Selbsternannte Heilsbringer propagieren die Globalisierung
Zum Streitgespräch von GlobalisierungsgegnerInnen mit dem WEF am 2.7. 2001 in Salzburg

von Claudia von Werlhof

Bei der ersten öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Globalisierern und Globalisierungsgegnern in Österreich habe ich auf Seiten der GlobalisierungsgegnerInnen teilgenommen. Die dabei gemachten Erfahrungen möchte ich hier kurz reflektieren.

  1. Die Argumente von GegnerInnen und BefürworterInnen blieben im wessentlichen undiskutiert nebeneinander stehen. Dies lag vor allem daran, dass die BefürworterInnen die Kritik der GegnerInnen überhaupt nicht auf sich bezogen.
  2. Die BefürworterInnnen versuchten im Gegenteil, die Kritik zu vereinnahmen, indem sie sich selbst als KritikerInnen darstellten. Motto: Auch wir sehen Probleme, aber wir sind an ihrer Lösung dran. Von dieser Seite gab es selbstredend keine Infragestellung der Globalisierung selbst. Ein Befürworter, der Global Player Percy Barnevik, drehte den Spieß sogar noch um. Sein Motto: Die Probleme mit der Globalisierung rühren daher, dass es nicht zu viel, sondern zu wenig Globalisierung gibt.

Abgesehen vom Zeitmangel durch die viel zu große Besetzung des Podiums mit 9 Personen (4 BefürworterInnen, 4 GegnerInnen und ein Moderator) hat mich an dieser Diskussion etwas besonders gestört: Das blütenreine Gewissen der GlobalisierungsbefürworterInnen.

Wie ist es möglich, dass ein Barnevik sagen kann, er entschuldige sich nicht dafür, lediglich am Gewinn orientiert zu sein und Globalisierung zu definieren als "die Freiheit für meine Gruppe von Unternehmen...., zu investieren, wo und wann sie will, zu produzieren, was sie will, zu kaufen und zu verkaufen, wo sie will, und die möglichst geringsten Restriktionen zu unterstützen, die aus Arbeitsgesetzen und sozialen Übereinkünften resultieren" (1) ohne das, wie alle anderen, als Skandal anzusehen?

Die Antwort Barneviks ist, dass die Globalisierung angeblich rund 1 Milliarde Menschen, davon ein Drittel Chinesen, aus absoluter Armut erlöst habe. Was sind die Grundlagen einer solchen Behauptung? Es gibt nur eine, das Messen in Geld. In dem Moment, wo jemand an Geld kommt, und seien es auch nur Minibeträge, gilt er als nicht mehr "absolut arm". Das Problem mit dieser Art zu rechen ist jedoch, dass die Kehrseite der Medaille nicht berücksichtig wird: Der mit der Monetarisierung fast immer einhergehende Verlust (der Kontrolle) von Produktions- und allgemein Subsistenzmitteln, die denselben Menschen bisher das Leber ermöglicht haben. Barnevik müsste also die Frage beantworten, wieso er das relativ geldlose Leben als absolute Armut, das Minieinkommen eines um seine Produktions- und Subsistenzmittel Beraubten aber als Befreiung aus solcher Armut ansieht. Die Befragung der Betroffenen würde ziemlich eindeutig ausfallen. Aber die interessiert Barnevik nicht, da er nur ans Geld denkt. Was im Prozeß der "Vergeldung" sonst noch geschieht, ist für ihn bedeutungslos.

Damit ist er aber nicht aus dem Schneider. Denn nur dadurch, dass die Menschen (die Kontrolle über) ihre Produktions- und Subsistenzmittel verlieren, können Barnevik & Co diese für ihre eigenen Interessen verwenden (lassen): zur Neuentstehung von Großgrundbesitz, zur Verallgemeinerung von Warenproduktion und zur Durchsetzung des Marktes als Weltmarkt überall. Barnevik findet das in Ordnung, denn nur dadurch kann er selbst Geld machen, und zwar viel. Und die Menschen könnten nun ja angeblich am Markt kaufen, was sie vorher selber produziert haben, bzw. was Barnevik & Co ihnen an dessen statt inzwischen anbieten.

