Alain Kessi
Globale Mobilisierungen - Worum geht's bei den Protesten in Prag?
Abwicklung der Wirtschaft und neue Abhängigkeiten am Beispiel Bulgariens
english: Liquidation of the economy and new dependencies - the example of Bulgaria

 Es ist kein Zufall, dass der Internationale Währungsfonds
 (IWF) und die Internationale Bank für Wiederaufbau und
 Entwicklung, bekannter unter ihrem Kosenamen 'Weltbank'
 oder kurz WB, ihre nächste Tagung in Prag angesetzt haben.
 Nachdem die beiden Bretton-Woods-Institutionen (benannt
 nach dem Ort ihrer Gründung im Jahr 1944) dieses Jahr
 bereits ein Treffen in Washington abgehalten haben, legen
 sie diese Veranstaltung in eine Region, in der sie in den
 letzten zehn Jahren richtiggehend gewütet und die sozialen
 Verhältnisse durcheinandergewirbelt haben.

 Einer Einladung von lokalen anarchistischen und anderen
 Gruppen folgend, werden in Prag am 26. September
 Tausende, teils von weither angereist, auf die Straße
 gehen, um gegen das Treffen zu protestieren. Dieser
 Protest gliedert sich ein in eine Reihe von weltweiten
 Mobilisierungen, deren Ziel es ist, Veranstaltungen der
 internationalen Finanz- und Handelsinstitutionen
 anzugreifen und zu delegitimieren. In der
 paradigmatisch durch "The Battle of Seattle" bekannt
 gewordenen Form haben die globalen Mobilisierungen
 ihren Anfang im Mai 1998, als anlässlich des
 Ministertreffens der Welthandelsorganisation (WTO) in
 Genf ein breiter Protest sichtbar wurde - nicht nur in
 Genf selbst, sondern auch bei weltweiten dezentralen
 Aktionen. Seither geht eine großartige Energie, ein
 neuer Optimismus von jedem internationalen Aktionstag
 aus und bildet die Grundlage für die Arbeit an den
 Vorbereitungen zum nächsten. Aktionen und Logistik
 werden über eine Vielfalt von regionalen und
 thematischen e-mail-Verteilern diskutiert. Etwas
 schwieriger scheint sich inmitten dieses Aktionismus
 die gemeinsame Erarbeitung von Analysen und
 Hintergrundinformationen zu gestalten.

 In der Mobilisierung für Prag wird bisher wenig auf die
 spezifische Situation Osteuropas und den Einfluss der
 beiden Bretton-Woods-Institutionen auf die Region
 eingegangen. Auf den vielen Websites, die für die
 Proteste mobilisieren, sind Hintergrundtexte, die sich
 mit Osteuropa beschäftigen, die große Ausnahme. Die
 meisten Analysen wurden sichtlich in früheren Kampagnen
 zu Strukturanpassungsprogrammen (SAPs) in Asien, Afrika
 oder Lateinamerika entwickelt und werden nun unbesehen
 übernommen und auf die Situation in Osteuropa
 übertragen.

 Es scheint zwar, dass große Teile der neuen Welle von
 Mobilisierungen eine durchaus antikapitalistische,
 antirassistische und antisexistische Ausrichtung haben.
 Als kleinster gemeinsamer Nenner ist das schon eine
 ganze Menge. Die Rhetorik aber scheint bei jedem
 Gipfel, bei jedem Anlass in etwa dieselbe zu sein,
 aufbauend auf einem etwas oberflächlichen Verständnis
 von Antiimperialismus. Ob es nun um einen Protest gegen
 die WTO oder gegen IWF/WB geht, die Rede beschränkt
 sich im großen und ganzen auf eine eher allgemein
 gehaltene Kritik an transnationalen Konzernen, an der
 Zerstörung der Lebensgrundlagen, an der neoliberalen
 Durchsetzung eines internationalen Ausbeutungsgefälles.
 Die Mechanismen und Strategien, die konkrete Rolle der
 einen oder anderen Institution im internationalen
 Machtgefüge, bleiben meist nur vage umrissen.

 Hier möchte ich versuchen, einige Gedanken spezifisch
 zur Rolle des IWF und der Weltbank in Ost- und
 Südosteuropa zusammenzufassen und damit zu einer
 konkreteren Diskussion im Hinblick auf die
 Prag-Mobilisierung beizutragen - auch in der Hoffnung,
 dass die präzisere Analyse einer klaren Abgrenzung zu
 rechten und neo-nationalistischen
 Antiglobalisierungsdiskursen dienlich ist.

 Historischer Präzedenzfall ó deutsche Großraumpolitik
 in den 30er Jahren
 Mit einer Bretton-Woods-ähnlichen Politik wurden Ost-
 und Südosteuropa bereits vor der Gründung des IWF und
 der WB konfrontiert. Im Rahmen der Großraumpolitik der
 nationalsozialistischen Regierung Deutschlands wurde
 über finanztechnische Strukturen, die fast alle Aspekte
 der späteren Bretton-Woods-Strukturen vorwegnahmen,
 sowie über eine regionale Differenzierung der
 Produktionsstruktur die Region in ein
 Abhängigkeitsgefälle vom deutschen Zentrum eingebettet
 und deren Ausbeutbarkeit sichergestellt. Es geht hier
 in keiner Weise um eine Gleichsetzung des Imperialismus
 von Bretton-Woods mit dem deutschen
 Nationalsozialismus, sondern um bestimmte, klar
 umrissene Parallelen in den verwendeten ökonomischen
 und "entwicklungspolitischen" Werkzeugen schon in der
 unblutigen Phase der Unterwerfung, in der Zeit vor dem
 Blitzkriegfeldzug und dem Aufbau der industriellen
 NS-Vernichtungsmaschine. Hier seien nur einige Aspekte
 herausgestrichen. Weitere Einzelheiten können bei
 Detlef Hartmann in Autonomie Nr. 14 nachgelesen werden.
 [1]

