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APO-Veteranen auf dem Eilmarsch 
Wo bitte ist das Ende der Pißrinne?
Fast fühlt sich der geneigte Beobachter ein wenig an die »guten alten Zeiten« im Vorfeld der 68er-Revolte erinnert. In Berlin, dem ehemaligen Zentrum der Bewegung, der Stadt, in der Rudi Dutschke zu bundesweiter Bekanntheit gelangte und zum Staatsfeind Nr.1 wurde, regen sich wieder einige frühere Kader des schon legendären Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Monatliche Treffen sind angesetzt worden, um wieder wie in früheren Tagen inhaltlich zu debattieren. Ebenfalls wie damals gibt es selbstverständlich keine übereinstimmenden Einschätzungen, Minimalkonsens ist angesagt. Man ist älter geworden, und die Zahl der Beteiligten hat stark abgenommen. Vor allem aber versucht man/frau nicht mehr, Zukunftskonzepte für eine sozialistische, herrschaftsfreie Gesellschaft zu entwerfen, sondern beschäftigt sich vorwiegend mit der Beantwortung der Frage, wo die Ursache für den scheinbar unaufhaltsamen Marsch einiger, zuweilen nicht ganz unwichtiger Aktivisten der 68er-Kampfzeit nach rechtsaußen zu suchen ist. 

Der rein psychologische Ansatz dürfte für die Erklärung nicht hinreichend sein, obwohl Eitelkeit und Geltungsstreben in einigen Fällen durchaus eine Rolle spielen mögen. Bernd Rabehl zum Beispiel, einer der jüngsten Belege für den Marsch nach rechts, der sich noch immer gern als engster Mitstreiter Rudi Dutschkes feiern läßt, hat es zwar zum Professor an der FU Berlin gebracht, vorzeigbare wissenschaftliche Leistungen jedoch sind eher Mangelware bei ihm. 

Nicht nur der alte Schwung ist hin, sondern auch der alte Glanz. Der einstmals propagierte »Lange Marsch« hat ihn in die Institutionen geführt. 

Und zuletzt führte er ihn zu den ehemaligen Erzgegnern - den Korporierten. Ausgerechnet der Münchner Burschenschaft Danubia, einer der wichtigsten Vertreterinnen des radikal-völkischen Flügels des Dachverbandes, der Deutschen Burschenschaft, und Wortführerin in deren eindeutig zur extremen Rechten zu zählenden Fraktion, der Burschenschaftlichen Gemeinschaft, stand er bei deren jüngsten Bogenhauser Gesprächen im Spätherbst 1998 als Referent zur Verfügung. 

Von seinem dort gehaltenen Referat kursieren inzwischen mehrere, inhaltlich voneinander abweichende Versionen. Es bedürfte schon der Fähigkeiten eines Colombo, herauszufinden, welche davon tatsächlich gehalten worden ist. In einem Faktum aber stimmen alle Fassungen überein. Rabehl verwahrt sich gegen die Behauptung, er habe als Referent für die Freie Deutsche Sommeruniversität, die Nachfolgeveranstaltung für die Sommeruni die »Jungen Freiheit«, im vergangenen August zugesagt. Den entsprechenden Artikel im »Blick nach rechts« allerdings scheint er nicht gelesen zu haben, denn dieses Blatt erhält von ihm in der Einleitung seines Vortrags den neuen Titel »Die Linke beobachtet die Rechte«. Er bestreitet vehement, an der Veranstaltung in Prag beteiligt gewesen zu sein. Nun, der geplante Ort war leider in dem Artikel gar nicht erwähnt worden. Mangelhafte Quellenarbeit rächt sich immer. Als Professor sollte Rabehl das eigentlich wissen. Und natürlich hat er dort auch gar nicht referiert - auch das war ebenfalls natürlich nicht behauptet worden -, da die Veranstaltung ausfiel. Nicht bestreiten läßt sich allerdings, daß er ohne Vorbehaltsvermerk als Referent zum Thema »Die Nationalrevolutionäre von 1968« angekündigt war. 

