Im Juni 1996 befindet sich Gürbetelli Ersöz im Camp von Boti.
Die folgenden Aufzeichnungen aus ihrem Tagebuch beschreiben die Probleme
des Lebens dort, Erinnerungen an die Zeit im Zap und kleine Begebenheiten
des Alltags, wie z.B. den "Tanz der Mäuse". Zum besseren Verständnis
wurden dem Text von der Redaktion einige Fußnoten angefügt.
Nachdem das Zeitungsgebäude der Özgür Gündem in Istanbul verbrannt war, blieb ein Stück Papier übrig: Das Gedicht von Dr. Agir:
"Du bist nicht tot, Agir,
Du bist in meinem Herzen,
in meinem Körper und Verstand.
Du bist in Ko Sipî, in Cukurova, in Amed, in
Cewlik.
Du bist die Salbe der Wunden,
die in allen Gebieten
unterwegs ist."
Boti-Camp, im "Camp des Gefallenen Mehmet Karasungur"
Was Boti bedeutet, konnte ich nicht herausfinden. Die Gefallenen, nach
denen das Camp benannt ist, waren Mehmet Karasungur und Ibrahim Bilgin.
Die Freunde fielen im Norden in den Qandil-Bergen am 2. Mai 1983. Beide
waren Mitglieder des Zentralkomitees. Sie wurden durch ein Komplott der
kommunistischen Parteien und anderer kollaborierender Kräfte hingerichtet.
Vor zwei, drei Jahren hat dieses Camp seine Funktion geändert.
Hier befinden sich nun Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen
nicht am Krieg teilnehmen. Sie kamen von Zele über das Bedawa-Camp
hierher.
Weil die Parteiprinzipien nicht gut angewandt werden und sich viele
nicht auf die Regeln des Camp-Lebens einlassen wollen, wird das alte Leben
kaum überwunden. Zuletzt wurden auf Anordnung der Parteiführung
hin alle, die kämpfen können, ins Hauptquartier geschickt. Eines
Tages werde ich ausführlicher über die Erlebnisse in diesem Camp
schreiben.
Dies Camp wurde zu einem Ort der mangelnden Disziplin, hier leben Menschen,
die nur an sich selber denken und die immer noch in der Vergangenheit leben
wollen. Nachdem die Partei eingegriffen hat - es wurden Strafen erlassen
und die Ausbildung intensiviert - hat sich die Situation etwas geändert,
dennoch ist das soziale Leben immer noch sehr rückständig. Dies
spiegelt sich in allen Beziehungen wieder. Diese Situation bedrückt
mich. Ich suche nach Wegen, diesen Zustand zu überwinden, denn der
Feind kennt das gut und nutzt es propagandistisch aus.
Es gab zwei oder drei Luftangriffe, bei denen Freunde gefallen sind.
Wegen der Undiszipliniertheit sind unsere Kräfte zerstreut. Von morgens
6.30 bis abends 18.30 dürfen wir uns nur im Notfall bewegen, d.h.
nur, wenn es unbedingt erforderlich ist. Kürzlich haben wir den Beschluß
gefaßt, nachmittags eine gemeinsame Schulung durchzuführen.
Für die Entwicklung des sozialen Lebens wurde ein Fernseher und eine
Antenne gekauft, um MED-TV sehen zu können.
Jetzt ist es 23.30 nachts und ich bin in der kleinen Höhle. Es
ist eine ein wenig erweiterte natürliche Höhle. Diese Höhle
für die Leitung ist nur 3 Meter breit, 2 Meter lang und die Decke
ist mit Plastik überzogen. In Boti nerven uns die vielen Insekten,
besonders die Schlangen und die zahlreichen Mäuse. Inzwischen haben
wir uns an die Mäuse gewöhnt und mögen sie sogar, denn wenn
sie herumlaufen, heißt das, es sind keine Schlangen da. Sobald die
Mäuse ruhig werden, erwarten wir Schlangen.
