zurück

«Spaziergang» unter Polizeischutz

Trotz Verbots der Luxemburg-Demonstration begaben sich 1000 Unentwegte auf Gedenkmarsch

Von Kai Ritzmann MOPO 10.1.00
Mehr einem absurden Spiel als einer politischen Versammlung glich gestern der Aufmarsch von rund 1000 Unverdrossenen, die trotz des Verbots der Polizei an einem Demonstrationszug teilnahmen, der sich im Zickzackkurs vom Frankfurter Tor quer durch Friedrichshain und Mitte bewegte. Der Erlass, auf den traditionellen Besuch der «Gedenkstätte der Sozialisten» zu verzichten, war ausgesprochen worden, nachdem am Freitag die Drohung eines von der Polizei gesuchten Mannes eingegangen war, während der Veranstaltung ein «Blutbad» anzurichten (wir berichteten). Nachdem die Polizei um 10 Uhr dazu aufgefordert hat, sich zu zerstreuen, formiert sich dennoch eine Kolonne, die sich den Weg zum Gebäude des «Neuen Deutschland» an der Straße der Pariser Kommune bahnt, um anschließend den Platz der Vereinten Nationen anzusteuern.

So geht es, von der Polizei eskortiert, friedlich und von der Öffentlichkeit nahezu unbeachtet, auf sonntagsleeren Nebenwegen vorbei an ausgemusterten Weihnachtstannen und parkenden Autos. Nur hinter dem Bezirksamt Mitte muss ein vietnamesischer Blumenhändler vor der plötzlich anrückenden Kundgebung seine Bestände rasch in Sicherheit bringen. Unter den Teilnehmern, meist junge schwarzgekleidete Leute und Anhänger verschiedener linker Gruppierungen, fehlen die Mitglieder der PDS fast ganz. Sie, die jedes Jahr zu Zehntausenden zur Ehrung Karls Liebknechts und Rosa Luxemburgs schreiten, haben sich durchweg an das von ihrer Partei akzeptierte Verbot gehalten.

Am Morgen hatte Polizeipräsident Hagen Saberschinsky vor den mit dicken Ketten gesicherten Toren der Gedenkstätte versichert, dass seine Einsatzkräfte die Einhaltung des Versammlungsverbots «gewährleisten» würden. Dafür rechne er «weitgehend mit Verständnis». Schließlich sei die Entscheidung «sehr sorgfältig» abgewägt worden. Doch ohne den Erlass hätte die «Unversehrtheit» der Demonstrationsteilnehmer «nicht sichergestellt» werden können.

«Ich sage nur: Geheimdienst!» äußert sich eine Stunde später am Frankfurter Tor ein älterer Herr und will durchaus nicht an eine tatsächliche Gefährdung glauben. «Sabotageakt» ruft ein anderer. «Auf jeden Fall», untermauert ein Dritter die Verschwörungstheorie, «will man in Berlin keine linken Großdemonstrationen mehr haben.» Eine Rentnerin («DKP-nah»), die seit dem Krieg die Luxemburg-Feiern kennt, zeigt sich «zornig». Eine Veranstaltung am Brandenburger Tor wäre wohl nicht abgesagt worden. Und Jürgen, ein Kommunist aus Hamburg, sagt, Menschen wie er seien «bereit, die Gefahr in Kauf zu nehmen».

Auf dem Platz der Vereinten Nationen, auf dem die Polizei den Vormarsch energisch stoppt und erneut nachdrücklich dessen Auflösung fordert, kommt es zu ersten Rangeleien mit den behelmten Polizisten. Als die Demo-Teilnehmer zurück zur Frankfurter Allee aufbrechen, droht der zu diesem Zeitpunkt ohnehin ungeordnete Zug außer Kontrolle zu geraten. Vereinzelt fliegen Steine gegen die grünen Transporter, daraufhin kommt es zu weiteren Handgreiflichkeiten und einigen Festnahmen. Verletzt aber wird, nach einer Bilanz der Polizei, niemand.

Weiterhin von den Ordnungshütern begleitet, findet man gegen 12.30 Uhr erneut zur Karl-Marx-Allee zurück und wandert wieder auf den Ausgangspunkt zu. In Höhe des Kosmos-Kinos erwartet den inzwischen dezimierten Trupp ein Polizeiaufgebot mit Pferden und entschlossen kläffenden Hunden. Ein unentwegter Rest schlägt sich noch bis zum Frankfurter Tor durch, wo sich der Zug aber noch vor 14 Uhr auflöst. Ein Polizeisprecher bezeichnet den Einsatz als «erfolgreich». Der «Spaziergang» sei ein «Vehikel» gewesen, das Ausschreitungen verhindert habe.

Während des Umzugs bleibt es an der weiträumig abgesperrten Gedenkstätte ruhig. Dort bietet sich am Vormittag ein fast idyllisches Bild. PDS-Mitglieder, die hier über Abriegelung informieren, geben sich staatstragend. «Wie glaubwürdig ist eine Partei, die mit Menschenleben spielt?» rechtfertigt Tina Pfaff, Bezirksvorsteherin aus Pankow, die polizeilichen Anordnungen. Dennoch rechnet sie mit Verärgerung einzelner Genossen. Auch PDS-Mann Wolfgang Kluge stellt eine Frage: «Wie sehr sind wir auf Dauer erpressbar, wenn wir jetzt nachgeben?» Dann gerät er schwer ins Grübeln: «Nächste Woche wird es wohl komplizierter.» Kommenden Sonnabend soll die Demonstration nachgeholt werden.

PDS-Mann Wolfgang Kluge