Absender : O.BANDEL@TBX.BerliNet.DE (Oliver Bandel) Betreff : Die informationelle Zweiklassengesellschaft Datum : Fr 02.06.95, 13:12 (erhalten: 03.06.95) ---------------------------------------------------------------------- Die informationelle Zweiklassengesellschaft "Freiheitsspendende Technologie" oder entmündigende Fernsehberieselung - ein amerikanisches und ein europäisches Konzept im Vergleich. Peter Diesler im Gespräch mit Professor Jürgen Kleinsteuber. FREITAG: Sie behaupten, die Medienkonzerne Europas setzen in ihren Multimedia-Strategien auf eine Flut satellitengestützter digitaler Fernsehprogramme, während die USA vorrangig Computernetze aufbauen, die sich durch einen hohen Grad von Interaktivität auszeichnen. Dieses Computernetze versteht man in den USA als "Technologies of Freedom", - freiheitsspendende Technologien. Europa setzt hingegen auf passive Fernsehberieselung? KLEINSTEUBER: Der erste Unterschied zu Europa ist: In den USA liegt die Entwicklung der nächsten medientechnischen Generation nicht in der Hand der führenden Medien- konzerne wie bei uns. Dort engagieren sich Computer- hardware- und Softwareproduzenten, wie Microsoft, IBM und Apple. Diese setzenauf die neuen Technologien, um den herrschenden kommerziellen Fernsehkonzernen die Märkte streitig zu machen. Mit dabei sind außerdem Telekom-Firmen wie AT&T und die großen kommerziellen Kabelbetreiber. Dazu kommen Medienmischkonzerne wie Time Warner. Diese Allianzen sind in den USA ganz anders gestrickt als in Europa. F: Konzenrieren sich Mischkonzerne auf wechselseitige Kommunikations- netze, weil sie beispielsweise per teleshopping Handelswaren über die Datennetze vertreiben wollen? K: Ja. In Europa werden die digitalen Techniken von den übermächtigen Fernsehkonzernen nicht eingesetzt, um neue Kommunikationsstrukturen aufzubauen, sondern um ihre traditionellen Vermarktungsstrategien aufrechtzuerhalten. Der deutsche und europäische Sonderweg läßt sich am besten an der Troika Telekom, bertelsmann, Kirch festmachen. Deren Konzept ist es, auf das digitale Satellitenfernsehen zu setzen. F: Welche Rollen spielen Kirch und Bertelsmann in diesem Szenario? K: In Deutschland haben wir zwei Senderfamilien, die das Terrain gemeinsam weitgehend beherrschen. Zuallererst Kirch, dann als zweiter Bertelsmann. Kirch protegiert von CDU/CSU, Bertelsmann im Boot mit der SPD. Darüberhinaus gibt es keine weiteren Akteure von ver- gleichbarer Bedeutung. Diese beiden Medienkonzerne haben am meisten zu verlieren, wenn neue Technologien eingeführt werden, da sie mit Sicherheit die jetzigen Marktanteile kräftig durcheinander schütteln. Diese hatten sich mit der Telekom in der Programm-Anbietergesellschaft Media Service GmbH zusammengetan. Gemeinsam sind sie die drei größten Kommunikationsakteure in Deutschland. ein Monopol, mit dem sich Kartellwächter der EU beschäftitgen. Diese drei Gesellschaften versuchten, über die ASTRA-Satelliten die Einführung digitaler Fernsehmöglichkeiten nach eigenen Vorstellungen mit zu prägen. Das Motto war "more of the same" - Programmvermehrung ohne jede Form von Interaktivität. Jetzt ist diese Media Service GmbH von Brüssel verboten worden, nicht zufällig, weil die beiden großen Medienkonzerne politisch sonst kaum mehr zu kontrollieren sind. Auch wenn die Monopolgründung Media Service GmbH gescheitert ist, gehen die Planungen von Kirch und Bertelsmann, wenngleich ohne Telekom, mit Organisationen wie der Premiere Service GmbH in die- selbe Richtung weiter. F: welches Interesse hat die Telekom an solchen Konzepten