Der Nationalstaat ist tot, es lebe der Nationalstaat. Von seinem propagandistisch aufgebauschten Gegenbegriff, der "Globalisierung", ist (noch) allerorts die Rede. Dennoch, und trotz aller gegenteiliger Behauptungen: Der Nationalstaat spielt in den weltweiten Umwandlungsprozessen eine entscheidende Rolle. Und: Er wird es auch weiterhin tun. Seine politischen Werkzeuge ändern sich, aber nicht als ein Reflex auf die Globalisierungs-"Sachzwänge".
Die gängige Globalisierungs-These - quer durch alle politischen Lager - birgt Gefahren für die Linke, die meistens erst dann erkannt werden, wenn sie sich unverhofft in direkter Nachbarschaft mit der extremen Rechten wiederfindet. Die globalistisch-getrübte Sicht führt dabei zu allerlei argumentativem Unsinn: Der deregulierte Weltkapitalismus würde die politischen Herrschaftsformen, heute noch Nationalstaaten genannt, ordentlich durcheinander wirbeln. Unkontrollierbar und ohne jegliche Regulierungsoption befördere die mittlerweile entfesselte Marktkonkurrenz die Erosion des einstmals für souverän gehaltenen Nationalstaats. Ohnmächtig falle dieser der von außen kommenden Globalisierung zum Opfer. Den nationalstaatlichen Regierungen verbleibe nur noch "die undankbare Aufgabe, Land und Leute, gewissermaßen gefesselt und geknebelt, den sog. Investoren auszuliefern". Gemäß dieser Einschätzung, dem Reader zum internationalen MAI-Kongress 1998 in Köln entnommen, würde Politik "dann im Hin- und Zuhalten, in der allgemeinen Zuhälterei bestehen".
Vorstellungen solcher Art, in denen sich die als hermetisch voneinander geschieden gedachten Kräfte des nun siegreichen Marktes und des auf die Verliererseite geratenen Nationalstaats gegenüberstehen, bewegen sich auf einem analytisch verminten Feld. Komplexe gesellschaftliche Wirkungszusammenhänge können nur dann in den Blick kommen, wenn diese Minen der Marke Reduktionismus beseitigt werden: Es gibt nicht nur das eine basale Herrschaftsverhältnis, genauso wenig wie die eine gesellschaftliche Ebene (Ökonomie), deren Logik und Gesetzmäßigkeit sich umstandslos und unmittelbar dem Rest der Gesellschaft aufzwingt. Es sind vielmehr die relativ autonom zur Ökonomie stehenden Politik- und Ideologieverhältnisse, welche den Kapitalismus durch alle Krisenprozesse hindurch so bestandsfähig machen.
Die Interdependenzeffekte der unterschiedlichen Ebenen gerade bewirken die Restrukturierung des komplexen Ganzen; also dessen Erhalt durch Neugliederung. Die kapitalistische Ökonomie ist niemals ohne Politik zu haben. Entscheidend ist, dass postfordistische Transformationen durch politische und ideologische Einsätze bedingt sind, dass die neoliberale Doktrin ihre Erfolge nur über, in und durch die Nationalstaaten erzielt.
Oftmals ertönt, nach der larmoyanten Klage über den Souveränitätsverlust des Nationalstaates, der rückwärtsgewandte Ruf nach einer neuerlichen Inmachtsetzung des Staates wie zu Zeiten des Keynesianismus. Was in den Analyse-Rastern der Regulationstheorie vielleicht die tragende Säule bildet - die unumgänglich und grundsätzlich politische Konstitution des Marktes - wird im Neokeynesianismus, wo auch viele RegulationstheoretikerInnen politisch angekommen sind, affirmativ gewendet: Nachdem die Märkte von der staatlichen Regulationskompetenz losgelöst wurden (Neoliberalismus), muss der das "Gemeinwohl" (Schröder) verkörpernde Staat dafür Sorge tragen, dass die kapitalistischen Märkte von neuem eingebettet werden.
Linke Kritik an einem veränderten kapitalistischen Herrschaftsmodus kann so nicht gelingen. Das Herbeisehnen wieder erstarkter ökonomischer Steuerungskompetenz des Nationalstaates läuft auf ein Reklamieren des Kapitalismus in homöopathischer Dosis hinaus.
Den Ideologen der Globalisierung, von Ulrich Beck bis Elmar Altvater, ist es immer wieder einzutrichtern: Der von ihnen für tot erklärte König, der Nationalstaat, schwingt weiterhin sein Zepter. Ökonomisch ist er zwar etwas schwächer geworden. Aber solange der von ihnen herbeigewünschte Kaiser, der Weltstaat als global vergesellschaftendes Strukturprinzip, auf sich warten lässt, so lange müssen sie sich mit dem König begnügen. Denn die Nationalstaaten denken gar nicht daran, dem neuen Kaiser in spe, der Uno, zu huldigen. Insbesondere die Diener des deutschen Staats wissen am besten, wie die Realität aussieht: Sie haben den Angriffskrieg gegen Jugoslawien politisch herbeigeführt und politisch beendet.
Wie es dem kapitalistischen Staat im Postfordismus gelingt, die in verschärfte Widersprüche gespaltenen Gesellschaften zusammenzuhalten, darauf hat Norbert Elias indirekt Antwort gegeben: "In latenter oder manifester Form ist der Nationalismus eines der mächtigsten, wenn nicht das mächtigste soziale Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts."
Die Integration der Gesellschaft über alle Widersprüchlichkeiten und Konflikte hinweg leistet entscheidend die Ideologieform der Nation. Als gesellschaftlicher Integrationsmechanismus ist sie weit mehr als ein Komplex praktischer Normen und Werte. Sie wirkt als herrschaftsförmiger Vergesellschaftungsprozess, bei dem "bloßer Drill und Gehorsam" (Elias) als Einübung der Menschen in die Unterstellung unter das nationale Kollektiv nicht ausreichen.
Das nationale Ethos dringt tiefer. Wie ein festgeschnürtes Korsett legt es sich um die Menschen und erzeugt dabei eine dauerhafte affektive Bindung an das Kollektiv, welches "mit einer sehr spezifischen emotionalen Aura umkleidet" erscheint, "als etwas höchst Wertvolles, Sakrosanktes, dem Bewunderung und Verehrung gebührt" (Elias). "Bewunderung und Verehrung" für etwas, das die Menschen in herrschaftlich-imaginäre Beziehungen zueinander setzt, hat in Deutschland zur Herausbildung eines nationalen Habitus geführt, der auf dem Höhepunkt seiner Artikulation Auschwitz ermöglichte.