Buchenwald

Ein kurzer Abriß der Geschichte

Im Juli 1937 wurde auf dem Ettersberg bei Weimar mit dem Bau des Konzentrationslagers Buchenwald begonnen. Unter unmenschlichen Bedingungen und dem ständigen Terror der SS1 ausgesetzt, mußten die Häftlinge die Verwaltungsgebäude, Kasernen der SS, die Wege und ihre eigenen Baracken errichten. Von Anfang an setzte die SS das Prinzip "Vernichtung durch Arbeit" in grausamer Weise um. Im Steinbruch, beim Straßenbau, in der Gärtnerei oder in einem der 136 Außenkommandos wurden Menschen aus 33 Nationen systematisch zu Tode gequält. Von den 250 000 Häftlingen überlebten 57 000 die Qualen nicht.

Die ersten Häftlinge waren vor allem Angehörige der KPD und der SPD sowie parteilose Antifaschisten aller sozialen Schichten. Sie hatten zum großen Teil schon mehrere Jahre Haft in Gefängnissen, Zuchthäusern oder provisorisch errichteten KZ's hinter sich. Nicht wenige waren bereits 1933 inhaftiert worden. Neben den politischen Gegnern und Gegnerinnen des Nazi-Regimes sollten in den Kz's auch noch diejenigen vernichtet werden, die die "innere Sicherheit", die Moral oder die "Volksgesundheit" des "Dritten Reiches" gefährdeten oder aus rassistischen Gründen verfolgt wurden: Kriminelle, sogenannte Asoziale, Bibelforscher2, Homosexuelle, Sinti und Roma. Ab 1938 wurden auch deutsche Juden nach Buchenwald verschleppt.

Mit Beginn des zweiten Weltkrieges veränderte sich die Situation in Buchenwald: zunächst trafen mehr und mehr Häftlinge aus den von Hitlerdeutschland überfallenen Staaten ein. Unter ihnen waren Partisanen, Kriegsgefangene, AntifaschistInnen, jüdische BürgerInnen der besetzten Staaten, ZwangsarbeiterInnen und Angehörige der Intelligenz. Die Lebensbedingungen für die Gefangenen verschlechterten sich. Aufgrund der Vielzahl und der daraus resultierenden Unübersichtlichkeit der internierten Menschen wurden aber auch die Kontrollmöglichkeiten der SS schlechter. Zudem stieg die Bedeutung der Rüstungsindustrie, die in den Gustloff-Werken auf dem Ettersberg Häftlinge ausbeutete. Die Arbeitsfähigkeit der Häftlinge erhielt einen höheren Stellenwert als der Nazigrundsatz "Vernichtung durch Arbeit". Diese beiden Faktoren erleichterten die illegale Arbeit der AntifaschistInnen in Buchenwald ein wenig.

Der Widerstand der politischen Häftlinge

Die Grundlage des organisierten Widerstands der Häftlinge von Buchenwald bildeten vor allem die Parteistrukturen der KPD. Unter den ersten nach Buchenwald verschleppten Gefangenen waren 600 Mitglieder der KPD, die vorher im KZ Lichtenburg inhaftiert waren. Die Leiter der dortigen illegalen Organisation begannen unmittelbar nach der Ankunft in Buchenwald, die Genossen zu sammeln und zu einer Organisation zusammenzuschließen. "Wir Kommunisten brachten von Lichtenburg nach Buchenwald eine schon relativ intakte Organisation mit, die unter den Genossen über Kontakte verfügte, nach einheitlichen Gesichtspunkten arbeitete und unter einer anerkannten und fähigen Führung stand. ... In Buchenwald selbst wurde die illegale Arbeit nach unserem Eintreffen unverzüglich fortgesetzt. ..."3