Soviel zur Glaubwürdigkeit des APO-Veteranen Rabehl. Doch bei der Danubia ging es ihm in seinem Vortrag »1968 - Symbol und Mythos« auch weniger um Wahrhaftigkeit als um Geschichtsrevision. Nach der »Revision« der Geschichtsschreibung der NS-Zeit soll jetzt offenbar die Geschichte der Studierendenrevolte umgeschrieben werden. Der wesentliche antifaschistische Impetus dieser Revolte, die Rebellion gegen die Vätergeneration, die hartnäckig über ihre Rolle in der NS-Zeit schwieg, der grundlegend demokratische, auf eine herrschaftsfreie Gesellschaft zielende Gehalt des damaligen Geschehens spielt für ihn in seinen Analysen keine Rolle mehr. Rabehl geht es um eine nationalistische Wende, von der er behauptet, daß sie das Charakteristikum von 1968 gewesen sei. 

An seinem früheren Mitstreiter Dutschke wird grob vereinfachend dessen Befürwortung der Vereinigung von DDR und BRD unter bestimmten Voraussetzungen hervorgehoben, Dutschke letzlich zu einem nationalistischen Denker umgedeutet. Auch wenn manches an den Ansätzen Dutschkes in diesem Bereich diskussionswürdig sein mag: diese Verfälschung und Verballhornung hat er nicht verdient. 

Rabehl hat seine Liebe zur Nation entdeckt. Sein Fazit heute: die 68er seien letztlich »nützliche Idioten« gewesen, da sie trotz ihres verbalen Antiamerikanismus die Westintegration und damit die Amerikanisierung Deutschlands gefördert hätten. Die »reeducation« (Umerziehung), die trotz der Anstrengungen der Alliierten bis zu diesem Zeitpunkt nur punktuell erfolgreich gewesen sei, sei von der Studierendenbewegung fortgesetzt und popularisiert worden. Das antifaschistische Handeln gerinnt in dieser Deutung zur Handlangertätigkeit für die US-Amerikaner. Als Ergebnis dieses Prozesses sei Deutschland seiner alten Eliten entfremdet und zunehmend seiner Identität beraubt worden. Da nunmehr der »Wille zur Bewahrung des Eigenen« kaum noch vorhanden sei, könne dies zu einer »schleichenden Selbstzerstörung« führen. 

So weit, so schlecht. Inhaltlich ist all dies nicht neu. Nachzulesen waren solche Sentenzen bereits vor etlichen Jahren in den Schriften der klügeren der »neu«rechten Akteure (von Theoretikern oder Intellektuellen mag ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen), besonders bei dem früheren Heidelberger Prof. Hans-Joachim Arndt. Inzwischen sind diese Inhalte selbst von der NPD aufgenommen worden. Der Mut zum »Tabubruch« gehört also nicht mehr dazu, wenn Rabehl heute solch seltsame Erkenntnisse seinem mehr als geneigten Korporiertenpublikum vorbringt. 

Erstaunlich ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der Rabehl sich nach seinem Outing weiter nach rechts bewegt. Um es drastisch auszudrücken: ein Ende der Pißrinne ist nicht in Sicht. Der »neu«rechte Informationsdienst »DESG-inform« (10-12/98) kündigte an, daß uns wieder einmal eine »Sammlungsbewegung jenseits von links und rechts« ins Haus steht. Der Text werde demnächst in der nationalrevolutionären Zeitschrift »Wir selbst« (3-4/98) erscheinen. Diesmal handelt es sich um eine Dreierbande, die zum Sammeln bläst. 