 Das deutsche Projekt eines südosteuropäischen
 Großraums scheiterte letztendlich am entschiedenen
 Widerstand vor allem der Bäuerinnen und Bauern, die es
 durch diese erste "grüne Revolution" (Sojaoffensive,
 etc.), die der bekannteren "grünen Revolution" der
 sechziger Jahre unter dem Bretton-Woods-Regime Patin
 stand, unterwerfen und vernichten sollte. Eine erste
 Folge des technologischen Angriffs war aber ein
 radikaler Umbau der Produktions- und Handelsstrukturen
 in den angegriffenen Ländern. Mit der Einführung
 monokultureller cash-crops-Produktion wurde die
 Landwirtschaft auf den Export ausgerichtet, im Falle
 Bulgariens insbesondere von Tabak, zu Lasten des Anbaus
 von Weizen für den eigenen Bedarf. Damit wurden
 Subsistenzstrukturen zerstört, was ArbeiterInnen für
 kapitalistische Verwertung in der Industrie,
 einschliesslich der landwirtschaftlichen
 Monokulturindustrie, freisetzte. Die mit den
 Monokulturen einhergehende Technisierung der
 Landwirtschaft führte in eine Abhängigkeit von der
 deutschen Industrie für die Beschaffung von Maschinen,
 Know-how, Saatgut, Herbiziden, Pestiziden und Dünger.
 Gleichzeitig kam die gesamte Handels- und
 Verarbeitungskette und damit die Mehrwertabschöpfung
 unter die Kontrolle von international agierenden
 Großkonzernen. Die Machtverhältnisse zwischen
 deutscher Metropole und südosteuropäischen
 "Entwicklungsländern" erlaubte eine willkürliche
 Festlegung der relativen Preise zwischen "hochwertigen"
 industriellen Produkten und "niederwertigen" Rohstoffen
 und landwirtschaftlichen Produkten. Aus dieser
 künstlich hergestellten Preisdifferenz ergab sich die
 absurde Situation, dass Deutschland sich in Ost- und
 Südosteuropa mit den nötigen Rohstoffen und
 Nahrungsmitteln eindeckte und es gleichzeitig schaffte,
 diese nicht zu bezahlen, sondern umgekehrt die
 liefernden Länder über Langzeitkredite in eine
 Schuldenabhängigkeit zu treiben. Einen Überblick über
 den Fall Bulgariens, wo eine Elite mit den deutschen
 Planern gemeinsame Modernisierungsvorstellungen teilte
 und wo verhältnismässig wenig auf Zwang gesetzt wurde,
 gibt Thomas Bohn in Beiträge zur
 nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik
 Nr. 12. [2]

 John Maynard Keynes, mit Harry White aus der
 Roosevelt-Regierung der hauptsächliche Architekt von
 Bretton-Woods, lernte aus den Fehlern der Nazi-Ökonomen
 sowie der frühen New Dealer Roosevelts, die mit dem
 "Panamerikanischen Kartell" ein ähnliches
 Großraumprojekt in Lateinamerika ebenfalls nicht gegen
 den Widerstand der in Subsistenz lebenden Bäuerinnen
 und Bauern [3] hatten durchsetzen können. Die
 wesentliche Neuerung, die Keynes dem ökonomischen
 Projekt seiner Nazi- und New Deal-Vorbilder beimengte,
 war eine Legitimationsfassade, die die Realität von
 Vernichtung durch Entwicklung, d.h. des Aufbrechens
 sozialer Zusammenhänge und der Zerstörung von
 Lebensgrundlagen durch die Einführung neuer
 Technologien, zumindest in den Augen westlicher und
 nördlicher Eliten in den Hintergrund rückte und einen
 humanistischen Auftrag der "Entwicklungshilfe" vorschob
 - die "zivilisierte" Phase der "Neuen Ordnung".

 Die Perestroika als Angriff auf die sozialen
 Forderungen
 Nach dem erst ökonomisch-technologischen, dann
 industriell-kriegerischen Angriff des deutschen
 Imperialismus in den 30er und in der ersten Hälfte der
 40er Jahre standen Ost- und Südosteuropa vier
 Jahrzehnte lang unter dem Einfluss einer anderen
 politisch-ökonomischen Strategie des
 Modernisierungsangriffs und der internationalen
 Arbeitsteilung, dem Staatskapitalismus Stalin'scher
 Prägung. Dieses System, nachdem es gewisse Erfolge in
 der Vernichtung der Subsistenzwirtschaft und der
 Unterwerfung von ArbeiterInnen unter die Logik der
 Kapitalakkumulation verbucht hatte, geriet Ende der
 sechziger Jahre bereits in eine tiefe Krise - etwa
 zeitgleich mit der Krise des Fabrikregimes des
 westlichen fordistischen Systems. Die
 Legitimationsstrukturen, die in der Aufbruchstimmung
 nach dem zweiten Weltkrieg noch in verschiedenen
 Ländern Ost- und Südosteuropas zumindest in städtischen
 Milieus eine einigermassen breite Unterstützung des
 Modernisierungsprogramms gewährleistet hatten, waren
 brüchig geworden, die egalitäre Ideologie zu
 offensichtlich in einen Widerspruch zu den
 parteigestützten Machtstrukturen geraten. Manche Formen
 des Widerstands erinnern an die Kampfformen der
 "autonomia operaia" in Italien: "Sie tun so, als ob sie
 uns zahlten, und wir tun so, als ob wir arbeiten
 würden". Im Gegensatz zum westlichen Kapital, das vor
 dem erfolgreichen Widerstand der ArbeiterInnen in eine
 neoliberale Deregulierung und eine internationale
 Arbeitsteilung innerhalb der einzelnen
 Produktionsprozesse flüchtete, fehlte es dem "sowjet"
 -russischen [4] Kapital an der nötigen Flexibilität.
 Die Perestroika war der Versuch der "sowjetischen"
 Eliten, jene sozialen Strukturen, die sich unter dem
 Einfluss der egalitären Legitimationsideologie
 verfestigt hatten und nunmehr einer effektiven
 Kapitalakkumulation im Wege standen, zu zerschlagen und
 einen weiteren Modernisierungsangriff einzuleiten. [5]

