| Kurdische Landarbeiterinnen in der Çukurova Ignoranz lässt diese Tragödien nicht verschwinden İlhami Vural im Gespräch mit Meltem Özer Şahiner Täglich
ist von den Kurden die Rede – in den Parteien, im Generalstab, dem Parlament,
der EU, zivilgesellschaftlichen Organisationen ... – es wird von Krieg,
bewaffneten Auseinandersetzungen, möglichen Lösungen gesprochen. Auch
die Zeitungen füllen ihre Seiten mit diesem Thema, ob zu Newroz, während
Wahlen, Militäroperationen, Straßenaktionen. Tausende Menschen haben Ihre Fotoausstellung zu kurdischen Flüchtlingsfrauen in Çukurova besichtigt. Was war ihr Ziel bei diesem Projekt? Was wollen sie zum Ausdruck bringen? Die Geschichten der Menschen, insbesondere der kurdischen Frauen, die ich fotografiert habe, sind tragisch und müssen der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Die Gesellschaft schließt ihre Augen vor diesen Geschichten, aber Ignoranz lässt diese Tragödien nicht verschwinden. Das Leiden dauert weiter an. Das wollte ich über den Weg einer Fotoreportage erzählen. Wie haben Sie mit der Fotografie begonnen? Besteht ein Zusammenhang zwischen dieser künstlerischen Betätigung und diesen Menschen? Ich habe vor vier Jahren damit begonnen. Als ich merkte, dass ich lieber selbst fotografiere als fotografiert zu werden, habe ich einen Lehrgang im Amateurfotografie-Verein Adana (AFAD) absolviert. Diese Feststellung war sehr interessant. Im Krankenhaus habe ich mit einem Kaiserschnitt entbunden. Als ich später die Fotos anschaute, fiel mir auf, dass es Fotos von meinem Sohn und allen anderen Leuten gab, nur von mir nicht, weil ich alle Fotos selbst gemacht hatte. Darüber habe ich nachgedacht und beschlossen, mein Interesse an der Fotografie nicht ad acta zu legen. Damals machte ich Theater. Bei AFAD lief gerade ein Projekt, in dessen Rahmen die Stadt Adana fotografiert wurde. Ich mochte es jedoch nicht, lediglich Gebäude aufzunehmen, Fotos ohne Menschen waren nicht nach meinem Geschmack. So nahm ich die Menschen in den Gegenden auf, die wir besichtigten. Später sagte eine amerikanische Freundin zu mir: „In der Çukurova zu leben und die Landwirtschaft nicht zu kennen, ist wie in einer Stadt am Rande des Ozeans zu leben und nicht schwimmen zu können.“ So machte ich meine ersten Aufnahmen in landwirtschaftlichen Gebieten, und natürlicherweise traf ich zuerst auf die LandarbeiterInnen. Wen haben Sie bei dieser Arbeit insbesondere aufgenommen? Es waren Menschen, die aufgrund von Vertreibung und Flucht in Adana lebten, LandarbeiterInnen, die hier versuchten, ansässig zu werden. Als sie vor 13 Jahren gezwungenerweise in die Çukurova kamen, bin ich zunächst wegen eines Theaterprojekts zu ihnen gegangen. Dort, wo sie ihre Zelte aufgebaut hatten, machten wir Theater, wir spielten in den Zelten. Woher kam Ihr Interesse an diesen Menschen? Die Lebensgeschichten dieser Menschen müssen bekannt gemacht werden. Es sind Geschichten, die ignoriert werden, die niemand sehen will. Mit der Fotoreportage wollte ich ihre Geschichten erzählen. Was sind das für Geschichten, können Sie sie kurz erzählen? Diese Menschen sind hierher geflüchtet und leben in Zelten. Seit vielen Jahren versuchen sie so, ihr Leben zu leben. Natürlich treffen sie dabei auf viele Schwierigkeiten. Aber ein noch größeres Problem ist es, in der Çukurova Frau und Landarbeiterin zu sein. Diese Frauen haben als Frauen keinen Wert und als Landarbeiterinnen keinen Ort, an dem sie leben können. Sie müssen täglich von morgens um sechs bis abends um sieben Uhr auf den Feldern arbeiten. Sie leben in Zelten, so versuchen sie, ihr Leben weiterzuleben. In der Zeit, die mit den Dorfzerstörungen begann, haben sich auch in der Beschäftigungsstruktur in der Çukurova interessante Veränderungen ergeben. Beispielsweise erhalten die Landarbeiter aus den sesshaften Dörfern 40 YTL, aber die Flüchtlinge nur 13 YTL. Denn sie haben keine Alternative, keinen anderen Ort, an den sie gehen können. Ihre Dörfer sind entvölkert worden. Die meisten hatten dort Land, Felder. Weil ihre Dörfer zerstört wurden, mussten sie alles zurücklassen. Stehen also im Mittelpunkt Ihrer Ausstellung diese Frauen? Ja. Es eine Ausstellung, die mehr von diesen Frauen erzählt. Denn das Leben der