Absender   : ANDREAS@platinum.westfalen.de  (Andreas Piontek)
Betreff    : Schaeuble zum 8. Mai
Datum      : Mi 17.05.95, 00:00  (erhalten: 22.05.95)
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Hallo,

Auch wenn mir dabei nicht gerade Wohl ist, vielleicht kann ja eineR was  
damit anfangen.

cu
Andreas

Diese Nachricht wurde von mir lediglich weitergeleitet und fuer dieses
Netz dokumentiert. Der Inhalt der folgenden Nachricht entspricht nicht
unbedingt meiner eigenen Meinung oder Einstellung.
  - Nachricht wurde erstellt von:  Jan Rafiq 2:240/5400.66
  - am: (12.05.95); im Brett: (/FIDO/ANTIFA.GER)
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## Nachricht vom 06.05.95 weitergeleitet
## Ursprung : /CDU-CSU/Pressedienst
## Ersteller: SYSOP@03PLENUM



Der 8. Mai 1945 in der deutschen Geschichte:
Trauma und Chance

In der Sueddeutschen Zeitung vom 4. Mai 1995 ist folgender
Beitrag des Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dr.
Wolfgang Schaeuble MdB, erschienen:

I.

"Das weitgedehnte Truemmerfeld, darin das Brandenburger Tor
aufragend; eine Wuestenlandschaft von aeusserster
Trostlosigkeit wie die Berge des Mondes, die auf den ersten
Blick vollkommen entbloesst scheinen von allem Leben - keine
lebende Kreatur, gross oder klein, kein Vogel, nicht einmal
ein Insekt, kein Zweig oder Blatt, nichts verband die Szene
mit der conditio humana oder der menschlichen Existenz .....
UEber allem lag aber, lange nach dem Ende der Kaempfe, ein
Gestank von verwesten Leichen, suesssauer." Wer im Mai 1945
wie der britische Geheimdienstoffizier Malcolm Muggeridge nach
Deutschland kam, der konnte sein grenzenloses Staunen nur
muehevoll in Worte fassen. Ruinen waren zu den Zeugen eines
kaum mehr zu ueberbietenden Groessenwahns geworden.

Jede Gegenwart beginnt mit der jeweils letzten Katastrophe,
schrieb einst der Goettinger Historiker Hermann Heimpel. Die
Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ist auch heute noch, 50
Jahre danach, eine historische Zaesur, die die politische
Gegenwart beeinflusst und sich unausloeschlich eingepraegt hat
ins kollektive Gedaechtnis der Nation. Der 8. Mai 1945 ist
gleichzeitig ein definitorischer Moment der deutschen
Geschichte und ein welthistorischer Einschnitt. Die Tatsache,
dass der 8. Mai wieder einmal Gegenstand eines politischen
Streits in Deutschland geworden ist, haengt mit der Ambivalenz
dieses Datums, mit dem schwierigen Erbe des
Nationalsozialismus, ja mit der Unfaehigkeit zusammen, die
Ereignisse des "Dritten Reiches", die Dimension der von
Deutschen unter Hitler begangenen Verbrechen jemals
vollstaendig begreifen, geschweige denn erklaeren zu koennen.

In einer Zeit, in der die Lust an Jubilaeen im umgekehrten
Verhaeltnis zum Schwinden des Sinns fuer Geschichte steht,
laedt das herausragende Ereignis der 50. Wiederkehr des
Kriegsendes in Europa dazu ein, sich den Fragen nach Hitler
und dem inneren Zusammenhang in der deutschen Geschichte neu
zu stellen.

Hinzu kommt, dass, anders noch als vor zwanzig oder dreissig
Jahren, ein Generationenwechsel auch unter den politisch
Verantwortlichen die biographische Beruehrung mit den
Ereignissen des Zweiten Weltkriegs in eine neue Relation
gebracht hat. Mittlerweile ist selbst die Flakhelfergeneration
ins Rentenalter gekommen. Nur noch ein Teil der heute lebenden
Deutschen hat die Jahre des Nationalsozialismus bewusst
miterlebt. Der emotionalen, weil persoenlich erlebten
Betroffenheit der aelteren Generation steht die Distanz,
bisweilen auch das Desinteresse der juengeren gegenueber, die
das "Dritte Reich" in erster Linie aus dem
Geschichtsunterricht in den Schulen kennen. Je weiter sich
unsere heutige Welt von den Ereignissen entfernt, desto
schwieriger wird es, die Empfindungen und Gefuehle derjenigen
hinreichend zu verstehen und zu wuerdigen, fuer die der 8. Mai
erlebte Geschichte ist. Es ist eine eigentuemliche Mischung
aus Naehe und Distanz, aus politischer Gegenwart und Welt von
gestern, auf der unser ambivalentes Verhaeltnis zum 8. Mai
gruendet. Auf vielfaeltige Weise ragt Hitler immer noch in die
Gegenwart hinein, ein Alpdruck eher, jedenfalls kein
gewoehnlicher Gegenstand fuer historische Betrachtungen.

