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Infrastruktur im Teufelskreis: «Stirbt der Kiez aus?»

Familien gehen, weil Schulen schließen

Von Iwan Zinn

Friedrichshain - «Wie soll sich der Bezirk positiv entwickeln, wenn immer mehr Schulen wegen geringer Schülerzahlen geschlossen werden und Familien somit die Chance genommen wird, sich in Friedrichshain niederzulassen?» Das fragen sich Lehrer, Elternvertreter und auch Bezirkspolitiker angesichts anstehender Schulschließungen, von denen vor allem Grundschulen betroffen sind. Das Bezirksamt plant, von den 15 Grundschulen in Friedrichshain vier in absehbarer Zeit dichtzumachen, weitere könnten folgen.

Bereits im Sommer wird die 3. Grundschule Straßmannstraße in der 5. Grundschule Justus-Liebig-Straße aufgehen. Die 11. Grundschule Scharnweberstraße wird im Sommer 2001 der 12. Grundschule Traveplatz angegliedert. Die 1. Grundschule Weinstraße soll zunächst eine Filiale der 2. Grundschule Friedenstraße werden und eventuell schon zum Ende des nächsten Schuljahres ganz aufgegeben werden. Schließlich steht zur Debatte, die 15. Grundschule Corinthstraße vollständig in ihre derzeitige Filiale Alt-Stralau zu verlegen.

Doch auch die Oberschulen bleiben nicht verschont: Die 1. Gesamtschule Böcklinstraße schließt im Sommer 2001, und auch eines der fünf Gymnasien im Bezirk muss dran glauben. Aus der Gerüchteküche hört man, dass das Erich-Fried-Gymnasium wegen baulicher Mängel der wahrscheinlichste Abschusskandidat sei. Über die Nachnutzung der Gebäude ist noch nichts bekannt. «Es wird aber vermutlich auf eine kommunale Nutzung - etwa durch Begegnungsstätten - hinauslaufen», sagt Baustadträtin Martina Albinus-Kloss (für PDS).

Die Problematik betrifft auch viele andere Bezirke: Durch starke Geburtenrückgänge und den Wegzug von Familien sinken die Schülerzahlen dramatisch. In Friedrichshain zählte man vor fünf Jahren noch etwa 1200 Anmeldungen an Grundschulen, im neuen Schuljahr sind es nur noch 423. Als Vorgabe bei den Schließungen dient den Bezirken die Schulentwicklungsplanung der Senatsverwaltung für Schule. Danach sind Grundschulen mindestens mit einer durchgängigen Zweizügigkeit zu organisieren. «Bei mehreren Schulen ist Einzügigkeit prognostizierbar», sagt Schulamtsleiterin Marina Belicke. Das würde weitere Schließungen erfordern. Und die laufen nicht ohne Emotionen ab - Lehrer, Eltern und Schüler versuchen meist verzweifelt, ihre Schule zu retten. «Wir haben Aktionen gestartet, in der BVV und im Petitionsausschuss vorgesprochen, alles ohne Erfolg», sagt Claudia Brunn, stellvertretende Leiterin der 11. Grundschule. «Ich bin sehr traurig», sagt Gerlinde Schwarz, Rektorin der Max-Kreuziger-Oberschule, «wenn das so weitergeht, wird der Kiez aussterben.»

An der 15. Grundschule stellt sich die Situation etwas anders dar: Eine Elterninitiative engagiert sich für den Erhalt des Stammhauses an der Corinthstraße, während sich die Schulleitung den baldigen Umzug nach Alt-Stralau in das neue, modern ausgestattete Gebäude wünscht. «Der Schulweg zu der mehr als zwei Kilometer entfernten Filiale ist aber zu weit und wegen des starken Verkehrs für die Kinder nicht sicher», sagt Elternvertreterin Angelika Kalus. Das Ausweichen auf die näher gelegene 14. Grundschule sei ebenfalls nicht akzeptabel, da die notwendige Überquerung der Modersohnbrücke wegen Bauarbeiten nicht möglich sei. Von der Schulleitung und einigen Lehrern fühlen sich die Eltern regelrecht «gemobbt». «Computer werden nach Alt-Stralau geschafft und den Kindern erzählt, dass die Klugen wechseln, während die Dummen an der Corinthstraße bleiben», empört sich Frau Kalus. Rückendeckung bekommt sie vom schulpolitischen Sprecher der SPD, Ricardo Fonseca: «Die Schulleitung will mit einseitiger Werbung für den neuen Standort Tatsachen schaffen, obwohl noch nichts entschieden ist.» Auch die BVV reagierte am Mittwoch auf die Vorwürfe der Eltern: Bis zum endgültigen Beschluss über die Zukunft der Schule werden keine «Veränderungen» geduldet. Zur generellen Entwicklung der Schulen im Bezirk besteht nach Ansicht von Frau Albinus-Kloss, die derzeit Schulstadtrat Dieter Hildebrandt (PDS) vertritt, noch «Diskussionsbedarf in den zuständigen Ausschüssen».

Beim Fusionspartner Kreuzberg sieht die Zukunft der Schulen weniger düster aus. Schulstadträtin Hannelore May (B 90/Grüne): «Wir werden keine Schulen dichtmachen, wir haben genug Schüler.» Dass Kreuzberger Kinder Schulen in Friedrichshain retten könnten, glaubt sie nicht: «Die gehen lieber nach Mitte oder in westliche Bezirke, Friedrichshain ist nicht angesagt und für Grundschüler zu weit entfernt.»

MOPO 11..3.00