| Dokumentation
jkfk |
aus: taz, 12.04.89
Interview mit Rainer Langhans
"Es gibt nichts zu tun, packen wir's an!
Die fehlgeschlagene Gottsuche der Nazis
und der heil-lose
Antifaschismus der Linken - Ein Gespräch
mit Rainer Langhans
taz: Du hast beim letzten taz-Plenum den
ersten politisch begründeten
Rausschmiß aus diesem Kollektiv
erlebt und fühltest dich daran erinnert, wie
ihr als "Kommune 1" damals aus dem SDS
rausgeflogen seid, mit denselben
Argumenten. Siehst du da einen Zyklus
am Werk?
Rainer Langhans: Meine Anstrengungen sind
darauf gerichtet, das Richtige, das
Wirksame zu erkennen, in dem was passiert.
Bei der taz denke ich: Das muß so
sein, es muß offenbar sein, daß
man über Entlassungen hier etwas lernen will,
erreichen will, daß der Druck so
groß wird, daß man die Arbeit an dieser
überalterten Faschismustheorie endlich
mal in Angriff nimmt.
Was ist für dich falsch an der doch so gut gemeinten linken Faschimustheorie?
Unsere Faschismustheorie war schon deswegen
falsch, weil sie zwar dazu
diente, unsere Väter zu verprellen
und uns den Abstand zu liefern zum
Neubeginn, der sogenannten "Stunde Null",
aber uns eine Utopie, die wir leben
konnten, nicht geben konnte. Bis heute
wird noch imnmer so getan, als ob sie
das könnte. Für mich war, als
ich ausstieg aus der Bewegung, weil ich an der
Frauenfrage gescheitert war, das erst
mal gar kein Thema - ich war meilenweit
entfernt von diesen ganzen Themen, habe
mich jahrelang in ganz anderen, in
spirituellen, Bereichen bewegt, Geschichte,
Soziales usw. interessierte mich
überhaupt nicht mehr - 'und trotzdem
kamen die Fragen wieder, jetzt in einer
neuen Form, denn mir war klar geworden:
Spiritualität in Deutschland heißt
Hitler. Und erst wenn du da ein Stück
weiter bist, kannst du jenseits davon
kommen, bis dahin aber mußt du das
Erbe übernehmen. Wir haben keine Chance:
Wir müssen dieses Erbe von unseren
Eltern übernehmen, nicht im Sinne dieses
braven, ausgrenzenden Antifaschismus,
sondern im Sinne einer
Weiterentwicklung dessen, was da von Hitler
versucht wurde. Es bleibt uns
keine Wahl, wir können uns noch so
sehr dagegen sträuben. Hier sind wir
Kinder geblieben, die negative Faschismustheorie
der 68er reicht nicht aus,
wir müssen daraus eine positive entwickeln.
Das ist eine sehr gefährliche
Sache, und als ich für mich die Gefahr
erkannte, habe ich erst mal lange
darüber geschwiegen, in den Büchern
was angedeutet, vorsichtig, denn in
dieser Richtung ist bisher natürlich
nichts gelaufen. Und deshalb müssen eben
solche Dinge geschehen wie der Sturz von
Jenninger oder jetzt die
Entlassungen bei der taz. Für mich
ist das amüsant, weil ich sehe, was an
allen Ecken passiert, wenn man über
diese negative Faschismustheorie nicht
hinauskommt.
Jenninger mußte gehen, weil er von
Hitler und den Nazis als "Faszinosum"
gesprochen hat. Von der ekstatischen Begeisterung,
in die dieser
Reichskanzler ein ganzes Volk versetzt
hat, - alle Deutschen, von ein paar
Kommunisten, radikalen Christen und Anarchisten
abgesehen, waren
überschwenglich euphorisiert von
Hitlers Heilsvision - will man heute nichts
hören?
Die Linke hat keine Psychologie gehabt,
niemals, der materialistische Ansatz
hat das immer vernachlässigt. Gegen
jegliche "Irrationalität" ist sie
gesperrt, weil sie Angst hat davor und
der Materialismus ja gerade versuchen
sollte, mit diesem Abgründigen ein
für alle mal und "wissenschaftlich" Schluß
zu machen. Insofern ist diese dumme Aufklärung,
die gegen den
sogenannten "Einbruch des Irrationalen"
Dämme baut, als antifaschistisches
Syndrom eigentlich nur lächerlich.
