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Datum=04.12.1996; Seite=10; Artikel=ortt; Schlagwort=Kriminalität/Brände/Prozesse/KORR/;


Titel: LÜBECK (dpa).

Text:

Der Prozeß um das verheerende Feuer in einem Lübecker Asylbewerberheim vom 18. Januar ist gestern mit einem Ortstermin an der Brandruine fortgesetzt worden. Bei dem Feuer waren zehn Menschen getötet worden.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Hausbewohner Safwan Eid vor, das Feuer im ersten Stock des Hauses gelegt zu haben. Als Motiv wird Streit unter den Hausbewohnern angenommen.

Während sich die Prozeßbeteiligten gestern an der Umzäunung des einsturzgefährdeten Hauses versammeln, hängt ein Justizwachtmeister ein Schild an den Bauzaun: Die Brandruine wird damit für den Vormittag zum "Landgericht Lübeck" erklärt.

Presse und Zuschauer dürfen das bei dem Brand stark beschädigte Haus wegen Sicherheitsrisiken nicht betreten.

Geschützt durch Feuerwehrhelme und Mundschutz, ausgerüstet mit starken Lampen, dringen kleine Gruppen in das Gebäude vor. Besonderes Augenmerk richten sie auf die Spuren im Erdgeschoß und im ersten Stock, denn noch immer ist zwischen Anklage und Verteidigung die Frage strittig, wo das Feuer ausbrach. Gutachter des Bundes- und des Landeskriminalamtes gehen davon aus, daß das Feuer in einem Flur im ersten Stock ausgebrochen ist. "Tatsächlich waren genau dort die stärksten Brandspuren zu sehen," erklärt Staatsanwalt Michael Böckenhauer nach der Besichtigung. Da die Eingangstür nachweislich verschlossen war, käme in diesem Fall nur ein Hausbewohner für die Tat in Frage, wie es die Staatsanwaltschaft annimmt. Die Verteidigung nimmt dagegen den Vorbau des Hauses besonders unter die Lupe. Der Brandschutzsachverständige Ernst Achilles, der vor seiner Bestellung zum Gutachter durch das Gericht wiederholt öffentlich erklärt hatte, er halte einen Brandausbruch hier für möglich, hält sich mit Aussagen über seine heutigen Erkenntnisse zurück. "Der Staatsanwalt bleibt bei seinen Erkenntnissen und ich auch," sagt er knapp.

Die Verteidigung hat zum Ortstermin einen weiteren Sachverständigen mitgebracht. Rodger Ide, ein ehemaliger Mitarbeiter des britischen Innenministeriums, besichtigt das Objekt ausführlich. Über seine genauen Aufgaben wollten sich die Anwältinnen jedoch nicht äußern.

Auch die ehemaligen Hausbewohner sind erschienen. Der Angeklagte Safwan Eid klettert durch den Brandschutt, zeigt hierhin und dorthin, spricht mit seinen Verteidigerinnen. Sein Vater und seine Brüder halten sich abseits, beobachten still das Geschehen. Umringt von ihren Kindern steht die ehemalige Hausbewohnerin Assia El- Omari weinend vor dem Haus. Doch dann steigt sie mutig in den Korb einer Feuerwehrleiter, läßt sich an der Ruine emporfahren und blickt noch einmal in ihre Wohnung im zweiten Stock hinein, in der in der Brandnacht ihr Sohn starb.


Eingang=DPA_04/12_12:48


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