 Diese Neuorientierung der "sowjetischen" und
 osteuropäischen Eliten bot dem westlichen Kapital die
 einmalige Gelegenheit, über Institutionen wie der
 Europäischen Union (und insbesondere ihrem
 Phare-Programm), der Nato, dem IWF, der Weltbank, der
 EBRD (Europäische Bank für Wiederaufbau und
 Entwicklung) und anderen die Kontrolle über die ost-
 und südosteuropäischen Ökonomien zu gewinnen und sie in
 eine ähnliche Abhängigkeit zu zwingen wie früher die
 sogenannte "Dritte Welt". Die Entwicklungen seit dem
 Beginn der Perestroika, aber insbesondere in den
 letzten zehn Jahren, sind geprägt von gemeinsamen
 Interessen zwischen den lokalen oder nationalen Eliten
 in Ost- und Südosteuropa und den westlichen
 imperialistischen Strukturen. Der im Westen verbreitete
 Diskurs über Korruption und mafiöse Strukturen in
 Osteuropa übersieht die enge Verquickung der neureichen
 Schichten in Osteuropa mit den Zugriffsinteressen des
 westlichen Kapitals. Korruption hat immer eine aktive
 und eine passive Seite, und die treibende Kraft ist
 dabei die aktive Seite, in diesem Fall westliche
 Regierungen und Konzerne sowie die internationalen
 Institutionen, die unter deren Kontrolle stehen. Damit
 sollen die eigenen Interessen der osteuropäischen
 Neureichen nicht unterschlagen werden - sie müssen aber
 im Kontext des weit massiveren Angriffs durch westliche
 Institutionen gesehen werden.

 Mafia? Neureiche?
 Auch in der bulgarischen Diskussion ist die Rede von
 der "Mafia", doch ist der Begriff da anders konnotiert
 als im westlichen Diskurs. Ein anderer Begriff, jener
 der "Neureichen", erfasst in Bulgarien weitere
 Feinheiten des Bedeutungsfeldes. Der unterschiedliche
 Sprachgebrauch verweist auf Unterschiede zwischen Ost
 und West und ist damit eine Erörterung wert.

 Der Begriff der Mafia wird in Bulgarien verwendet für
 die eng mit den staatlichen Institutionen verwobenen
 hierarchischen Machtstrukturen, in denen sich
 einflussreiche Businessleute bestimmte Märkte
 aufgeteilt haben, die vor NeueinsteigerInnen konsequent
 verteidigt werden. Diese Machtstrukturen weisen
 durchaus Parallelen auf mit jenen der italienischen
 oder US-amerikanischen Mafia auf. Die Rede von der
 "Mafia" ist aber im westeuropäischen Sprachgebrauch
 derart von der Idee bestimmt, es gebe einen guten,
 geordneten Markt und einen bösen, mafiösen Markt, dass
 der Begriff auf Deutsch unbrauchbar wird für die
 Beschreibung osteuropäischer Verhältnisse. Darüber
 hinaus ist der Diskurs über die Russen- oder
 Bulgarenmafia immer auch von rassistischen
 Zuschreibungen geprägt und schürt
 verschwörungstheoretisch die Angst vor "fremdem"
 Einfluss auf westeuropäische Volkswirtschaften.

 Ich bevorzuge den Begriff der Neureichen, da er den
 sozialen Prozess, der zu dieser neuen Elite geführt
 hat, besser zu fassen scheint. Der Begriff der
 Neureichen (bulgarisch: novobogatazhi; russisch:
 nuvorisch, aus dem französichen "nouveaux riches") wird
 in Bulgarien oder auch Russland verwendet und bezieht
 sich auf jene Leute, die zur richtigen Zeit am
 richtigen Ort sassen und sich in der Umbruchsituation
 Anfang der 90er Jahre am Parteivermögen bereicherten.
 Noch klarer negativ konnotiert ist der literarischere
 Begriff der Parvenus (bulgarisch: parvenju),
 derjenigen, die in eine soziale Position gelangt sind,
 die ihnen nicht zusteht - nur, dass der Begriff in
 Bulgarien von unten verwendet wird und nicht von einer
 Aristokratie, die auf aufstrebende Kleinbürgerliche
 herunterschaut. Im Unterschied zu den neureichen
 Kapitalisten aus der Zeit der britischen
 Industrialisierung, die ihren ganzen Vermögenszuwachs
 aus den ArbeiterInnen herauspressen oder im kolonialen
 Handel erwirtschaften mussten, [6]konnten die
 bulgarischen neu-alten Eliten ein riesiges Startkapital
 innert kürzester Zeit aus dem Parteivermögen abzweigen,
 hatten also den abgeschöpften Mehrwert, die Ausbeutung
 von Jahrzehnten auf einmal zur Verfügung. Die rasante
 Geschwindigkeit dieses Prozesses erklärt vielleicht
 auch, warum die Neureichen es nicht geschafft haben,
 neben Turbo-Folk (bulgarisch: tschalga), Mercedes und
 Handys eine ihre Klasse legitimierende und stützende
 Kultur und Ästhetik aufzubauen und so in der
 Öffentlichkeit zwar als bedrohlich und mächtig,
 gleichzeitig aber auch als lächerlich wahrgenommen
 werden.

 IWF und Neureiche Hand in Hand
 Als Ende der 80er Jahre in Bulgarien mit dem
 Lukanow-Plan die "Kommunistische" Partei beschloss,
 sich selbst in einen kapitalistischen Konzern nach
 westlichem Muster umzuwandeln und junge Kader in
 angesehene Managementschulen in die USA schickte,
 bildete sich eine neue Generation von Businessleuten
 heran, die es bei ihrer Rückkehr verstanden, durch
 zwischengeschaltete Privatfirmen und fingierte
 Rechnungen massiv Staats- bzw. Parteigelder in ihre
 eigenen Taschen abzuzweigen. Dies bildete ein
 Grundkapital, das über den Embargohandel mit Serbien
 (vor allem mit Öl, das schiffweise die Donau
 hochgefahren wurde) während der Jugoslawienkriege
 Anfang der 90er Jahre vervielfacht wurde - unter
 anderem von Leuten, die jetzt in der Regierung sitzen.
 [7] So tat sich die Schere zwischen der verarmenden
 breiteren Bevölkerung und den neureichen Eliten auf.
 Für die Herstellung dieser sozialen Ungleichheit, die
 als Voraussetzung für den westlichen Einfall in die
 bulgarische Wirtschaft gesehen werden kann, war eine
 Phase (auch physisch) brutaler ursprünglicher
 Akkumulation nötig. Ehemalige Spitzensportler (sog.
 Burtzi, Mehrzahl von Buretz = Ringer) taten sich mit
 den neureichen Politkadern und ehemaligen
 Geheimdienstlern zusammen und retteten als Bodyguards
 und Geldeintreiber ihren sozialen Status in die neue
 Ära hinüber. Diese offen brutale Phase ist insofern
 abgeschlossen, als die parallele Ökonomie von der
 Regierung 1997 die Gelegenheit erhielt, ihre Gelder und
 Geschäfte zu legalisieren und die "Mafia" nun selber
 ein Interesse an "Ruhe und Ordnung" und einem guten
 Investitionsklima hat.

