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Inhaltsverzeichnis Inhalt Die Gespensterwelt der Ossis - Über Aufwärts

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»Detlev hatte immer Zeit für mich« - Die friedliche Koexistenz von Stasis und Ossis

Der mit Abstand beliebteste Verein jedoch mit dem größten Zulauf aus allen Altersschichten ohne Ansehen von Rang und Beruf war die Stasi. Folgt man den täglich neuen Enthüllungen über IMs, den auszugsweise veröffentlichten telephonbuchlangen Listen von Spitzeln, wird man den Verdacht nicht los, daß die Objekte der Ausspähung in der hoffnungslosen Minderzahl waren. Da blieb es natürlich nicht aus, daß sich die Ossis gegenseitig bespitzelten, woraus sich schließen läßt, daß es sich dabei um eine Art Volkssport gehandelt haben muß, der als Dienst an der Allgemeinheit und nicht als ehrenrührige Tätigkeit verstanden wurde. Immer mehr stellt sich jedenfalls heraus, daß es kaum jemanden gegeben hat, der nicht ein bißchen mit der Stasi gekungelt und geschunkelt hatte.

Weil aber die massenhafte Erhebung von absolut unwichtigen Informationen genauso sinnlos ist wie jeder andere beliebige Volkssport, kann man dem mangelnden Unrechtsbewußtsein der Ossis sogar eine gewisse Plausibilität abgewinnen. Nichts Langweiligeres und so völlig ohne Belang als die in den Feuilletons breitgetretenen Verdächtigungen und aufgeblasenen Entlarvungen oder die als schwerverkäuflicher Ramsch auf den Buchmarkt geworfenen Spitzelberichte und Aktenvermerke. Die haben bei der Lektüre die gleiche Wirkung wie Valium, und wie beim ähnlich ermüdenden Büttenredner müßte man schon durch ein Tusch aufgeweckt werden, um an der richtigen Stelle gähnen zu können. Daß mit diesen Einschläferungsmittelchen in der Öffentlichkeit nun herumgewedelt wird, ist höchstens peinlich, hat aber weder mit Schuld etwas zu tun, noch taugen sie als Beweis für ein verbrecherisches Regime. Wenn es den Ossis Spaß machte, sich gegenseitig in ihrer Intimsphäre zu beschnüffeln, dann mag das zwar in anderen Kulturkreisen etwas befremdlich erscheinen, nicht weniger befremdlich ist jedoch auch das voyeristische Interesse an diesem eher unappetitlichen Detail in der Psychologie der Ossis, von dem bezeichnenderweise die sich als DDR-Opposition mißverstehenden Ost-Dichter und Ost-Pastoren gar nicht genug kriegen können, jedenfalls solange keine Akte über sie selbst gefunden wird.

Über die Nachstellungen der Stasi beklagt sich am meisten die Opposition, die diesen Namen deshalb kaum verdient, weil sie sich hinter den Rockschößen der Kirche verschanzte und ihre Kritik ungefähr den Koffeingehalt vom »Wort zum Sonntag« hatte. Mitleid mit dieser Sanso-Schmuseopposition, die es schon für einen Widerstandsakt hielt, wenn sie einen Liederabend veranstaltete oder über die Methoden des sanften Gebärens plauderte, mußte man höchstens deswegen haben, weil ihre selbstgestrickte Lyrik, ihre zusammengeschusterten Klampfenstücke und ihr kryptisches Öko- und Friedensgefasel mit subversivem Gedankengut verwechselt wurde. Weil sie aber nicht bloß einfältig war, sondern vor allem ein Verein von Nervensägen, muß man zugeben, daß die Maßnahme Mielkes, einige von ihnen in den Westen abzuschieben, eine Wohltat für die geplagten Stasis gewesen sein dürfte, eine Tat außerdem, zu der man ihn nur beglückwünschen konnte. Denn Mielke durfte sich sogar die berechtigte Hoffnung machen, sich ihrer als Geheimwaffe gegen den westlichen Kulturbetrieb bedienen zu können, der durch die unerträglichen Laienprediger mit dem Verfolgtenbonus noch unerträglicher wurde als er vorher schon war.

Damals, als es noch nicht ganz zu spät war, wandte sich Wiglaf Droste mit der »Bitte um humanitäre Hilfe« an Erich Honecker, den abgeschobenen Stefan Krawczyk doch wieder zurückzunehmen. Vergebens. Die Rache des alten Politbürokaders ist fürchterlich; der durch die DDR-Blindgänger angerichtete Flurschaden in der Medienlandschaft nicht mehr gutzumachen. Heute setzt Krawczyk seine subversive Tätigkeit bei der PDS fort und tut sein Bestes, um die potentiellen Wähler der Partei zu vergraulen.