In der ersten Zeit bemühten sich die politischen Häftlinge um die Stärkung der Moral vor allem der politischen Gefangenen und um die Verbesserung der Lebensbedingungen für alle. Ein Informationssystem wurde entlang der bestehenden Strukturen aufgebaut, um den Genossinnen und Genossen die aktuellen Entwicklungen in Deutschland und der Welt weiterzugeben. Die Beschaffung der Informationen erfolgte über die Analyse faschistischer Zeitungen, die im Lager erhältlich waren, über Berichte erst kürzlich verhafteter Häftlinge und sporadisch über das illegale Abhören ausländischer Sender mit den Geräten der SS. Diese Informationen wurden zusammengetragen und eine Einschätzung der aktuellen Situation erarbeitet. Daneben fanden in Buchenwald auch Schulungen über Grundfragen des Marxismus-Leninismus statt. Erfahrene Genossinnen und Genossen unterrichteten an den arbeitsfreien Tagen meist bei Spaziergängen auf der Lagerstrasse.

Um die Verbesserung der Lebensbedingungen für alle Häftlinge zu erreichen, arbeitete die illegale Organisation von Anfang an daran, zuverlässige und mutige AntifaschistInnen in Lagerfunktionen, d.h. als Blockälteste, Pflegerinnen und Pfleger im Krankenrevier, in der Küche, als Kapos4 o.ä. einzusetzen. All diese Posten wurden von der SS vergeben. Sie bevorzugte sogenannte Berufsverbrecher, weil diese, egoistisch und nur an sich selbst denkend, leicht lenkbare Werkzeuge waren. Der Kampf der Politischen um diese Funktionen wurde sehr bald von Gefangenen aller Kategorien unterstützt, weil sich schnell herumsprach, daß diese ihre Funktion nicht für sich selbst mißbrauchten. Durch ein genau abgestimmtes Vorgehen und das Ausspielen der Interessen einzelner SS-Leute bzw. ihrer Schwächen gelang es nach und nach, immer mehr politische Häftlinge für solche Aufgaben einzusetzen. Dort waren sie für die illegale Organisation sehr wertvoll, weil sie beispielsweise größere Bewegungsfreiheit innerhalb des Lagers oder Zugang zu den Räumen der SS hatten.

Sie mußten der SS gegenüber als willige Helfer auftreten, gleichzeitig hatten sie durch Taten zu beweisen, daß sie die Interessen der Häftlinge vertraten. Dazu gehörte z.B. die Umsetzung des Prinzips, daß kein Häftling einen anderen schlagen darf und sich nicht an der Essensration eines anderen vergreifen darf.

Die Arbeit der illegalen Widerstandsorganisation wurde unter ständiger Lebensgefahr geleistet. Die SS versuchte über Spitzel und durch Folter politischer Häftlinge Einblick in die illegalen Strukturen zu bekommen. Den Denunziationen und Folterungen sind hunderte tatsächliche und vermeintliche Angehörige der illegalen Organisation zum Opfer gefallen. Deshalb ließen die GenossInnen vor der Einbindung neuer Mitglieder besondere Vorsicht walten. Zunächst sammelten sie Informationen über die Betreffenden. Kriterien waren die politische Vorgeschichte, die Arbeit nach 1933, das Verhalten bei Vernehmungen und Prozessen, aber vor allem das Verhalten in Buchenwald. Für alle politischen Häftlinge galt das Prinzip der Solidarität, und die Solidarität der Tat war das entscheidende Kriterium für die Einbeziehung in die Arbeit der illegalen Organisation.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1939 kamen die ersten ausländischen Genossen nach Buchenwald. Durch den Terror der Nazihorden standen sie den deutschen Häftlingen mit Mißtrauen und Haß gegenüber. Die deutschen Kommunisten dagegen sahen sich nun in einer besonderen Verantwortung: sie hatten die größte Erfahrung in der illegalen Arbeit, waren gut organisiert, sprachen die offizielle Lagersprache, kannten die Verhältnisse genau und hatten wichtige Funktionen im Lager inne. Aus ihrem internationalistischen Verständnis heraus war es für sie selbstverständlich, diese Vorteile dem internationalen antifaschistischen Kampf in Buchenwald zur Verfügung zu stellen, doch dazu mußten sie erst das Vertrauen der Genossen gewinnen. Kleider - und Lebensmittelspenden, Warnungen vor brutalen Schlägern der SS oder vor Spitzeln halfen, die erste Zeit zu überstehen, und ließen die neu angekommenen die Solidarität der deutschen Genossen erleben. Auf dieser Grundlage wurden Kontakte zu Vertretern der kommunistischen Parteien der jeweiligen Länder geknüpft. Damit wurde es möglich, den Genossen Informationen über den Verlauf des Krieges und die politische Entwicklung zukommen zu lassen. In den Jahren 1939 bis 1943 schufen die Kommunisten der in Buchenwald vertretenen Nationen eigene illegale Organisationen, die zur Grundlage des "Illegalen Internationalen Lagerkomitees" (ILK) wurden.