Im Zap gibt es nicht so viele Insekten, dafür Eidechsen und Stechmücken,
die wie Kobras umherfliegen. Vor allem gab es Glühwürmchen:
die sind toll, diese kleinen Nachtleuchten. Weiter gibt es Tausendfüßler,
giftige Skorpione, verschiedenartige, bunte und große Schmetterlinge,
riesengroße, schwarze, rote und gelbe Käfer, die auf Zazaki
"Mele" heißen. Dort gibt Nachtkäfer, Grillen und so vieles mehr.
In dem dichten Wald mit den riesengroßen Eichen leben viele Eichhörnchen.
Weiter oben gibt es die Hochweiden; es dauert zwei Stunden, da hinauf zu
kommen. Einmal war ich dort. Es gibt zu wenig Wasser im Stützpunkt.
Wasser macht das Gelände allerdings auch manchmal ungemütlich.
Nun sind ein paar Käfer, ich weiß nicht wie sie heißen,
auf meinem Heft gelandet und krabbeln über die Sätze. Das Licht
der Gaslampe, die neben mir brennt, zieht sie an und ich muß sie
immer wieder wegscheuchen, indem ich sie in die Hand nehme und wegwerfe.
Ich bin mit der Freundin Erihan aus der Frauenleitung zusammen. Sie
stammt aus Kamishli und hat sich 1992 der Partei angeschlossen. Sie ist
eine gute Freundin, auch wenn sie ideologisch oberflächlich ist. Vier
Jahre Kampf haben sie angestrengt. Weil sie sich ein ungenaues Verständnis
vom Kampf angeeignet hat, stagniert die Entwicklung ihres Bewußtseins.
Sie konzentriert sich nur noch aufs Überleben. Sie hat Persönlichkeitsprobleme,
dennoch ist sie offen für Entwicklungen. Sie leidet an Blutarmut und
ist körperlich sehr erschöpft.
Ich habe heute zum ersten Mal bei der gemeinsamen Schulung eine Auswertung
in kurdischer Sprache gemacht. Die Ablehnung der meisten Freundinnen gegen
türkisch und die Ablehnung gegen mich als Frau, dazu noch die generelle
soziale Rückständigkeit, das alles machte es mir schwer, so zu
leben wie es mein Ziel war. Obwohl es meine Konzentration stört und
meine Beherrschung erschwert, war das Erlernen der kurdischen Sprache meines
Erachtens ein wichtiger Schritt, eins zu werden mit der Struktur.
"Durch MED-TV ist die Parteiführung bei der Guerilla in den
Bergen"
Während der Krieg mit aller Kraft weiter geht, werden die Schulungen
zur Sozialisierung und der damit verbundenen Politisierung und Millitarisierung
vertieft. Um das zu fördern, wurde für das Lager der Empfang
von MED-TV ermöglicht und seit zwei Abenden können wir es sehen.
Es war etwas besonderes, als am ersten Abend die Parteiführung in
der Sendung "Panel" die neuesten Entwicklungen bewertete.
"Der Gefängniswiderstand wird in den Bergen genau verfolgt"
Die nun seit 52 Tagen andauernden Hungerstreiks in den Gefängnissen
haben eine breite Unterstützung in der Öffentlichkeit erhalten,
für die sich mehrere demokratisch-patriotische Institutionen zusammengetan
haben. Gefängniswiderstand ist mir nicht fremd und ich erinnere mich
an die Gefangenen, die den Widerstand tragen. Mein Herz ist bei ihnen und
die Sehnsucht wird größer. "Nur einen Tag in den Bergen sein",
... ich grüße die Genossen, die diesen Wunsch so tief in sich
tragen. Auch ich hatte einmal den Willen, die Sehnsucht und das Ziel. Nun
versuche ich, der Realität gerecht zu werden.
"Ein einfaches Ereignisnach mehreren Monaten"
Wenn man an Guerilla denkt, denkt man automatisch auch an Zigaretten.
