Wir wollen in allen Bereichen des politischen Lebens einen Platz haben!
Emine Buyurcan
Wir haben mit Aynur Gürbüz, Mitglied des Parteiparlaments der Demokratiepartei des Volkes HADEP und der Zentralen Frauenkommission, sowie Figen Aslan, der Vorsitzenden der Frauenkommission, über die vor vier Monaten begonnene Kampagne "Frauen, werdet Mitglieder der HADEP und setzt Euch für Eure Probleme ein! ein Gespräch geführt.
Wann hat die Kampagne Ihrer Partei und der Zentralen Frauenkommission zur Gewinnung von Mitgliedern begonnen? Was sind Ihre Ziele und wie ist das Interesse für diese Kampagne?
Wir hielten so eine Kampagne für angemessen. Seit der Zeit der HEP bis heute wird in unserer Partei sehr viel über Frauenpolitik diskutiert. In der heutigen Situation sind wir gezwungen, die alte Politik zu überwinden. Die Kampagne hat nicht nur ein Ziel, sie beinhaltet mehrere Ziele. Unser Ziel besteht nicht darin, zu propagieren, zu reden, sondern einen Schritt in die Praxis zu machen und die Frau zu Wort kommen zu lassen. Es existieren große Defizite in unserer Frauenorganisierung, deswegen richtet sich auch diese Kampagne auf die Organisierung der Frau. Das ist eine Stufe der Treppen, die wir besteigen. In unseren Augen ist das sehr wichtig, weil es uns selbstbewußt macht und gleichzeitig ist es auch ein Beschluß unserer Zentralen Kommission. Seit vier Monaten arbeiten wir daran. Wir haben diese Kampagne in Istanbul gestartet. Wir wollen das ganze in der Türkei verbreiten und die gleiche Arbeit auf die Regionen übertragen. Damit möchten wir jede Frau ansprechen, sei es eine Gewerkschafterin, eine Frau mit Identitätsverlusten oder mit persönlichen Problemen. Wir zielen auf ein breites Spektrum. Das wichtigste in dieser Kampagne ist die Vorarbeit für unsere Tagung, die im Herbst, voraussichtlich im November stattfinden wird. In diesem Rahmen soll die Frau und der Mann zu einem gemeinsamen Start gewonnen werden.
Wie weit ist die Kampagne in Istanbul gediehen?
Istanbul ist ein großes Siedlungsgebiet. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, im Laufe dieser Kampagne 2000 Frauen als Mitglieder zu gewinnen. Es gibt eine Vielzahl von Menschen, die wir noch nicht erreicht haben. In der Zeit des 8. März wurden mit Hilfe verschiedener Frauenorganisationen Kommissionen gegründet. Diese waren jedoch nicht sonderlich aktiv, sondern erzeugten nur einen großen Schein. Zweck dieser Kampagne ist es, die Frauen zu anderen, wirklichen Schritten zu bewegen. Sehr viele der in Istanbul lebenden Frauen und Mädchen arbeiten im Textilgewerbe. Sogar in den Vororten gibt es Textilateliers. Es ist sehr schwierig, diese zu erreichen. Das System erfordert bestimmte Bedingungen. Auch wenn diese Freunde tief in ihrem Inneren etwas verbergen, können sie in der Praxis nicht viel machen. Sie wurden von diesem System beeinflußt. An der Basis können wir ein großes Interesse beobachten. Hier sind es vor allem die kurdischen Frauen, die uns unterstützen und Mitglieder werden. Das Problem ist nicht nur die Mitgliedschaft. Unser Problem ist es, die Frau sozial und kulturell aus ihren vier Wänden herauszuholen. Wir bewerten nicht die potentielle Anteilnahme der Frauen bei Aktionen und Versammlungen. Unser Ziel ist es, eine sich selbst organisierende, aktive Massenorganisation der Frauen ins Leben zu rufen.
Wie sieht die Zusammensetzung der Mitgliederinnen nach Hausfrauen, Arbeiterinnen und Angestellten aus?
Wenn wir unsere Mitgliederstatistik betrachten, sind 90% Hausfrauen. Die überwiegende Zahl der anderen sind Arbeiterinnen. Angesichts dieser Tatsache gewinnt unsere Arbeit in den Vororten an Bedeutung. Die Frauenkommissionen auf Kreisebene führen ihre Arbeiten an der Basis durch.