Als wirkliche Aufklärung muß sie sich
diese Dinge neu vornehmen, gerade angesichts
des Nationalsozialismus wäre das
für uns die Hausaufgabe. Warum tun
wir's nicht? Die Antwort ist einfach: Weil
es so gefährlich ist. Natürlich
ist es gefährlich, wenn man weiß, daß sich
hier ein Staat, ein Volk in einem rauschhaften
Amoklauf auf eine Gottsuche
gemacht hat, die alles wollte, was nur
irgend an Schönem, Lichtem möglich war
- und dabei in der tiefsten Hölle
landet. Dies ist ein Beispiel, das man sich
natürlich hinter die Ohren schreiben
muß. Aber bedeutet das ein für allemal
ein Beschäftigungsverbot? Ist das
für die Jüngeren auf alle Zeit gültig?
Können sie diese Erfahrungen von
unseren Eltern, die immer noch verbiestert
rumstehen und sagen: Wir wissen nicht,
was geschah, und wir sind's auch nicht
gewesen, wir sind zwar Nazis, aber wir
sind nie welche gewesen - können sie
aus diesen Erfahrungen etwas lernen? Nein.
Und wenn jetzt eine Redakteurin so
ein Wort wie "gaskammervoll" durchläßt,
weil ihr, vielleicht gar nicht
bewußt, sich irgendwie eine Vision
zu zeigen beginnt, dann reagieren die
anderen automatisch mit Angst: Das sind
gefährliche Sachen, da darf man nicht
leichtfertig mit umgehen, also verlassen
wir uns aufs Bewährte und gehen
überhaupt nicht damit um.
Die Argumente dagegen sind ja durchaus
stichhaltig: Es gibt so etwas wie eine
neue Rechte, Neonazis sowieso, Auschwitz
-Lügner, die Geschichtsglattbügler
um den Historiker Nolte usw., da kann
man die Angst verstehen.
Für mich geht es um eine Vision, und
der Faschismus sperrt bisher jede
Vision, denn er hat alle diese Energien
für seine Heilssuche in einer Weise
verwandt, die die Deutschen heute natürlich
hoch alarmiert sein läßt, wenn da
was Ähnliches kommt. Daß "Vision"
bei uns ein Schimpfwort ist, hat damit zu
tun, daß Hitler bis heute das ganze
Feld besetzt - wir leben heil-los. Die
ganze Umweltfrage hängt für
mich damit zusammen, der ganze Westen ist geprägt
von dieser Form der fehlgeschlagenen Gottsuche
und damit der
Visionslosigkeit, die hintenherum als
das Verdrängte - als Umwelt-,
Rüstungs-, Dritte-Welt-Problematik
- wieder hereinkommt. Und da meine ich,
daß Hitler das Gebiet ist, wo wir
diese Dinge lernen müssen, und weil wir das
nicht lernen wollen, sitzen wir auf immer
gefährlichere Weise nach. Das
Risiko, eine Vision zu suchen, muß
nicht in Hitler weiterhin und in Zukunft
zugrunde gehen, allerdings muß man
erst mal seine Vision verstehen und dann
seine ganzen Fehler sehen, um dann vielleicht
irgendwann darüber hinaus zu
kommen, es besser zu machen. Wir müssen
also sozusagen die besseren
Faschisten werden - die man dann als solche
nicht mehr bezeichnen kann -
statt diesen ängstlichen, ewig-gestrigen
Faschismus als einzigen Sachwalter
dieser Utopiebedürfnisse den Neonazis
zu überlassen. Aber wir benehmen uns
wie die Kinder, sind gegen Papi, weil
der was Schlimmes gemacht hat, anstatt
ihn anzunehmen, seine Fehler nicht zu
wiederholen, es besser zu machen, über
ihn hinauszugehen - die Neonazis sind
trotzige Faschisten, und die Linken
sind trotzige Antifaschisten, wie die
Kinder und nicht wie Erwachsene.
Erwachsen heißt, die eigene Vision
zu suchen, eine Aufgabe, der gegenüber wir
uns sehr nachlässig zeigen.