Weil ich nicht gelernt hatte, Zigaretten zu drehen, seit ich hier bin,
war das Tagesgespräch. Eigentlich wollte ich es gar nicht lernen,
weil ich nicht soviel rauchen will. Aber ich kann ja auch nicht immer die
anderen Freunde um Zigaretten bitten, also entschloß ich mich,
es zu lernen. Besser wäre gewesen, ich hätte den Beschluß
gefaßt mit dem Rauchen aufzuhören. Heute habe ich zum ersten
Mal eine Zigarette selbst gedreht.
"Ein Blick nach Istanbul"
Heute habe ich in MED-TV die Freunde und Patrioten aus den demokratischen
Organisationen gesehen: Nuray Sen, Ibrahim, Akin Birdal, Ferhat Tunc, Melik
Firat und viele andere Gesichter. Eine der Reporterinnen von "Özgür
Gündem", Berivan, habe ich gesehen. Sie hat nur noch einen Arm, einen
Fotoapparat in der Hand. In Gedanken gehe ich zurück in diese Tage
voller Enthusiasmus, die mindestens genauso anstrengend waren. Wir wollten
es schaffen und haben leider viel zu viele schlechte Nachrichten erhalten.
"Eine Guerillera im Fernsehen: Ich"
Die Revolution und unser Leben stecken voller Neuigkeiten. Ich sehe
mich selbst im Fernsehen. Bei der Übertragung einer Feier für
Freunde, die während des Winters ins Hauptquartier nach Zap gehen,
war ich das erste Mal im Fernsehen zu sehen. Ob mich meine Freunde und
Bekannten wohl erkannt haben? Auch das Tal von Zap, das ich so vermißt
hatte, konnte ich sehen. Der Freund Cemal gab zu der letzten
Operation eine Erklärung ab.
"Ein Federkissen"
Ich hatte mir ja alles mögliche vorgestellt, aber daß ich
in den Bergen bei der Guerilla ein Daunenkissen haben würde, wäre
mir nie eingefallen. Aber jetzt liege ich auf dem Boden und drücke
meine Brust daran. Eine Freundin namens Milan, die sich von Australien
aus angeschlossen hat, ist vor 1 1/2 bis 2 Jahren hierher gekommen und
hat hier das Kissen eigenhändig gemacht. Und an der Wand hängt
eine kleine Tasche mit einem Teppichmuster.
"Der Spezialkrieg wird entlarvt!"
Die mit dem MIT in Verbindung stehende Person, die vor ca. 1 Jahr in
Zaxo eine Bombe gezündet hat, durch die ca. 80 Personen ums Leben
kamen, wurde von der Partei gefaßt und hat Aussagen gemacht. Eines
Tages werden sich auch die Akten des schmutzigen Krieges öffnen, so
wie in Argentinien und Vietnam.
(...) "
Ez kecike gundi me"
(Ich bin ein Mädchen vom Dorf)
Ohne Humor ist das Leben eintönig. Bei uns passieren viele Sachen,
die einen zum Lachen bringen. Nach der IV. Konferenz fand im Hauptquartier
eine Versammlung statt. Dort kritisierte Dr. Süleyman die Freundin
Servin (ein Mitglied der YAJK-Zentrale), die ihre Selbstkritik abgab, wegen
"aristokratischem Verhalten". Auf ihre übliche Art antwortete die
Freundin Servin: "Ich bin ein Mädchen vom Dorf". Das erinnerte den
Freund Fuat an das Lied, "Ez kecike gundi me" von Sivan und er meinte:
"Bringt uns eine Saz". (...)
"Afred, Aphrodite und Avrat (Weib)"
Die Götting der Schönheit wird in der griechischen Mythologie
"Aphrodite" genannt. Das stammt von dem Namen "Afred", eine Frau, die Zeus
am Ufer des Tigris sah. Nun lerne ich, daß das Wort für "Frau"
im Sorani-Dialekt "Afred" heißt. Im Süden aber ist heute das
Wort für "Frau" "Avrat" (Weib). Mit dieser Überschrift möchte
ich einen Artikel für die Zeitung "Welate Roj" (Land der Sonne) schreiben.
Diese Zeitung erscheint im Süden alle drei Tage in Sorani.
(...)
