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Sonnabend/Sonntag, 5./6. April 1997 · Nr. 79, Titelseite

>> Bullen und Buddenbrooks

> Lübecker Brandanschlag: Polizei führte Freundin eines Opfers als V-Frau

Welche Rolle spielte eigentlich die Lübecker Kriminalpolizei beim Brandanschlag auf die Flüchtlingsunterkunft am 18. Januar vergangenen Jahres? Diese Frage stellt sich spätestens, seit am Freitag bekannt wurde, daß eine Freundin des nach dem Brand tot aufgefundenden Hausbewohners Sylvio Amoussou der Polizei der Hansestadt als V-Frau diente.

Wenige Wochen vor dem Anschlag, im Dezember 1995, waren auf die Lübecker Wohnung der damals auch als Prostituierte Arbeitenden zwei Brandanschläge verübt worden. Zeitgleich sagte sie als Hauptzeugin in einem Vergewaltigungsprozeß aus. Nach Angaben des Sprechers der Lübecker Staatsanwaltschaft, Klaus Dieter Schultz, erhielt sie damals eindeutige Drohanrufe im Zusammenhang mit anderen Vergewaltigungsprozessen.

Bei ihrer Arbeit als V-Frau tauchen noch weitere Lübecker Beamte auf: zwei Kriminalpolizisten, gegen die später wegen Strafvereitelung ermittelt wird. Sie sollen im Fall einer Vergewaltigung sowie einer Körperverletzung nicht weiter ermittelt haben. Genau diese zwei Männer, so geht aus Prozeßakten hervor, waren auch an der Sonderkommission zum Brandanschlag beteiligt. Einen Zusammenhang mit dem tödlichen Feuer wollte Ankläger Schultz jedoch nicht herstellen.

»Hier soll eine der Nebelkerzen geworfen werden, um Legenden zu bilden, wie wir das in der Vergangenheit schon mehrfach erlebt haben«, reagierte der Staatsanwalt am Freitag. Schließlich seien rund 50 Beamte in die Ermittlungen einbezogen worden. Ob die beiden Kriminalbeamten eine konkrete Rolle bei der Vernehmung des Kronzeugen Jens Leonhardt spielten, wollte Schultz gegenüber jW am Freitag nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren. Der Rettungssanitäter gilt den Anklägern als einziger Belastungszeuge im Prozeß gegen den Libanesen Safwan Eid, dem vorgeworfen wird, für den Brandanschlag verantwortlich zu sein.

Bereits bei Vernehmungen Leonhardts sowie dessen Freund Matthias Hamann zu Beginn des Lübecker Brandprozesses war deutlich geworden, daß dem Sanitäter die Beamten der Hansestadt nicht ganz fremd sein konnten. Bei einem Treffen im Rahmen des Zeugenbetreuungsprogrammes im Sommer 1996, bei dem neben Leonhardt, Hamann und einigen Beamten der Kripo auch der Ankläger Michael Böckenhauer teilnahm, hatte Leonhardt die Lübecker Beamten geduzt. Welches Verhältnis er genau zu den Polizisten hat, wollte er im Prozeß jedoch nicht näher erläutern.

Ungeklärt ist bis heute auch, wie Sylvio Amoussou ums Leben kam. Gerichtsmediziner konnten in seinen Lungen nicht, wie sonst bei Brandopfern üblich, erhöhte Kohlenmonoxid-Werte feststellen. Amoussou wurde im hölzernen Vorbau der Unterkunft in der Hafenstraße aufgefunden - dort, wo die Verteidigung Eids den Ausbruch des Feuers vermutet und deshalb einen rechtsradikalen Hintergrund des Brandes nicht ausschließt. Zahlreiche Spuren im Vorbau, die zur Aufklärung des Todes beitragen könnten, wurden von den ermittelnden Beamten nicht asserviert.

Die Freundin Amoussous hatte wenige Stunden vor dem Brand angerufen und den Flüchtling zu einem Diskotheken-Besuch eingeladen - Silvio Amoussou allerdings wollte nicht mitkommen. Bereits im Januar vergangenen Jahres hatte sich die Frau bei der Polizei gemeldet, um sich nach ihrem Freund zu erkundigen. Schon damals, knapp zwei Wochen nach dem Brandanschlag, war sie als Zeugin vernommen worden.

Wolf-Dieter Vogel