Die Sache hat vor allem einen Haken: sie stimmt nicht. Susan George, ebenfalls auf der Seite der GlobalisierungsgegnerInnen, sagte daher, dass eine wachsende Zahl von Menschen sich gar nicht mehr am Markt beteiligen könnten. Bereits 50%, in 20 Jahren etwa 70%, befänden sich außerhalb des Marktes, und war nicht "noch", sondern schon. M.a.W., grade die absolute Armut wird mit der Globalisierung erst geschaffen. Sie ist der Zustand, in dem die Leute weder Produktions- und Subsistenzmittel, noch auch nur annähernd ausreichende Geldeinkommen haben. Das Geldeinkommen ist so gering, dass es sie nicht befähigt, wirklich am Markt nachzufragen.

Was würde Barnevik also sagen, wenn man ihn mit diesen von ihm ausgelassenen Zusammenhängen konfrontieren würde? Er würde vermutlich sagen, dass die Globalisierung Einkommen und Beschäftigung auf die Dauer weltweit steigern würde. Nur, beweisen könnte er das nicht. Im Gegenteil, die Konzerne der Global Players beschäftigen derzeit nur 1-2 % aller Lohnempfänger und vernichten ununterbrochen Millionen von kleineren und mittleren Unternehmen, nämlich genau die, die bisher für die meiste Beschäftigung gesorgt haben. Und außerdem zahlen gerade die für die Konzerne produzierenden Plantagen, Sweatshops, Puffs und "freien Produktionszonen" nicht "noch", sondern inzwischen nur noch Löhne von 1-2 Dollar am Tag, sodaß auch außerhalb der südlichen Länder, z.B. in den USA selbst, von einer "neuen Sklaverei" gesprochen wird, die weltweit inzwischen für Hunderte Millionen Menschen gelten soll (2). Hier endet das Argument von Barnevik, der ja selbst dafür ist, nur "die möglichst geringsten Restriktionen .... aus Arbeitsgesetzen und sozialen Übereinkünften..." in Kauf nehmen zu müssen. D.h., er sorgt selbst dafür, dass es auch in Zukunft nicht besser wird. Im Gegenteil, die Globalisierer gingen zunächst in den Süden, um die Kosten für Arbeit – die einzigen weltweit noch verbliebenen "komparativen Kostenvorteile" - auszunutzen (3), um anschließend die drastische Verringerung der Arbeitskosten nach und nach auch im Norden durchzusetzen.

Die empirisch zu beobachtende Gleichzeitigkeit von Globalisierung und Verelendung, Krieg und Entdemokratisierung findet auf diese Weise eine Erklärung. Die "Argumentation" von Herrn Barnevik und sein reines Gewissen beruhen also darauf, dass er die tatsächlichen Zusammenhänge nicht zur Kenntnis nimmt. Er kann daher auch so tun, als sei er ganz "unideologisch" – selbstredend im Gegensatz zu den Globalisierungskritikerinnen. Er setzt eben alles auf eine Karte, das Geld bzw. den "Markt". Bloß, auch dahinter steckt eine Theorie, nämlich die des Monetarismus von Milton Friedman, Friedrich von Hayek und den "Chicago Boys", die für die Premiere des globalen Neoliberalismus in den 70iger Jahren den Diktator Augusto Pinochet in Chile installiert hatten. Diese hinter der Globalisierungspolitik stehende ökonomische Theorie, die Gewaltsamkeit ihrer politischen Durchsetzung, ihr totalitärer Charakter und ihre Folgen in Gestalt der Schaffung von Reichtum für einige und von Armut für fast alle sind zwar für die Global Players, nicht aber für die Mehrheit der Menschen von Vorteil, und zwar auf Dauer. Daran kann überhaupt kein Zweifel mehr bestehen. Herr Barnevik muß also so tun, als hätte er keine Theorie, um zu verhindern, mit den Voraussetzungen und Folgen seines Denkens konfrontiert zu werden. Dazu gehört im übrigen auch das bewusste Auslassen historischer Vergleiche, das es ermöglicht, nicht erkennen zu müssen, wie sehr sich Globalisierung, Kolonialismus und Imperialismus einander gleichen, nur dass dieser Prozeß heute wirklich nichts und niemanden mehr ausläßt, auch die Erfinder dieser Welt-Wirtschaft, die westlichen, bzw. nördlichen Industrieländer selbst nicht. Auch sie werden zur "Kolonie der Konzerne", eben weil Globalisierung genau das bedeutet, was Herr Barnevik darunter versteht.