Neben Rabehl finden wir zwei weitere alte Bekannte aus 68er-Zeiten und zuvor. Peter Furth ist inzwischen emeritierter Prof. an der FU Berlin. Er ist Mitverfasser der noch immer maßgeblichen Arbeit über die neofaschistische Sozialistische Reichspartei. Politisch bewegte er sich im Umfeld der »Argument«-Clubs und des SDS-Freundeskreises. 1968 war seine rebellische Phase altersbedingt zwar bereits beendet, aber noch in den achtziger Jahren finden wir ihn als Autor in der linken Zeitschrift »Düsseldorfer Debatte«. Er referierte im letzten Herbst gemeinsam mit Rabehl bei den Danuben in München. 

Zwar wurde sein Vortrag dort von den anwesenden Burschen längst nicht so enthusiastisch gefeiert wie der von Rabehl, da er sich immerhin um ein wissenschaftliches Abstraktionsniveau bemühte und nicht einfach populistisch die Sau rausließ wie sein Mitreferent, aber für Hans-Dietrich Sander, den Herausgeber der »Staatsbriefe«, waren die neuen Positionen Furths wohl so aufschlußreich, daß er sich zum Abdruck eines längeren Beitrages aus der Feder des Emeritus entschloß. Der gleiche Artikel war zuvor sowohl vom »Tagesspiegel« als auch von der FAZ abgelehnt worden. 

Zum dritten der nationalistischen Musketiere, Rechtsanwalt Horst Mahler, erübrigen sich Ausführungen an dieser Stelle. Alles Notwendige ist bereits von Alfred Schobert in »Konkret« 2/99 zu Person, Positionen und Vita gesagt worden. Fehlt nur noch ein Hinweis: auch Mahler war am 5./6. Dezember als Referent beim Seminar der Danubia zu Gast. 

Nun mag man Rabehl und Furth so manches Schlechte nachsagen. Aber immerhin sind sie konsequent: sie sind zu radikalen Nationalisten geworden, stehen dazu und propagieren es. Man mag darüber spekulieren, ob es Hans-Ulrich Kopp war, der Rabehl zur Danubia brachte, da er sowohl führend bei der Akademischen Ferialverbindung Rugia zu Karlsbad ist, die die ausgefallene Sommeruniversität durchführen wollte, als auch in der Altherrenschaft der Münchener Burschenschaft, oder ob der Kontakt eher durch Sascha Jung hergestellt wurde, den Initiator des nationalsozialdemokratischen »Hofgeismarer Kreises« und heutigen Chargierten der Danubia. Im letzteren Fall könnte der Alt-68er Tilman Fichter, der heute nicht ohne Einfluß in der SPD ist, vermittelnd gewirkt habe, da er Sascha Jung und dessen Freunde bereits in den gegen sie anhängigen Parteiordnungsverfahren unterstützt hatte. Diese personellen Spekulationen führen nicht zum Kern der Frage. 

Um es an dem Umfeld deutlich zu machen, in dem sich Mahler/ Rabehl/ Furth & Co. inzwischen bewegen: »Wir selbst - Zeitschrift für nationale Identität« fehlt in keinem einigermaßen brauchbaren Buch über die extreme Rechte. Historischer Ursprung aus einer dissidierenden Gruppe der JN, programmatische und strategische Ausrichtung des Blattes werden in der Regel korrekt abgehandelt. Wissenschaftliche Arbeiten speziell zu diesem Blatt sichern die Einschätzung ab: es handelt sich um ein nationalrevolutionäres Projekt, das die Querfrontstrategie betreibt. 

Das ist selbstverständlich ein legitimer Ansatz, wenn man die eigene, eingeschränkte Zielgruppe überwinden will. Und es ist selbstverständlich nie auszuschließen, daß sich trotzdem einige (ex)-Linke auf eine Kooperation mit dem Blatt einlassen. Wir alle wissen, daß die Intelligenz nicht gerade mit Kübeln über die deutsche Linke geschüttet wurde. Beispiele in der Vergangenheit für eine erfolgreiche Arbeit am Crossover bei »Wir selbst« waren u.a. der alte Bündische und Edelweißpirat Paulus Buscher, der nach dem Krieg lange in VVN und KPD in NRW aktiv war, oder unlängst der maoistische Grüne Dieter Schütt aus Hamburg. 