Hitler hatte unter anderem die Vision einer
"übermenschlichen" Rasse,
kürzlich hat Stoiber von "durchrasster"
Gesellschaft gesprochen -
gleichzeitig kommen wir gentechnisch langsam
in die Lage, derlei
Rasse-Visionen ohne die ungeheure Brutalität
der Nazis realisieren zu können,
im Laboratorium. Die Linke bekämpft
diese Entwicklungen vehement und völlig
zu Recht, eine solche Macht in der Hand
des Bösen, des Kapitals - und da ist
jede Technologie immer zuerst - das ist
doch eine grauenhafte Vorstellung.
Ich habe nicht so viel Angst, weil ich
mich wesentlich in geistigen Bereichen
aufhalte, und dort scheint es diese Niederungen
nicht so zu geben. Wenn du
weiter oben auf dem Baum sitzt, siehst
du von weit her, was kommt, und wenn
du unten sitzt, dann siehst du Dinge sehr
direkt und mußt dich ängstigen.
Man kann auf Bäume klettern und Ausschau
halten und dann alle Wege sehen und
wo sie hinführen - aber reicht das,
muß man nicht auch die Wege gehen?
Das weiß ich nicht genau, deshalb
schlage ich vor: Klettern wir zuerst mal
auf einen Baum. Das tut ja keiner. Wenn
wir alle ein Stück geklettert sind,
können wir uns unterhalten, was nötig
ist. Als Beispiel diese rassischen
Geschichten, damals betrieb man sie durch
Ausrottungs- und
Züchtungstechniken, heute mit den
feineren Methoden der Gentechnologie. Auch
dahinter steckt eine Utopie, und unsere
Aufgabe müßte sein, hinter diesen
ganzen Schreckensbildern ihren utopischen
Gehalt und damit ihre Ersetzbarkeit
durch diese Utopie zu erkennen. Wir müssen
uns die Mühe machen, uns nirgends
schrecken zu lassen, um noch in den fürchterlichsten
Verzerrungen das Schöne
zu entdecken, das eigentlich intendiert
ist. Was will die Gentechnologie? Sie
will - auf das Materialistische reduziert,
weil man das andere nicht kennt -
auf der grobstofflichen Ebene einen "neuen
Menschen" realisieren, so schön
wie irgend möglich. Das ist sehr
verdienstvoll, nur bleibt die Frage: Warum
so? Warum nicht anders? Weil wir nicht
auf den Baum klettern. Würden wir es,
auf den Baum geklettert, auch noch realisieren
wollen? Ich würde sagen,
vermutlich nein. Wenn du weiter oben sitzt,
siehst du den größeren
Zusammenhang und du siehst: ES IST GUT.
Als den Versuch, geistige Utopie auf der
materiellen Ebene zu realisieren,
kann man ja die ganze Technik sehen. Meine
Kinder wünschen sich zur Zeit
nichts dringender als ein Walkie-talkie
- und so ein Funkgerät ist ja nichts
anderes als die Simulation einer Gottesfunktion:
Mit seinem Wort quasi
überall zu sein. Die Erwachsenen
kaufen sich Autos, weil es göttlich ist, mit
einer Fußbewegung zu beschleunigen
und potentiell überall zu sein, auf
offenen TV-Kanälen wollen wir, wie
der alte Herr mit dem Bart, rund um die
Welt nach dem rechten sehen usw. usw.
Und dies alles, obwohl wir sehen, daß
unsere industrielle Beschleunigung den
Planeten total ruiniert.
Der Mensch will Gott sein. Deswegen reicht
die ganze Ökologie nicht, denn sie
redet Quatsch. Sie sagt: Seid vernünftig!
Aber wer ist vernünftig, wenn er
die Chance hat, Gott zu sein. Und wenn
sie das nicht versteht, dann ist die
Ökologie, wie Rudolf Bahro völlig
zu Recht sagt, nur Kosmetik und
Beschleuniger des Untergangs.
Du redest von Vision, Bahro beschwört
einen Fürsten der ökologischen Wende,
der uns den Weg weisen wird - liegt in
beiden Ansichten nicht ein
grundsätzlicher Fehler, daß
sie nämlich Großentwürfe sind, bei Bahro gar noch
mit einer Zwangsläufigkeit, einer
Logik, versehen. Da gruselt's mir ein
bißchen, vor dieser Totalität
des Guten.