satellitengestützer Videotheken? K: Aus dem Nichts heraus hat der damalige Bundespostminister Schwarzschilling nach 1982 die gigantische Verkabelung der Bundes- republik eingeleitet. Die Begründung war keine technologiepolitische, sondern eine medienpolitische. Nämlich den von der CDU/CSU gewollten kommerziellen Anbietern die entsprechenden Übertragungskanäle zu sichern. Bis heute sind sie ein riesiger Defizitfaktor der Telekom- Kalkulation, weil sie nicht wirtschaftlich sind. Aber es kommt noch schlimmer: In zwei Jahren werden hunderte von Programmen über Fernseh- satelliten zu empfangen sein, während das Kabelnetz gegenwärtig nur 25 bis 30 Programme übertragen kann. Die Telekom steckt in der Klemme und macht zweierlei: Erstens baut sie ihr Kabelnetz aus, um noch mehr Programme übertragen zu können, andererseits beteiligt sie sich selbst an dem ASTRA-Satellitenprogramm. Das eigentlich fatale ist: Was die Telekom verteidigt, sind Technologien der achtziger Jahre: direktstrahlende Satelliten und nicht die interaktiven Kabelnetze. Im Prinzip verpaßt sie den Anschluß an die Technologie dr neunziger Jahre, nämlich die interaktiven terrestrischen Computernetze. F: Also liegt der Hauptunterschied zu den USA darin, daß Deutschland und Europa eher auf Programmvermehrung als auf die Datennetze setzen? K: Besonders extrem gilt das für die Bundesrepublik. Kirch und Bertelsmann meiden Interaktivität wie der Teufel das Weihwasser. In anderen europäischen Ländern müßte man das etwas differenzierter sehen. Satellitenfernsehen und Programmvermehrung implizieren, was kleine politische oder ökonomische Eliten an der Spitze entscheiden, was gut ist. Der Empfänger kann nicht eingreifen, die Programme und Entscheidungen werden von oben nach unten weitergegeben. Ich nenne das "Top-to-bottom"-Strategien. In dr Bundesrepublik lebt der alte hierarchische Untertanenstaat im Umgang mit Medien, und wie man sie technisch gestaltet, weiter. F: Aber auch Bertelsmann will jetzt mit dem Netzwerkanbieter America Online zusammenarbeiten. K: Auch wenn Bertelsmann plant, einen elektronischen Vertriebsweg für seine Printmedien aufzubauen, ändert dies nichts an den digitalen Fernsehplänen nichts. TV soll einbahnig angeboten werden, auf echte Interaktivität, wie beispielsweise Time Warner in Orlando vorexerziert, wird verzichtet. F: Die Datenautobahn wird zwar mehrspurig, mit Hunderten von Fernsehprogrammen, aber nur in eine Richtung gebaut? K: Ja. In den USA denkt man den Informations-Superhighway in den Kategorien terresrischer Netze. Dort gibt es zwar auch Satellitenprogramme, aber im Zentrum steht ein Datennetzwerk, bei dem auf beiden Richtungen ein breiter intensiver Verkehr möglich ist. F: Sie sprachen von Brüssel. Die EG- Kommission unter Leitung Bangemanns setzt eindeutig auf Interaktivität. Und in diesem Sinne hat sich auch das G7-Ministertreffen gemausert. Widerspricht das nicht Ihrer These? K: In Europa gibt es in der Tat unterschiedliche Fraktionen, die eine zunehmende Kollision zweier Denkweisen, zweier technischer Strukturen repräsentieren. Was den Bangemann-Bericht betrifft, so fordert der eigentlich eine stärkere Amerikanisierung der europäischen Infrastrukturpolitik: ein Informations-Highway-Konzept amerikanischer Art, nämlich die stärkung der Transnationalen Datennetze, um damit auch die wirtschaftliche und politische Verflechtung in Europa zu erhöhen. Aber insgesamt muß man feststellen, daß in Europa die "Top-to-bottom"- Strategie gegenüber den interaktiven vorherrschen. F: Und Verleger wie Hubert