II.

Dass die Rueckbesinnung auf den 8. Mai 1945 bei denen, die
diesen Tag bewusst erlebt haben, zwiespaeltige Gefuehle
ausloest - wen wundert das? Es gab ja nicht nur die eine,
foermliche Kapitulation der Wehrmacht, die Generaloberst
Alfred Jodl mit seiner Unterschrift unter die alliierte
Kapitulationsurkunde am 7. Mai 1945 in Reims vollzog und die
zwei Tage spaeter im sowjetischen Hauptquartier in Karlshorst
wiederholt wurde,  es gab viele, beinahe unbemerkte
Kapitulationen in einem Krieg, der Soldaten und Buerger in
seiner Agonie auch dann noch an sich band, als er laengst
verloren war. Es sind die ergreifenden Bilder, an die Hermann
Heimpel erinnert hat, und die unvergessen bleiben: "Kolonnen
gingen in die laengst gefuellten Gefangenenlager.
Ostpreussische Pferde zogen die Wagen des Elends ueber das Eis
des Frischen Haffs; in Pillau draengten, verzweifelnd vor den
nachdraengenden Russen, die Fluechtlinge in das rettende oder
truegerische Schiff; aus Schlesien machten sich die Menschen
auf, an den Bahnhoefen lasen sie: "Wir kapitulieren nie". Vor
einem friedlichen Schwarzwaldhof geht ein junges Maedchen noch
immer in den Fabrikdienst - und wirft sich in den Graben vor
dem Jagdbomber, dem sich der Hass in den Sport der
Menschenjagd verwandelt."

Der Krieg war aus, doch fuer diejenigen, die in Zwangsarbeit
und Gefangenschaft gerieten, machte dies wenig Unterschied.
Von den 12 Millionen Deutsche, die fluchtartig ihre Heimat
verlassen mussten, bezahlten zwei Millionen die Verteibung mit
ihrem Leben. Racheorgien der Roten Armee,
Massenvergewaltigungen, willkuerliche Deportationen und
wahllose Morde standen im Fruehjahr und Sommer 1945 auf der
Tagesordnung. Bis zuletzt hatten die Soldaten im Osten die
Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren versucht, indem sie
den Fluchtweg nach Westen so lange als moeglich offen hielten.
Es ist in diesen Tagen viel Vorbildliches an persoenlichem Mut
und Opferbereitschaft geleistet worden - das sollte nicht
vergessen werden.

Zu Trauer und Verzweiflung traten im Mai 1945 aber auch
Erleichterung darueber, dass nach sechs Jahren der Krieg sein
Ende hatte und die Zeit des Nationalsozialismus ueberstanden
war. Anlass zur Freude, zum Feiern hatte gleichwohl niemand.
Zu schrecklich waren die Verwuestungen - die aeusseren wie die
inneren -, zu gross das Leid, zu schmerzend die Verluste. Die
Not der Ausgebombten, ein Dach ueber den Kopf zu bekommen, die
Sorge der Hungernden ums taegliche Brot und die Ungewissheit
ueber das Schicksal der vermissten Kriegsheimkehrer bestimmten
die Gefuehle. Die Glocken der Kirchen laeuteten, soweit sie
nicht bei den Luftangriffen zerstoert worden waren. Rache oder
Strafe, Gewalt oder Recht waren in der Wahrnehmung des
Einzelnen nicht mehr unterscheidbar. Die Gefuehle jener Tage
bestimmten noch fuer Jahrzehnte unsere Rueckbesinnung auf den
8. Mai.

Die Empfindungen des Auslands am 8. Mai sind eindeutiger und
klarer. In Grossbritannien und den Vereinigten Staaten gedenkt
man der siegreichen Beendigung des Zweiten Weltkriegs, der
erfolgreichen Antwort auf die Bedrohung, die Hitlers Griff
nach der Hegemonie fuer die Staatenwelt darstellte. Stalins
Sowjetunion wurde die Selbstbehauptung gegen den Einmarsch der
Wehrmacht im Grossen Vaterlaendischen Krieg zum zweiten
inneren Gruendungsmythos - und zur Voraussetzung fuer vier
Jahrzehnte Hegemonie in Osteuropa. Kein anderes Land hat unter
dem Krieg mehr gelitten als die Sowjetunion, mit mehr als 8
Millionen toten Soldaten und fast 7 Millionen Opfern unter der
Zivilbevoelkerung. Auch daran wird in Moskau zu Recht erinnert
werden.