Ich glaube, daß Bahro seiner kommunistischen
Kirche wieder auf den Leim geht,
insoweit, als er wieder diese innere Erfahrung
in eine äußere Situation
projeziert und damit nicht aushält,
daß man zwar göttlich denken, aber
bitteschön weltlich handeln soll.
Der Satz: "Think global, act local" heißt
geistig betrachtet "Think godly, act earthly".
Das heißt, daß du dich der
Projektion enthalten sollst, wenn du projezierst,
wirst du wieder glauben,
hier gäbe es die Möglichkeit,
jemanden für dich anzustellen, daß er schön
denkt für dich. Gorbatschow ist da
natürlich eine große Versuchung. Doch was
auf die Russen zukommt, ist nicht die
ökologische Wende, sondern erst mal ihr
"68", das sie vor dreißig Jahren
rigoros abgesägt haben, weil sie glaubten,
die Macht käme weiter aus den Gewehrläufen,
und sie haben nicht darauf
gesetzt, wie jetzt, daß geistige
Umgestaltung die größere Macht ist. Und wenn
es dort, wie überall, zu Mord und
Totschlag und schlimmen Dingen kommt, bin
ich gar nicht traurig darüber oder
verzweifelt, weil ich jedesmal, wenn ich
mir die Situation genau anschaue, ich
sie als welche erkennen kann, die
notwendig sind, um die trägen Bewußtseine,
die anders nicht lernen können,
zum Lernen und Handeln zu zwingen. Ich
greife nicht ein. Bin ich deshalb nur
noch ein geistiger Spinner? Ich weiß
es nicht - ich meine, daß ich damit sehr
viel tue, nur eben nicht in dieser projektiven
Art des grobstofflichen
Handelns. Wir sollten erkennen, daß
das Nichttun das wahre Tun ist, daß unser
vieles Tun zerstörerisch ist, daß
es ein heilendes Tun verfehlt.
Daß Nichthandeln im taoistischen
Sinne die einzige Option ist, die unserm
selbstmörderischen Handeln entgegengestellt
werden kann, meint auch
Sloterdijk in seinem jüngsten Buch,
in dem er auch gleich das paradoxe
Problem benennt: daß man aus der
Kritik der Bewegung keine Bewegung machen
kann und die Idee des Nichthandelns nicht
als Theorie und Handlungsanweisung
auftreten kann, ohne sich zu desavouieren.
Es ist keine Sache der Philosophie, es
ist keine Sache der Programme, es ist
keine Sache der Politik. Ich meine, daß
das wahrscheinlich die wichtigste
Lehre ist, die wir aus Hitler ziehen können.
Aber dafür müssen wir uns
dorthin begeben und genau anschauen, was
er Großes versucht hat, das mal
aufschlüsseln, um darauf zu kommen,
wie er es versucht hat, wozu er sich
entschieden hat und ob wir diese Entscheidungen
in dieser Richtung noch
einmal machen würden. Natürlich
glaubt das niemand, nicht einmal die
Neofaschisten - wo wäre aber dann
der andere Weg. Ich meine, daß es der Weg
ist, den Hitler nicht gegangen ist: der
Weg der Nichtprogramme, der
Nichtphilosophie, des Unsagbaren, der
Weg des ganz lokalen irdischen Tuns
jedes einzelnen. Das Steigen auf den Baum
kann beschrieben werden als das
Hinabsteigen jedes einzelnen in sich -
und dies muß ohne Programme passieren,
jedes Programm macht es zur Politik, es
ist wichtig, daß sich jeder dort erst
mal verliert, aber kein Programm kann
gewährleisten, daß er daraus wieder
auftaucht oder irgendein vorhersagbares
Ergebnis erscheint. Wir werden
aussetzen müssen, aussetzen mit diesen
ganzen Herausforderungen, aussetzen
auch mit der Sorge, man wird seiner Verzweiflung
sich ein Stück überlassen
müssen. Jeder, wenn er so weit ist.
Du kannst es von den Jüngeren weniger
verlangen als von den Älteren, von
unserer Generation, die jetzt in die
zweite Lebenshälfte tritt, kannst
du es eher verlangen als von den jungen
Leuten, die müssen erst mal eine
Weile rumspielen mit den ganzen Maschinchen.
