Die Freiheit der Gesellschaft führt über die Freiheit der Frau

Politischer Islam und freiwillige Sklaverei

Rojda Deniz

Die Frage des Turbans [streng religiös gebundenes Kopftuch, die Red.] führt seit einiger Zeit zu vielen Diskussionen und erzeugt weiterhin Gegensätze, Gemeinsamkeiten und Anhängerschaften. Es handelt sich um eine komplexe Frage, die überaus wichtige Themen wie Religion, Laizismus, Freiheit und Versklavung der Frau, persönliche Rechte und Freiheiten, Staat, Herrschaft und Macht umfasst. Wichtigster Aspekt ist selbstverständlich der Gegensatz der Geschlechter. Ist der Turban tatsächlich ein Bestandteil der Freiheit der Frau? Ist die Verteidigung oder die Unterstützung des Turbans eine Voraussetzung für Frauenrechte? Oder bedeutet die ablehnende Haltung gegenüber dem Turban eine Ablehnung der Religions- und Gewissensfreiheit und der persönlichen Freiheiten, um Bevölkerungsgruppen zu bevorzugen?

Mit dieser „Entweder-Oder“-Diskussion bezüglich des Dilemmas zwischen Religion und Kemalismus wird versucht, uns in seichte Gewässer zu führen. In einer Atmosphäre, in der eine gefährliche Diskussion geführt wird, die Gedanken verschwimmen und die Aussagen von Personen erlischen, ist es am wichtigsten, dass wir als Frauen unsere Stimme erheben. Es stellt sich die Frage, warum wir Frauen nicht zu dem Thema diskutieren, bei dem sich alle Männer einig sind, egal ob Rechte, Linke, Islamisten, Konservative oder Liberale. Über diese Frage haben immer die herrschenden Männer diskutiert und diskutieren lassen. Außer einigen schwachen Stimmen konnten die Frauen das Problem im Rahmen der Geschlechtergegensätze nicht in die öffentliche Diskussion bringen und auch die sich dieser Problematik scheinbar bewussten Frauenorganisationen konnten in diesem Punkt nicht geschlossen reagieren. Die Spaltung der Frauen in der diesbezüglichen Diskussion ist ein Resultat der Undurchsichtigkeit der Gegensätze, die uns wie zwei spitze Schneiden eines Messers gegenüberstehen. In der Türkei wird der ideologische Kampf um die Herrschaft über die Frauen- und Turbanfrage geführt. Dabei hat sich der politische Islam in dem Maße gefestigt, in dem Freiheiten eingeschränkt wurden. Es sollte nicht vergessen werden, dass die AKP, auch wenn sie sich hinter Begriffen wie Freiheit und Demokratie versteckt und in der Gesellschaft für Unklarheiten sorgt, sich als letzte zum Thema Frauenfreiheit äußern sollte.
Da der Turban ein Unterdrückungsinstrument des herrschenden Mannes ist, ist er auch heute, wie in der Zeit seiner Erfindung, typischer Vertreter der Betrachtung der Frau als Besitz des Mannes, der Beugung ihres Willens und der Einengung. Die Verteidigung der sich an diese Mentalität anlehnenden Turbanfrage als Freiheitsrecht der Frau muss als große Fehldarstellung gesehen werden.

