Weg mit dem System, das sie sanieren wollen!
BUNDESWEITE DEMONSTRATION GEGEN SOZIALKAHLSCHLAG AM 1.11 IN BERLIN
Beginn: 13 Uhr Alexanderplatz

 


Das Märchen von der „Sozialen Marktwirtschaft“ hat zuletzt auch in der „Festung Europa“ ausgedient. Der Traum ist ausgeträumt von der Versöhnung von Massenwohlstand durch Wirtschaftswachstum, von florierenden Unternehmen und gleichzeitiger Vollbeschäftigung, vom Happy-End der Klassengesellschaft im Wohlfahrtsstaat für alle. Die Traumhochzeit von Kapital und abhängigBeschäftigten vor dem Traualtar des Sozialstaates endet gegenwärtig im Fiasko.
Kein Tag vergeht, ohne daß die Medien für „mehr Mut zu Reformen“ agitieren. Und BILD überbietet sich abwechselnd in Hetze gegen angebliche Sozial-Schmarotzer und gegen „untätige“ Politiker. Die Politik läßt sich nicht lumpen. Schröders angekündigte Maßnahmen lassen sogar die neoliberale F.D.P. farblos erscheinen. Etwaige Abweichler mit „sozialem Gewissen“ sind kaltgestellt. Welche Maßnahmen gegen die Leute ergriffen werden, die von sozialstaatlichen Leistungen bitter abhängig sind, entscheidet der Vermittlungsausschuß. Real herrscht in Deutschland eine große Koalition. Eine Opposition ist nicht in Sicht.
Der DGB hält still. Man jammert, daß die Deutschland-AG-Partei keine „Arbeitnehmer-Interessen“ mehr vertritt. Und man lamentiert, daß die SPD, ihr „sozialpolitisches Profil“ verliert - als ob die Gewerkschaft der Wahlkampf-Berater Schröders wäre. Parallel zu ihren erbärmlichen Appellen an die Politiker hat die DGB-Führung nicht etwa den Unmut gegen die „Agenda 2010“, der zumindest in Teilen seiner Basis herrscht, organisiert. Als wollte man von der „Agenda 2010“ ablenken, hat sie im Sommer Kampfmaßnahmen für die nationale Gerechtigkeit mit ostdeutschen Kollegen angeleiert. Sie haben im „Standort Deutschland“, dem diese Gewerkschaft niemals schaden würde, auch weiter die Rolle als Billiglöhner zu spielen. Daher wurde die Niederlage von der Mehrheit der IGMetall-Führung gegenüber der ostdeutschen Basis in Kauf genommen. Das von der IG-Metall-Führung beschlossene Scheitern dient als weiterer „Beweis“ für die Lüge von der Machtlosigkeit der organisierten ArbeiterInnen.
Nein, von den vorhandenen Organisationen und Parteien, die mitdem Markenzeichen „sozial“ ihre Erfolge gefeiert haben, ist nichts zu erwarten. Eine radikale Opposition gegen „unseren Staat“ und seine staatstragenden Organisationen ist überfällig.
Dabei ist doch jedem klar, was passieren wird, wenn die große Koalition ihre „Reformvorhaben“ ungehindert durchzieht.
• Die Unternehmen werden weiter hunderttausende von Arbeitsplätzen wegrationalisieren. Ein Wrtschaftswachstum, das diese tatsächliche Ursache des Dilemmas der Arbeitslosen kompensieren könnte, ist absolut utopisch. So wie der Sozialstaat konstruiert ist, werden immer weniger Beschäftigte mit immer niedrigerem Gesamteinkommen immer mehr Sozialfälle finanzieren müssen.
• Mit einer „gerechten“ Besteuerung der Unternehmen ist daran auch nichts zu ändern. Die gesamte deutsche Marktwirtschaft wäre ohne ihre Konkurrenzfähigkeit gegen ausländische Unternehmen schon lange am Ende. Hätte der Exportweltmeister Deutschland nicht jahrelang fremde Märkte erobert und dortige Unternehmen ruiniert, wäre hier der „Wohlstand“ schon längst auf osteuropäischem Niveau. Mit ihrer Effizienz und Rentabilitäthaben die Unternehmer Maßstäbe gesetzt, an die sie sich selber halten müssen. Ein halbwegs menschenwürdiges Leben für die Millionen, die sie im Lauf der Jahre außer Lohn und Brot gesetzt haben, kann eine konkurrenzfähige Wirtschaft tatsächlich nicht finanzieren.