Die Stasi war also in einer gewissen Weise ziemlich durchtrieben und clever, was dem Bild vom stalinistischen Instrument ganz und gar nicht entspricht. Außerdem erfüllte sie für die Ossis einfach auch eine therapeutische Funktion. Drogentote, Rauschgiftsüchtige, Penner und Bettler verunzierten im Osten nicht das Straßenbild. Da mußte niemand im gesellschaftlichen Abseits stehen, da mußte niemand einsam und auf sich selbst zurückgeworfen sein, dafür gab es mitfühlende und aufmerksam zuhörende Führungsoffiziere, die als Seelenklempner mit der westlichen Kummerkastenrubrik »Fragen Sie Frau Irene« aufs heftigste konkurrierten. »Die Stasi hat mir Wurzeln gegeben, hat mir Geborgenheit vermittelt. Ich konnte Tag und Nacht anrufen, Detlev hatte immer für mich Zeit.« Wer wollte der hilfsbedürftigen Seele von Monika, von der diese rührseligen Zeilen stammen, oder der herzensguten von Detlev, dem Ostmodell einer Avonberaterin, ernsthaft böse sein? Sie etwa, der Sie gerade so beleidigt aus der Wäsche gucken?

Im Gegensatz zu dem von Hast, Konkurrenz und Zeit-ist-Geld getriebenen Wessi, so hieß die frohe Botschaft hinter Monikas zerknirschtem Wurzelbekenntnis, nahmen sich die Ossis Zeit füreinander, standen sich mit Rat und Tat zur Seite, spendeten sich Trost und Hoffnung, lauschten, horchten, brabbelten und salbaderten. Noch heute glauben die Ossis daran, daß ihre Welt »rein zwischenmenschlich gesehen« eine Art verlorenes Paradies gegenseitiger Hilfe und Kommunikationsfreude gewesen sei. Bei vorurteilsloser Betrachtung muß man jedoch feststellen, daß ihr Alltag schon immer von blankem Neid und spießigem Ressentiment geprägt war. Nichtsdestoweniger glauben die Ossis tatsächlich, an sich eine humane Eigenschaft entdeckt zu haben, dessen Verlust bei ihnen heute Sehnsüchte nach der guten alten Zeit weckt, aber in der sentimentalen Verklärung der Vergangenheit leugnen sie die Voraussetzung, die zum Bespitzeln als Volkssport führte, nämlich daß man den anderen nicht leiden konnte, weil man in ihm die eigene Schäbigkeit wiedererkannte. Nun würden die Ossis gegen solche Unterstellungen aufs heftigste protestieren, und zur Widerlegung der These von der symbiotischen Beziehung zwischen Stasis und Ossis würden sie sogar die Statistik aus dem Hause Gauck auf ihrer Seite haben, derzufolge »nur« 150000 DDR-Bürger »als IMs bei der Staatssicherheit gewirkt« hätten. Aber selbst die Richtigkeit einer solchen Zahl vorausgesetzt, denn die Dunkelziffer ist bekanntlich immer um einiges höher, ganz zu schweigen von den ganz normalen Angestellten der wahrscheinlich größten Behörde auf deutschem Boden, schneiden die Ossis deshalb noch lange nicht besser ab.

Spätestens nach Hoyerswerda und Rostock müßte sich jeder Mensch mit einem halbwegs intakten moralischen Empfinden fragen, ob die Stasi nicht vielleicht doch eine nützliche Einrichtung war, denn immerhin sind unter ihrem wachsamen Auge 40 Jahre lang derartige Pogrome nicht vorgekommen. Und wirklich beschleicht den fassungslosen Beobachter angesichts der dosenbierausdünstenden, aufgeschwemmten, von Jogginganzügen unzulänglich verhüllten, deformierten Fettmassen mit den signalroten Alkoholbirnen das Gefühl, daß die Stasi gar nicht so übel war. Schon aus rein ästhetischen Gründen hat sie sich zweifelsfrei Verdienste erworben, als sie diese Ossis unter Verschluß hielt. Und auch Heiner Müllers Antwort auf die Stasivorwürfe hätte dann durchaus etwas für sich, jedenfalls wäre nicht auszuschließen, daß die Staatssicherheit die einzige intelligente Adresse in der DDR gewesen war, mit der man reden konnte. Die Stasi also als intellektueller Debattierklub oder als soziales Unternehmen, das die Ossis erfolgreich an der Verwirklichung ihrer geheimen Wünsche gehindert hat? Will das jemand? Nein? Dann muß er auch anerkennen, daß der Verdacht von der friedlichen Koexistenz von Stasis und Ossis nicht mehr von der Hand zu weisen ist.