"Maus und Tanz (Misk u Dilan)
Ich habe heute nicht an der allgemeinen Schulung teilgenommen. Ich
blieb im Stützpunkt und schrieb meinen persönlichen Bericht an
die Parteiführung zu Ende. Es ist mein erster Bericht seit ca. 10
Monaten, die ich jetzt hier bin. Letztes Jahr schrieb ich ungefähr
zur gleichen Zeit einen kurzen Bericht, nachdem ich in der Zentra-len Parteischule
eine zehntägige Isolierung hatte. Jetzt habe ich einen sechsseitigen
Bericht geschrieben.
Während ich im Gruppenraum in der Stille liege und schreibe, sausen
die Mäuse wie jeden Tag, wild herum. Kleine graue Mäuse, haben
wohl das Essen in meiner Nähe gerochen - heute gab es Weinblätter.
Drei sind auf einmal in einer Reihe hintereinander her. Plötzlich
muß ich an tanzende Mäuse denken. Am Abend erzählte ich
es der Freundin Erihan, die laut loslacht und sagt "Da haben wir ja genau
die Art des Nationaltanzes gefunden". Ich erinnere mich an die Comic-Filme
"Mickey-Mouse" und "Tom und Jerry". Unsere Mäusefreunde haben diese
schon lange übertroffen, ein Live - Film.
"Linie Bagdad - Boti"
Das ist die Geschichte einer Freundin namens Siyar, die gestern aus
dem Camp "Märtyrer Aziz" gekommen ist.
"Meine Herkunft ist durcheinander. Ich verstehe ein bißchen kurdisch.
Ich bin keine Türkin, ich bin Araberin. Meine Familie kam eigentlich
von Bagdad nach Mardin, mein Großvater auch. Geboren wurde ich in
Beirut, im Libanon. Ich wuchs in Iskenderun auf und schloß mich in
Trabzon (am Schwarzen Meer), als ich an der Technischen Universität
war, der Partei an. Anfang 1995 bin ich über Serhat nach Zagros gegangen.
Vor zwei Monaten, als wir in Avasin waren, bekam ich eine Magenblutung.
Jetzt bin ich hier, um behandelt zu werden.
"Wahl und die Politiker"
1996 fanden in vielen Ländern Wahlen statt oder werden noch stattfinden.
Ich sehe Bilder: Israel, USA, Rußland, Bangladesch, England, Bosnien.
Die Welt sucht nach neuen Gesichtern. Ciller, Yilmaz, Jelzin, Lebed, Clinton.
Wohin soll das nur alles führen?
"Der arabische Gipfel und die Komödie der Türkei"
Morgen versammelt sich der Arabische Gipfe, um über die Frage
zu debattieren, was bezüglich des türkisch-israelischen Militärabkommens
und der Präsidentenwahl in Israel getan werden kann. So wie das erste
Mal beim Toros- Manöver am Mittelmeer, hat die Türkei auch dieses
Mal die beteiligten Länder schriftlich und mündlich bedroht und
sie davor gewarnt, Entscheidungen zum Nachteil der Türkei zu treffen.
Auch an der Grenze zu Syrien hat sie massive Truppen als Drohung stationiert,
um Syrien dazu zu bewegen, die Unterstützung für die PKK einzustellen.
Na, frohes Schaffen! Egal wie du (gemeint ist die Türkei, Anm. d.
Red.) dich wendest, es wird dir nichts bringen. Es gibt doch diese Geschichte
von dem Stock, an dessen beiden Enden Dreck klebte ...
"Wärst Du 1989 beigetreten..."
Ich unterhalte mich mit dem Freund Dogan über die Vergangenheit.
Über die Jahre 1988, 1989, 1990. Wir reden über die Menschen,
die damals zur Partei kamen, den Zustrom von den Universitäten.
