Alle Filme aus den Bergen sind nun Waisen

Der Guerilla und Filmemacher Halil Uysal ist tot

Halil Uysal, bei der Guerilla Halil Dağ genannt, wurde 1973 in Deutschland geboren. Während eines als kurzer Besuch geplanten Aufenthalts für Dreharbeiten in der Parteischule der PKK im Jahr 1995 beeindruckte ihn der kurdische Befreiungskampf so sehr, dass er beschloss, dort zu bleiben und sich der Guerilla anzuschließen. In der ersten Zeit arbeitete er als Fotograf in den Bergen und begann kurze Zeit später, erste Kurzfilme zu drehen. 2006 drehte er den 150-Minuten-Film „Bêrîtan“, der in der kurdischen Bevölkerung mit Begeisterung aufgenommen wurde. Dieser Film wurde auch in mehreren europäischen Städten im Rahmen von Filmfestivals gezeigt.
Er war auch aktives Mitglied der Freien Kurdischen Presse und schrieb viel über das Leben der Guerilla. Seine ersten Memoiren wurden 1998 in einem Buch unter dem Namen „Halilin Gözü“ (Halils Auge) zusammengefasst.
Für sein neues Projekt – Diejenigen, die zum Berg Ararat laufen – hielt er sich seit dem letzten Jahr in Nordkurdistan (türkischer Teil Kurdistans) auf. Auf seiner Reise nach Nordkurdistan geriet er in ein Gefecht mit der türkischen Armee und wurde am rechten Arm verletzt. Seine Genossen gaben ihm Feuerschutz, damit er überleben konnte. Aber einige Zeit später, bei der Militäroperation vom 28. März bis 1. April in Besta, verlor er mit weiteren drei GuerillakämpferInnen – Irfan Akis, (Masiro Gortun), Evin Bingül (Ararat Adar) und Beyan Alim (Doza Welat) – sein Leben.
Sein Tod bestürzt nicht nur diejenigen, die ihn persönlich kannten, sondern alle, die seine Filme gesehen oder seine Artikel gelesen hatten. Halil verstand es, in seinen Texten eine Nähe zwischen sich und seinen Lesern herzustellen.
In Erinnerung an ihn, veröffentlichen wir den ersten Text seiner Botan-Reise-Serie.

Halil Dağ: „Ich werde dich retten …“
1. Dezember 2007
Botan Serie 1
Ich habe öfter nach ihm gerufen: Cudi steh auf … steh auf, lass uns von hier gehen. Sieh, das ist die letzte (militärische) Stellung. Sieh, das ist der letzte Kessel … Die Freunde sind gleich da drüben … steh auf, ich flehe dich an, steh auf …
Ich habe meinen Rucksack, in dem ich meine Kamera trug – die ich wie meine eignen Augäpfel hüte –, schnell unter Schmerzen von meiner Schulter genommen. Es war dieselbe Kugel, die meinen Arm und meine Tasche durchbohrt hat.
Ich habe lediglich einen kurzen Blick auf meine Tasche und auf meine treue Freundin – meine Kamera – werfen können. Ich war ihr die Treue schuldig. Dank ihr habe ich die kurdische Freiheitsbewegung kennengelernt. Meine Reise aus Europa in den Mittleren Osten hatte mit ihr begonnen. Wir hatten gemeinsam den ersten Schritt in die Berge getan und gemeinsam die Guerilla kennengelernt. Jede Arbeit, die ich mit ihr begann, habe ich mit Erfolg abgeschlossen. Nichts blieb halb liegen. Sie war die Freundin, die mich zu dem machte, der ich heute bin. Aber der Moment der Trennung war gekommen.
Als die Handgranate neben uns fiel, konnte ich nur die Kassetten um meinen Hals schlingen und mich zur Seite werfen. Unter der Explosion und dem Kugelhagel habe ich noch einmal zu meiner Kamera gesehen.
Als Cudi auf die gegenüberliegende Stellung verwies und rief, dass wir sie angreifen sollten, gingen meine Gedanken zu den Andenken an meinem Hals und Arm durch meinen Kopf. Als ich mich auf den Weg machte, bekam ich sie von den Freunden, damit sie Glück bringen: die Mädchenuhr an meinem Arm, das Lederband – ohne mich genau daran zu erinnern, woher es eigentlich war –, ein Stück Şütük (ein langes Tuch, das sich die Guerilla um die Taille bindet), das ich aus Bêrîtans Grab genommen hatte, die Muska (ein Amulett mit aufgeschriebenem Sinnspruch) um meinen Hals, wofür ich mein Wort gab, sie fünfhundert Jahre zu tragen, und all die Gesichter meiner Freunde, die mir diese Gegenstände geschenkt haben, erschienen mir vor den Augen.
Würden all diese Andenken mich wirklich schützen oder sind sie nur eine Geschichte?
Das ging durch meinen Kopf, als ich die Muska zwischen meine Zähne nahm und mich gemeinsam mit Cudi auf die gegenüberliegende Stellung zu bewegte. Während ich darauf wartete, dass eine der zu Hunderten abgeschossenen Kugeln meinen Körper durchbohrt, bemerkte ich, dass ich über Soldatengräber laufe. Alles passierte innerhalb eines Augenblickes und die gegenüberliegende Stellung war gefallen.
Meine Augen suchten Cudi. Unter dem Getöse der Waffen schrie ich mit voller Kraft: „Cudiiiiiiii!“ Doch es kam keine Antwort. Während ich mein Magazin nachlud, um die Schüsse aus der Seitenstellung zu erwidern, schrie ich weiter. Aber ich konnte Cudis Stimme nicht vernehmen.
Dann erblickte ich Cudi. Er lehnte an einem Felsen, seine Brust ausgestreckt, stand er in all seiner Gelassenheit. Er schoss nicht mehr. Die gegnerischen Kugeln kamen nacheinander und bohrten sich in seine blutüberströmte Brust. In seinem schönen Gesicht war kein Ausdruck des Schmerzes. Ich habe mehrmals nach ihm gerufen: “Steh auf Cudi … Steh auf, lass uns von hier gehen. Sieh, das ist die letzte Stellung … Sieh, das ist der letzte Kessel … Steh auf … Ich flehe dich an, steh auf … Lass mich nicht allein in diesem Kessel … Steh auf, Cudi, steh auf …“
Ich weiß nicht mehr, wie oft ich seinen Namen gerufen habe. Ich weiß auch nicht, wie lange ich in dem Kugelhagel verharrte. Die Zeit verflog wie ein ganzes Leben – und Cudi verließ seinen Platz nicht mehr. Mit seinen einzigartigen nassen Augen sah er mich zum letzen Mal an, nur ich konnte seine folgenden Worte unter dem Lärm der Waffen hören: „Ich sagte dir doch, unter meinem Feuerschutz wirst du herauskommen ...“
Als in dieser Nacht die Helikopter Soldaten auf dem Berg Pervari absetzten, um nach Überlebenden zu suchen, marschierte ich einsam, mein verletzter rechter Arm und mein verletztes Herz schmerzten von dem Aufschlagen des kalt wehenden Windes. In dieser Finsternis hafteten die Worte von Cudi zwischen meinen zitternden Lippen und die Tränen flossen aus meinen Augen, die keiner sehen konnte.
Dieser junge Guerilla hatte sein Wort gehalten, und ich ...