Das dürre Tal ist wieder lebendig
Eine Fahrt in das Flüchtlingslager Maxmur
Von Cemal Ucar

Mehr als 9.000 Flüchtlinge aus den kurdischen Gebieten der Türkei flohen 1994 in die südkurdischen Gebiete des Nordirak. Nach einer langen Odyssee leben sie nun in einem Flüchtlingslager in der Nähe der nordirakischen Stadt Mossul, im Lager Maxmur. Das Camp wird von dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, dem UNHCR, betreut und steht unter Kontrolle der irakischen Regierung. Cemal Ucar, leitender Redakteur der Tageszeitung Özgür Politika, besuchte das Lager Maxmur im August des Jahres 2000. Hier sein Bericht.

Nach jahrelanger Verbannung kamen die Menschen ins Maxmur-Tal, wo sie endlich keinen Angriffen mehr ausgesetzt waren. Das Tal bot allerdings keinerlei Perspektiven für eine langfristige Zukunftsplanung. Auch hier war ihr Leben bedroht, diesmal durch Skorpione, denen innerhalb der letzten zwei Jahre fünf Menschen zum Opfer fielen.
Die brutale Unterdrückung seitens der türkischen Regierung löste am 4. April 1994 im Botan-Gebiet in Nordkurdistan eine Flüchtlingswelle unter den Kurden aus. Die Flüchtlinge verbrachten die folgenden Jahre im südkurdischen Grenzgebiet des Behdinan (Nordirak) und in den Orten Etrus und Ninova. Auch hier waren die Menschen dem Druck und den Attacken der türkischen Regierung ausgesetzt. Hinzu kamen die täglichen Angriffe der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP). Die Flüchtlinge aus Nordkurdistan ließen sich nicht einschüchtern und kämpften mit großer Willenskraft ums Überleben. Nach sechs Jahren in Angst und Schrecken konnten sie sich 1998 unter schwierigen Bedingungen nach Südkurdistan in das unter irakischer Kontrolle stehende Maxmur-Tal auf dem 36. Breitengrad retten.
Insgesamt 9.000 Flüchtlinge haben im Maxmur-Tal ihre Zelte aufgeschlagen und sich niedergelassen. Langsam begann die dürre Landschaft aufzublühen. Um Häuser zu bauen wurden Ziegel aus Schlamm gefertigt und Steine in der Umgebung gesammelt. Gartenbau und Viehzucht begannen, soziale Einrichtungen wurden gegründet und die ersten Geschäfte für den täglichen Bedarf eröffnet.
In der dürren Landschaft von Maxmur – wo seit drei Jahren kein einziger Regentropfen fiel – hat sich jetzt vieles geändert.
Die vor fast 15 000 Jahren in Mesopotamien entstandene Zivilisation wird heute in dieser dürren Landschaft wiederbelebt. Die Menschen in Maxmur haben das Unmögliche erfolgreich möglich gemacht. Durch ihre Lebensweise und ihre Einrichtungen haben sie sich eine kleine Stadt geschaffen. Die Menschen sind zwar in ihrer Heimat, aber doch weit von zu Hause entfernt. Sie leben in der Sehnsucht nach Frieden und entwickeln sich eine Basis, um ihr Leid zu lindern oder vielleicht sogar zu vergessen. Zu dieser Grundlage gehören vor allem Erziehung, Bildung, Straßenbau, Strom- und Wasserversorgung. Neben diesen Tätigkeiten bemühen sich die Flüchtlinge um Frieden. Ungeduldig warten sie darauf, dass das Gebiet, aus dem sie stammen, von Minen geräumt wird und sie zurückkehren können. Alle Flüchtlinge in Kurdistan sind vom Krieg betroffen, die Menschen im Maxmur-Tal jedoch besonders stark.