Das ILK wurde im Sommer 1943 von Gefangenen aus den kommunistischen Parteien Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Hollands, Italiens, Jugoslawiens, Österreichs, Polens, der Sowjetunion, Spaniens und der Tschechoslowakei gegründet. Das ILK veranlaßte alle in ihm vertretenen Nationen, die antifaschistischen Kräfte, gleich welcher politischen Überzeugung, in nationalen Komitees zu sammeln und in den antifaschistischen Kampf einzubinden.

Die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes

Die Vorbereitungen zum bewaffneten Aufstand begannen schon 1939 mit Schulungen deutscher Kommunisten zu militärischen Fragen. Für sie stand fest, daß der Hitlerfaschismus nicht ewig bestehen würde und daß sie sich aktiv, auch mit Waffengewalt, an seiner Vernichtung beteiligen würden. Nach der Niederlage der faschistischen Truppen vor Moskau 1941/42 begannen sie - wie auch die kommunistischen Organisationen der sowjetischen Kriegsgefangenen, der Tschechoslowaken, Österreicher und Holländer - militärische Kader auszubilden und sie auf den bewaffneten Aufstand vorzubereiten. Diese illegalen militärischen Gruppen wurden Anfang 1943 unter einer einheitlichen Führung, der Internationalen Militärorganisation (IMO), zusammengefaßt. Die IMO war für die technische Vorbereitung des Aufstandes zuständig, für die Waffenbeschaffung und die Ausbildung und Formierung der Kampfgruppen. Das ILK traf politische Entscheidungen, wie über die Aufnahme Angehöriger weiterer Nationen oder über Zeitpunkt des Aufstandes.

Für den Aufstand wurden zwei Möglichkeiten in Betracht gezogen: ein Offensivplan für den Fall eines bewaffneten Aufstands der deutschen Zivilbevölkerung und ein Defensivplan für den Fall, daß die SS versuchen sollte, in Anbetracht ihrer nahen Niederlage das gesamte Lager zu liquidieren. Für beide Pläne wurde der gesamte Lagerbereich einer sorgfältigen Aufklärung unterzogen, d.h. nach militärischen Gesichtspunkten beobachtet. Jeder SS-Posten, seine Bewaffnung und die Transportwege wurden erfaßt, in Skizzen und Berichten festgehalten und in die Planung einbezogen. Ähnlich gewissenhaft wurden auch die Angehörigen der Kampfgruppen für ihre Aufgabe geschult: sie bekamen praktische Ausbildung für die vorhandenen Waffen und wurden theoretisch auf den Umgang mit den schweren Waffen der SS vorbereitet. Die Ausbildung verlief streng konspirativ und tatsächlich gab es innerhalb dieser Struktur keinen einzigen Fall von Verrat oder Dekonspiration. Die Auswahl der in Frage Kommenden wurde sehr sorgfältig getroffen; im wesentlichen waren es Mitglieder der kommunistischen Parteien, deren Zuverlässigkeit und Standhaftigkeit erprobt war. Ende März waren mehr als 900 KämpferInnen der IMO in 188 Gruppen organisiert.