Wenn die Tradition des Tragens eines Turbans oder Kopftuchs ein sich parallel mit der Versklavung der Frau entwi­ckelndes Faktum ist, ist es dann nicht ein Paradox, dies im Namen der Freiheit der Frau zu verteidigen? Das falsche Verständnis von Freiheit hat uns Frauen in eine gefährliche Richtung gelenkt.
Frauen mit Kopftuch sind in der Geschichte als gefügige Beispiele der herrschenden männlichen Ideologie und des Systems unterdrückt worden. In dem Maße, in dem die Frau versklavt wurde, hat sich die gesellschaftliche Geschlechtertrennung noch stärker entwickelt und ist zu einer anerkannten Identität geworden. In dem Sinne, dass „sie nur von dem gesehen werden darf, dem sie gehört“, wurden Frauen, deren Haare, Gesicht und Körper bedeckt waren, gegen die anderen Teile der Gesellschaft abgegrenzt und in Grenzen eingesperrt, die zunächst nur der Vater und der Bruder und nach der Hochzeit der Ehemann sehen kann. Diese Gesinnung hat die Frau zu einem Objekt und Besitztum gemacht. Dies geschah im Namen der Ehre und des Schutzes. Die Frau, die zur Ehre des Mannes und der Familie gemacht wurde, ist zu einem wesentlichen Bestandteil im Schutz der herrschenden männlichen Werte geworden.
Die Herrschaft über den Frauenkörper, die zur Stärkung des Systems bis heute fortgeführt wird, hat sich trotz äußerlicher Veränderungen im Kern nicht geändert und sogar verstärkt. Doch die heutige Form ist noch gefährlicher und wirksamer. In der Vergangenheit wurde der Turban bzw. das Kopftuch als Notwendigkeit zur Erfüllung der religiösen Sitten verteidigt. Heute jedoch wird über die Frage im Zusammenhang mit der Freiheit der Frauen, Demokratie, Persönlichkeitsrechten und Freiheiten diskutiert, was zu einer Vertiefung des Problems führt und das Thema noch sensibler macht als nur im Hinblick auf Religion und Gewissen. Es lastet wie ein Albdruck auf der Möglichkeit einer freien Diskussion. Das Schlimme ist, dass der politische Islam seinen Einfluss über die Frauen festigt, je mehr er seine Macht stabilisiert. Der politische Islam, der auf dem Körper und den Gedanken der Frau basiert, weiß, dass er die gesamte Gesellschaft gewinnen kann, wenn er die Frau ideologisch überzeugt. Ob bewusst oder unbewusst, die Frauen können sich nicht davon lösen, dem politischen Islam zuzuarbeiten. Der im Namen der Religions- und Gewissensfreiheit erlebte Freiheitsirrtum macht die Frau zu einer Kämpferin des politischen Islam. Dass die traditionelle Rolle vertiefend im Namen der Freiheit präsentiert wird und die Frau daran glaubt, stellt sich uns als freiwillige Sklaverei gegenüber.

Indem wir all dies zur Sprache bringen, möchten wir nicht die Frauen erniedrigen, die ihre Wahl in dieser Richtung getroffen haben. Ziel ist es auch nicht, als Frau diese Frauen auf die andere Seite zu schieben. Was ich jedoch hier zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass die überaus ehrlichen Gefühle der Frauen in der Auseinandersetzung zwischen Laizismus und Islam über den Körper der Frau ausgenutzt werden. Hat die Freiheit der Frau tatsächlich einen Platz in einer die vorherrschende männliche Ideologie verteidigenden Realität? Man muss sich im Klaren darüber sein, dass der regierende politische Islam oder jegliche zur Regierungskraft werdende Ideologie die Frauen nur so weit verteidigt, wie er sie in seine Dienste genommen hat. Als eigentliches Ziel steht uns die Kontrolle über den Frauenkörper gegenüber, egal ob im Namen von Laizismus, Republik, Religion, Tradition, Ehre oder Freiheit.

Die demokratische Lücke, die durch den fehlenden Zusammenschluss der für die Freiheit der Frauen kämpfenden Frauenorganisationen zu einer einzigen organisierten Kraft entsteht, wird durch Floskeln wie „die Demokratie der AKP” und „die Turban-Freiheit” gefüllt. In einer Atmosphäre, in der der Turban als Privatrecht präsentiert wird, können wir problemlos sehen, dass der politische Islam sich mittels religiöser Orden institutionell organisiert, indem er die in der Gesellschaft vorhandene Armut und Religiosität ausnutzt.