Freude über muttersprachlichen Unterricht
Die Menschen aus Maxmur sind der Meinung, dass Zivilisation und Wissenschaft ohne Bildung und Erziehung nicht möglich sind. Daher ist die Bildung von großer Bedeutung für sie. Bereits bei ihrer Ankunft haben sie mit Unterricht in ihrer kurdischen Muttersprache begonnen, erst später wurden die notwendigen Schulen errichtet. Selbst die Verantwortlichen der Vereinten Nationen (UNHCR) wundern sich, dass es in Maxmur Schulen von der Grundschule bis zum Gymnasium gibt. Bildungsdirektor Ahmet Kilim erinnert sich: “Als die Flüchtlinge am Anfang von den Vereinten Nationen eine Bildungseinrichtung forderten, wurden wir nicht ernst genommen und ausgelacht. Aber später sahen sie mit eigenen Augen, dass die Flüchtlinge das Unmögliche möglich gemacht hatten. Daraufhin hat die UNO Hilfe angeboten. Die Erziehung betrifft in erster Linie die Kinder und Jugendlichen. Für Ältere gibt es je nach den persönlichen Fähigkeiten verschiedene Kurse wie Schreibmaschine schreiben, Kurdisch, Türkisch und Deutsch. Aus Mangel an Lehrkräften findet zur Zeit kein Unterricht in Englisch statt.” In Maxmur gibt es zur Zeit vier Grundschulen, eine Realschule und ein Gymnasium, ein zweites ist im Bau.

Die Schüler haben vom 13. Juni bis zum 13. September Ferien.
Die Lehrer haben keine Ferien, da in der Zeit bis zum nächsten Schulbeginn viele Dinge erledigt werden müssen. Schon früh morgens versammeln sich die Lehrer auf dem Schulhof. In zuvor gebildeten Ausschüssen wird festgelegt, wer was bis wann vorbereiten soll. Die Bücher für das kommende Schuljahr werden bestimmt und selber geschrieben. Stundenpläne werden ausgearbeitet. Bücher, Schuluniformen für die Schüler und Schreibmaterial wird besorgt und neue Lehrer ausgebildet. Die Ausschüsse arbeiten neben Sprach- und Literaturbüchern auch Mathematik- und andere wissenschaftliche Bücher aus. Diese werden zuerst handschriftlich erstellt und später im Pressebüro mit dem Computer geschrieben, danach werden sie mehrmals kopiert und als Buch gebunden. Allerdings bekommen diese Bücher nur die Lehrer, weil der Aufwand für 2.500 Schüler zu groß ist und die technischen Möglichkeiten und finanziellen Mittel fehlen.
In Maxmur gibt es zur Zeit 60 Lehrer. Am Anfang waren es sehr viel weniger, doch die älteren und erfahrenen Lehrer haben intensiv junge Lehrer ausgebildet. Daher kann in diesem Schuljahr ein neues Fach angeboten werden: Kunst. Alle Lehrer lieben ihren Beruf und üben ihn mit Freude aus, das sieht man ihren Augen an. Damit die Lehrer eine qualitativ gute Erziehung anbieten können, helfen die Menschen aus dem Camp mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten. So entsteht ein Bildungssystem, das es in anderen Ländern nicht gibt. Die Lehrer beschweren sich bei den Vereinten Nationen über den Mangel an Schreibmaterial und Büchern, haben aber hierfür bisher keine Unterstützung bekommen. Ihre Beschwerden richten sie auch an kurdische Institute in Deutschland, die sich mit der Lage in Maxmur gar nicht beschäftigen. Es ist deutlich zu sehen, dass aus dem Ausland keine Hilfe kommt. Eines der größten Probleme sind die finanziellen Mittel in Maxmur. Wenn sie das nötige Geld hätten, würden sie vieles selber organisieren, sagt Ahmet Kilim. So aber besteht die Gefahr, dass die Schulausbildung qualitativ nicht hochwertig ist. Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen lässt zwar ein zweites Gymnasium bauen, weigert sich aber, das Schulmaterial zu stellen bzw. sich an dessen Kosten zu beteiligen.