Die Waffen wurden über Jahre hinweg entweder aus den Gustloff-Werken, den Waffenkammern der SS, oder aus den Truppengaragen der SS beschafft. Die Wege ins Lager und in die Verstecke waren vielfältig und nur wenigen Verantwortlichen bekannt. Die IMO sorgte auch für die Produktion eigener Waffen: am 11. April 1945 hatten die KämpferInnen 107 Handgranaten, 1100 Molotowcocktails, 50 Hieb- und 100 Stichwaffen aus eigener Produktion zur Verfügung.

Die Befreiung des Lagers durch die Häftlinge

Anfang April 1945 spitzte sich die Lage in Buchenwald zu: Die amerikanischen Truppen näherten sich allmählich aus dem Raum Weimar und die SS begann, Häftlinge auf Todesmärsche zu schicken. Das ILK sah noch keine Möglichkeit, den bewaffneten Aufstand auszurufen, da die SS zu übermächtig war. Es befahl passiven Widerstand gegen die Evakuierungsbefehle und veranlaßte am 8. April einen Funknotruf an die amerikanischen Truppen, die sich in der Nähe befanden. Dieser Funkspruch wurde zwar beantwortet, aber ohne ersichtlichen Grund stellten sie ihre Angriffe für mehrere Tage ein. Diese Stillhaltetaktik hat Tausenden Gefangenen das Leben gekostet. Von den 50 000 Häftlingen waren am 11. April 1945 noch 21 000 im Lager. An diesem Tag gab das ILK den Befehl zum bewaffneten Aufstand. Um 14 Uhr 30 begann der Sturm auf das Tor in Richtung der SS-Gebäude.

Die SS setzte dem überraschenden Angriff wenig Widerstand entgegen, die meisten flohen. Bereits um 16 Uhr war das Lager in den Händen der Häftlinge. Die US - amerikanischen Truppen erschienen, abgesehen von einigen Aufklärungspanzern, erst 40 Stunden später, um das Lager aus den Händen der ehemaligen Gefangenen zu übernehmen.

Am 19. April 1945 versammelten sich die Überlebenden des KZ Buchenwald zum Gedenken an ihre ermordeten Kameraden. Sie schworen an der Stätte des faschistischen Grauens: "Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!

Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel."

An die Kämpfer in den Konzentrationslagern

Bertold Brecht

Kaum Erreichbare, Ihr!

In den Konzentrationslagern begraben

Abgeschnitten von jedem menschlichen Wort

Unterworfen den Mißhandlungen

Niedergeknüppelte, aber

Nicht Widerlegte!

Verschwundene, aber

Nicht Vergessene!

Hören wir wenig von euch, so hören wir doch: ihr seid

Unverbesserbar.

Unbelehrbar, heißt es, seid ihr der proletarischen Sache ergeben

Unabbringbar davon, daß es immer noch in Deutschland

Zweierlei Menschen gibt: Ausbeuter und Ausgebeutete

Und daß nur der Klassenkampf

Die Menschenmassen der Städte und des Landes aus dem Elend befreien kann.

Nicht durch Stockschläge, noch durch Aufhängen, hören wir, seid ihr

So weit zu bringen, zu sagen, daß

Zwei mal zwei jetzt fünf ist.

Also seid ihr

Verschwunden, aber

Nicht Vergessen

Niedergeknüppelt, aber

Nicht widerlegt

Zusammen mit allen unverbesserbar Weiterkämpfenden

Unbelehrbar auf der Wahrheit Beharrenden

Weiterhin die wahren

Führer Deutschlands.


1 SS: Schutzstaffel, militärischer Arm der NSDAP

2 heute: Zeugen Jehovas; weigerten sich aus religiösen Gründen, Hitler als "Führer" anzuerkennen und Wehrdienst bzw. Arbeit in der Rüstungsindustrie zu leisten

3 Baptist Feilen, Mitglied der KPD, kam am 31. Juli 1937 nach Buchenwald

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