Ziel ist es, die Hausfrauen aus dem Haus herauszuholen, an den Arbeiten und Aktivitäten in der Partei teilhaben zu lassen und somit das Organisierungspotential zu stärken. An bestimmten Punkten besteht ein gewisses Interesse an der Kampagne. Es gibt auch einige, die gleich Mitglied werden. Aber das reicht nicht aus. Ihnen muß auch die Möglichkeit gegeben werden, sich zu äußern und sich zu leben. Unser Problem liegt darin, professionelle Arbeit zu leisten. Die Frauen müssen in zwei Kategorien aufgeteilt werden. Die einen, die die Konsequenzen des Krieges ertragen müssen, fürchten sich vor weiteren Repressalien. Sie sagen: "Wir akzeptieren die Mitgliedschaft, aber möchten mit Aktivitäten und Veranstaltungen nichts zu tun haben. Hier besteht die Schwierigkeit in der Beibehaltung einer intensiven Verbindung. Da sie das wahre Gesicht des Krieges kennen, ist es überflüssig, ihnen vom schmutzigen Krieg zu erzählen. Man muß diesen Frauen erklären, wie man mit diesem Krieg leben muß und wie man der Gegenreaktion zu diesem Krieg in einer organisierten Form Ausdruck verleiht. Die zweite Kategorie besteht aus Frauen, die schon seit längerem in den Metropolen leben. Diese müssen organisiert werden.
Als HADEP behaupten Sie, Sie seien anders als die anderen Parteien. Gibt es in Ihrer Partei Frauen in Führungspositionen oder stellen sie die Geführten im traditionellen Sinne dar?
Wir führen unsere Veranstaltungen mit Tausenden von Frauen durch. Aber in organisierter Form gibt es noch immer sehr wenige Frauen in Führungspositionen. Dies gilt auch für unsere Partei. Diese Tatsache verdeutlicht, daß wir als Frauen nicht über das Vertrauen verfügen, selbständig zu handeln und eine stabile Organisierung entwickeln zu können. Den ersten Schritt haben wir schon gemacht, aber wir sind noch in der Anfangsphase. Wir wollen in allen Bereichen des politischen Lebens einen Platz haben. Wir stellen uns immer wieder die Frage, warum die Frauen in Veranstaltungen zahlenmäßig hoch präsent, aber in Führungspositionen nur gering vertreten sind. Als Antwort auf diese Frage sagen wir: "Frauen, organisiert euch, kämpft und gewinnt! Der Weg zur Freiheit führt über den Weg der Organisierung. Ziel ist es nicht, zum Schein Frauenkommissionen oder -komitees zu bilden, die zwar dem Namen nach existieren, aber im Grunde nichts hervorbringen. Wir wollen eine intakte Organisierung haben. Im Gegensatz zu den Frauenkommissionen der bürgerlichen Parteien möchten wir zeigen, wie eine alternative Frauenorganisierung zu schaffen ist. So wie uns selbst, möchten wir auch den anderen Frauen ein Beispiel sein. Es gibt eine Vielzahl Beispiele dafür, daß die Frau auf ihren eigenen Füßen stehen kann.
Wie interpretieren Sie die Arbeiten und die Stellungen der Frauen für und in einer revolutionären demokratischen Widerstandsbewegung?
In der Geschichte der freiheitlichen und demokratischen Widerstandsbewegungen, angefangen von der Französischen Revolution bis Nicaragua, Palästina und Südafrika, sind an allen Widerständen die Frauen beteiligt. Nach der Befreiung der Gesellschaft existiert der Name der Frau nicht mehr. Sie kehrt in ihre vier Wände zurück und führt ihre ehemalige Lebensweise fort. Das soll für uns nicht der Fall sein. Wir wollen die Frau aus der Position als Geführte herausholen und eine richtige, unabhängige Organisierung ins Leben rufen. Neben der richtigen Organisierung ist auch die Hinwendung der Frau zu sich selbst eine Notwendigkeit. In unserer Gesellschaft ist immer die Rede von der Unfreiheit der Frau, jedoch ist die Freiheit des Mannes auch ein Diskussionspunkt. Für uns ist die Gleichstellung der Frau mit einem versklavten Mann nicht wichtig. Die Frau sollte mit einem freien Mann gleichgestellt werden. Für uns ist die Organisierung der Frau auch an die Organisierung des Mannes gekoppelt. Durch die Betrachtungsweise der Ideologie der männlichen Hierarchie erleben wir einige Probleme in unserer Partei. Die Probleme müssen wir mit den Männern bewältigen können. Wir führen unsere Nationale Widerstandsbewegung, unseren Klassenkampf und den Identitätskampf unseres Geschlechtes gemeinsam durch.
Welche Frauenprobleme sind in der HADEP vorrangig und welche ideologische Anschauung gegenüber den Frauen existiert in der HADEP?
