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Datum: 24.09.1996, Berliner Zeitung
Ressort: Reporter
Autor:Bo Adam, Lübeck

"Er sagte zu mir: Wir warn's"Kronzeuge Jens L. hat seine Anschuldigungen im Lübecker Prozeß bekräftigt - doch im Detail zeigt er sich unsicher

Selbstbewußt betritt Jens L. den Saal 163 im Lübecker Landgericht. Alle Kameras sind vorher aus dem Raum verbannt worden. Die Staatsanwaltschaft hält den Mann für gefährdet. Ohne seine Aussage säße Safwan Eid heute nicht auf der Anklagebank. Denn Jens L. will in der Brandnacht gehört haben, wie der Libanese ihm ein Geständnis ablieferte. Von der Glaubwürdigkeit dieser Aussage hängt ab, ob Safwan Eid vielleicht für zehn Jahre, vielleicht lebenslänglich hinter Gitter muß. Spontane Beichte Der großgewachsene, schlanke 26jährige, der 1990 aus Eisenhüttenstadt nach Lübeck kam, spricht mit selbstsicherer Stimme, als er von der Brandnacht erzählt. Um 4 Uhr und 22 Minuten sei er alarmiert worden, habe dann seinen Freund Matthias H. - wie Jens L. ehrenamtlicher Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz - zum Einsatz abgeholt. In der Lübecker Hafenstraße angekommen habe er sich zunächst am Hafengelände nützlich gemacht, dann sei ihm ein Bus mit Leichtverletzten zugeteilt worden. Dort habe er Safwan Eid gesehen, der wie in einem Schock auf der hintersten Bankreihe saß.Jens L. habe ihn gefragt, ob er o. k. sei, worauf Safwan Eid dem ihm unbekannten Sanitäter spontan eine Beichte ablegte: "Wir warn's."Darauf besteht Jens L. vor Gericht. Doch was hat er wirklich gehört? Was hat er verstanden? Daß der Angeklagte Safwan Eid bei Aufregung "die" und "der" verwechselt, bewies er bereits ungewollt am vergangenen Mittwoch, als er seine Version des Geschehens darstellte: "Ich war die Letzte auf dem Dach", erklärte er dem Gericht, und nicht "der Letzte". Warum kann er also nicht das "Die" in der Katastrophen-Nacht so ausgesprochen haben, daß der Sanitäter glaubwürdig ein "Wir" heraushörte?

Doch der Zeuge der Anklage will mehr gehört haben: "Ich setzte mich dann erschrocken zu ihm hin, sagte: , So etwas sagt man nicht. Wie kommst du darauf? Das kann einen doch Kopf und Kragen kosten`", berichtet Jens L. dem Gericht. Dann habe ihm der junge Libanese aber erzählt: Man habe Streit mit einem Familienvater oder Hausbewohner gehabt. Man wollte sich rächen. Man habe Benzin oder eine andere brennbare Flüssigkeit aus einer Flasche oder einem anderen Behältnis an die Tür gekippt und angezündet. Das Benzin sei dann brennend die Treppe hinuntergelaufen. Mit einem Mal habe die Treppe in Flammen gestanden. Nach dessen Geständnis versorgte Jens L.Safwan Eid medizinisch. Erst am übernächsten Tag sei er zur Polizei gegangen.

Dann beginnen die Fragen. Sehr schnell zerfließt die Selbstsicherheit des Hauptzeugen: War nun von Benzin die Rede oder von etwas anderem, wollen Richter Rolf Wilcken und Verteidigerin Gabriele Heinecke wissen. Und sprach Safwan Eid im Bus von einem "Familienvater" oder einem "Hausbewohner", an dem man sich rächen wollte? Wie hieß das Gefäß, war es eine Flasche oder ein Becher? Die Verteidigung hält dem Zeugen die verschiedenen Varianten seiner Aussage in den bisherigen Vernehmungen vor. Jens L. wird einsilbig, ist unsicher. Am Ende gesteht er, daß er sich an den Wortlaut des Geständnisses von Safwan Eid im Bus nicht mehr erinnern kann. Warum meldet sich Jens L. nicht gleich bei der Polizei? Er habe nicht gewußt, ob er als Sanitäter in dem Fall an eine Schweigepflicht gebunden sei, erklärt er. Er bespricht sich mit seiner früheren Zimmerwirtin, einer 81jährigen Frau. Und mit dem Sanitäter Matthias H.Der schließlich ruft bei der Polizei an. Warum Matthias H.?Jens L. weiß es nicht. Er weiß auch nicht, wann er eigentlich was mit Matthias H. gesprochen hat. Direkt am Ort des Geschehens in der Hafenstraße oder erst viel später.

Ausweichende Antwort An dessen Rolle ist aber die Verteidigung brennend interessiert, denn Matthias H. war vor ein paar Jahren wegen rechtsradikaler Interessen bereits aufgefallen. Und Matthias H. ist der "Vorsitzende auf Lebenszeit" eines Paintball- oder Gotcha-Vereins von Lübeck, an dessen Schießübungen Hauptzeuge Jens L."drei- oder viermal" teilnahm - nach der Brandnacht vom Januar. Doch nicht nur der Hauptzeuge der Anklage geht lädiert aus dieser Verhandlung. Auch die Staatsanwaltschaft selbst, als bekannt wird, daß sich Anklagevertreter Böckenhauer und Vertreter der Polizei im Juli in einem Raum der Lübecker Hafenpolizei mit Jens L. und Matthias H. zu einem Gespräch getroffen haben."Wir haben uns über den Urlaub unterhalten", versucht Jens L. auszuweichen. Näheres aus dem Gespräch wird an diesem Tag nicht bekannt.

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