nadir start
 
initiativ periodika Archiv adressbuch kampagnen suche aktuell
Online seit:
Fri Sep  4 00:22:32 1998
 


Mit Hilfe von Schleppern nach Deutschland

D.G. Lübeck - Verteidiger Hans-Jürgen Wolter ist sich der Sache ganz sicher. Sein Mandant, der 21jährige Safwan E., habe mit dem Brandanschlag auf das Heim für Asylsuchende in der Hafenstraße nichts zu tun. Der junge Libanese werde zu Unrecht von Polizei und Staatsanwaltschaft des zehnfachen Mordes und der menschengefährdenden Brandstiftung bezichtigt, erläuterte der Lübecker Anwalt gestern im Gespräch mit der WELT. Die Ermittler ständen stark unter Druck und brauchten offenbar schnelle Erfolge.

Das ganze Wochenende führte Wolter Gespräche mit Marwan E., dem Vater des inhaftierten Libanesen sowie mit dessen beiden erwachsenen Brüdern Mohammed und Gasswan. Marwan E. lebte seit längerer Zeit mit seiner Frau und den sieben Kindern in dem Haus an der Hafenstraße. Während sich die beim Brand verletzte Mutter noch im Krankenhaus befindet, erhielt Marwan E. mit seinen Kindern Unterkunft in einem Heim der Diakonie am Priwall in Lübeck-Travemünde.

Für seine Überzeugung, daß Safwan E. nicht der Täter ist, sprechen aus Sicht seines Verteidigers triftige Gründe. So brach das Feuer in der Nacht zum Donnerstag vor der Tür der Wohnung seiner Eltern in der 1. Etage aus, während der junge Mann mit seinen Brüdern im ausgebauten Dachgeschoß schlief. Der Vater habe ein Knarren der Gartentür vernommen, dann habe es einen Knall gegeben, er habe Chemikalien gerochen und am Wohnungsfenster dann den Feuerschein gesehen.

Safwan E. und seine Brüder, so berichtete der Anwalt, hätten, aufgeschreckt durch das Feuer, eine ebenfalls im Dachgeschoß wohnende Libanesin und deren Kind sowie einen Schwarzarfrikaner und dessen Frau auf einen Dachvorsprung gerettet. Von dort wurden sie durch die Feuerwehr geborgen. Nach Angaben des Verteidigers ist die Familie von Safwan E.s Unschuld überzeugt. Das gelte auch für die ebenfalls libanesische Familie El-Omari, die in der 2. Etage gewohnt hatte. Auch für den verhängnisvollen Satz des Inhaftierten "Wir waren es", den er gegenüber einem Rettungssanitäter äußerte, hat der Anwalt eine Erklärung. Vater Marwan E. habe im Beisein der Söhne über den Ausbruch des Feuers berichtet und dabei gesagt: "Die waren es." (Ausländerfeindliche Täter). Das müsse Safwan E. mißverstanden haben.

Der sunnitische Moslem Marwan E. ist mit seiner Familie seit 1990 in der Bundesrepublik. Er stammt aus Tripoli nördlich von Beirut. Mutter und Kinder gelangten über Rumänien mit Hilfe von Schleppern nach Deutschland. Der Vater schlug sich allein durch, weil er nicht genügend Geld für die Schlepper aufbringen konnte. Ihren Asylantrag begründete die Familie mit dem libanesischen Bürgerkrieg. Doch das Gesuch wurde mit der Begründung abgelehnt, im Libanon gebe es keine staatliche Verfolgung. Erfolglos blieb die Klage der Familie gegen diese Entscheidung. Das Verwaltungsgericht sprach im Urteil zwar von ehrenwerten Motiven der Antragsteller, doch sei für die Gewährung von Asyl die Verfolgung durch staatliche Stellen Bedingung.

Seither bemüht sich Familie E. mit Hilfe ihres Anwalts um eine sogenannte Aufenthaltsbefugnis. Sie kann, wie Wolter erläuterte, aus humanitären Gründen gewährt werden, wenn die Abschiebung eine unzumutbare Härte bedeuten würde. Das sei im Fall der Familie E. sehr wohl gegeben, sagte der Anwalt. Außerdem werde der Familie von den libanesischen Behörden die Einreise verweigert, weil ihnen die erforderlichen Papiere dafür fehlten.

 Copyright: DIE WELT, 23.1.1996


 

[Lübeck - Hauptseite | Presse | Was gibt's Neues | Inhalt | Feedback ]