Insofern kann ich nur sagen: Es gibt nichts
zu tun, packen wir's an. Das
klingt sehr unbefriedigend und soll es
auch, weil niemand soll sich daran
zufriedenstellen können, niemand
es als Hinweis nehmen, jeder soll nur
wissen, es gibt irgendwo ein Ende unsereres
menschlichen Denkens und
Verhaltens, und dieses Ende wird er persönlich
erleben müssen, keine Partei,
keine Politik, keine Philosophie kann
es ihm nennen.
Und doch meine ich, daß die Beobachtung
einem ermöglicht, zu sehen, daß
zunehmend Leute in diesen Dingen Erfahrung
haben und ein öffentlicher Diskurs
darüber, der noch kaum stattfindet,
sich langsam anbahnt. Die 68er Revolte
ist, genau betrachtet, eine Verweiblichung
der Welt, d.h. die Entsorgung
jedes politisch-männlichen, machenden
Konzepts der Gestaltung der Welt. Daß
Verweiblichung gleich die Frauen sind,
das ist auch wieder so eine
projektive, grobstoffliche Verwechslung,
aus der allerdings heute die
Frauenbewegung ihre Kraft zieht.
Dein Buch "Theoria difusa" ist gerade als
Taschenbuch herausgekommen, mir und
anderen, die das Buch gelesen haben, scheint
es sozusagen auf sehr hohem Ast
geschrieben, also hier unten ziemlich
abstrakt und wenig verständlich - wie
soll darüber ein Diskurs zustandekommen?
In Zukunft möchte ich gerne Talkshows
machen, mit Leuten reden und zeigen,
daß das kein hoher Ast ist, daß
eigentlich alle darauf sitzen, auch wenn sie
es nicht merken. Ich hab es schon einige
Male probiert, und es klappt ganz
gut. Natürlich auch hier das Problem
wie beim Schreiben: Es gibt noch keinen
Diskurs, es gibt noch keine Worte dafür,
das ist sehr ernst zu nehmen. Was
ich im Buch versucht habe, ist mit Versatzstücken
ein paar Lücken in unsere
Wortwelt zu hauen, in denen etwas von
dieser Ruhe, dem Schweigen, dem
Unsagbaren spürbar wird, und jeden,
der es zuläßt, dazu zu verleiten,
ungeschützt, im Freien, im Offenen
dazustehen. Ich weiß, daß man davon nichts
sagen kann. Leute wie Bhagwan zum Beispiel
sagen viel zu viel dazu und
glauben, sie würden es sagen. Sie
sind "zu wahr", sie wollen wahr
sein und können es nicht sein, sie
können im besten Fall eine Atmosphäre
schaffen, und ich finde, daß sie
zuviel von dieser Atmosphäre selber sein
wollen. In diesen Gesprächen will
ich nicht darüber reden, sondern wesentlich
Entsorgungsarbeit leisten, insofern, als
etwas von dieser Leere, dieser
Offenheit, Platz erhält, jenseits
von dem projektiven Lärm des alltäglichen
Geschwätzes. Das soll nicht leer
und nichtunterhaltsam werden, sondern im
Gegenteil: die höchste Unterhaltung,
auch im Fernseh -Begriff. Ich hasse
nichtunterhaltsame Sachen und insofern
auch mein Buch, ich lese es selber
nicht.
Warum eine "Diffuse Theorie", wo doch eigentlich
alles klar ist. Wenn wir uns
die Erde von oben angucken, sehen wir:
Sie läuft gut wie sie läuft. Auch wenn
auf dem Zebrastreifen hier gegenüber
wöchentlich fünf Leute totgefahren
werden und jeden Tag Tausende verhungern:
Sie läuft gut. Gegenwart ohne
Tränen ist eine Illusion. Ist dann
aber die von dir angesprochene
Verweiblichung nicht eine falsche Harmonisierung,
insofern, als es den
leidvollen Konflikt zwischen Männern
und Frauen immer geben wird, auch wenn
wir uns gesellschaftlich hier bemühen,
Gleichberechtigung herzustellen und
männliche Überlegenheit abzurüsten.
Aber ohne die Polarität männlich/weiblich
wäre das ganze Erdenspiel doch die
totale Langeweile.
