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Fri Sep  4 00:27:39 1998
 

Drama aus verschmähter Liebe?

LÜBECK 1: Der 21jährige Sahwan Eid hat möglicherweise aus Eifersucht Feuer im Asylbewerberheim gelegt. Bei dem Brand kamen zehn Menschen um, 35 wurden schwer verletzt

DEUTSCHLAND Es sah nach einem gemütlichen Abend aus. Safwan, Mohammed und Gasswan saßen in ihrem kleinen Zimmer im Dachgeschoß des Asylantenhauses in der Lübecker Hafenstraße 52. Die drei libanesischen Brüder hatten Besuch von einem Freund, tranken Tee, spielten Karten. Gegen 21.20 Uhr schalteten sie den Fernseher ein, der über Satellit allein fünf arabische Programme empfangen konnte. Der »Egyptian Satellite Channel« aus Kairo brachte »Verlorene Liebe« ein Eifersuchtsdrama. Am Ende gab es Tote. Nachdem der Film vorbei war, sei der Freund gegangen, seine Brüder hätten sich schlafen gelegt, er selbst habe noch das RTL-Nachtjournal geguckt, sagte Mohammed Eid, 23, dem STERN.

Die Sonderkommission der Lübecker Polizei hält dies für eine »Schutzbehauptung«. Ihr Verdacht: Nach dem blutigen Fernseh-Drama am Mittwoch vergangener Woche habe der sonst so ruhige 2ljährige Safwan im ersten Stock Feuer gelegt - aus enttäuschter Liebe, aus Ärger über eine Mitbewohnerin dic anderen Männern den Vorzug gab, weshalb er ihr einen »Denkzettel« verpassen wollte. Was Safwan dabei » mit Sicherheit nicht beabsichtigt hat«, so ein leitender Ermittler: Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Von den insgesamt 48 Bewohnern kamen zehn in den Flammen oder bei Sprüngen aus dem Fenster um 35 wurden verletzt. Nach der Festnahme von drei jungen Männer aus Grevesmühlen, von denen einer angeblich wie ein Skinhead aussah stand Lübeck weltweit am Pranger: »Nazi-Attacke in Deutschland« lautete etwa die Schlagzeile im liberalen englischen »Guardian«.

Auch in Deutschland gab es reichlich vorschnelle Reaktionen: So rief Lübecks Bürgermeister Michael Bouteiller (SPD) zum »zivilen Ungehorsam« gegen die »verheerende Bonner Asylpolitik« auf die »Isolation« der Ausländer sei die »Wurzel des Übels«. Und als Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, auf einem Vortrag in der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik vor »Vorverurteilungen« warnte, wurde er ausgebuht und unter Beifall als »Anwalt der Mörder« beschimpft. Zu dieser Zeit waren die Verdächtigen aus Mecklenburg-Vorpommern, die vermutlich zum Autoknacken ins 60 Kilometer entfernte Lübeck gekommen waren, längst wieder frei. Und die 50-köpfige Lübecker »Soko I/96« verfolgte die neue heiße Spur: Ein Rettungssanitäter der Feuerwehr berichtete, Safwan habe ihm in der Brandnacht gestanden: »Wir waren es.« Ferner habe er präzise beschrieben, wo und wie das Feuer entstanden war. Das reichte am Samstag für einen Haftbefehl gegen den 2ljährigen wegen Mordes und besonders schwerer Brandstiftung, auch wenn er selbst leugnet und nahezu alle Verwandten und Freunde sagen, Safwan sei zu so einer Tat nicht fähig.