 Nur über diese neuen, aggressiven und vorwiegend
 männlichen Eliten [8] konnte die für westliche
 Interessen (wie auch für die Modernisierungsinteressen
 besagter Eliten) notwendige Abwicklung der bulgarischen
 Wirtschaft erreicht werden. Die bulgarischen Eliten
 waren insofern an der Zerstörung der Wirtschaft
 interessiert, als sie bei der Verramschung der Betriebe
 deren Aktiva einkassieren konnten. Der IWF und andere
 westliche Akteure insofern, als die Abwicklung der
 bulgarischen Wirtschaft und vor allem ihrer
 funktionierenden Teile Voraussetzung war für eine
 nachhaltige Abhängigkeit der bulgarischen Ökonomie und
 deren Einbettung in eine internationale Arbeitsteilung
 zugunsten westlicher Konzerne. Dieses gemeinsame
 Interesse der lokalen Eliten und der internationalen
 Institutionen öffnete letzteren die Tür und erlaubte
 ihnen, ihre ExpertInnen einzuschleusen und von da an
 kontinuierlich starken Einfluss auf die politische und
 ökonomische Ausrichtung der Regierungen zu nehmen.

 Der Druck des IWF - der weitere Kredite zur
 Überbrückung finanzpolitischer Engpässe von der
 Erfüllung einer Reihe von Auflagen abhängig macht - auf
 möglichst schnelle Privatisierung staatlicher Betriebe,
 bzw. die Vorbereitungsarbeit der Weltbank zur
 Abspaltung und Privatisierung der profitträchtigen
 Abteilungen der Betriebe (während die verlustreichen
 Abteilungen weiterhin dem Staat unterstellt bleiben
 oder geschlossen werden), forcierte eine völlig
 undurchsichtige Privatisierungspolitik und entsprechend
 die persönliche Bereicherung jener, die an den
 betreffenden Schaltstellen hockten. Die durch IWF und
 Regierung auferlegte Zeitnot führte dazu, dass in
 vielen Privatisierungsdeals die Ausschreibung wenige
 bis keine Angebote einbrachte, so dass regierungsnahe
 Personen sich die Firmen für ein Butterbrot ergattern
 konnten.

 Es ist verblüffend, in welchem Detail die Abkommen
 zwischen dem IWF und der Regierung die Politik der
 Regierung in den verschiedensten Bereichen festlegen.
 Neben allgemeinen Prinzipien wie der Ausgeglichenheit
 des Budgets ist hier die Erhöhung des Rentenalters
 festgeschrieben, die Stilllegung von 243 Kilometer
 nicht rentabler Eisenbahnstrecke geplant, die
 Privatisierung von Banken festgelegt, die
 Schweigepflicht von BankmitarbeiterInnen gegenüber dem
 IWF aufgehoben, das Verbot des Exports von
 unfermentiertem Tabak gestrichen, sowie die
 regelmässige Erarbeitung und Publikation einer Reihe
 von Statistiken angeordnet.

 Die Politik des IWF und der Weltbank steht bisweilen in
 gegenseitigem Widerspruch. Im Falle der Staatsbahnen
 etwa schreibt der IWF vor, dass sie mit höchstens 20
 Millionen Euro vom Staat subventioniert werden dürfen.
 Die Weltbank geht dagegen davon aus, dass die
 Staatsbahnen einen öffentlichen Auftrag haben und
 gesetzlich verpflichtet sind zur Instandehaltung der
 Infrastruktur sowie zur Weiterführung defizitärer
 Linien, woraus sie eine Entschädigung durch den Staat
 in der Höhe von 360 Millionen Euro ableitet. Auf diesen
 Widerspruch angesprochen, zucken ExpertInnen von IWF
 und Weltbank mit den Achseln. Was auch immer der
 bulgarische Staat in diesem Falle tut, er kann die
 Auflagen nicht erfüllen.

 Zum Beispiel: Liquidierung der landwirtschaftlichen
 Kooperativen
 Im Jahre 1992/93 wurden von der "demokratischen"
 (blauen) Regierung in allen Gemeinden Bulgariens
 Liquidationsräte eingesetzt, um die
 landwirtschaftlichen Kooperativen (in Bulgarien bekannt
 unter der Abkürzung TKZS - Landwirtschaftliche
 Arbeitskooperative) abzuwickeln. Die Parteifunktionäre
 gingen daran, die Maschinen zu verramschen, die
 Immobilien sich selber oder Bekannten zuzuschanzen, die
 Tiere - darunter Zuchtkühe, die kurz zuvor für teures
 Geld importiert worden waren - der Metzgerei zuzuführen
 oder aber den ehemaligen Angestellten der Kooperativen
 über ein Gutscheinsystem zu verkaufen. Die meisten
 früheren MitarbeiterInnen sind seit der Liquidierung
 ohne Arbeit, der landwirtschaftliche Anbau ist nur noch
 ein Schatten der früher in den gesamten Ostblock
 exportierten Früchte- und Gemüseproduktion, die
 marktorientierte Tierzucht ist nunmehr auf einige
 wenige fabrikmässige Betriebe konzentriert. Allenfalls
 einige der Männer finden Arbeit in den neuen
 Kooperativen, die von waghalsigen Unternehmern auf den
 Ruinen der TKZS aufgebaut werden. Oder sie hüten die
 Ziegen, Schafe oder Kühe der reicheren
 DorfbewohnerInnen. Die Rechte und Freiheiten, die sich
 Frauen innerhalb des staatskapitalistischen Systems
 erkämpft hatten, sind großenteils in der Rückkehr zu
 einer traditionelleren Rollenverteilung untergegangen.