III.

Sechs Jahre dauerte der Zweite Weltkrieg, der namenloses Leid
ueber die Menschen brachte und einen Blutzoll forderte, der
alles Dagewesene uebertraf. Nie wurde die Zerstoerungswut des
deutschen Diktators offenkundiger als in der Schlussphase des
Krieges. Spaetestens seit Anfang 1943, als die militaerische
Niederlage des "Dritten Reiches" feststand, ging es nicht mehr
um politisch-strategische Entscheidungen. Mit der ihm eigenen,
beispiellosen Menschenverachtung gab Hitler, nachdem sein
eigenes Schicksal feststand, Deutschland bewusst der
Zerstoerung preis.

Schlimmer als alle materiellen Verwuestungen war die
Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus auf geistig-
moralischem Gebiet. Unter den Truemmern des
nationalsozialistischen Reiches waren auch verbindliche
Normen, menschliche Wuerde und der bessere Teil der nationalen
Geschichte begraben worden. Friedrich Meinecke nannte seinen
1946 erschienen Essay ueber die "ungeheuerlichen Erlebnisse,
die uns in den 12 Jahren des Dritten Reiches beschieden
wurden", schlicht "die deutsche Katastrophe". Das deutsche
Selbstbewusstsein war gebrochen, Deutschland der Sicherheit
ueber seine Tradition beraubt.

Diese Erschuetterung der eigenen nationalen Identitaet, die
Zweifel darueber, ob es gelingen wuerde, aus den Tiefen des
Abgrunds wieder emporzusteigen, das war die eigentliche
deutsche Zaesur vom Mai 1945. Der Aufstieg Hitlers hatte sich
seinerzeit in einer westlichen, aufgeklaerten Gesellschaft,
unter den Bedingungen einer freiheitlich demokratischen
Verfassung vollzogen. Sein Erfolg hatte gezeigt, wie bruechig
der Boden der europaeischen Zivilisation war.

Die Deutschen hatten den Nationalsozialismus nicht aus eigener
Kraft ueberwinden koennen. Dies zaehlt zum tragischen Erbe der
deutschen Opposition gegen Hitler. In Deutschland gab es keine
Resistance, sondern lediglich den mutigen "Aufstand des
Gewissens" einer Handvoll Maenner und Frauen, die um die
geringen Chancen ihres Tuns wussten. Der entscheidende
Rueckhalt im Volk fehlte. Trotzdem wagten sie am 20. Juli 1944
das Attentat auf Hitler und bezahlten nach dem gescheiterten
Staatsstreich fuer ihre aufrechte Haltung mit dem Leben. Ihr
Aufbegehren gegen die Diktatur - fuer Deutschland und das
Recht - erleichterte nach dem Krieg zwar dem demokratischen
Deutschland die Rueckkehr in die Gemeinschaft freier Voelker,
von machtpolitischer Bedeutung war der Opfergang des deutschen
Widerstands gleichwohl nicht. In den Plaenen der Alliierten
spielte die deutsche Opposition gegen Hitler nicht einmal eine
untergeordnete Rolle. Erst die vereinten Anstrengungen einer
weltumspannenden Anti-Hitler-Koalition hatten dem Amoklauf des
Diktators ein Ende gesetzt.

Die Hauptlast in dieser Koalition hatte Stalins Rote Armee zu
tragen, die nach dem 8. Mai in dem von ihr besetzten Teil
Deutschlands sogleich eine eigene Diktatur errichtete, die in
ihren Methoden den Nationalsozialisten in nichts nachstanden.

In der amerikanischen OEffentlichkeit bestaerkten die
Enthuellungen ueber das Ausmass der NS-Verbrechen zunaechst
die Befuerworter einer harten Linie gegenueber Deutschland. In
der Direktive JCS 1067 vom 26. April 1945 hiess es:
"Deutschland wird nicht besetzt zum Zweck seiner Befreiung,
sondern als besiegter Feindstaat." Doch die sich laengst
abzeichnende Auseinandersetzung um Freiheit und Demokratie
zwischen Ost und West liess aus Gegnern bald Verbuendete und
Freunde werden, die durch ihre Praesenz und Verlaesslichkeit
dafuer sorgten, dass die noch junge Bundesrepublik ihren
festen Platz in der Gemeinschaft des Westens einnehmen konnte.
Wir werden dies unseren Alliierten nicht vergessen, sowenig
wir vergessen, wie viele ihrer Soldaten mit dem Leben bezahlen
mussten, bis Freiheit und Demokratie ueber Willkuer und Gewalt
triumphieren konnten.