Die neunköpfige Familie Eid aus Tripoli im Norden des Libanon hat 1990 ihre Heimat verlassen. Zuerst kam Vater Marwan, 45, von Beruf Raumausstatter. Er hatte auch schon in anderen arabischen Ländern sein Glück versucht. Im Herbst folgten seine Frau und sieben Kinder. Die Schiffspassage nach Zypern, der Flug nach Rumänien, -> die Einschleusung über die deutsch-tschechische Grenze kosteten die Familie ein Vermögen. Dann die Enttäuschung: Ihre Asylanträge wurden abgelehnt. Begründung in solchen Fällen: »Der Wunsch des Antragstellers in der Bundesrepublik Deutschland Schutz vor dem Bürgerkrieg zu finden, ist menschlich verständlich, hat aber asylrechtlich keine Bedeutung.« Mehrmals erhielt Familie Eid Ausreiseverfügungen, doch die libanesische Botschaft verweigerte allen neue Pässe.
Die Eltern und vierjüngere Geschwister lebten im ersten Stock des Flüchtlingshauses in der Hafenstraße also aufjener Etage, wo der Brand ausbrach. Das Zimmer von Safwan, Mohammed und Gasswan im Dachgeschoß war neun Quadratmeter groß, es gab nur zwei Betten; abends wurde eine Matratze dazugelegt. » Wenn mein Bruder Mürder ist, töte ich ihn«, sagt Gasswan. Aber er glaubt nicht, daß Safwan es war. Der jobbte drei Jahre lang im türkischen Embiß »Bodrum«, kochte dann arabisch bei Landsleuten in dem Bistro »La Palma II« in der Straße Engelsgrube. Das Lokal brannte im September 1995 aus. Eine Hausbewohnerin starb 20 wurden schwer verletzt. Anfangs wurde ein Brandanschlag von Rechtsradikalen vermutet inzwischen sitzen die beiden libanesischen Gastwirte und ein Helfer in Untersuchungshaft. Sie werden verdächtigt, in der Küche Benzin angezündet zu haben, um die Versicherungssumme zu kassieren. Safwan soll darunter gelitten haben, daß er nun arbeitslos war. Alle paar Tage saß er im »Kevser«-Grill in der Wahmstraße, aß Döner Kebab für sechs Mark. Im Gemüseladen nebenan kaufte er mit seiner Familie jeden Freitag Obst und Gemüse, ging dann mit seinem Vater in die Moschee.
Safwan gilt als gläubiger Moslem er raucht nicht und trinkt keinen Alkohol. Sein Bruder Mohammed erzählt, einmal im Monat seien sie in die Disco gegangen.
Freundinnen habe Safwan nicht gehabt. Safwan hat kein Feuer gelegt«, schreit George, 16, aus Syrien. Er lebte mit seiner Mutter und zwei Geschwistern im Dachgeschoß neben den Eid-Brüdern. » Ich war mit Safwan aufdem Dach. Er ist als letzter runter. Die Polizei suchtein Opfer, um die Öffentüchkeit zu beruhigen. Man will uns nur noch mehr quälen damit wir von alleine abhauen.« Assia El-Omari Mutter der zweiten libanesischen Familie im Haus: »Wir waren alle wie Geschwister.« Natürlich gab es mal Spannungen. wenn mindestens 48 Flüchtlinge aus fünf Ländern auf engstem Raum zusammenleben. Einmal wurde ein Afrikaner von Libanesen verprügelt. Safwans Vater, der zwei Jahre lang mit Mohammed und Gasswan als Maurer arbeitete und früh aus dem Haus mußte, beschwerte sich häufig über Kinderlärm. Aber tödliche Feindschaft? Nein, er spricht von einem Anschlag: »Ich habe in der Nacht gehört, wie das eiserne Gartentor aufgegangen ist. Dann hörte ich Fensterklirren und eine Explosion.« Drei Stunden nach der Brandkatastrophe sagte Safwan vor laufenden Kameras: »lch gehe nicht aus diesem Krankenhaus raus, bis ich mein Recht kriege, und wenn ich mein Recht nicht kriege, zeige ich euch, was ich mache, und ich zeige euch, was ein Terrorist ist.«

ULI HAUSER
Mitarbeit: Thorsten Geil, Andreas Schmidt.
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Quelle: STERN
Datum: 25-01-1996
Ausgabe: 5
Seite: 86
Autor: *Uli Hauser*
*Thorsten Geil, Mitarbeit*
*Andreas Schmidt, Mitarbeit*

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