Trotzdem kann der Autor dieser Zeilen nicht verhehlen, daß er jedesmal ein wenig verwirrt ist, bekannte Namen unter den Mitarbeitenden von »Wir selbst« zu finden, die ihre Intelligenz bereits mehr als einmal unter Beweis gestellt haben. Dies gilt z.B. für den sozialdemokratischen Professor Arno Klönne, einen Mitbegründer des Sozialistischen Büros, der sich einen Namen nicht nur als Historiker der Arbeitendenbewegung gemacht hat, sondern berechtigt auch als ausgewiesener Experte für die extreme Rechte gilt. Wenn alle ähnlich sauber und fundiert arbeiteten wie er, dann wäre es um die deutsche universitäre Rechtsextremismusforschung besser bestellt. 

Nur wenn es sich um ihn selbst handelt, dann gehen ihm offenbar die Gäule durch. Bereits vor etlichen Jahren gab er dem Blatt die Erlaubnis zur Zweitverwertung eines Beitrages. Darauf angesprochen, erläuterte er, daß er irrtümlich geglaubt habe, eine Debatte mit diesem Zirkel sei möglich und sinnvoll. Inzwischen glaube er das nicht mehr, weitere Beiträge werde es nicht geben. Gibt es auch nicht, aber dafür in der vorliegenden Ausgabe ein langes Interview, das er dem Herausgeber Siegfried Bublies gewährt hat. 

Welcher Teufel hat den schweizerischen nonkonformen Sozialdemokraten Jean Ziegler, der zur linken Debatte wichtige Anstöße gegeben hat und gibt, geritten, für »Wir selbst« zu schreiben? Fühlt sich der Dichter Hans-Magnus Enzensberger, auch er ein ehemaliger Linker, inzwischen in solcher Umgebung wohl? Was hat Frank Böckelmann getrieben, ansonsten Mitherausgeber der stets anregenden Zeitschrift »Tumult«? Fragen über Fragen. 

Nur eine sichere Antwort gibt es im Moment: es sind gerade Alt-68er, frühere Kader des SDS, die die Theoriedebatte der extremen Rechten vorantreiben. Ein letztes Beispiel dafür sei angeführt, die »Kanonische Erklärung zur Bewegung von 1968«. Zu den Unterzeichnern gehört erwartungsgemäß Horst Mahler, daneben der Frankfurter Günter Maschke (»der Rudi Dutschke von Wien«) und der Hamburger Reinhold Oberlercher, der inzwischen wohl seinen Versuch aufgegeben hat, den Marxismus in Formeln zu fassen. In ihrer zum Jahresende veröffentlichten Erklärung heißt es in der Einleitung unter Übernahme des kulturkonservativen Duktus: »Die 68er-Bewegung steht nicht für die Amerikanisierung der Welt, nicht für die Zerstörung der Völker und der Familien durch Kommerzialisierung von allem und jedem, nicht für die Ausbreitung von Job-Mentalität, schlechter Musik, Pornographie, Rauschgift, Kapital, Verbrechen und Kapitalverbrechen - sie steht für das Gegenteil.« In Artikel 3 wird die Bewegung als »Aufstand gegen eine Besatzungsmacht« interpretiert, um im anschließenden Artikel eine offenherzige Positionsbestimmung vorzunehmen: »Das deutsche '68 war der zweite deutsche Revolutionsversuch gegen die Weltherrschaft des Kapitals. Deswegen wurde er als 'linker Faschismus' tituliert.« Die Neue Linke insgesamt sei eine nationalrevolutionäre Bewegung gewesen. 

Noch Fragen? Ich habe keine mehr. Oder höchstens noch eine: Für wieviel Personen ist noch Platz an der Pißrinne und wer steht an ihrem Ende? Nicht, daß ich mich anstellen will, aber schubsen möchte ich schon gern. 

von Jean Cremet

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