Da es in der Partei viele Kurdinnen gibt, kommt es von Zeit zu Zeit vor, daß das nationale Problem überwiegt. Es ist falsch, bei der Betrachtungsweise der Frau nur das Nationale, die Angehörigkeit zu einer Klasse oder die Geschlechtsfrage in den Vordergrund zu stellen. Diese Gedanken möchten wir in unsere Basis wie auch unseren Frauen vermitteln. Mit diesen Perspektiven möchten wir unsere Menschen überzeugen und ihre Lebensweise verändern. Um die Frauen zu organisieren, ist es nicht notwendig, eine sozialistische, kommunistische oder eine ideologische Partei zu sein. HADEP ist eine demokratische Massenpartei. Alle Oppositionellen und Unterdrückten können sich in dieser Partei organisieren. Der Weg ist für jeden - aber vor allem für die Frau - offen und frei.
Wie bewerten Sie die Lage der vertriebenen Familien?
Die Aktivistinnen in unserer Partei werden von ihren Männern behindert. Falls der Mann bei uns aktiv ist, sagt er: "Es reicht, wenn wir etwas machen. Bleibe du zu Hause, verbringe deine Zeit zu Hause und passe auf die Kinder auf. Diese Meinung ist präsent. Dieses Verständnis ist sehr tief verankert. Es zu brechen, ist sehr schwierig, vor allem in den Metropolen. In den Veranstaltungen unserer Frauenkommissionen ist eines der Hauptthemen immer, daß wir erst die Männer aufklären müssen. Es ist eine Tatsache, daß wir nicht kämpfen können, ohne die Männer gebildet zu haben. In den Familien existiert ein Staat in einem Staate. Das heißt, die Familie ist ein autoritärer Staat. In diesem Zuhause gibt es Wachen. Die Frau kann ohne Abbau dieser Wache das Haus nicht verlassen. Unsere jungen Frauen werden nicht von ihren Vätern oder Brüdern gehindert, sondern von der Mutter. Denn die Mutter nimmt die traditionelle Männerrolle ein und hindert die Tochter, zu uns zu kommen. Sie ist autoritärer als der Mann.
Was bezwecken Sie mit dem Slogan "Frauen zur HADEP? Wie bewerten Sie den Aufstand, den Serhildan der kurdischen Frauen im Jahre `90 und wie wirkt er auf Sie?
Wir bezwecken mit diesem Slogan nicht nur eine reine potentielle Frauenmassenorganisation, sondern wir wollen sie bilden und für die Partei gewinnen. Nach 1990 hat sich im Leben der kurdischen Frau vieles verändert. Wenn wir nach Kurdistan schauen, sehen wir den großen Respekt vor den Frauen. Dieser Respekt kommt nicht vom Wesen der Frau. Die Frau ist bei staatlichen Repressalien und bei Aufständen immer in der ersten Reihe. Dies spiegelt sich auch in der Familie wider. Sie hat mit diesen Widerständen erst Respekt und dann mit Sprache Rechte gewonnen. Dieser Kampf war nicht einfach. Nach dem in der Familie gewonnenen Respekt ist dieser auch in die Gesellschaft eingedrungen. Diese Umwandlung hat zuerst die Frau erstaunt und dann den Mann. Respekt vor der Frau zu haben und das Feudale aufzugeben, ist dem Mann nicht leicht gefallen. Jetzt befindet sich die kurdische Frau in einer organisierenden Rolle. Die Organisierung der kurdischen Frau in den Metropolen ist durch den Freiheitskampf der kurdischen Frau entstanden. Wir nehmen sie als Vorbilder. Unsere Organisierung begann in entgegengesetzter Richtung. In den ländlichen Gebieten organisierte sich die Frau, wobei sich das wie ein Erdbeben im ganzen Land verbreitet hat und Massen hinter sich herzog. Das ist nicht einfach. In Cizre ist die Rede von Binevs, Berivan, Zekiye, Zilan, Bermal, die ihr Leben geopfert haben und damit den Kampf symbolisieren. Bei den Übergriffen der Newroz-Feierlichkeiten in den Dörfern sind es Frauen, die vorne laufen, somit erleben sie den schmutzigen Krieg direkt. Das traditionelle Ehrverständnis ist gebrochen. Die Ehre ist jetzt für sie die Hoffnung, ein würdiges Leben zu führen. Wir haben Glück bei der Organisierung, denn es gibt eine Bewegung, die uns unter Druck setzt. Es brennt ein Feuer, das uns Frauen in Bewegung hält. Wichtig ist es, dieses Feuer nicht ausgehen zu lassen, sondern die Flammen zu erhöhen.
Was für Schwierigkeiten haben diese Frauen, wenn sie in Ihre Partei kommen? Wie lautet Ihr Freiheitsziel?
