3.10.2003
Es gibt keinen Grund zum Feiern!
Deutschland halt`s Maul!
„Sie haben sich nie für etwas geschämt, niemals um die Opfer
ihrer Mordlust getrauert, keine Sekunde lang die Schuld, in der sie vor der ganzen
Welt stehen, akzeptiert, keinen Augenblick innegehalten, um vor sich selbst zu
erschrecken und vor ihrer Geschichte, ein halbes Jahrhundert nicht... Kein Akt
der Sühne ist den Deutschen je gelungen, den man ihnen nicht hätte aufzwingen
müssen und dann war er erst recht nicht
nennenswert...Das abscheulichste Verbrechen der Menschheitsgeschichte hat
nichts mit ihnen, sondern nur mit ihrem Namen zu tun...Deutsche haben keine Alpträume,
denn sie sind selber einer.“ (Gert Ockert)
Am 3. Oktober 2003 jährt sich zum 13.
Mal der Jahrestag der deutschen Einheit, oder besser gesagt, die Einverleibung
der DDR durch die BRD. Am 3.10. feiern die Deutschen mal wieder sich selbst und
ihr Land.
Da der Schritt vom Volksfest zum
Pogrom in Deutschland eben nur ein kleiner ist
(s.Rostock-Lichtenhagen), sind an
diesem Tag all jene, die nicht ins völkisch-nationalistische Weltbild der
hiesigen Mehrheitsgesellschaft passen, gefährdet: Flüchtlinge, Punks, Linke,
Obdachlose oder Drogenabhängige werden dann zur Zielscheibe des deutschen Mobs,
damit sich auch noch der letzte Dorfnazi durch das Verprügeln eines imaginären
„Volksfeindes“ seiner Zugehörigkeit zum völkischen Kollektiv vergewissern kann.
Wenn sie nun aber keinen Applaus für
ihre Taten kriegen, so wissen sie doch intuitiv, dass sie sich der stillen
Sympathie des Großteils ihrer Volksgenossen sicher sein können. Denn das, was
der Mob auf der Straße praktiziert, ist die etwas holprige Umsetzung dessen,
was in Reden quer durchs Land in Feierstunden zur sogenannten Wiedervereinigung
von den Protagonisten dieser Republik „wortgewaltig" vorgetragen wird:
„Wir sind wieder wer“!
Schröder,
Walser, Grass und wie sie alle heißen werden sich die Chance an diesem Tag
nicht entgehen lassen, monoton immer wieder das gleiche zu beteuern:
Deutschland sei
zivilisiert,
habe aus der Geschichte gelernt und sei nun ein ganz normaler Staat (wobei die
Normalität, die sie meinen, die eines Massengrabes ist). Dass es sich dabei
nicht nur um Floskeln handelt, sondern dies nichts anderes als die handfeste
Formulierung deutscher Großmachtsinteressen ist, zeigt wohl am anschaulichsten
der Krieg gegen Jugoslawien.
Mit dem Verweis auf angebliche serbische
Konzentrationslager wurde der Staat zum dritten Mal im 20. Jahrhundert von
Deutschland überfallen und später in völkische Kleinstaaten zerschlagen. Mit
diesem Angriff konnten die Deutschen nicht nur beweisen, dass sie in
40-jähriger Abstinenz nichts verlernt hatten, sondern sie haben sich die
Definitionsmacht über die Geschichte wieder angeeignet, denn wer könnte besser
als sie darüber urteilen, was ein KZ ist und was nicht?
Aber nicht nur, dass die Deutschen sich
die Definitionsmacht über Auschwitz wieder angeeignet haben, was als zweiter
Sieg über die Opfer zu verstehen ist, nein, endlich darf auch hierzulande mal
über die [sog.] „Opfer“ in den eigenen Reihen getrauert und an sie erinnert
werden.
Ob es nun um die Bombardierung deutscher
Städte geht, oder um die sogenannten Heimatvertriebenen, die Deutschen halluzinieren
sich überall und jederzeit nur noch als Opfer.
Als
ob das britische Bomberkommando daran Schuld ist, dass die Deutschen auch als
ihre Städte schon brannten immer noch hinter ihrem Führer standen, oder als
habe Edward Benes aus lauter Langeweile die Deutschen ausgewiesen, nachdem sie
tatkräftig dabei mithalfen, Zehntausende Tschechische Juden zu ermorden, werden
die Grenzen zwischen Opfern und Tätern verwischt und damit irgendwie alles
unrecht und verbrecherisch und die Shoa als Bruch mit der Zivilisation und Explizit
Deutsche Tat wird somit ein Völkermord unter vielen, oder wie Amery es
formuliert hat:“ Alles wird untergehen in
einem summarischen >Jahrhundert der Barbarei<.“
„Die
Deutschen wollen aus dem Exil, aus der Kälte der Gesellschaft in die Wärme, in
die Gemeinschaft, sie wollen zu sich kommen. So ist aus der Asche der
Ermordeten der Stoff geworden, mit dem sich der neue Nationalismus das gute
Gewissen macht, jetzt können die Landsleute statt Menschen Deutsche sein.“
(Eike Geisel)
Wenn die Deutschen sich also die Definitions-macht über Auschwitz durch
Museen, Gedenkstätten und Erinnerungsstiftungen zurückgeholt haben, haben sie
den Überlebenden, die immer außerhalb dieser Gesellschaft standen und stehen,
ganz im Gegensatz zu den Tätern, das genommen, was ihnen geblieben ist: die
Erinnerung.
Wenn
also am 3.10. die Deutschen meinen, sie hätten etwas zu feiern, so sollte es
unsere Aufgabe sein, darauf hinzuweisen, dass es an diesem Tag nichts, aber
auch wirklich gar nichts zu feiern gibt und zu zeigen, dass es mehr als 1000
Gründe gibt, Deutschland zu hassen und den Deutschen bei ihren Feierlichkeiten,
wo auch immer und in welchem Rahmen auch immer, in die Suppe zu spucken. Wir
sollten an diesem Tag zeigen, dass es
eine Alternative zu Volk, Staat und Nation gibt und dass es mehr denn je
bitter notwendig ist, dafür einzutreten, denn:
„Wenn von diesem Zustand aber bekannt und erwiesen ist,
dass er Auschwitz impliziert, ist die Welt, die ihn hinnimmt, nicht mehr
dieselbe wie jene, die ihn duldete, als seine Implikationen noch unvorstellbar
waren. Die Welt, die nach Auschwitz
nicht ganz anders ist, ist eine, die Auschwitz
bewußt in Kauf nimmt.“
(Wolfgang Pohrt, Vielleicht war alles erst der Anfang.)
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Nordfriesland [AAN]
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September 2003