Xatun Babat unterrichtet seit fünf Jahren; er erinnert sich an die Schwierigkeiten: “Die Erziehung im Camp war aufgrund der schlechten Bedingungen nicht immer erfolgreich. Der erste Unterricht vor fünf Jahren fand in Zelten statt und entwickelte sich langsam. Zuerst wurde in kurdischer Sprache unterrichtet. Wegen Mangel an Lehrern konnten wir zunächst nur Grundschulausbildung anbieten. Doch trotz fehlenden Schreibmaterials erzielten wir kleine Erfolge. Die Möglichkeiten entwickelten sich langsam. Statt der Zelte wurden Schulgebäude errichtet. Danach wurden Hefte und Stifte besorgt. Die Vereinten Nationen bauten zwar die Realschule, aber Tische und Stühle bekamen wir erst mit Verspätung, so musste der Unterricht in der ersten Zeit auf dem Fußboden abgehalten werden. Unter diesen Umständen begannen wir mit dem Gymnasialunterricht. Für das kommende Schuljahr sind die Vorbereitungen für den Stundenplan getroffen; neue Bücher werden herauskommen. Die Bücher für die Grundschule sind fertig. Wenn die Bücher für die Mittelschule fertig sind, werden wir mit den Bücher für das Gymnasium angefangen.”
Xatun Babat fährt fort: “Technikunterricht gibt es wenig. Wir übersetzen dafür ausländische Bücher, aber in der Schule gibt es keine technischen Geräte, an denen die Schüler lernen könnten. Für Physik und Biologie sind Labors notwendig, die aus dem Ausland beschafft werden könnten, doch das scheint noch unmöglich zu sein.”
Die Vereinten Nationen nehmen ihre Rolle hier scheinbar nicht ernst. Zwar besuchen die Verantwortlichen jede Woche das Camp, machen ihre Berichte und leere Versprechungen. Die Lehrer sind der Ansicht, die UNO lasse aus politischen Gründen nicht zu, dass die Erziehung sich hier weiter entwickelt. Auch der Antrag auf ein einheitliches Zeugnisformular wurde von der UNO bisher ignoriert.

Arbeiten mit Herz und Seele
Schulgebäude und Krankenhäuser mit Grünanlagen können nicht gebaut werden, da die hierfür vorgesehenen Mittel in schwarzen Kanälen oder durch Unterschlagung verschwinden. Das Camp steht unter der Kontrolle der irakischen Regierung; sie macht zwar keine Schwierigkeiten, hält aber viele Versprechen nicht ein. Im Gegensatz zum Camp Etrus gibt es hier viele schulische Einrichtungen, die die Flüchtlinge unter schwierigen Umständen selbst geschaffen haben und die die Ausbildung von Eltern und deren Kindern vorsieht. So gibt es jetzt viele Unterrichtsfächer wie Mathematik, Geschichte, Biologie, Naturwissenschaften, Erdkunde, Musik, Kunst und Frau und Familie. Allerdings gibt es keine Musikinstrumente für den Musikunterricht und keine Malhefte für den Kunstunterricht der Kinder.
Unter diesen ungünstigen Umständen eine gute Ausbildung zu erhalten, ist für die Schüler schwer. Schüler, die später einen Beruf erlernen möchten, wissen meistens nicht, was sie in Zukunft tun werden, daher sind sie in einer Zwickmühle. Trotzdem bemühen sie sich um eine gute Ausbildung. Der Schüler Bülent Aka besucht die 12. Klasse: “Wir sind stolz auf die Ausbildung, die wir erhalten. Mit dieser Ausbildung können wir große Ziele erreichen. Das kollektive Arbeiten mit Freunden bindet einen noch mehr an die Ausbildung. Auch die Stärke der Lehrer im Unterricht wirkt beeindruckend auf die Schüler.” Resul, ein Klassenkamerad von Bülent Aka, meint: “ Wir sind glücklich darüber, dass wir die Ausbildung in kurdischer Sprache erhalten. Wir lernen etwas über unsere eigene Geschichte und Geographie”.
In diesem Schuljahr werden 2 300 Schüler in die Schule gehen. Für die Schneiderei im Camp Maxmur bedeutet das eine Menge Arbeit. Vier Personen arbeiten in der Schneiderei. Der Meister nimmt die Maße der Schüler, um die Schuluniformen nähen zu können. Die Uniformen müssen bis zum 13. September fertig werden. In diesem Schuljahr werden wieder einige Schüler keine Schuhe zum Anziehen haben und barfuß zur Schule gehen. Viele Eltern haben nicht genügend Geld, um Schuhe für ihre Kinder zu kaufen. Diese Situation beeinträchtigt nicht nur die Psyche der Schüler, sondern auch die der Lehrer.