Was die "erdige" Praxis betrifft, ist meine
Aussage eindeutig: Wenn ich heute
die Zeichen, die Schriften lese, scheint
mir klar, die Frauen wollen
Erfahrungen machen mit ihrem Männlichen
und die Männer mit ihrem Weiblichen,
offensichtlich mehr als bisher, wir müssen
da bestimmte tradierte Dinge
erneut erfinden in uns, und bei der Frage,
wie das technisch gehen soll, sage
ich ganz klar: Alle weltliche Macht den
Frauen und alle beratende Ohnmacht
den Männern. Ich selber lebe das
so, es ist quälend und schrecklich genug,
aber ich glaube, daß es das Wahrste
ist, was ich tun kann. Ein solches Leben
ist meiner Ansicht nach Voraussetzung
für Politik. Das heißt nicht, daß es
für immer so sein wird, daß
diese Frauenkörper männliche Machtspiele spielen
werden, aber es ist notwendig, um schnellstmöglich
diesen
Erfahrungsunterschied aufzufüllen,
der uns voneinander trennt. Für die Männer
heißt das, in diese Ohnmacht einzutreten,
d.h. zurückzutreten, das projektive
Machen aufzugeben, untätig zu werden,
eine Frau zu werden und der Frau alle
Macht zu übergeben. Das ist der erste
und notwendige Schritt, und jeder Mann
muß sich fragen: Wieviel tue ich
dafür? Wer setzt z.B. seine ganze Intensität
ein, sein Handeln einzustellen und all
das, was er weiß, der Frau zur
Verfügung zu stellen, damit sie so
schnell es geht so potent und mächtig wie
möglich wird und diese Männererfahrung
nachholen kann? Das sehe ich in der
Linken genausowenig wie sonstwo, bei den
Grünen wird rotiert, die
Alternativen haben eine gewisse Lebenspraxis
- das ist alles dürftig genug,
aber darin liegen Ansätze von Utopie.
Und jeder sollte für sich überprüfen,
wie er solch eine Praxis für sich
ernsthafter angehen kann. Und vielleicht,
wenn er kann, dann irgendwann wieder ins
Gespräch darüber treten obwohl es
ihm erst mal die Sprache rauben wird.
Das ganze Geschwätz bleibt einem im
Halse stecken. Dieses Buch zeigt einen
Teil dieser Sprachlosigkeit an, es
sollte was von der Schwierigkeit, der
Verzweiflung deutlich machen. Zum
Beispiel dieses Gespräch zwischen
Männern und Frauen in der Mitte des Buchs,
fast jeder, der das las, sagte: grauenhaft.
Und niemand versteht, daß genau
das Grauenhafte der Sinn dieses Buchs
sein kann, daß dies der Entsorgung
dient und nicht dem positiven neuen Projekt,
das Bücher ja meistens verkünden
sollen, sondern eher dem Ende der Projekte,
das ich nicht verkünde, sondern
versuche erfahrbar zu machen. Bücher,
Klugheiten, Weisheiten sollen immer
Plussummenspiele sein - ein Buch, das
die Spiele aufhebt, das die Nullsumme
als Gott vertritt, ist schwer zu ertragen.
Weil es paradox ist. Um es mal digitalisiert
auszudrücken: Die Null braucht
die Eins und umgekehrt. Ohne Null funktioniert
kein Computer und auch kein
Mensch. Als Ankömmling auf der Erde
wird der Mensch in ein kaltes, grausames
Nichts, die totale Null, geworfen, und
alle seine Anstrengungen sind darauf
gerichtet, eine Eins zu werden, Identität
zu bekommen. Aus dieser Anstrengung
gegen die Null resultiert die ganze industrielle
Raserei. Können
Nullsummenspiele diesem Prozeß gegensteuern?
Schwierig ist die Antwort im einzelnen,
allgemein ist es einfach: Nichts
wegnehmen, keine Projekte der Askese,
des Verzichts - die Menschen wollen
Gott sein, na dann sollen sie. Wieso sind
die Mittel so unzulänglich, können
wir eigentlich mit den grobstofflichen
Mitteln dieses gewachsene Bedürfnis
nach Göttlichkeit zufriedenstellen?