Frauen ist noch schwerer. In Knochenarbeit hauchen sie dem Boden Leben ein. Sie sind es, die den Boden bearbeiten, sie arbeiten sowohl auf dem Feld als auch in den Zelten, eigentlich 24 Stunden am Tag. Seit wann läuft Ihr Projekt? Seit drei Jahren. Ich habe die LandarbeiterInnen an verschiedenen Plätzen in der Çukurova aufgenommen, aber besonders die Frauen. Drei Jahre sind eine lange Zeit. Ganz offensichtlich haben Sie die Menschen in dieser Zeit sehr gut kennengelernt. Gab es besondere Vorfälle, die Sie besonders beeindruckt haben? Natürlich, sogar sehr viele. Eigentlich ist dieses Leben an sich schon sehr beeindruckend. Zum Beispiel weiß keine schwangere Frau hier, in welchem Monat sie ist. Wenn die Wehen einsetzen, lassen sie die Arbeit liegen, gebären im Zelt und gehen am nächsten Tag wieder an die Arbeit. Wenn sie nicht aufs Feld gehen, arbeiten sie in den Zelten. Als ich erstmalig Familien kennenlernte, die aufgrund von Vertreibung hierher gekommen waren, war unter ihnen ein Mädchen namens Zahide. Ich war für meine erste Theaterarbeit dorthin gegangen. Als ich 13 Jahre später wiederkam, erkannte Zahide mich. Ich fragte sie, woher sie mich kenne, und sie antwortete, ich hätte Theater für sie gespielt. Es waren 13 Jahre vergangen, aber an dieses einstündige Theaterstück erinnerte sie sich immer noch. Denn Theater war eine Sache, die ihnen nur einmal oder gar nicht im Leben begegnete. Als wir uns unterhielten, fragte ich sie, wie ihr Leben hier verlaufe. Sie antwortete: „Wie soll es schon sein? Hier zu leben bedeutet, ungebildet und unwissend zu bleiben.“ Haben Sie während der vergangenen drei Jahre immer fotografiert? Wie oft sind Sie in die Zeltregion gefahren? Fast jedes Wochenende. Samstagmittag fuhr ich los, manchmal blieb ich über Nacht dort, manchmal fuhr ich nach Hause und kam am nächsten Tag wieder. Wenn sie Sonntagmorgen zur Arbeit gingen, fing ich an zu fotografieren. Ich habe auch gemeinsam mit ihnen auf den Feldern gearbeitet, Baumwolle, Paprika, Tomaten geerntet. Insgesamt habe ich Tausende Fotos gemacht, wohl so zwischen 3- und 4 000. Jeden Augenblick ihres Lebens habe ich dokumentiert. Die kleinen Mädchen haben zum Beispiel überhaupt keine Spielsachen, aber eine Reihe kleiner Geschwister, um die sie sich kümmern müssen. Sie wachsen heran im Spiel mit ihren Geschwistern. Und bevor ihnen ihr Frausein überhaupt bewusst geworden ist, sind sie schon Mutter. Ihre Arbeit hört nie auf. Das Leben macht ihnen sehr zu schaffen. Manchmal habe ich sie beim ersten Kennenlernen mit „Tante“ angesprochen und musste dann feststellen, dass sie erst 30 oder 35 Jahre alt waren. Sie altern sehr schnell hier. Was für Veränderungen im Leben dieser ArbeiterInnen haben Sie als Beobachterin innerhalb der vergangenen 13 Jahre feststellen können? Früher haben sie ihre Neugeborenen nicht registrieren lassen, weil sie kein Interesse daran hatten, an Wahlen teilzunehmen. Jetzt werden fast alle registriert, dass kann man als einen Fortschritt bezeichnen. Aber wie ihr Leben weitergehen soll, was passieren wird, darüber habe ich keine Ahnung, und ich denke, sie selbst wissen es auch nicht. Vielleicht werden sie eines Nachts so still und heimlich wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. In einer solchen Nacht mag es sein, dass ich sie verliere. Eine Zeitlang wurde auch versucht, sie von dort zu vertreiben. Es gab große Anstrengungen, damit sie nicht aus ihren Zelten vertrieben werden. Ich habe mit ihnen da gesessen und geweint, als ob es sich um meine eigene Wohnung handele. Wenn ich eines Morgens komme und niemand ist mehr da, würde eine große Leere in meinem Leben entstehen. Werden Sie diese Menschen weiter fotografieren? Ich weiß es nicht. Natürlich fahre ich weiter zu ihnen, den Kontakt werde ich auf keinen Fall abbrechen. Und dabei fotografiere ich auch weiter. Planen Sie weitere Ausstellungen? In Kürze werden zwei weitere Ausstellungen stattfinden, mit anderen Themen. Eine mache ich gemeinsam mit Caner Özyurt, der Titel wird vermutlich das Zitat von Zahide: „Hier zu leben, bedeutet, ungebildet und unwissend zu bleiben.“ Ein anderes Projekt hat den Titel „Spiele überall“ und zeigt alle Plätze, an denen Kinder spielen, Müllhalden, Felder, Straßen. |