All dies wird durchgeführt, indem die Gesellschaft ihrer Freiheiten beraubt wird. Das Bewusstsein der Gesellschaft wird im Namen der Religion in gefährlicher Weise undurchsichtig gemacht. Ergebnis dessen ist die erneute Vergesellschaftung der Sklaverei. Diese Situation wird beschleunigt durch die erneute Produktion der traditionellen Geschlechterrollen sowohl kulturell als auch gesellschaftlich.
Daher können wir die Proteste der Volksmassen, die im Hinblick auf die Vergesellschaftung des politischen Islam gelenkt werden, nicht als eine sich an die eigene Kraft anlehnende demokratische Opposition bewerten.

Wir wissen, welche gefährliche Rolle konservative und faschistische Organisationsstrukturen beim Ausbruch der beiden Weltkriege spielten. Die Entstehung von Organisationen wie Hamas und Hisbollah aus bestehenden islamischen Organisationsstrukturen sind aktuelle Beispiele. Der politische Islam ist nicht nur zur Regierungsmacht geworden, sondern etabliert sich auch als ein System. Inmitten dessen begegnen wir Aussagen, die die Frauen mitten ins Herz und ihren Verstand treffen: „Die Freiheit der Frau, den Turban zu tragen.” Hierzulande erreichen die Frauen mit ihrem Kampf „die Freiheit, einen Turban zu tragen”. Die AKP und die von ihr vertretene Gesinnung benutzen den Turban als symbolischen Ausdruck ihres über den Frauenkörper geführten Kampfes.

Die Körper der Frauen werden zu einem Feld gemacht, auf dem sich der politische Islam konkretisiert.
Das Vorantreiben des Islam im scheinbar individuellen Bereich befördert seinen Einfluss im allgemein politischen. Es geht nicht um Religion, sondern darum, sich ideologisch mit der Zugehörigkeit zum politischen Islam auszudrücken. Der politische Islam versucht mit dem Turban, den er zu seinem Symbol gemacht hat, die Frauen zu vereinheitlichen und Unterschiede zu vernichten.

Der Turban ist das Mittel der Tyrannei der Männerherrschaft über den Körper der Frau. Es wandelt die Frau in ein Geschlechtsobjekt um und wird zum typischen Symbol der Geschlechtertrennung.

Der Laizismus hat zum Ziel, die Religions- und Gewissensfreiheit zu schützen, aber auch die Persönlichkeitsrechte vor autoritären und totalitären Strukturen zu schützen. In der Türkei jedoch erlangten Bekleidungsvorschriften mittels der AKP-Regierung einen Platz in der Verfassung und wurden somit zu einem offiziellen religiösen Befehl. Solange die Religions- und Gewissensfreiheit nicht politisiert und nur im Rahmen des Laizismus geschützt wird, wird sie weiterhin lediglich ein soziales Faktum bleiben. Ist es nicht lächerlich, dass die AKP, die gestern noch bei den Aktionen zum Internationalen Frauentag und den Newroz-Feierlichkeiten Frauen angreifen sowie Kindern Arme hat brechen lassen, die Massaker, Verleugnung und Vernichtung gegenüber den Kurden als zulässig sieht, für Frauen Freiheit verlangt?

Daher müssen wir Frauen unabhängig von all dem die Freiheit der Frau bewerten. Es ist auch in unserer Hand, alle zentral gesteuerten Ideologien zu hinterfragen und nicht zu deren politischer Basis zu werden. Denn keine zentral gesteuerte Ideologie umfasst unumstritten die Freiheit der Frau und damit auch nicht die der Gesellschaft. Die wichtigs­te Herausforderung für uns ist es, zusammenzukommen, uns gegen herrschende männliche Ideologien zu organisieren und dies mit dem Bewusstsein zu verwirklichen, dass die Freiheit der Gesellschaft über die Freiheit der Frau führt. Wie Frauen weltweit auch sagen wir: „Unser Körper gehört uns.“