf nehmen konnte. Die Wirkung von CS-und Pfeffergas in geschlossenen Räumen kann, je nach Dosierung, verheerende bis tödliche Folgen haben (bei Allergikerlnnen). Ich frage mich hat die Grup-pe dies in Kauf genomen?
Und in welche Richtung geht diese Aktion? Setzt die durchführende Grup-pe überhaupt noch auf mögliche Veränderungen?
Ich denke auch Haß und Wut legitimieren die Art der durchgeführten Aktion nicht. In dieser Form widerspricht sie für mich den Grundlagen emanzipatorischer Politik.

Sancho Pansa

(aus: Interim 483)