Der Entzug der Argumentationsbasis und des guten Gewissens kann also einmal auf der Grundlage von Wissen und Information erfolgen. Dazu gehört natürlich auch, dass man darüber hinaus den Beweis für die bewußte Bösartigkeit des Globalisierungsprojekts liefern kann. Z.B. das berühmt-berüchtigte MAI, das multilaterale Abkommen über Investitionen, wurde nicht zufällig im Geheimen verhandelt und sollte gar nicht an die Öffentlichkeit kommen. Dies geschah, weil das MAI, das später am Einspruch Frankreichs und der weltweit beginnenden zivilgesellschaftlichen Antiglobalisierungsbewegung scheiterte, in der Tat die Legalisierung des Plünderungsfeldzugs der Konzerne durch die Welt vorsah. Dazu wäre es eine Art "Ermächtigungsgesetz" in Gestalt einer totalitären Weltverfassung gewesen (4). Auch die Politik von OECD, WTO, IWF und Weltbank, die zum Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften und zu millionenfachem Tod – zumal von Kindern, wie UNICEF feststellt – durch Elend, Hunger und Krieg in aller Welt geführt hat, ist ja nicht auf Naivität oder Irrtum zurückzuführen (5). Daneben stellen die langjährige Planung und Durchführung von bewaffneten Konflikten in aller Welt oder die Zerschlagung Jugoslawiens und der Krieg am Balkan, also eines neuen Krieges mitten in Europa, ja wohl keine menschenfreundlichen Akte dar, obwohl (oder weshalb) sie genau als solche propagiert wurden: als "humanitäre Intervention" (6). Das Geschäft mit dem Militarismus und nicht zuletzt Spekulation statt Produktion – "Investition" ist fast nur mehr Fusion – können auch nicht gerade als ein "Wirtschaften" im positiven Sinne des Wortes angesehen werden. Daneben findet der immer offenere Angriff auf die noch bestehenden Demokratien statt. So ist es nichts Neues, dass etwa die Amerikaner nicht unbedingt zu den Freunden der Demokratie in den Ländern des Südens gehören. Neuerdings wird aber auch die Demokratie im Norden z.B. von der WTO als eine Art altmodisches Auslaufmodell, nämlich als "outmoded" bezeichnet und der Chefberater von Margareth Thatcher, die den Neoliberalismus in England einführte, John Gray, fand: "Globaler Freihandel und Demokratie sind wie Feuer und Wasser" (7). Auch in Österreich wird angesichts der neoliberalen Hochschulreform, die zum Bereich der Privatisierung der Dienstleistungen im Zusammenhang mit den GATS-Verhandlungen der WTO stehen, inzwischen davon geredet, dass die inneruniversitäre Demokratie die "Geschäftsfähigkeit" der Universitäten" behindere (8). Der außenpolitische Berater der US-Regierung der Nachkriegszeit, George Kennan, hatte schließlich schon 1948 davor gewarnt, Illusionen über wachsenden Wohlstand und Demokratie zu verbreiten (9). In einer Fernsehsendung, die ungefähr 2 Jahre zurückliegt, sagte ein Mitglied der damaligen EU-Kommission: "Wenn die Leute wüssten, worüber wir wirklich verhandeln, dann würden sie uns davonjagen!" (bei dieser Sendung hat offenbar die Zensur versagt).