Viele aus den Gruppen, die von der Universität in Eskisehir und
der Inönü- Universität 1989 nach Botan kamen, wurden von
Hogir schlecht behandelt, festgenommen und bestraft, weil er meinte, sie
seien Spitzel. Einige wurden sogar mit dem Tode bestraft. Von ihnen kannte
ich Zülküf, Zeki Yigit (Piranli), der auf der Anadolu- Universität
in Eskisehir beigetreten war. Er war so enthusiastisch, als er sich von
mir verabschiedete. "Wir werden uns wiedersehen", sagte er damals. Als
er sich auf den Weg machte, beneidete ich ihn. Er hatte die Geschichtsfakultät
in der letzten Klasse abgebrochen. Aber als sie ankamen, fanden sie eine
Atmosphäre vor, die von feudalistischem Verhalten
und Bauernhaftigkeit9 geprägt war. Das traf
sie unvorbereitet, denn sie hatten nur oberflächliche Kenntnisse über
die Partei. Einige wurden unsicher. Unter den neu Angekommenen war die
Tochter eines Polizisten. Das war für Hogir der
Anlaß für den Verdacht, daß diese Gruppe aus Spitzeln
bestehe. (...) Jahre später wurde den Familien mitgeteilt, was mit
ihren Kindern geschehen war ....
"Afarof Mahmut"
Er stammt aus Sirnak, war 1984 ein Milizionär von Freund Agit.
Er hat sich der Partei angeschlossen, ist 40 Jahre alt, aber seine Seele
ist jung. Wir waren zusammen in der Leitung der Akademie. Wir haben viele
gemeinsame Erinnerungen. Er nennt mich immer Zozan. Er meint, "Zeynep"
sei ein Bauernname. Er soll sich im Süden um die Munitionslager kümmern
und ist deshalb nach Boti gekommen. Ich mag den Freund. Er sagt "Ich folge
Deiner Spur." Er war in Garzan mit Dr. Süleyman zusammen. "Wir haben
über dich geredet" sagt er. Er hat über meine Vergangenheit,
meine Zeit in den Gefängnissen erfahren. Er hat Respekt. Solche Freunde
mag ich und behalte sie in Erinnerung.
"Hätte ich einen Kommandanten wie den Freund Siyar"
An den Freund Siyar aus Dersim erinnern wir uns mit Mahmut. In der
Akademie war er unser Koordinator. Er war ganz und gar ein Kommandant.
Ich bin traurig, daß ich durch meine damalige Oberflächlichkeit
nicht viel von ihm gelernt habe. Ein Kommandant, den ich sehr mag und den
wir sehr früh verloren haben. Als er in die Region ging, ist er bei
Cizre gefallen. Im Fernsehen zeigten sie die Bilder der Leiche. Ich sehe
sie noch immer vor mir. Es gibt viele Erinnerungen und bei seinem Tod habe
ich geweint. Ich werde dich immer in Erinnerung halten, Kommandant Siyar.
"Ist Mesut auch in der Gruppe?"
Mesut ist Zaza. Der Freund Mesut hat sich der Gruppe, die nach Amed
geht, angeschlossen. Dr. Süleyman hat von Zagros bis Metina alle Kader
aus Amed versammelt. Die meisten der Freunde kenne ich. Heute bereue ich,
daß ich mit Mesut gebrochen, nicht mehr mit ihm gesprochen habe.
Der Grund für den Bruch war sein Opportunismus im Kampf und die dadurch
erlittenen Verluste, darunter auch die Gruppe von Dr. Agir und dem Freund
Senol. Ich habe Mesut im letzten Winter zweimal gesehen, aber nur beiläufig
mit ihm gesprochen. Früher habe ich diesen Freund hoch bewertet. Als
er dem nicht gerecht wurde, brach ich mit ihm und wandte mich gegen ihn.
Man kennt ihn als den gewitzten Mesut. Ich kenne ihn noch aus der Illegalität,
bevor er sich der Partei anschloß. Zuletzt, auf der Versammlung des
Regiments im Hauptquartier, war er dabei und die Freunde Zeki und Fuat
kritisierten mich. Ich habe sie dann auch kritisiert, war wütend und
verabschiedete mich.
"Ein neuer AGIR?"
Afarot Mahmut fragt "Ist Dein anderer Bruder nicht in Amed?"