IV.

In Jalta und Potsdam wurden die Voraussetzungen fuer das
amerikanisch-sowjetische Kondominium ueber
Nachkriegsdeutschland geschaffen. Die Einheit der deutschen
Nation bestand fuer nahezu 40 Jahre lediglich in der
juristischen Fiktion der Potsdam-Formel von "Deutschland als
Ganzem": staatsrechtliche Vorbehalte der Besatzungsmaechte,
Souveraenitaetsverzichte, alliierte Militaerpraesens,
Statusfragen, die in den beiden Berlin-Krisen von 1948 und
1958/61 schmerzlich gezeigte Verwundbarkeit der geteilten
Stadt. Deutschlandpolitik blieb im wesentlichen Berlin-
Sicherheitspolitik, und die besondere Lage an der
Schnittstelle der Buendnissysteme liess den Umschlag der
politischen Grosswetterlage nirgendwo frueher und deutlicher
spueren als in der geteilten Stadt.

Die Deutsche Frage war seitdem nie mehr Sache der Deutschen
allein; sie war storniert, integraler Teil der globalen
Konfliktstruktur im Zeichen der grossen Bloecke. Nur ein
weltpolitischer Erdrutsch, wie ihn zur Zeit des Kalten Krieges
niemand vorherzusehen wagte, konnte Bewegung in die deutsche
Frage bringen. Nationale Hoffnungen mussten gegenueber
weltpolitischen Erwaegungen in den Hintergrund treten.
Versuche der Einigung unmittelbar zwischen Deutschen-West und
Deutschen-Ost - darunter die Bemuehungen des Vorsitzenden der
CDU der sowjetischen Besatzungszone und Berlins, Jakob Kaiser,
- waren unter diesen Vorzeichen zum Scheitern verurteilt. Es
gab keinen dritten Weg im Niemandsland zwischen Ost und West.

Die machtpolitische Konstellation des Kalten Krieges sorgte
dafuer, dass die zur Bundesrepublik vereinigten drei
westlichen Besatzungszonen bald ihren Platz im Westen fanden,
als Bollwerk gegen das auf Expansion gerichtete Sowjetreich.
UEber die Mitgliedschaft in Europaeischer Gemeinschaft und
Atlantischer Allianz vollzog sich die Rueckkehr des in seiner
Souveraenitaet durch den Deutschlandvertrag beschraenkten
Weststaates in die westliche Gemeinschaft. Aus der Not der
Beschraenkung wurde die Tugend der Bescheidung. Machtpolitik
verbat sich fuer die Deutschen von selbst, schon weil dazu
jede Gelegenheit fehlte.

V.

An Hitlers Erbe hatten die Deutschen aber nicht nur im Bereich
der Aussen- und Sicherheitspolitik ueber Jahrzehnte zu tragen.
Der Schatten Hitlers war auch gegenwaertig dort, wo es ganz
konkret um die unmittelbaren Folgen des
nationalsozialistischen Regimes ging: bei der
Entnazifizierung, dem Lastenausgleichsgesetz, den
Wiedergutmachungszahlungen an den Staat Israel und die
Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes, der
Verjaehrungsdebatte im Deutschen Bundestag, den erhitzten
Diskussionen ueber die Vergangenheit, die nicht vergehen
wollte

Am Sinn und Zweck und am Erfolg der
Entnazifizierungsbemuehungen haben viele gezweifelt, nicht
ganz zu unrecht. Zu den Erfolgen von
"Vergangenheitsbewaeltigung" zaehlt aber unbestritten, dass
der Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland als
politische Kraft von Anfang an keine Rolle mehr gespielt hat
und dass er auch als geistige Stimmung heillos diskreditiert
ist.

VI.

Fuenfzig Jahre sind im Leben der Voelker eine kurze Zeit. In
den fuenfzig Jahren seit 1945 ist aus der Truemmerlandschaft
von einst eine prosperierende Volkswirtschaft geworden, und
seit 1989 ist unser deutsches Vaterland in Freiheit
wiedervereinigt. Die europaeische Einigung hat heute einen
Grad erreicht, den 1945 niemand fuer moeglich gehalten haette,
war es doch gerade der Griff der Diktatoren Hitler und Stalin
nach der Hegemonie, der das europaeische Zeitalter beendete
und den Alten Kontinent gespalten und an den Rand des
machtpolitischen Ruins getrieben hat.