Kurz gesagt arbeiten in Maxmur vor Schulbeginn die Menschen mit Herz und Seele, wie die Ameisen, die sich für den Winter vorbereiten.

Auf Kultur wird großen Wert gelegt
In Maxmur legt man großen Wert auf kulturelle Aktivitäten. Jede Woche versammeln sich die Jugendlichen vor den kulturellen Einrichtungen. Ihre letzten Vorbereitungen bezogen sich auf den 15. August. Da bis Jahresende noch viele Feierlichkeiten und Feste anstehen, müssen sie noch viele Folkloretänze, Musik- und Theaterstücke einstudieren.
Die Bilder der Künstler malen porträtieren die jeweiligen Jahreszeiten, die Dichter kreieren unter der heißen Sonne neue Gedichte. Die Sänger haben ihre Lieder zuletzt am 15. August gesungen. Die Flüchtlinge aus Nordkurdistan haben unter sich neue begabte junge Sänger herangebildet. Sie haben in den letzten sechs Jahren bewusst und systematisch in jeder Hinsicht sehr viel zur kurdischen Kultur beigetragen.
Der 40-jährige Besir aus Botan, der zum Mijni-Clan gehört, fertigte bisher zehn Saz aus Holz (kurdisches Musikinstrument mit langem Hals, das mit einem Schlagring gespielt wird). Mit dem Erlös aus dem Verkauf konnte er seinen Lebensunterhalt sichern. Er freut sich, dass er die Musikinstrumente für das Camp machen kann. Besir weiß zwar nicht, wie man eine Saz spielt, aber er kann sie anfertigen. Dies sei eine besondere Eigenschaft von ihm, sagt Meister Besir. Da er keine richtigen Metallsaiten hat, benutzt er stattdessen Kabel. Auch kennt er die Töne nicht, aber er passt sie denen der anderen Saz an. Keiner kann die Saz bauen, wie Meister Besir, heißt es im Camp. Seine Instrumente sind dort berühmt.
Kein Leben ohne Sport
Trotz tiefgreifender Probleme im Flüchtlingscamp Maxmur gibt es ein lebendiges soziales Leben. Hier zeigt man großes Interesse am Sport. Einerseits verbringen die Bewohner so ihre Freizeit, andererseits sichert man die Kultur des Sports. Den einzigen nicht organisierten Sport findet man nur bei den Kindern auf den Strassen von Maxmur. Die Jugendlichen und die Erwachsenen treiben in eingerichteten Klubhäusern Sport.
Mittlerweile nehmen 70 Jugendliche am Karatekurs teil, andere verbringen ihre Zeit mit Tischtennis in den Jugendvereinen. Im Camp Maxmur gibt es schon ein erfolgreiches Fußball-Nationalteam, das mit irakischen Fußballteams Wettspiele veranstaltet. Außerdem gibt es noch weitere kleine Fußballmannschaften mit älteren Menschen und Kindern. Viele Menschen schauen sich lieber die Spiele der älteren Fußballmannschaften an, weil sie lustig spielen. Für die Zuschauer ist es wie ein Theaterstück. Daneben spielen junge Frauen und Männer auch Volleyball; auch diese Spiele werden mit Interesse verfolgt.

Ein soziologisches Laboratorium
Das Camp Maxmur stellt mit seiner Lebendigkeit, der kollektiven und solidarischen Einheit der kurdischen Gesellschaft eine Art soziologisches Laboratorium dar. In Maxmur kann man deutlich erkennen, wie die kurdische Gesellschaft Produktivität aus dem Nichts entwickelt hat. Da die Sanktionen gegen den Irak auch direkt das Camp Maxmur betreffen, ergreifen die Menschen eigene Maßnahmen. Wegen der Sanktionen können die Menschen nicht alles haben, was sie wollen. Auch von der internationalen Zivilbevölkerung kommt keine Unterstützung. Einige Delegationen kamen aus Frankreich und Belgien in das Camp und versprachen zu helfen. Die Nothilfe des Kurdischen Roten Halbmonds (Heyva Sor a Kurdistanê) konnte das Camp aufgrund politischer Hindernisse weder über die Grenze nach Russland noch über Jordanien erreichen. Ohne diese Hindernisse könnte das Volk mit Leichtigkeit an die Hilfsgüter kommen und seine wirtschaftliche Lage verbessern.