Wir können inzwischen beweisen, wann dieses Projekt, das sich Globalisierung nennt, notwendig beendet sein wird, nämlich spätestens dann, wenn die nicht erneuerbaren Ressourcen der Erde aufgebraucht und damit auch der bisherige technische Fortschritt am Ende ist. Klar ist jedenfalls, und zwar unbestreitbar, dass die westliche Art zu leben auf gar keinen Fall global möglich ist. Ein ökologischer Kollaps wäre die unmittelbare Folge. Warum wird dann aber dennoch ständig weiter so getan, als gäbe es "keine Alternative" zur Ausbreitung des westlichen "way of life"? So muß gefragt werden, wie denn eine wünschenswerte Gesellschaft überhaupt aussieht, und ob die westliche selbst in ihren Zentren überhaupt dazugehört? Sind wir glücklich, sind wir gesund, gehen wir liebevoll miteinander um, sind wir so frei, uns einmal nicht um Geld und Macht kümmern zu müssen? Sind wir tiefempfindende Menschen, haben wir ein gutes Verhältnis zu Tieren und Pflanzen, sind wir klug, weitherzig und tolerant, kennen wir Freundschaft, haben wir Kriminalität, Gewalt und Elend abgeschafft?

Auf der Rückseite der Zeitschrift "The Ecologist" (10) ist das Bild eines Mädchens der Jarawa abgebildet, die seit Tausenden von Jahren auf einer Inselgruppe im Indischen Ozean leben. Die Jarawa sollen jetzt von der indischen Regierung umgesiedelt werden. Das Mädchen auf dem Bild lacht fröhlich, es ist noch voller Wassertropfen, weil es gerade im Ozean gebadet hat, und in seinem Haar befindet sich eine kunstvolle Ansammlung von Muscheln. Der Text dazu lautet: "Welche Wahl hat sie in der Zivilisation"? Die Antwort ist: "Sie wird

Mit welchem Recht zwingt man dieses Mädchen in die westliche "Zivilisation"?

Pamela Hartigan, mein Counterpart bei dem Streitgespräch mit dem WEF, Managerin der Schwab-Foundation, die den WEF in den 70iger Jahren gründete, begann ihren Beitrag folgendermaßen:

"Die Geburt einer neuen Welt steht bevor!" Sie meinte damit die globalisierte Welt, und sie sprach mit Pathos. Wie kann sie dies dem zum Trotz, was wir wissen (können), tun? Und wie kann Herr Barnevik immer noch sagen: "Sie brauchen doch unsere Technik!"?

Wenn wir dem guten Gewissen der Täter ein Ende bereiten wollen, müssen wir also noch etwas anderes als die pure Information, das Denken in Zusammenhängen und das Nichtauslassen der Folgen berücksichtigen: den Glauben. Zum Nihilismus des Globalisierungsprojekts gehört offenbar eine Heilsbotschaft. Sind nicht die ständigen weltweiten Großveranstaltungen von Konzernvertretern und Regierungsoberhäuptern eigentlich Propagandaveranstaltungen selbsternannter Heilsbringer, die der Öffentlichkeit suggerieren sollen, dass das, was gut ist fürs Kapital, auch gut ist für die Menschen? – wie übrigens schon einmal zur NS-Zeit. Sind propere Global Players wie Barnevik ein besserer Ersatz für gewählte Politiker und ist der WEF-Gipfel gar gedacht als Demokratieersatzveranstaltung? Die Gehirnwäsche funktioniert nur, solange noch geglaubt wird. Denn wir wissen ja,

Die totale Verkehrung der bisher (angeblich) gültigen Sicht auf die Welt verweist auf den makaberen Zynismus der Globalisierer. Ihre Heils-Propaganda aber steht und fällt mit dem Missionsgedanken. War es früher das christliche Abendland, so ist es heute der "freie Markt", auch wenn er vor lauter Monopolen längst nicht mehr existiert – oder gar nie existiert hat.