• Tatsächlich ist der „Reformbedarf“ mit der „Agenda 2010“ nie und nimmer beendet. Die Unternehmen, denen es naturgemäß um ihre Rentabilität, und nicht um die Versorgung der Bevölkerung mit Arbeitsplätzen oder gar „Wohlstand“ geht, wird dafür sorgen, daß bald selbst die jämmerlichsten sozialstaatlichen Almosen tatsächlich nicht mehr finanzierbar sind.
Die Marktwirtschaft wird sicher für die nötigen Sachzwänge dafür sorgen, daß Schröder und seine Nachfolger immer mehr „Reformbedarf“ entdecken. Wohin die Reise geht, läßt sich an den „neoliberalen Erfolgen“ von Bush und Blair ablesen.
Diesen Sachzwängen, denen deutsche Politiker im Interesse eines gesunden Staatshaushaltes gerne nachkommen, stehen keine Hindernisse gegenüber, die ihnen ihr (Wahl)-Volk in den Weg legen könnte. Im Gegenteil: kein Tag vergeht, an dem sie ihre Sauereien nicht als „Rettung des Sozialstaates“ verkaufen, die doch im Interesse ihrer Opfer liegen müsse!
Warum eigentlich?
1. Weil die lohnabhängige Klasse in der Marktwirtschaft immer schon abhängig von sozialstaatlichen Leistungen wie Krankenkasse und Rente war, glauben viele, der Sozialstaat würde ausgerechnet für sie „gerettet“. Dieser Glaube ist so tief verwurzelt, daß sich Leute, die vor privaten Geldsorgen nachts nicht mehr schlafen können, sich tatsächlich Sorgen um den Staatshaushalt machen. Aber jede Rücksicht auf die „öffentlichen Kassen“ ist völlig unangebracht. Die Politik nimmt keine Rücksicht auf die privaten Haushalte. Also brauchen wir auch keine Rücksicht auf die Kassen der Politiker zu nehmen, wenn es darum geht, ihre Pläne scheitern zu lassen.
2. Weil viele BezieherInnen von Lohn- und Sozialleistungen sich in ihrer Abhängigkeit privat bislang noch einigermaßen einrichten konnten, glauben sie, es könne und müsse doch so weiter gehen. Sie ähneln einem Menschen, der aus dem Fenster eines Hochhauses gefallen ist und sich bei jedem Stockwerk darüber freut, daß bisher ja noch alles gut gegangen ist. „Mich wird es schon nicht treffen“ ist ein weiterer Irrglaube, der dazu paßt. Dagegen steht die unmißverständliche Ankündigung der großen Koalition der Staatskassen-Sanierer: „Alle müssen Opfer bringen“, zugunsten von Staat Kapital.
3. Daß es keinen organisierten Widerstand gegen die Politiker gibt, für die der Sozialstaat längst nur noch ein Werkzeug für unternehmer-freundliche Arbeitsmarkt-Politik ist, das liegt an den genannten Illusionen. Solange wir nicht in der Lage sind, diesen „Reformern“ ernsthafte Probleme zu bereiten, und das massenhaft deutlich zum Ausdruck bringen, bleibt ihr  "Reformeifer“ genauso unersättlich wie die Rationalisierungswut der Kapitalisten-Wirtschaft.
Die Teilnahme an der Demonstration am 1. November wird sicher nicht massenhaft genug sein. Aber es wäre ein Fehler, nicht daran teil zu nehmen. Es nehmen zwar auch Vereine teil, die nach wie vor (sozial)-staatsfromme Forderungen stellen. Aber es wäre falsch, sie und die restliche Republik nicht damit zu konfrontieren, daß wenigstens ein paar begriffen haben, daß das gesamte System weg gehört. Wir gehen davon aus, daß die Demo dazu beiträgt, daß ein paar Leute mehr bereit sind, organisierten Widerstand zu leisten.
Für uns ist die Demonstration am 1. November nur der Anfang eines überfälligen Prozesses. Er ist ein Kristallisationskeim für die Selbstorganisation aller Menschen, gegen die sich Schröders Politik richtet. Am Ende dieses Prozesses muß es zumindest erfolgreichen Widerstand dagegen geben, daß das bankrotte System weiter auf Kosten der Arbeiterklasse saniert wird.

Anarchistische Gruppe / Rätekommunisten
(www.nadir.org/nadir/initiativ/agr/)
Gruppe Kritik und Diskussion