-"Dr. Agir? Der ist gefallen".
-"Nein, der jüngere."
-"Du irrst Dich, der hat sich nicht angeschlossen."
-"Wie ich gehört habe, hat er sich auch angeschlossen. Hast Du
keinen anderen Bruder?"
-"Doch. Als ich ging, legte er gerade die Prüfung in der Uni ab."
-"Wirklich? Wer hat das gesagt, wann, wo soll er sein, ....."
Zuletzt hatte er gesagt, "Schwester, ich werde den Platz meines Bruders
einnehmen, ich werde Arzt". Ich werde jetzt nicht mehr "Kleiner" sondern
"Agir" zu dir sagen. Willkommen Agir, ser cavan.
Wir werden uns, was auch passiert, sehen, passe auf dich auf, werde
groß, kämpfe, wir sehen uns."
"Der Tag des HADEP - Kongresses"
Heute wird die Atatürk-Sporthalle in Ankara Zeuge eines großartigen
Tages. Die Zilgits der Frauen aus Kurdistan, ihr Mut,
die Farbenpracht... Der bisherige Vorsitzende Murat Bozlak ist einziger
Kandidat. Ich habe mich an die alten Tage mit ihm erinnert. 1994 war ich
eine Nacht bei seiner Familie, ein aufregender Abend. Der Renault
vor der Tür, der Unbekannte, der vor der Tür stand, meine Verfolgung
und die Tatsache, daß Freund Murat vorher einen Anschlag verletzt
überstanden hatte, machte uns alle zu Gejagten. Der Freund, der für
den Schutz zuständig war, und Murat hielten die ganze Nacht Wache.
Weil ich gerade erst angekommen war, erlaubten sie nicht, daß ich
Wache hielt. Ich konnte trotzdem nicht schlafen.
"Papandreu Pasok"
Nachdem er gestern Nacht zu Hause einen Herzinfarkt erlitten hatte,
starb er im Alter von 77 Jahren. Um 12:00 bringen sie die Nachricht. Sein
Name ist ein Begriff für den Übergang der griechischen Revolution
zum Opportunismus, aber auch gegen die türkischen Barbarei. Er wurde
durch Liani bekannt. Er traf sich mit Özal und gab die Macht bis zu
seinem Tode nicht aus der Hand. In ganz Athen hört man Sirtaki, Athen
und seine Straßen, die antike Akropolis, die Paradesoldaten, die
mit stolzem Schritt vor dem Parlamentsgebäude auf und abgehen...
(...)
"Jugend und Prüfungsstreß"
Heute erreichen ca. 1 Million Kandidaten für die Universität
die Prüfung, in die sie die ganze Hoffnung für die Zukunft setzen,
und legen damit den Endspurt ein.
Bei uns zu Hause gab es dieses Jahr keine Aufregung, meines Wissens
hat niemand eine Prüfung abgelegt. Nächstes Jahr wird Ferhat
dabei sein.
"Das Reh von Cudi"
Die Freundin Rengin hat sich vor vier Jahren im Alter von 17 Jahren
in einem Dorf bei Siirt der Guerilla angeschlossen. Ihre schönsten
Jahre verbrachte sie auf dem schönsten aller Berge, auf dem auch die
Arche Noah gelandet war; dem Berg Cudi. Weil sie den Berg so gut wie ihre
Westentasche kannte, übernahm sie meist Botengänge oder war Wegführerin.
Eines Tages riß ihr so eine verdammte Mine das Bein ab. Ihr Geist
ist auf dem Berg Cudi, geht dort umher, erinnert sich daran, springt wie
ein Reh von Stein zu Stein und durchdringt mit ihren Blicken die Dunkelheit.
Ihre empfindsamen schüchternen Blicke sind noch kindisch. Sie hat
sich mit der Frauenfrage nicht auseinandergesetzt ... Mit ihrer schönen
Stimme und ihren Liedern, mit ihren durchdringenden Blicken erzählt
sie dem Cudi von ihrer Liebe.
"Platinfaden. Tod und Leben".