Trotz alledem gibt es in den Straßen von Maxmur inzwischen kleine Obst- und Gemüsehändler, deren Zahl sich täglich erhöht. Zur Zeit (des Berichts, August 2000) sind es 60. Außerdem gibt es Friseurgeschäfte, Reparaturwerkstätten, Klempnereien, Bäckereien und andere kleine Läden.
Das Leben in Maxmur ist voller Regeln. Die Sicherheitseinheit sorgt für Ruhe und Ordnung, die Stadtverwaltung plant das tägliche Leben. Die Stadtverwaltung ist auch für Wasser-, Strom- und Straßenversorgung und für die Feuerwehr verantwortlich. Die Gebäude für die Feuerwehr werden in kurzer Zeit in Betrieb genommen, doch bis jetzt gibt es keine Löschgeräte. Um das Leben in Maxmur gesetzlich zu regeln, wird zur Zeit an einer Verfassung gearbeitet. Nach Inkrafttreten der Gesetze wird ein Gericht mit Richtern und Anwälten ein funktionierendes Justizsystem aufbauen.
Im Moment scheint das Wasserproblem in Maxmur teilweise gelöst zu sein, doch die Weiterverteilung des Wassers ist stark eingeschränkt. Die nahegelegene Stadt öffnet die Wasserleitung täglich für eine Stunde: in dieser Zeit muss das Volk das Wasser in mehrere Behälter füllen. Es gibt auch Brunnen, an denen die Mädchen und Frauen mit ihren Behältern Schlange stehen, um Wasser zu bekommen. Die Stadt kann ihr Ziel, jeden Haushalt mit ausreichend Wasser zu versorgen, aus finanziellen Gründen nicht realisieren. Auch für dieses Wasserprojekt erwartet man Hilfe. Viele Familien haben eine weitere Möglichkeit entdeckt: sie graben Brunnen vor ihren Häusern; diese sind 25 Meter tief unter der Erde. Andere Familien müssen sich das Wasser mit Behältern holen.
In Maxmur bekommen nur die Krankenhäuser und andere Einrichtungen Strom. Es wird daran gearbeitet, auch die Einwohner mit Strom zu versorgen. Da die Vereinten Nationen sich geweigert haben, ganz Maxmur zu beleuchten, versuchen die Verantwortlichen des Camps, zwei große Benzingeneratoren zu beschaffen, um jedem Haushalt Strom liefern zu können. Dann wären die Haushalte nicht mehr auf Gaslampen angewiesen und könnten, wenn es ihre Mittel erlauben, vielleicht auch Kühlschränke kaufen.

Die Frauen von Maxmur
Die Frauen in Maxmur tragen die schwerste Last. Unter der brennenden Hitze holen sie Wasser und backen Tandir-Brote (in einem in den Erdboden eingelassenen Ofen aus Ton in Form eines großen Kruges).