 Diejenigen, denen bei der Liquidierung etwas Land
 zugesprochen wurde (entweder, weil sie oder ihre Eltern
 Besitz in das TKZS gesteckt hatten, oder weil sie
 aufgrund der Dauer ihres Angestelltenverhältnisses
 Anrecht erworben hatten) und darauf etwas
 Futtergetreide anbauen, können es sich leisten, einige
 Kühe oder Ziegen zu halten. Fast alle aber sind seither
 aus dem gerichteten Zeitverlauf der Geschichte (dem
 Fortschritt, der mit technologischen Angriffen und der
 Zerstörung der Lebensgrundlagen einhergeht, mit dem
 aber auch die Hoffnung auf Verbesserung der
 Lebensbedingungen verbunden ist) ausgeschlossen und
 sind in der zyklischen Abfolge der Jahreszeiten
 gefangen - nicht in die Subsistenz zurückgekehrt, die
 durch die "grünen Revolutionen" der Nazis und der
 "Kommunisten" effektiv zerstört wurde, sondern in eine
 neue, äusserst prekäre Subsistenz gezwungen. Zu
 ernähren wissen sich die meisten - aber Geld, um die
 Kinder in die Schule zu schicken, ob nun für Schuhe,
 für ein Hemd, für den Bus oder für die Schulbücher,
 haben viele nicht. Die Subventionen wurden auf Druck
 des IWF gestrichen, die TKZS auf Druck der EU und der
 neureichen Eliten geschlossen, die Leute üben sich in
 Überlebenskunst.

 Zum Beispiel: Die Gesundheitsreform
 Ein sozialer Bereich, der stark staatlich reguliert und
 subventioniert war und entsprechend in allen Ländern
 Ost- und Südosteuropas zu den ersten Sorgen des IWF
 gehörte, ist der Gesundheitssektor. Die staatlich
 garantierte kostenlose medizinische Betreuung musste
 zerstört werden und durch eine privatwirtschaftliche
 Betreuung ersetzt werden, die den meisten Leuten nicht
 zugänglich ist. In Bulgarien sieht es konkret so aus,
 dass jene, die sich keinen privaten Arzt leisten können
 und von der staatlichen Krankenkasse abhängen, oft
 schlampig bis lebensgefährlich betreut werden,
 haufenweise offensichtlich falsche Diagnosen erhalten,
 selber durch die halbe Stadt rennen müssen, um eine
 Spritze und Nadel aufzutreiben, Medikamente selber auf
 dem Schwarzmarkt oder aus dem Ausland beschaffen
 müssen, auf einen Monat später vertröstet werden (so
 sie denn in einem Monat noch leben sollten), weil
 irgendein Medikament nicht auf Lager ist. Gebrochene
 Scheiben können nicht ersetzt werden, so dass im Winter
 der Durchzug eisige Kälte in die Operationssäle trägt.
 Da nicht genügend antiseptische Mittel vorhanden sind,
 um hygienische Verhältnisse aufrechtzuerhalten, sind
 Besuche in manchen Abteilungen schlicht untersagt.

 Der durch die IWF-Budgetschraube durchgesetzte Mangel
 in den öffentlichen Polikliniken drängt jene, die noch
 irgendwie die Mittel dazu auftreiben können, in die
 privaten Kliniken und Praxen, und überlässt die anderen
 einer bisweilen tödlichen öffentlichen Medizin, die nur
 noch ein Schatten der früheren staatlichen
 medizinischen Versorgung ist. Viele gehen erst gar
 nicht zum Arzt, da sie den einen nicht vertrauen und
 sich die anderen nicht leisten können. Diese
 IWF-Strategie senkt erfolgreich die Reproduktionskosten
 und setzt Mittel frei für den Schuldendienst und
 Modernisierungsprogramme.

 Neustrukturierung der Geschäftspraktiken
 Die gängige Beschreibung der wirtschaftlichen
 Umwälzungen geht davon aus, dass eine
 zentralplanerische Geschäftspraxis durch eine auf Markt
 und Konkurrenz basierende Praxis ersetzt werden soll.
 Diese ideologisierte Beschreibung führte etwa dazu,
 dass von der Weltbank und anderen westlichen
 Insitutionen eingesetzte "Experten" (weitgehend Männer)
 jahrelang den ManagerInnen der großen Staatsmonopole
 einschärften, es werde jetzt nicht mehr "geplant",
 sondern marktwirtschaftlich gehandelt - nur um sie in
 neuerer Zeit wieder in Planungskurse zu schicken, da
 nun die ideologische Vorbereitung so weit
 fortgeschritten ist, dass zugegeben werden kann, dass
 Planung Bestandteil marktwirtschaftlichen Handelns ist.
 Auch ist der Übergang nicht so sehr einer von Monopolen
 zu Konkurrenz, sondern eher eine Verschiebung der
 Staatsmonopole auf westliche Quasimonopole.

 Ein weit wesentlicheres Merkmal der Geschäftspraktiken
 in Bulgarien vor dem westlichen Modernisierungsangriff,
 das den internationalen Institutionen mehr
 Kopfzerbrechen bereitet haben dürfte als die
 Planwirtschaft an sich, ist das Fehlen von
 geschriebenen Regeln der geschäftlichen Gepflogenheiten
 und die Wichtigkeit persönlicher Beziehungen beim
 Abwickeln der Geschäfte. Dieses in kritischen
 Diskussionen in Bulgarien bisweilen als
 "patriarchalisch" beschriebene System liess Anfang der
 90er Jahre westlichen Konzernen keine Chance, sich zu
 ihren Bedingungen auf dem bulgarischen Markt
 festzusetzen. Immer waren sie abhängig von
 Mittelsleuten, die nicht nur der bulgarischen Sprache
 mächtig und mit den geschäftlichen Gepflogenheiten
 vertraut waren, sondern auch in langjähriger Praxis ein
 Netz von Kontakten und Beziehungen aufgebaut hatten,
 ohne die es damals nicht möglich war, in Bulgarien
 Business zu betreiben. Kein Wunder wird diese Art von
 Geschäftsethik in einer westeuropäischen Öffentlichkeit
 in Zusammenhang gebracht mit "Korruption",
 "Clanstrukturen", "Mafia". Auch wenn sie hier nicht
 unbekannt ist - wie etwa Kohls "Ehrenwort" beweist, mit
 dem er den Skandal um die CDU-Parteigelder abzuhaken
 trachtete.