Nein, wir sehen, daß es zunehmend auf
Kosten anderer geht, auf Kosten des bißchen
Lufts, das wir hier japsen, des
bißchen Erde. Weitere Mobilisierungen
und Projekte können nur dort
stattfinden, wo es Fülle gibt und
Raum und keine Begrenzungen - der
Innenbereich. Und da würde ich sagen:
Versprich ihnen das Blaue vom Himmel
und jag sie da hin.
Die Philosophen, Weisen und Mystiker variieren
seit Jahrtausenden die
zentrale Botschaft: Was innen ist, ist
außen - jeder innere Vorgang eine
äußere Entsprechung.
Wir haben nur noch die äußeren
Entsprechungen und wissen nicht mehr um die
inneren Vorgänge. Die Arbeit, die
dort ansteht, habe ich Schattenarbeit
genannt, obwohl es sich eigentlich nicht
um Schatten handelt, aber es
erscheint uns als Schattenarbeit, was
wir von diesen Entsprechungen innen
aufsuchen müßten, um überhaupt
das Ganze des Seins wahrzunehmen und so auch
im Grobstofflichen zur richtigen Bewegung
zu kommen. Einer der wichtigsten
Punkte in diesem Projekt Abendland mit
seinem "Höhepunkt" Faschismus ist die
Frage des Todes. Die Faszination, die
ungeheure Vollständigkeit des Lebens in
diesem faschistischen Staat bestand ja
darin, daß erstmals auch der Tod mit
hineingenommen wurde in das Lebenskonzept
des Nationalsozialismus: der Krieg,
die maschinelle Vernichtung der "Untermenschen",
diese ganzen fürchterlichen
Schatten, die wir immer nur als das Verdrängte
gehandhabt haben, als das
Böse, das gegen das flecklose Gute
keine Position hatte. Die Einbeziehung des
Todes ist die ungeheure Lehre, die Hitler
uns hinterlassen hat, und wir wagen
noch nicht, sie genauer anzuschauen. Deshalb
habe ich in dem Buch versucht,
die Gelassenheit, die ich ein bißchen
zu haben glaube, zu überprüfen an
unseren schrecklichsten Projekten, an
Massenmord, Krieg und Folter, - mit der
Frage: Kannst du daran bestehen, sind
das Visionen, Utopien? Nach dem Motto:
Sage mir das Schrecklichste, was dir einfällt,
und ich sage dir, wer du bist,
die Utopie, die dahintersteckt. Das ist
ein großes Problem, weil die
Todesfrage eine ist, die im ganzen abendländischen
Projekt nicht besteht,
unser ganzes Rennen ist ein Davonlaufen
vor dem Tode, und hier
Erfahrungsmöglichkeiten zu schaffen,
ist nicht einfach. Um diese Frage aber
werden wir nicht herumkommen, wir haben
die ganze Zeit über positive Projekte
gesprochen - irgendwie "Schöner leben"
-, aber wir haben nicht davon
gesprochen, daß es auch den Ausstieg
aus dem Körper gibt und daß wir das
studieren müssen. Denn das ist die
letzte Frage und die letzte unbewältigte -
und damit Angst, Projekte, Projektile
machende - Angelegenheit. Da ist das
Problem, daß dieses Feld von den
Religionen besetzt ist, von unserer eigenen
nicht einmal besonders gut. Und da wieder
zu einer Wissenschaft zu
gelangen - weg von den Religionen, den
Glaubens-, und
Irrationalismusbekenntnissen - wäre
eine wichtige Sache - hin zu dem, was
Wissen einmal war, nämlich nicht
bloß technologisches, intellektualisiertes,
funktionalisiertes, sondern wirkliche
Wissenschaft, Aufklärung in einem so
erhabenen Sinne, wie wir ihn uns unter
diesem heute so heruntergekommenen
Begriff gar nicht vorstellen können.
Diese Wissenschaft ist zunächst
unprogrammierbar, das macht aber nichts,
wir müssen uns erst mal entsorgen
von den alten Wissenschaften, d.h. wir
müssen sie alle zu Schanden reiten,
was ja gerade auch passiert. Dies müssen
wir erkennen als das Behältnis einer
neuen Utopie, einer Wissenschaft, die
im Laboratorium des je eigenen Körpers
beginnen muß.
Das Gespräch führte Mathias
Bröcker"