Murathan Mungan: Palast des Ostens

Buchvorstellung von Susanne Rode

Väterlicherseits stammt Murathan Mungan aus einer angesehenen kurdisch-arabischen Familie aus Mardin im Südosten der Türkei nahe der syrischen Grenze, deren Geschichte sich bis in die osmanische Zeit zurückverfolgen lässt. Mit der Mythenwelt des Nahen Ostens und Anatoliens kam er bereits als Kind in Berührung und sein Interesse daran wurde früh geweckt. Ebenso früh erfuhr er die „Sprachlosigkeit“ seiner kurdischen und arabischern Verwandten, die der türkischen Sprache nicht mächtig waren. Dies, so sagt er, war der Auslöser für ihn, ein Schriftsteller der türkischen Sprache zu werden. Sein Vater, ein angesehener Jurist, wurde wegen seines starken Akzents verspottet. Er untersagte, in Murathans Gegenwart Kurdisch zu sprechen. Das Problem von Fremdheit und Kommunikationslosigkeit, prägte sich dem Jungen ein, und er hatte den Wunsch, im Namen der Großeltern, deren Sprache in der monolingualen Staatsideologie versiegelt wurde, zu sprechen.

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Theaterstudiums an der Universität Ankara war er unter anderem an den Staatstheatern in Ankara und Istanbul als Dramaturg tätig. Er hat über 30 Romane, Erzähl- und Gedichtbände veröffentlicht, daneben auch Hörspiele, Drehbücher und mehrere Theaterstücke. Aufsehen erregte Murathan Mungan insbesondere mit der elfstündigen Uraufführung seiner Mezopotamya Üçlemesi (Die Mesopotamien-Trilogie) am Staatstheater Antalya im Jahr 1994. Die Trilogie, die Märchen und Legenden, Mythen und Rituale verknüpft und mit Raum und Zeit spielt, stellt einen Markstein des türkischen Theaters dar. Murathan Mungan gilt als einer der vielseitigs­ten Autoren der türkischen Gegenwartsliteratur. Heute lebt und arbeitet er als Theaterautor und freier Schriftsteller in Istanbul.

Der erste Gedichtband, Osmanlıya Dair Hikâyat (Geschichten über die Osmanen), wurde 1981 veröffentlicht und machte ihn über Nacht erfolgreich. Eine Auswahl seiner Gedichte wurde 1996 ins Kurdische übersetzt und veröffentlicht: Li Rojhilatê Dilê Min (Im Osten meines Herzens). Seine autobiografische Erzählung Paranın Cinleri (Die Geister des Geldes) aus dem Jahr 1997 wurde erst vor kurzem auf Griechisch veröffentlicht.

Der vorliegende Band Palast des Ostens (Doğu Sarayı) ist eine Sammlung von Erzählungen, die bereits in den Jahren 1986, 1989 und 1999 veröffentlicht worden sind. Dieser von Mungan ganz bewusst gewählte Titel soll den Leser in den Palast des Ostens entführen und ihn wie bei einer Theaterveranstaltung die literarische Inszenierung einer anderen Welt erleben lassen. Mungan schöpft dabei aus seinem umfangreichen Wissen über Lieder, Sagen, Märchen und Mythen der Kurden, Araber, Türken und Perser. Er dichtet um, deutet neu, findet seine Position zwischen verschachteltem Märchenerzählen des Ostens und dem inszenierenden Erzählen des Westens. In seiner Erzählweise fließen nach eigenem Bekunden immer Wissen und Erfahrungen aus dem Theater mit ein.

Durch seine Überarbeitung der mythologischen Erzählungen mit eigenen Erlebnissen, erfolgt eine Modernisierung, die so den Bogen spannt zu aktuellen Themen, die in der Form nicht unbedingt so frei erzählt werden könnten. In jeder der fünf Erzählungen geht es um die Beziehungen zwischen zwei Menschen. Sie verletzten Tabus, stehen außerhalb der gesellschaftlichen Normen und sie erfahren, dass ein Überschreiten der gesetzten Regeln niemals ungestraft geschieht. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Situation, das Brechen mit Traditionen, der Versuch, den eigenen Weg zu finden – alles zeigt die starke persönliche Einfärbung der Erzählungen mit eigenem Erlebten. Und es scheint kein Zufall, dass sich die Gewalt der dargestellten Traditionen wie ein roter Faden durch die Geschichten zieht, eine Kritik an der Männergesellschaft und der von ihr aufgestellten Regeln.

Dies geschieht besonders stark gleich in der ersten Erzählung über Ökkeş und Cengâver, zwei 15-jährigen Freunden, die aus ihren Jugendträumen gerissen werden und nun als Gegner einen archaischen Initiationsritus austragen müssen, durch den sie zu Männern werden sollen.