 Innert weniger Jahre haben es Weltbank, EBRD und
 Phare-Programm geschafft, eine Situation, die
 westlichen Firmen keine Chance liess, in eine
 umzuwandeln, die bulgarische Firmen fast vollständig
 ausschliesst. Obschon die Weltbank und ähnliche
 Institutionen nicht sehr große Beträge zu Projekten
 beisteuern (dafür ziehen andere GeldgeberInnen oft
 nach, so dass ein Vertrag mit der Weltbank weit
 grössere Kredite erschliesst als nur jene mit der Bank
 selber), ist ihre Beteiligung mit der Bedingung
 verknüpft, dass eine Ausschreibung der Projekte
 erfolgt, und zwar nach ihren jeweiligen Richtlinien.
 Dies ist ein potentes Mittel zur Beseitigung der
 Beziehungsökonomie und zur Durchsetzung einer angeblich
 "transparenten", in Wirklichkeit aber einfach eine
 andere Gruppe von MarktteilnehmerInnen bevorzugenden
 Prozedur. Es zeigt sich, dass bulgarische Firmen, auch
 wenn deren Manager einen Harvard-Abschluss haben, oft
 grösste Schwierigkeiten haben, nicht wegen gravierender
 Formfehler aus der Ausschreibung ausgeschlossen zu
 werden. Von über 40 Verträgen im Rahmen der Erneuerung
 der staatlichen Eisenbahnbetriebe BDZ, die 1998
 abgeschlossen wurden, wurde nur ein unbedeutender
 Liefervertrag an eine bulgarische Firma vergeben.
 Andere bulgarische Firmen können nur als Subunternehmer
 der internationalen Konzerne sowie als
 Dienstleistungsunternehmen für die Experten der
 internationalen Institutionen einige Brosamen
 abkriegen.

 In den großen Staatsmonopolen wurden sogenannte PIUs
 (Project Implementation Units) eingerichtet,
 Spezialabteilungen mit einem halben Dutzend Personen,
 die neben Bulgarisch auch perfekt Englisch sprechen und
 als Schnittstelle zwischen den internationalen
 Institutionen und den noch immer von der
 Beziehungsökonomie geprägten bulgarischen Strukturen
 dienen. In Zusammenarbeit mit von den internationalen
 Institutionen eingesetzten und inoffiziell von diesem
 oder jenem Konzern eingekauften ExpertInnen entwickeln
 die bulgarischen PIU-Leute die Ausschreibungspapiere,
 die Verträge mit den internationalen Institutionen
 sowie in der Schlussphase die eigentlichen Verträge mit
 den Konzernen, die den Auftrag zugesprochen erhalten
 haben. Je nach Einfluss der Experten sowie der
 Direktoren der Staatsfirma und zuständigen
 MinisterInnen, denen allenfalls von der Konkurrenz für
 erfolgreiches Lobbying ein bis zwei Prozent der
 Projektsumme (bei etwa zehn Prozent Gewinnmarge) in
 Aussicht gestellt worden ist, werden die
 Ausschreibungspapiere auf den einen oder anderen
 Konzern zugeschnitten.

 Wenn der bulgarische Staat große Kredite aufnimmt, um
 sein Modernisierungsprogramm umzusetzen, heisst es noch
 lange nicht, dass eine wirkliche Verbesserung der
 Infrastruktur erreicht wird (geschweige denn zum Nutzen
 der allgemeinen Bevölkerung). Im Falle eines der
 großen Staatsmonopole wird die kreditfinanzierte
 erneuerte interne Kommunikationsinfrastrukur aller
 Wahrscheinlichkeit nach nie funktionieren, oder
 zumindest nie eine Verbesserung der Dienstleistungen
 ermöglichen. Die Tatsache, dass ein Direktor der
 Staatsfirma für ein Konsortium von Hewlett Packard und
 Oracle lobbyierte und ein Minister für ein Konsortium
 von Compaq und Informix einstand, führte zu einer
 Pattsituation bei der Evaluierung der Offerten. Es
 wurde dann ein Kompromiss gefunden, bei dem HP/Oracle
 einen Teil des Projektes zugesprochen bekam, und
 Compaq/Informix einen anderen. Die vorgeschlagenen
 Lösungen sind nicht kompatibel miteinander und werden
 auf längere Zeit hinaus IT-SpezialistInnen (IT =
 Information Technologies) beschäftigen, welche das
 Zusammenspiel der beiden Projektteile notdürftig
 zusammenflicken. Zumindest für einige bulgarische
 SpezialistInnen eine Chance, für einige Zeit einen
 einigermassen einträglichen Job zu finden. Die
 Alternative für die Staatsfirma ist, für teures Geld
 zusätzlich zum existierenden Vertrag die beiden
 Konsortien zu beauftragen, ihre Systeme zu integrieren
 und aneinander anzupassen.