Er schloß sich im Alter von 13 Jahren 1989 an. Er ist Guy.
An dem Kloß im Hals und der Art zu reden erkennt man sofort, daß
er ein Guy ist. Alle Guy-Freunde haben wegen des Wassers in ihrer Region
einen Kropf
1992 wurde er verletzt. Er wurde medizinisch behandelt und lebt nun
durch einen Platinfaden im Kopf. Dieser Faden wird zwar durch Kälte
und Hitze beeinflußt, er hindert ihn aber nicht daran, am Leben teilzunehmen.
Im Süden ist das Volk so weit heruntergekommen, daß ein
Junge seinen Vater tötete, um an den Platinfaden in dessen Bein zu
kommen, den er verkaufen wollte. Platin rostet nicht, ist ein flexibles
Material. Besonders in der Orthopäde wird es viel eingesetzt.
"Jeder möchte von sich ein Foto"
Jeder und jeder Guerilla möchte gerne ein Photo von sich mit der
Waffe in der Hand haben. Oder ein Foto von sich und seinem Freund, der
jederzeit weggehen oder fallen kann, ein Erinnerungsfoto. Die Fotos sind
Aussichten der Guerilla für die nächsten Generationen. Darum
versucht ein Guerilla nicht nur auf jedem Foto zu sein, sondern behauptet
auch, selber sehr gut fotografieren zu können. Fotografieren und Fotografiertwerden
ist eine große Leidenschaft. Und die Sehnsucht, daß die Fotos
diejenigen, die sie lieben, erreichen mögen.
"Eine Melone wächst im Beton"
Ich blicke auf den großen Felsen mir gegenüber. Er ist eine
Versicherung gegen Luftangriffe. Darum ist nur die Vorderseite wie ein
Maulswurfshügel ausgehöhlt. Vor dem Felsen halten wir unsere
Schulung ab.
In den Felsspalten wachsen Eichen und verschiedene Kräuter. Das
erinnert mich an den Melonensprößling im Gefängnis, der
aus einem Kern gewachsen war, den wir in einen Betonriß gesteckt
hatten. Jeden Morgen beobachteten wir diesen Sprößling. Wir
betrachteten ihn süchtig und schützten ihn wie unsere Augäpfel.
Aber irgendwann zertritt eine Strafgefangene aus Wut den Sprößling
und wird so zur "Mörderin".
27. Juni 1996
1 Ko Spi: Name eines Berges; "Ko" heißt "Berg",
"Spi" heißt "weiß" - "Weißer Berg
2 Kobra: US-amerikanische Kampfhubschrauber der türkischen
Armee.
3 Zazaki: kurdischer Dialekt, der vor allem im Raum
Dersim gesprochen wird.
4 Panel: (türkisch): Podiumsdiskussion, öffentliche
Diskussion.
5 Cemal: Der Genosse ist hoher Kommandant bei der Guerilla
6 Saz: Saiteninstrument, im Mittleren Osten sehr verbreitet.
7 Sorani: kurdischer Dialekt im Osten und Süden
Kurdistans.
8 In der Partei eine Bezeichnung für eine Verhaltensweise,
die sich auf die feudalistisch/patriarchale Gesellschaftsstruktur stützt,
in der sich aus egoistischen Motiven meist Männer zusammenschießen
und versuchen sich durchzusetzen.
9 Ähnlich wie vorherige Fußnote, gepaart
mit Bildungsfeindlichkeit.
10 Der erwähnte Hogir, damaliger Kommandant und
Verantwortlicher für diese "Praxis". Um sich vor der Partei für
eine derartige Praxis nicht zur Verantwortung ziehen zu lassen, floh er
nach Europa und wurde dort von einem "Patrioten" (wie es damals in einer
Erklärung der PKK dazu hieß) erschossen.
11 ser cavan: kurdische Begrüßungsformel
die Freude und Achtung ausdrückt
12 Zilgit: Freudentriller der Frauen
13 Die türkische Geheimpolizei benutzt häufig
Renault-Fahrzeuge.
14 Guy: Name eines kurdischen Stammes.