Der Missionsgedanke ist wie Pamela Hartigans Gebärphantasie über die Geburt einer neuen Welt der Kern des Problems mit dem guten Gewissen. Denn heute bedeutet dies, wo nicht ein McDonald's steht, gibt es kein Essen. Weg mit der Garküche am Straßenrand! Der heutige Missionar geht davon aus, dass McDonald's das Beste für alle ist, und er kommt noch nicht einmal auf die Idee, die Betroffenen zu fragen. Und wenn er merkt, dass sie anderer Ansicht sind, dann "erzieht" er sie - und sei es durch die Gewalt der Fakten, die er schafft. Das Rätsel des Geheimnisses des guten Gewissens ist: Der Abriß des Bestehenden wird nicht für Gewalt und Verwüstung gehalten, sondern für die bloße Voraussetzung der schönen neuen Welt des westlichen Lebensstils, genauer: des american way of life (11). Für Percy Barnevik und Pamela Hartigan ist es nicht vorgesehen, dass jemand etwas dagegen haben könnte. Oder dies würde als altmodische Rückständigkeit und Unflexibilität hingestellt.

Die zentrale Frage an Barnevik und Hartigan und die anderen BefürworterInnen der Globalisierung wäre also gewesen: Wie sie eigentlich dazu kommen, das, was andere Leute geschaffen haben, nicht zu respektieren, ja gar zu zerstören, und das auch noch für legitim, ja gut zu heißen? Das ist die einzige Frage, auf die sie letztlich nicht hätten antworten können. Denn das Denken der GlobalisierungsbefürworterInnen setzt eine Religion voraus, in der ein Quasi-Gott existiert (der Markt und das Geld), und sie selbst als eine Art Putzkolonne zur Säuberung der Welt von allem Nichtkonformen und Häretischen fungieren. Sie sind also die Glorreichen, die den Dreck wegmachen und überall schöne, saubere, helle McDonald's hinsetzen. Wer davon redet, dass "sie" doch unsere Technik bräuchten, erkennt gar nicht an, dass "sie" selbst schon eine haben, die noch dazu meist viel besser zu gebrauchen ist. Wahrscheinlich würden sich die globalen Saubermänner und –frauen sogar davor ekeln, das Essen aus der Garküche am Straßenrand überhaupt nur zu versuchen. Auch gefühlsmäßig können sie mit einem Essen, das nicht von McDonald's ist, nichts anfangen. Ja es erscheint ihnen womöglich als gefährlich wenn nicht gar lebensgefährlich. Und weil sie es für lebensgefährlich halten, in der Garküche zu essen, muten sie denen, die dies bisher taten – ohne daran im mindesten gestorben zu sein – ihre eigene, wirkliche Lebensgefährlichkeit zu – McDonald's. Denn ohne Garküche, aber mit McDonald's werden viele Menschen verhungern, und sie tun es längst. Nicht nur, weil das McDonald's-Essen schlecht ist, sondern auch, weil die meisten es gar nicht bezahlen können, und nun keine andere Alternative mehr haben. McDonald's hinterlässt nämlich eine Leere – so wie die moderne Technik, der Weltmarkt und das am Profit orientierte Geld – und diese nicht nur am Ort des Geschehens, sondern auch anderswo, etwa in den Wäldern Amazoniens, die für McDonald's gerodet werden, damit dort für ein paar Jahre die Kühe weiden können, aus denen die Hamburger gemacht werden, bevor schließlich das Weideland in Steppe und Wüste übergegangen ist.... All dies ist es, was José Bové, den französischen Bauern, dazu bewogen hat, eine im Bau befindliche McDonald's-Filiale mit seinem Traktor zu "demontieren" (12).

