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Autonome planen Millenniums-Krawall

Bundesweite Aufrufe zum "Classwar 2000" - Eine Million Partygäste und 8600 Polizisten in Berlin
Von Andreas Baumann

 Wenn zum Jahrtausendwechsel die Raketen in den Berliner Nachthimmel zischen, werden sich hunderttausende Besucher aus aller Welt auf den Straßen tummeln. Allein zwischen Alexanderplatz und Großem Stern erwartet die Polizei eine Million Partygäste. Doch unter den Berlin-Touristen werden höchstwahrscheinlich auch einige hundert Menschen sein, die das Gedränge für eine ganz besondere Millenniums-Feier nutzen wollen - eine mit Molotowcocktails, Baseballschlägern und Pflastersteinen.

 Die Polizei geht davon aus, dass die linke Gewalt-Szene Silvester zuschlägt; womöglich wird es Szenen geben, die man bislang nur von den alljährlichen Mai-Krawallen in Berlin kannte. Im Internet und auf Plakaten kündigen die Linksextremen ein "Fest der Ausgegrenzten" unter dem Motto "Classwar 2000" an. "Für die Feierlichkeiten der Bonzen wird ein Teil des historischen Berlin abgesperrt", heißt es in den Aufrufen. Und: "Kommt, wir sind der Partyservice! Wir als radikale Linke werden das Spektakel gebührend beantworten." Man werde ein "Signal gegen Elite und Großmachttaumel der Berliner Republik" setzen.

 Die gewaltbereiten Linken mobilisieren ihre Anhänger bundesweit. Plakate wurden laut Polizei unter anderem im sächsischen Freiberg und an der Universität Göttingen gefunden. Die dortige Autonomen-Gruppe gilt unter Geheimdienstlern als wichtige Schaltstelle im deutschen Netzwerk der extremen Linken. Auch über den Server der Universität Trier werde zum Millenniums-Krawall aufgerufen. In einer Analyse aus dem Lagezentrum der Berliner Polizei heißt es denn auch, mit "unfriedlichen Aktionen" sei zu rechnen.

 Die Polizei stellt sich auf eine "Großdemonstration" am späten Nachmittag ein. Konkrete Hinweise auf den Ort lägen noch nicht vor, heißt es beim Staatsschutz. Fünf Hundertschaften der Bereitschaftspolizei werden deshalb als eine Art schnelle Eingreiftruppe in Reserve gehalten. Berlin wird ohnehin einem Heerlager gleichen: Unter anderem wegen möglicher Computer-Probleme ist der Einsatz von rund 8600 Polizisten und BGS-Beamten geplant. Mannschaftswagen sollen überall in der Stadt postiert werden, falls Notrufe nach einem Zusammenbruch des Telefonnetzes nicht funktionieren.

 Eine Internet-Ankündigung der "Antifaschistischen Liste Göttingen" deutet darauf hin, dass die Linksextremen in der "Neuen Mitte" zuschlagen wollen. Schon im September hatten rund 60 mutmaßliche Autonome das Kaufhaus Galeries Lafayette in der Friedrichstraße gestürmt, Regale zertrümmert und Ware geplündert. "Seitdem haben wir während bestimmter Demonstrationen Polizeischutz vor dem Haus", sagte Geschäftsführer Patrice Wagner. "Ich gehe davon aus, dass dies Silvester auch so sein wird." Über die "Classwar"-Drohungen war Galeries Lafayette durch die Polizei bisher ebenso wenig informiert wie das Adlon. Das Hotel wird nach Auskunft einer Sprecherin seine eigenen Sicherheitsmaßnahmen für Silvester verstärken... DW

Die Welt vom 8.12.99