»Millionen Deutsche litten unter der Stasi, diesem orwellhaften System der Überwachung und Einschüchterung - und leiden noch immer unter den Folgen«, heißt es, und man braucht kein Hellseher zu sein, um zu wissen, daß die Ossis dieses überall herumposaunte Märchen von den bösen Räubern mit den Deutschen in der Rolle von Hänsel und Gretel für die lautere Wahrheit halten und sofort mit einem Meineid bezeugen würden. Dabei weiß man doch spätestens nach der Veröffentlichung der Memoiren Vera Wollenbergers, daß sich die Ossis auch für eine Blumenkohlsuppe von der Stasi anwerben ließen. Und was heißt schon »orwellhaftes System der Überwachung«, wenn jeder weiß, daß die DDR dafür weder das technologische Know-how noch die High-Tech hatte, um die Ossis flächendeckend zu kontrollieren? Mit dem primitiven, aus dem letzten Jahrhundert stammenden Spitzelbericht in fünffacher Ausfertigung läßt sich jedenfalls kein Orwellstaat machen, der inzwischen ja auch schon etwas antiquiert und angestaubt ist, und jeder Sicherheitsexperte im Westen würde über die rührenden Methoden der Stasi nur milde lächeln. Und überhaupt: Haben die Millionen leidenden Deutschen denn nicht sowieso alles getan, um der Regierung keinen Grund für Beanstandungen an ihrem Verhalten zu geben? Fragen über Fragen und keine vernünftige Antwort.

Als »Leibeigene einer internationalen kriminellen Vereinigung« sehen sich die Ossis, um aller Welt drastisch vor Augen zu führen, wie gemein, niederträchtig und hinterhältig die Stasi war, die sie sogar zu »Erfüllungsgehilfen dieser Bande« herabgewürdigt hat. Wenn diesen Worten einer gewissen Irene Böhme schon kein Gedanke zu entnehmen ist, so doch zumindest ein Hintergedanke. Die Milchmädchenrechnung in Ostwährung lautet, daß man als Sklave für seine Taten nicht verantwortlich ist. Daß eine kriminelle Vereinigung Sklaven produziert, also Wesen, denen angesichts der unmittelbar drohenden Todesstrafe nichts anderes übrigbleibt, als zu tun, was man von ihnen verlangt, ist einmalig in der bisherigen Geschichte und auch ein bißchen lächerlich, weiß man doch spätestens seit der RAF, daß eine solche Organisation geradezu auf selbständig handelnde Individuen, auf flexible, entscheidungsfreudige und starke Persönlichkeiten angewiesen ist. Die Ossis waren nicht einmal insofern Leibeigene, als sie sich deren Mentalität zu eigen gemacht hätten, denn aus einem stolzen »Morituri te salutant« machten sie ein verdruckstes »Hoch auf unseren Genossen Staatsratsvorsitzenden«.

Unterstellt man dem Argument vom Ossi als »Leibeigenem« und erniedrigten »Erfüllungsgehilfen«, d.h. als Opfer, eine Logik (was gar nicht so einfach ist, aber was tut man nicht alles, um auf die Ossis - schreckliche Vorstellung - »zuzugehen«), dann sollte man meinen, daß mit dem »Sturz des Honecker-Regimes« und seit der Wiedervereinigung aus Knechten Citoyens geworden sind, denen ihr Erfüllungsgehilfendasein wie Schuppen von den Augen gefallen ist. Ein bißchen plötzlich vielleicht, aber seien wir großzügig gegenüber den »lebendig eingemauerten« Brüdern und Schwestern aus dem ehemaligen »DDR-Volksgefängnis«. Die abgepreßten Schnüffeldienste als Stasibüttel müßten dem neugebackenen Bürger aus dem Osten inzwischen so widerwärtig sein, daß es gar keine Frage ist: Für die nächsten drei Generationen sind die Ossis für derartiges nicht mehr zu gebrauchen. Aber während gerade mit heißer Nadel an der neuesten Stasigreueltat gestrickt wird, die Druckfarbe der Zeugnisse von, aus und über IMs noch nicht trocken ist, lassen sich Ossis bereits für den nächsten Verein von Hilfssheriffs anwerben, der dem Bundesgrenzschutz bei der »Abwehr der Asylantenflut« an der Ostgrenze behilflich sein soll, d.h. für eine paramilitärische Organisation, die dem Ossi aus vergangenen Zeiten eigentlich ziemlich bekannt vorkommen müßte. Und diesmal müssen sie keinen Staatsfeind, der aus irgendwelchen Schwertern Pflugscharen basteln wollte, beim Entleeren der Mülltonne zugucken, sondern dürfen mit Radargeräten und Infrarot spielen, Menschen im Nahkampf ganz legal die Knochen brechen, zurück in die Oder schmeißen oder ein bißchen an ihnen herumkokeln, wofür sie in Hoyerswerda und Rostock schon mal üben durften.



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