 Hyperinflation heisst Umverteilung
 Anfang 1997 zwangen Proteste - darunter der Sturm auf
 das Parlamentsgebäude, der Bulgarien ausnahmsweise in
 die internationalen Medien brachte - die sozialistische
 Regierung von Zhan Widenow zum Rücktritt. In den
 letzten Monaten dieser Regierung nahm die Inflation
 stark zu und erreichte im März 2000% (auf ein Jahr
 hochgerechnet). Dies entsprach einer großangelegten
 Umverteilung. Die breite Bevölkerung, die vor allem in
 den Jahren vor 1989 durch das Fehlen von
 Konsumprodukten und Luxusgütern zum Sparen gezwungen
 war, verlor dabei den Großteil ihrer Ersparnisse.
 Darüber hinaus wurden ein Viertel der bulgarischen
 Banken liquidiert, um einer Bankenkrise ein Ende zu
 setzen, die über die Defizitdeckung durch die
 Notenpresse der Nationalbank auch die Inflation
 antrieb. Dabei ging wiederum ein Teil der Ersparnisse
 flöten, auch wenn eine bestimmte Menge durch tagelanges
 Anstehen von den Banken eingefordert werden konnte.
 Dafür profitierten all jene, die über Beziehungen zu
 großen Krediten gekommen waren (die sogenannten
 "Kreditmillionäre"), und damit überhaupt erst die
 Bankenkrise eingeleitet hatten, denn die Kredite
 schrumpften bei der Entwertung des Lew zu einem
 Bruchteil ihres ursprünglichen Werts. Die
 Hyperinflation spielte also eine wichtige Rolle bei der
 Enteignung der breiten Bevölkerung und der
 Stabilisierung der neuen Eliten.

 Im Alltag bewirkte die Hyperinflation, dass in den
 Läden die Preise mehrmals täglich angepasst wurden.
 Nach Erhalt des Lohnes musste dieser sofort ausgegeben
 werden. Als die neue Regierung in Zusammenarbeit mit
 dem IWF einen Währungsrat (currency board) einsetzte
 und durch die Anbindung des Lew an die deutsche Mark
 und eine restriktive Geldpolitik der Nationalbank die
 Inflation eindämmte, bewirkte das erst einmal eine
 konkrete Erleichterung des Alltags. Die Absicht der
 Regierung bzw. des IWF bei der Einführung des
 Währungsrats war aber selbstverständlich nicht die, die
 Leute von der Notwendigkeit zu entlasten, ihr Geld
 möglichst schnell auszugeben. In einem Bericht ein Jahr
 nach Einführung des Währungsrats rekapitulieren
 ExpertInnen der bulgarischen Nationalbank die Gründe
 für seine Einführung: "Bulgariens Fremdwährungsreserven
 fielen unter das kritische Minimum, was eine normale
 Rückzahlung der Aussenschulden behinderte". [9] Der
 Zusammenhang zwischen Hyperinflation und der Einführung
 des Währungsrates ist auch komplexer als es auf den
 ersten Blick scheint. Anne-Marie Gulde, Senior
 Economist beim IWF, merkt in einem Bericht an, dass die
 Hyperinflation von Anfang 1997 die Durchführbarkeit des
 Währungsrats erleichtert hat - das Dahinschmelzen der
 Innenschulden, die anfangs ein ausgeglichenes Budget
 gefährdet hätten, erlaube ein Geldmanagement ohne
 Rückgriff auf die Nationalbank. [10]

 Kämpfe?
 Der Widerstand gegen die Politik von Weltbank und IWF,
 oder auch der EU oder anderer internationaler
 Institutionen, gestaltet sich in Bulgarien wie in den
 meisten anderen ost- und südosteuropäischen Ländern
 schwierig. Am meisten fällt dabei ins Gewicht, dass
 jede Art von kollektiver Organisierung, ja Solidarität
 an sich, durch ihre ideologische Aufladung in der Zeit
 vor 1989 gründlich desavouiert ist. Proteste und
 Widerstand bleiben deshalb auf individueller Ebene oder
 auf jener von thematisch eingeschränkten
 Interessengruppen, die auf ein bestimmtes Ereignis
 reagieren. Obwohl in Diskussionen klar wird, dass viele
 verstehen, welche Rolle internationale Institutionen in
 der Unterwerfung der bulgarischen Gesellschaft unter
 die Logik des Ausbeutungsgefälles spielen, wagen nur
 wenige die hegemoniale Wahrnehmung zu durchbrechen, es
 gebe zur Einordnung der bulgarischen Wirtschaft in
 westlich dominierte Strukturen keine Alternative.
 Insbesondere die Landwirtschaft wurde dermassen
 effektiv zerstört, dass es tatsächlich nicht einfach
 scheint, autonomere Wege zu gehen. Und so bleibt die
 Hoffnung, innerhalb des Ausbeutungssystems eines Tages
 auf der gemütlicheren Seite zu stehen und wenn schon
 nicht in absehbarer Zeit der EU beizutreten, so doch
 von der schwarzen Liste der EU gestrichen zu werden und
 ohne Visum nach Westeuropa reisen zu können. Das
 Versprechen des Anschlusses an "den Westen" und der in
 Aussicht gestellte Wohlstand, welche die Leute im
 Moment noch hinzuhalten vermögen, dürfte aber jene
 nicht ewig beschwichtigen, die sich durch den
 Modernisierungsangriff um ihre Zukunft geprellt sehen.
 Zwischen dem Druck der internationalen Institutionen,
 gekoppelt mit den Eigeninteressen einer bulgarischen
 Elite, und der steigenden Wut in der Bevölkerung gegen
 die staatliche Politik bleibt der Regierung nicht viel
 Handlungsspielraum.

 Wie lässt sich aber der Wunsch vieler OsteuropäerInnen
 nach einer Öffnung gegen aussen, also nach einer
 Teilhabe an einer Globalisierung, verbinden mit der
 Antiglobalisierungsrhetorik eines Teils der
 internationalen Mobilisierungen? Wäre es denkbar und
 sinnvoll, sich von dieser Rhetorik zu verabschieden,
 zumal es schwierig ist, sich mit linken
 Antiglobalisierungsslogans von ähnlichen rechten und
 nationalistischen Diskursen abzugrenzen? Tatsächlich
 richtet sich der Widerstand der globalen
 Mobilisierungen ja nicht "gegen Globalisierung",
 sondern gegen jene, die eine echte Globalisierung, in
 der jede und jeder selber entscheiden kann, wo und wie
 sie leben will, durch eine Vielfalt von
 Regulationsinstrumenten verhindern - Grenzkontrollen
 gegen aussen, rassistische Gesetze gegen innen, die
 Aufrechterhaltung von Handelsstrukturen, welche die
 industrialisierten Länder bevorzugen, eine Mischung von
 militärischer Drohung, Krieg und der finanz- und
 handelstechnischen Durchsetzung von Abhängigkeit.