Burda, der mit dem Datennetz "Europe Online" auf den Markt drängt, gehört der auch zur "Fraktion der Interaktiven"? K: Ja, Burda ist auf dem Bangemann-Flügel anzusiedeln. Burda selbst hat in den USA studiert und predigt den eigenen Leuten im Haus die amerikanische Philosophie. der Konzern vetritt interaktive Konzepte. "Europe Online" basiert auf der klassisch amerikanischen Computernetzlogik. Auch Burdas Vorzeigeprodukt ging sehr schnell online ans Datennetz. Zweiteilung der europäischen Interessen heißt: die einen favoriesieren Satellitenfernsehen, Burda oder auch die Muttergesellschaft von RTL, die CTL, andere bauen eher auf interaktive Modelle. Der Grund ist klar: Unternehmen von der Größenordnung Burdas sehen nur dort überhaupt noch Möglichkeiten, sich dem Zugriff der ganz großen Konzerne zu entziehen und eigenme Angebote aufzubauen. F: "Technologies of Freedom", was ist damit gemeint? K: Man glaubt, daß die Computernetze dem einzelnen zusätzliche Handlungsoptionen ermöglichen. Beteiligungsformen, Entscheidungsfreiräume, wie sie nie zuvor im Medienbereich bestanden. Das interpretieren die Amerikaner optimistisch als "Technologies of Freedom". Freiheitsspendende Technologie. Das ist mir zwar zu optimistisch, doch Tatsache ist, daß die große Mehrzahl meiner amerikanischen Kollegen so denkt und ich versuche, deren Argumentation überhaupt erst einmal bekannt zu machen. Ich selbst sehe das durchaus kritisch. Ich bin kein amerikaner und vertrete - wie viele Europäer - eine technikskeptischere Variante. Aber was ich positiv einschätze ist, daß der einzelne Medienkonsument im US-Konzept mehr Freiheiten hat, als jemand, der passiv Hunderte Kirch-Satellitenprogramme konsumiert. F: Die gute Idee der "Freedom of Technologies" wurde vom intellektuellen akademischen Establishments der USA entwickelt. u ihnen gehört auch Vizepräsident Al Gore. Diese Gruppen verstehen Datennetze wie das Internet als einen Hebel gegen die allgegenwärtigen Kommerz-TV- Anbieter, die es auch in den USA gibt... K: Das ist das eine, das andere ist: Diese Computernetze sind weder staatlich noch durc irgendwelche Konzerne zu beaufsichtigen. Sie sind schon in ihrer technischen Grundstruktur anarchisch und damit herrschaftsfrei. Und von daher sind die Einwirkungsmöglichkeiten großer Medienakteure in diesem Netz deutlich reduziert. So besehen ist das schon ein Stück "Technologies of Freedom": Diese neuen Netze bieten die Chance, die alten publizistischen Machtballungen zu bekämpfen. Gegenwärtig weiß niemand, wie staatliche Interventionsmöglichkeiten aussehen, um dieses Netz in irgendeiner Weise inhaltlich zu gestalten oder ihm auch nur eine Richtung zu geben. Übrigens im Guten wie im Schlechten: Derzeit kommerzialisiert sich das Internet. Und diejenigen, die das Netz kommerzfrei halten wollen, werden das nicht schaffen, weil es keine zentralen Steuerungsmöglichkeiten zur Abwehr gibt. Schließlich bedeutet zensurfreies Wissen auszutauschen beispielsweise auch, Pornographie, gewaltdarstellungen und ähnliches über das Netz ausbreiten zu können. In Europa wird das sicher manchem Schauer über den Rücken jagen. Die Amerikaner interpretieren das eher optimistisch, indem sie sagen: je weniger Staat, umso besser. Dabei handelt es sich auch um einen alten amerikanischen Mythos. Wenn ich mir viele Entwicklungen aus dem Internet anschaue, dann stimmt mich das - immer bezogen auf die derzeitige Situation und Vision eines von einigen Medienmogulen beherrschten Europas - relativ gelassen. Diese Richtung scheint mir sinnvoller zu sein, als das