Die kurdische Frau in Maxmur ist anders als die traditionelle kurdische Frau. Sie engagiert sich sozial und politisch. Bisher sind 314 Söhne und Töchter der Mütter aus Maxmur im Krieg gefallen. Zum Gedenken an die Gefallenen haben die Einwohner von Maxmur einen Verein für Mütter gegründet, deren Kinder gefallen sind. In ihrem Versammlungsort wurden Bilder der Gefallenen aufgehängt; die Einrichtung wird täglich besucht. Eine wichtige Besonderheit ist das hier gegründete Komitee der Friedensmütter. Diese Mütter bemühen sich sehr um Frieden in Kurdistan. Das ist jedoch nicht ihre einzige Aufgabe, sie kümmern sich auch um die Frauen aus dem Camp, wenn diese Streit mit anderen Frauen haben. Dann kommen die angesehenen Friedensmütter, um das Problem zu lösen. Feyruz Buldan, Mitglied der Friedenskomitees, sagt: “Wir halten regelmäßig unsere Sitzungen ab, dort diskutieren wir und unterstützen das kurdische Volk. Wir besuchen Kranke und nehmen an Fortbildungen teil. Außerdem appellieren wir an die Müttern aus den vier Teilen Kurdistans, ihre Stimme für den Frieden zu erheben. Im Sinne der neu entwickelten Strategie unseres Vorsitzenden (gemeint ist Abdullah Öcalan, Anm. d. Red.) wollen wir, dass alle Mütter Hand in Hand für den Frieden aktiv werden. Unsere Forderung ist die Forderung unseres Vorsitzenden”. Feyruz Buldan, die viele Verwandte im Krieg verloren hat, fügt hinzu: “Falls sich der Krieg erneut ausweitet, werden wir die restlichen Familienmitglieder für unseren Vorsitzenden opfern. Unser Platz ist bis zuletzt an der Seite unseren Vorsitzenden”.
Auch Rahime Bozan, Mutter von zwei Gefallenen und einer Guerillera betont, weder das Blut der kurdischen noch der türkischen Jugendlichen solle fließen. Sie will, dass Frieden an die Stelle des seit 15 Jahren dauernden Krieges tritt. “Wir sind auch Menschen dieser Erde, deshalb wollen wir, dass alle Mütter von Gefallenen Hand in Hand für den Frieden zusammenkommen. Wir wollen, dass türkische und kurdische Mütter sich untereinander vernetzen”. Das Komitee der Friedensmütter hat 30 Mitglieder.
Auch wenn ein Teil der Frauen in Maxmur organisiert und politisch sind, haben andere dennoch feudale Eigenschaften. Die Flüchtlinge in Maxmur kommen aus dem Teil Kurdistans, in dem die Bindung an feudale Strukturen am stärksten ist.
Saniye Ahmet, die Verantwortliche für das Frauenkomitee, sagt über die soziale und politische Entwicklung der Frauen im Camp: “Im Gegensatz zu früher gibt es eine gewisse Entwicklung im sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich der Frauen. Aus eigener Kraft haben die Frauen gelernt, sich zu organisieren. Im sozialen und kulturellen Leben der Frau macht sich Feudalismus stark bemerkbar. Das Clan- und Stammesleben setzt sich hier fort. Innerhalb der Familie gibt es eine feudale Kultur, die sich sowohl in der Beziehung zwischen Mann und Frau bemerkbar macht, als auch in der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Wenn die Frau aber die Außenwelt sieht, ist das für sie höchst paradox. Einerseits versucht sie, aus ihrer Umgebung herauszukommen, um ihr Bewusstsein zu stärken, sich aktiv an der Frauenbewegung zu beteiligen, ein anderes Umfeld zu finden und an Diskussionen teilzunehmen. Andererseits entdeckt sie Widersprüche, wenn sie nach Hause kommt. Aus diesem Widerspruch kommt sie nicht heraus und macht sich alles sehr schwer; was sie draußen lernt, kann sie nicht in ihr soziales Leben integrieren. Ein gewisser Grad an Entwicklung lässt sich allerdings durch Diskussionen erreichen. Langsam lösen sich so die feudalen Strukturen.
In Maxmur gibt es noch keine Einrichtungen für die Ausbildung von Frauen. Ein Antrag wurde an die UNO gestellt, bis heute jedoch nicht genehmigt. Die Frauen haben aus eigener Kraft eine kleine Hütte gebaut, in der sie ihre Arbeiten und Aufgaben erledigen.
In den Familien gibt es viele Kinder. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen ist extrem hoch, ältere Personen hingegen gibt es ziemlich wenige. Trotz der Armut wird in Maxmur versucht, durch eine moderne Ausbildung eine teils europäische, teils dem mittleren Osten entsprechende Gesellschaft zu entwickeln.