Unser Land hat am Ende des Jahrhunderts eine internationale
Position erreicht die 1945 niemand vorherzusagen gewagt
haette. Die Voelkergemeinschaft traut Deutschland heute ein
Mass an Stabilitaet und Erfolg zu wie nur ganz wenigen
anderen. Aus den Kriegsgegnern von einst sind Freunde
geworden. Zum ersten Mal in unserer Geschichte haben wir
ausgezeichnete Beziehungen zu Washington und Moskau, zu London
und Paris. Zum ersten Mal in unserer Geschichte sind wir auf
allen Seiten von Freunden umgeben. Der vollstaendige Abzug der
russischen Streitkraefte aus Ostdeutschland im September 1994
war der sichtbare Ausdruck, dass die Nachkriegszeit beendet
und dass mit den europaeischen Revolutionen der Jahre 1989 bis
1991 auch die Ordnung von Jalta und Potsdam zum Einsturz
gekommen ist. Diese Ordnung aber war die unmittelbare Ergebnis
aus der Niederlage des Dritten Reiches.

VII.

Auch wenn sich der aeussere Rahmen deutscher Politik seit der
Wiedervereinigung grundlegend gewandelt hat, so gelten die
Lehren aus der Vergangenheit unveraendert. Die Lehren der
Geschichte zu beruecksichtigen ist nicht nur moralisches
Erfordernis, sondern auch Gebot politischer Klugheit. "Nur aus
der Betrachtung der Vergangenheit gewinnen wir einen Massstab
der Geschwindigkeit und Kraft der Bewegung, in welcher wir
leben." Jacob Burckhardt hat dies schon vor ueber 100 Jahren
treffend festgestellt. In einem Land ohne Geschichte ist alles
moeglich. Niemand kann sich aus der Verantwortung fuer die
deutsche Geschichte davonstehlen. Dies ist vielleicht das
wichtigste Vermaechtnis des 8. Mai. "Wo immer in der Welt
einer nicht mehr weiss, dass er hoechstens der Zweite ist, da
ist bald der Teufel los", sagte Bischof Reinelt bei seiner
eindrucksvollen Predigt zum 50. Jahrestag der Zerstoerung
Dresdens am 12. Februar dieses Jahres. Die Mahnung, dass der
Mensch, der sich zum Gott erhebt, als Teufel enden wird, und
der Auftrag, fuer Frieden und Freiheit im Dienste der Menschen
einzutreten, haben in den fuenfzig Jahren seitdem nichts an
Gueltigkeit eingebuesst.

Der 8. Mai 1945 erinnert uns auf schmerzliche Weise an bittere
Wahrheiten der deutschen Geschichte. Die Wunden, die er
hinterlassen hat, sind noch nicht verheilt. Der 8. Mai gehoert
- ob es uns passt oder nicht - zum nationalen Erbe. Aus dem
Erbe aber erwaechst der Auftrag, die Aufgaben der Zukunft zu
gestalten. Gemeinsame Zukunft gestalten koennen wir nur, wenn
wir uns an unsere gemeinsame Vergangenheit erinnern und uns
als Nation zu unserer ganze Geschichte bekennen.

Es zaehlt zu den Gluecksfaellen der Geschichte, dass wir nach
der Katastrophe des Jahres 1945 eine "zweite Chance" (Fritz
Stern) bekommen haben und heute wieder in Freiheit vereinigt
sind. Gerade wegen des Versagens in der
nationalsozialistischen Zeit muss sich das Deutschland von
heute seiner besonderen Verantwortung stellen und die
internationalen Aufgaben uebernehmen, deren Wahrnehmung die
Staatengemeinschaft von uns erwartet. Frieden, Freiheit und
Menschenwuerde brauchen Schutz. Wie wir mit dieser
Herausforderung umgehen, und mit welcher Aufrichtigkeit wir
uns den Widerspruechen, ungeklaerten Fragen und unbequemen
Wahrheiten unserer Geschichte stellen, wird nicht nur fuer
unser deutsches Selbstverstaendnis an der Schwelle des 21.
Jahrhunderts entscheidend sein, es wird auch ueber den
kuenftigen Platz des wiedervereinigten Deutschlands in der
Welt entscheiden.

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