europäische Operieren aus polit- ökonomischen Machtzentralen heraus. Aber daß ich das Internet als große Zukunftsvision feiern würde, das kann auch niemand erwarten. F: Jemand hat mal gesagt: Macht bedeutet zukünftig, Zugang zu den Netzwerken zu haben. Werden es letztlich nur kleine Führungseliten sein, die die Vorteile der neuen technologischen Möglichkeiten nutzen können? Droht aus der sozialen die informationelle Zweiklassengesellschaft zu werden? K: Die große Gefährdung liegt in der tat in einer Zweiteilung der Gesellschaft. Jene die selbstbewßt aktiv und mit großem eigenen Zugewinn die immensen technischen Angebote nutzen können und andere, die intellektuell oder aus anderen Gründen nicht in der Lage sind, sich durch immer komplexer werdende Technologien hindurch zu navigieren. Die zudem den Weg des geringsten Widerstandes gehen und eine weitere passive Nutzung in den Mittelpunkt stellen. Die würde ich als "information poor" bezeichnen, weil sie weiterhin durch gerichtete Medien versorgt werden und zu befürchten ist, daß das werbegetränkte Fernsehen noch zunimmt. Das würde ich für die probkematischste Perspektive der Entwicklung halten. Außerdem ist zu bedenken, was Freizeitforscher wie beispielsweise Horst Opaschowski sagen: Ihr könnt ja noch so viele interaktive Techniken einführen, die Menschen werden trotzdem passiv drauf reagieren. Die sind weder darauf vorbereitet, noch wissen sie, was sie mit diesem neuen Angebot anfangen sollen. Ich fürchte Opaschowski hat - zumindest teilweise - Recht. F: Ist diese pessimistische Sicht der Entwicklung ohne Ausweg? Glauben Sie, daß man etwas dagegen machen kann? K: Nein, die Chancen für eine vernünftigere Gestaltung unseres Mediensystems wurden in Europa und in Deutschland immer wieder verspielt. Wir sind heute in der Phase, wo das öffentlich-rechtliche Monopol zerstört ist. Wir befinden uns gegenwärtig in einer dualen Übergangsphase hin zu einer ganz klaren kommerziellen hegemonie. In der gegebenen Situation sind Medienmogule wie Kirch politisch nicht mehr kontrollierbar. Wenn wir verstärkt auf interaktive Techniken setzen, die dem Zugriff solcher machtvollen Akteure wie Kirch - oder in anderer Form Berlusconi oder Murdoch - den kommerziellen Zugriff erschweeren, würde das zumindest einen kleinschrittigen Fortschritt bedeuten. F: Für Gewerkschaft und Bürgerbewegungen müßte doch die Schlußfolgerung lauten: Hinein ins Internet, macht euch die Datennetze untertan... K: Vor allem muß sich der Kenntnisstand im gewerkschaftlichen Bereich massiv verbessern. Man muß sehen, daß hier gigantische Entwicklungen eingesetzt haben. Wir müssen erst einmal begreifen, was überhaupt möglich ist. Wir haben immer wieder erlebt, daß bei uns kein öffentlicher Diskurs über neue Medientechnologien erfolgte. Leitvorstellungen werden durch die zentralen Akteure mit ihren "Top-to- bottom"-Strategien eingefüttert, die dann unser ganzes Denken und den Diskurs der Technik festlegen. Alternative Technologiepfade sind uns nicht im Bewußtsein. Und daher fällt es auch so schwer, sie zu einer anderen politischen Option werden zu lassen. (Hans Jürgen Kleinsteuber, 52 Jahre, ist Professor am Institut für politische Wissenschaft an der Universität Hamburg. Er gilt als Spezialist für europäische und US-amerikanische Medienpolitik und Medientechnologie) [aus: FREItag Nr. 18, 28. April 1995] Die FREItag erscheint jeden Freitag in Berlin und wird Herausgegeben von: G. Gaus, Chr. Hein, G. Treusch-Dieter, W. Ullmann Tschüß, Oliver P.S.: Ich hoffe keine Tippfehler gemacht zu haben...