Wir sollten sehr offen sein. Bei der Organisierung der Frau in der HADEP haben wir die größten Probleme. Wir kämpfen dagegen. Falsche Einstellungen kommen zu Tage. Wir kämpfen gegen eine jahrhundertelang betriebene Frauenpolitik. Von ganz unten in der Gesellschaft bis zu unseren Reihen müssen wir dagegen kämpfen. Wir glauben, daß die Gerechtigkeit siegen wird. Das ist unser Motto.
Wir stellen uns immer wieder die Frage, warum an alten Werten festgehalten wird. Es gibt Frauen unter uns, die jeden Tag von ihren Männern geschlagen werden und mit blauen Flecken zu uns kommen. Es gibt Frauen, die ohne Wissen ihrer Männer zu uns kommen. Es gibt Frauen, die ihren Partner überzeugen und sagen: "Es reicht! Wie lange werde ich heimlich kommen?, und die dafür kämpfen. Es gibt Männer, die bei unseren Veranstaltungen ihre Frauen oder Töchter herauszerren und sagen: "Da gibt es Männer, warum geht ihr dahin?
Es gibt auch viele Männer in unseren Reihen, die ihre Frauen und Kinder nicht in die Partei bringen. Unser Ziel ist es, das Ganze zu brechen. Die Frauenpolitik der klassischen politischen Parteien versuchen wir in unserer Partei zu verhindern. Wir möchten nicht als eine angeblich sozialdemokratische oder eine sozialistische Partei erscheinen. Und solch eine Frauenorganisation wollen wir auch nicht sein. Wir glauben an den gemeinsamen Sieg der Demokratie und der Freiheit mit dem Mann. In diesem Sinne sind wir keine Feministinnen. Unser Freiheitsverständnis ist kein Irrweg. Die Freiheit ist unser Ziel. Bei der Organisierung ist unser Motto: "Eine ehrenhafte Freiheit wird über einen ehrenhaften Kampf erreicht. Die Frau muß ihre Schreie auf die Straße tragen. Auf die Straße gehen heißt sich organisieren, Kontakte knüpfen, andere Gruppen kennenlernen, sich verstärken.
Wie stehen Sie zu der laizistisch-islamischen Frauen-Auseinandersetzung in der Türkei. Sind Sie für eine dieser Seiten oder vertreten Sie eine andere Vorstellung?
Bei dieser Auseinandersetzung ergreifen wir keinerlei Partei, weder für die Laizisten oder die Islamisten. Wir stehen da, wo wir sein wollen. Wir stehen auf der Seite der Unterdrückten. Die in der letzten Zeit häufigen Diskussionen über die Seriat (islamisches Recht) wurden seitens der Regierung aktualisiert. Die Islamisten befinden sich in einer Phase der ökonomischen Expansion. Nach dem 12. September 1980 ist die religiöse Expansion gegen die kurdische Bewegung und die revolutionären oppositionellen Kräfte entwickelt worden. Seit 1992 gibt es eine Hizb-i-Kontra- Organisierung, durch die Massaker verübt wurden. Wir sehen auch Widersprüche in den Reihen der Kriegsführer. Der letzte Skandal um Susurluk ist ein Beispiel. Meines Erachtens sind diese Widersprüche natürlich und naturbedingt. Seien diese Widersprüche positiv oder negativ, sie sprechen für uns. Wir müssen die richtige Wahl treffen.
Existiert in der Türkei Laizismus? Wie sehen Sie die Einstellungen der Frau zum Laizismus?
In der Türkei gibt es keinen Laizismus, den wir vertreten könnten. Was hat der Laizismus denn Frauen für Rechte gegeben? Die religiösen Ämter müssen von der Regierung getrennt werden, die Ministerien der Muftis ebenfalls. Die Religionsvertreter müssen aus der Bevölkerung hervortreten und mit der Bevölkerung arbeiten. Die Position der Frau ist hier falsch. Es ist eine bewußte Politik der Herrschenden, die Frau für ihre laizistischen Ideen in den Vordergrund zu stellen. Es ist das Bestreben der ideologisch offiziellen Einstellung.
Einerseits sagen die religiös Eingestellten, alle Völker seien Geschwister. Aber das sind nicht die richtigen Vertreter des Islam, das sind Lügner. Auf der anderen Seite gibt es die seit 70 Jahren den Laizismus anpreisenden Regierung.
Sich zu verschleiern oder nicht, ist zum Maßstab für Fortschritt oder Rückständigkeit geworden. Die Verteidiger des Kemalismus, in diesem Fall die Frauen, waren an der Spitze. Die durch den Chauvinismus und Rassismus beeinflußten Frauen prangern an: "Wie in Afghanistan werden wir zerstückelt und zugedeckt, dabei schweigen sie bei den vor ihren Augen begangenen Menschenrechtsverletzungen. Zu den Veranstaltungen gegen die Seriat haben sie uns auch eingeladen.