Ganz bewusst lässt Mungan das Ende der Geschichte offen und als Leser, der ich diese Geschichte, weil ich zunächst nicht warm wurde damit, erst zum Schluss gelesen habe, war ich dann sehr davon angetan.
Es geht in allen Erzählungen um die Liebe und um die verschiedensten Formen der Liebe.
Nachdem es bei Ökkeş und Cengâver um eine besondere Jugendliebe geht, wechselt Mungan dann gleich in der nächsten Geschichte zu einer ganz besonderen Art der Liebe.

In Dumrul und Azrail, ist es der islamische Todesengel Azrail gar selbst, der aus einer völlig unerwarteten Menschenliebe heraus dem Dumrul den Tod erlässt.

Während Dumrul, der Held und Brückenbauer, ganz konzentriert auf der Suche nach einem Menschen ist, der sich für ihn aus Liebe dem Tod opfert, spürt der Engel Azrail bereits sein neues Bewusstsein, eine neue Rolle und das Ende seiner Unsterblichkeit.

In Binali und Temir treten die Abgründe von Gefühlen zu Tage, wenn Menschen ganz ohne Liebe aufwachsen, wenn sie nur gelernt haben zu kämpfen, um zu überleben. Es existiert keine Menschlichkeit, keine Dankbarkeit, kein Mitleid. In der rauen Welt der Berge rettet der Hirtenjunge Temir, der völlig auf sich gestellt lebt, den Banditen Binali. Dieser kennt in seinem Leben nur den Kampf mit der Waffe und das Siegen. Vom Alter her könnten sie Vater und Sohn sein, aber in der harten rauen Umgebung der Berge gibt es keinen Raum für Empfindungen und auch kein Miteinander. Es gibt nur die jeweils eigene Überlebensstrategie von Binali und Temir und nur einer kann den Kampf gewinnen.

Der Großwesir und sein Bote wurde 1989 erstmals veröffentlicht und basiert auf einer wahren Begebenheit. Mehmed II. starb am 3. Mai 1481 auf der sog. „Sultanswiese“ bei Üsküdar (heute auf der asiatischen Seite von Istanbul), als er sein Heer für einen Feldzug sammelte. Nach dem Tod kam es zum Thronstreit zwischen den Söhnen Beyazıt II. und Cem Sultan, in dessen Verlauf letzterer vergiftet wurde. Damit wurde die Praxis, die Mehmed nach seiner Thronbesteigung schriftlich legitimiert hatte, zu einer Tradition des osmanischen Herrschergeschlechts: Der Erbe, der die Macht an sich reißen konnte, hatte das Recht, alle anderen männlichen Verwandten umbringen zu lassen, um die Integrität des Reiches zu wahren.
Muradhan und Selvihan: Selvihan ist die einzige Tochter des Beys aus dem Kristallpalast. Sie entdeckt die eigene Liebe, als sie Muradhan, den Semah-Tänzer eines Nomadenstammes, er­blickt. Muradhan und Selvihan sind unsterblich ineinander verliebt, aber im Diesseits dürfen sie nicht zueinander finden. Es ist die einzige Geschichte, die aus der Sicht eines jungen Mädchens erzählt wird, das in seinem Empfinden auf der Schwelle zur Frau steht.

Mungan stellt in den vorliegenden fünf Erzählungen Extremsituationen dar. Die Akteure prallen aufeinander und die Beziehungen werden psychologisch sehr fein beschrieben. Er verknüpft die Themen Identitätssuche, Sexualität und Ich-Werdung anspielungsreich und bedient sich einer bildhaften, sehr poetischen Sprache. Es sind keine fröhlichen, sondern traurige Geschichten, die von Liebe und Freiheit handeln. Eines seiner Schriftstellergeheimnisse hat er in einem Interview mit Hasan Öztoprak im Jahr 1999 preisgegeben: „Ich bin ein schauspielernder Autor, ich verkörpere die Charaktere, über die ich schreibe. Wenn man in meinem Haus eine versteckte Kamera installierte und Sie mich beobachteten, wenn ich eine Geschichte schreibe, würden Sie mich wirklich für einen Geisteskranken halten.“
Zu Mungans Berühmtheit trägt sicher auch die Tatsache bei, dass er sich auch für andere Minderheiten in seinem Lande einsetzt, zum Beispiel für Homosexuelle. Er selbst bezeichnet sich als schwul, da damit nicht nur die Form der Sexualität, sondern die Lebensart beschrieben wird. Im Jahre 2002 gehörte Mungan auch zu den Unterzeichnern einer Deklaration, mit der die Intellektuellen des Landes die Wähler aufriefen, die linke kurdische Partei DEHAP zu wählen.

Murathan Mungan,
geboren am 21. April 1955 in Istanbul, türkischer Autor, Bühnenschriftsteller und Poet kurdischer Herkunft.