Die Fortschrittsreligion der GlobalisierungsbefürworterInnen ist ein "alchemistischer" Wunderglaube daran, dass die laufende Annihilation des Lebens, die rasante Naturzerstörung und die beschleunigte Vernichtung anderer Kulturen (oder von deren Resten) kein Verbrechen darstellen, ja noch nicht einmal etwas ausmachen, wenn nicht gar von allen Betroffenen auch noch bejubelt werden, weil ihnen eine schöne neue Welt des technischen und sonstigen Fortschritts nachfolgen werde. Dieser Aberlauben ist noch überall, ja selbst bei GlobalisierungsgegnerInnen verbreitet. Immerhin ist er auch schon ein paar Hundert Jahre alt und macht seit der Kolonisierung der Welt offenbar unser genuin westliches Selbstverständnis aus (13). Der Unterschied zu früher ist nur, dass nun endlich auch mit den letzten Überbleibseln nichtwestlicher Zivilisation sowie deren gar frecher Erneuerung für immer und ewig Schluß gemacht werden soll.

Das Streitgespräch in Salzburg hat damit das eigentliche Dilemma der Debatte um die Globalisierung aufgezeigt, wenngleich dies an Ort und Stelle nicht mehr formuliert werden konnte. Ich bezweifle, ob es bei uns im Westen viele Leute gibt, die wirklich beweisen können, dass ihre "Zivilisation" die "bessere" sei. Es glauben daran aber sicherlich immer noch die meisten. Und nur solange das der Fall ist, können die "Charme-Offensive" und die Umarmungsstrategie der Globalisierungs-befürworterInnen gegenüber bestimmten Gruppen der kritischen Zivilgesellschaft zur Spaltung der letzteren führen, anstatt dass in der Gegenbewegung gemeinsam mit der so notwendigen Diskussion über grundlegende Alternativen begonnen wird (14) – und es sind dies die möglichen Alternativen zur westlichen Zivilisation selbst.

Aus der Salzburger Erfahrung schließe ich, dass die Globalisierungskritik nur dann nicht vereinnehmbar und womöglich in ihr Gegenteil verkehrbar sein wird, wenn sie nicht mehr unter der Voraussetzung des prinzipiellen Glaubens an die westliche Zivilisation und ihre weltbeglückende Mission geführt wird.

Der Weg dahin liegt eigentlich auf der Hand. Er geht auch von einem Gefühl aus, allerdings von einem ganz anderen. Es ist das Gefühl der Verantwortung für und das Empfinden mit den von Kolonisierung und Globalisierung beeinträchtigten Menschen und allen anderen Kreaturen weltweit, ja dem Globus selber. Dieses Empfinden sagt uns, dass wir endlich, und zwar global, eine gewaltlose, freundliche, egalitäre und kooperationsbereite Zivilisation haben wollen und dringendst brauchen werden, wenn wir die Globalisierung, diese wahrscheinlich letzte und radikalste Phase westlicher Zivilisation, überhaupt überleben wollen. Denn eines wissen GlobalisierungskritikerInnen und –befürworterInnen vielleicht beide – jedenfalls können sie es wissen: Die Globalisierung ist kein Projekt von Dauer. Sie stößt bereits jetzt an die materiellen, geistigen und seelischen Grenzen des Globus. Sie ist bereits in einer Krise und wird notwendig scheitern. Der Neoliberalismus ist die Antwort des kapitalistischen Weltsystems auf die Krise der profitablen Kapitalverwertung, und d.h. des unendlich gedachten Wachstums angesichts der Endlichkeit der Welt und ihrer Ressourcen.

Wenn das MAI 20 Jahre dauern sollte, dann ist das vermutlich der Rahmen, in dem die Global Players denken. Ein "nach uns die Sintflut" können wir, 99,9% der Weltbevölkerung, uns aber nicht leisten. Wir müssen anfangen, wieder am Leben orientiert, längerfristig und herrschaftsfrei zu denken und zu handeln.