 "Für eine Globalisierung der Rechte", forderten vor
 kurzem in Bologna die Proteste gegen die OECD
 (Organisation für ökonomische Zusammenarbeit und
 Entwicklung). Damit knüpfen sie an eine operaistische
 Beschreibung von Klassenkämpfen an, die zumindest den
 Vorteil hat, einen grassierenden Defätismus angesichts
 verlorener Einzelkämpfe zu entschärfen: Eineinhalb
 Jahrhunderte internationalistischer Klassenkampf haben
 das Kapital derart in die Enge getrieben, dass es die
 Flucht nach vorne in eine Globalisierung der
 Produktionsprozesse antreten musste. Mit der
 Flexibilisierung der Produktion wurde zwar klassisch
 fordistischen Kämpfen die Effektivität weitgehend
 genommen. Gleichzeitig hat sich das Kapital eine
 globale Widerstandsbewegung eingehandelt - eine, die es
 ernst meint mit der Globalisierung. Eine solche
 Beschreibung bricht mit den Rückzugsgefechten der
 FordismusnostalgikerInnen und öffnet eine Perspektive,
 in der soziale Veränderungen nicht nur nach den
 Verwertungsinteressen des Kapitals durch technologische
 Angriffe durchgesetzt werden. Ein globaler Prozess von
 Widerstand und von Kämpfen, die aus lokalen
 Begebenheiten schöpfen und sich weltweit aufeinander
 beziehen, bietet die Gelegenheit, eigene Wünsche zu
 formulieren und solidarisch neue gesellschaftliche
 Modelle zu entwickeln.

 In Prag dürfte das Anreisen einer Vielzahl von
 AktivistInnen aus verschiedenen Ländern im Zentrum der
 Aufmerksamkeit stehen. Dabei darf nicht vergessen
 gehen, dass eine globale Mobilisierung nur in dem Masse
 effektiv ist, in dem sie lokalen Kämpfen den Rücken
 stärkt. Diese lokalen Kämpfe gehen nach dem 26.
 September weiter, wenn die meisten Gäste abgereist
 sind. Bis dahin besteht die Gelegenheit zu einem
 Austausch über Analysen und Widerstandsformen, der die
 jeweiligen Kämpfe vorantreibt und stärkt - auf dass
 auch in Osteuropa die ideologischen und
 gesellschaftlichen Hürden zu einem breit angelegten
 Widerstand genommen werden.

 Anmerkungen:
 [1] Detlef Hartmann, "Völkermord gegen soziale
 Revolution ? Das US-imperialistische System von Bretton
 Woods als Vollstrecker der nationalsozialistischen
 Neuen Ordnung", Autonomie ? Materialien gegen die
 Fabrikgesellschaft, Neue Folge, Nr. 14 (2. unveränderte
 Auflage 1987). Obwohl Hartmann im Text recht genau
 ausführt, wie die finanztechnischen Instrumente in den
 verschiedenen imperialistischen Ländern parallel
 entwickelt wurden und welche Innovationen genau von den
 Naziökonomen eingeführt wurden, scheint der Titel
 selbst in die Falle antiimperialistischer Diskurse der
 70er Jahre zu gehen, die den US-Imperialismus als
 Vollstrecker der Nazi-Politik dämonisieren und damit
 den Holocaust ausklammern.
 [2] Thomas M. Bohn, "Bulgariens Rolle im
 « wirtschaftlichen& » Ergänzungsraum Südosteuropa", in
 Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und
 Sozialpolitik Nr. 12, "Besatzung und Bündnis ? Deutsche
 Herrschaftsstrategien in Ost- und Südosteuropa" (1995),
 pp. 111-138.
 [3] Einer operaistischen Beschreibung folgend, können
 wir hier allgemeiner vom Widerstand der Klasse
 sprechen. Der Begriff unterscheidet sich von jenem der
 Arbeiterklasse, indem er alle antagonistischen, nicht
 einbindbaren Kräfte umfasst, also insbesondere auch
 Bäuerinnen und Bauern, deren selbstversorgende
 Lebensweise (Subsistenz) aus der Sicht des Kapitals
 zerstört werden muss, um ihre Verwertbarkeit überhaupt
 erst herzustellen.
 [4] "Sowjetisch" und "sowjet"-russisch steht hier in
 Anführungszeichen, da nach der Oktoberrevolution einer
 der ersten Angriffe der Bolschewiki um Lenin den
 "Sowjets", also den Räten galt, die entmachtet wurden.
 Die "Sowjet"-Union hatte daraufhin wenig mit einer
 Räterepublik zu tun, für die SozialrevolutionärInnen
 gekämpft hatten.
 [5] Siehe auch: Materialien für einen neuen
 Antiimperialismus Nr. 4, "Das Ende des sowjetischen
 Entwicklungsmodells ? Beiträge zur Geschichte der
 sozialen Konfrontationen mit dem sozialistischen
 Akkumulationskommando" (1992).
 [6] Siehe dazu Eric Hobsbawm, Industrie und Empire ?
 Britische Wirtschaftsgeschichte seit 1750, 2 Bde
 (1970).  zurück
 [7] Zur Geschichte der bulgarischen Neureichen siehe
 auch Alain Kessi, "Kriegsgewinnler und
 Embargoverlierer", Jungle World Nr. 29/99, 9. Juli  1999,
 ,
 auch in com.une.farce 3/99, encore.une.farce,
 .

 [8] Zur geschlechterspezifischen Polarisierung der
 Gesellschaft nach der "Wende" siehe Judith Dellheim,
 "Lateinamerika im Osten?", Ost-West-Gegeninformationen
 Nr. 2/97 Juli 97, Alternativ-sozialistisches
 Osteuropakomitee Graz.
 [9] Victor Yotzov et al., "The First Year of the
 Currency Board in Bulgaria", Bulgarian National Bank,
 Discussion Paper 1, September 1998.
 [10] Anne-Marie Gulde, "The Role of the Currency Board
 in Bulgaria's Stabilization", Finance & Development,
 September 1999, p. 36.

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