Anmerkungen

(1) Susan George: dortselbst sowie Tagesanzeiger vom 15.1. 2001

(2) Bales, Kevin: Die neue Sklaverei, München: Kunstmann 2001; Arlacchi, Pino: Ware Mensch. Der Skandal des modernen Sklavenhandels, München: Piper 2000

(3) Fröbel, F./Heinrichs, J./Kreye, O: Die neue internationale Arbeitsteilung. Strukturelle Arbeitslosigkeit in den Industrieländern und die Industrialisierung der Entwicklungsländer, Reinbek: Rowohlt 1977

(4) Mies, Maria/von Werlhof, Claudia (Hg.): Lizenz zum Plündern. Das multilaterale Abkommen über Investitionen, MAI – Globalisierung der Konzernherrschaft und was wir dagegen tun können, Hamburg: Rotbuch 1998

(5) Chossudovsky, Michel: The Globalization of Poverty, London: Zed books 1998; Netzwerk gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik, deutsche Ausgabe von: The international Forum on Globalization (IFG): Die Welthandelsorganisation (WTO): Unsichtbare Regierung für die Welt des neuen Jahrtausends? Eine Einführung, Analyse und Kritik, Köln 2001; Soros, George: Die Krise des globalen Kapitalismus. Offene Gesellschaft in Gefahr, Berlin: Alexander Fest 1998

(6) Chossudovsky, Michel: wie (5) sowie ders.: Washington hinter den terroristischen Anschlägen in Mazedonien, 23. Juli 2001 (englische Originalversion: http://emperors-clothes.com/articles/choss/behind.htm); Federici, Silvia: War, Globalization and Reproduction, in: Bennholdt-Thomsen, V./Faraclas, N./von Werlhof, C. (eds.): There is an Alternative. Subsistence and Worldwide Resistance to Corporate Globalization, London: Zed books 2001, S. 133-145

(7) Gray, John: Die falsche Verheißung. Der globale Kapitalismus und seine Folgen, Berlin: Alexander Fest 1999

(8) vgl. von Werlhof, Claudia: Hochschulreform als neoliberaler "Putsch"?, Vortrag beim 29. deutschen evangelischen Kirchentag 2001 in Frankfurt/Main

(9) vgl. Chomsky, Noam: Profit over People. Neoliberaismus und globale Weltordnung, Hamburg/Wien: Europaverlag 1999, S. 24

(10) The Ecologist, Vol 31, Nr. 6, Juli/August 2001

(11) Galtung, Johan: Die Welt in der Krise, in: ders. u.a.: Die Gewalt des Zusammenhangs. Neoliberalismus-Militarismus-Rechtsextremismus, Wien: Promedia 2001, S. 53-82

(12) Bové, José/Dufour, Francois: Die Welt ist keine Ware. Bauern gegen Agromultis, Zürich: Rotpunkt 2001

(13) Lapham, Lewis: Die Agonie des Mammon. Die Herrscher des Geldes tagen in Davos und erklären sich die Welt, Hamburg: EVA 1999

(14) Mies, Maria: Globalisierung von unten. Der Kampf gegen die Herrschaft der Konzerne, Hamburg: Rotpunkt 2001; Bennholdt-Thomsen, Veronika/Faraclas, Nick/von Werlhof, Claudia (eds.): There is an Alternative. Subsistence and Worldwide Resistance to Corporate Globalization, London: Zed books 2001


Univ.Prof. Dr. Claudia von Werlhof ist Professorin für Frauenforschung am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck. Sie lebte und forschte jahrelang in Übersee, insbes. Lateinamerika, und arbeitet an einer feministischen Gesellschaftstheorie des Patriarchats und seiner kapitalistischen Variante sowie den Alternativen dazu.


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