Der Bluff Europas und das

illusorische Nabucco-Projekt(1) der Türkei

Konstantin Siminov, befragt vonRahmi Yağmur, ANF, Moskau (7.4.2008)

Die Welt steht inmitten eines wichtigen Kampfes um Erdöl und Erdgas. Russland als einer der wichtigsten Erdgasreservisten schreitet auf dem Weg voran, eine Energie-Supermacht zu werden. Neben seinen Energieabkommen mit Mittelasien vor einigen Jahren hat es in der letzten Zeit neue Verträge mit osteuropäischen Ländern unterzeichnet und somit seine Macht bei den Überleitungswegen verfestigt.
Der Vorsitzende des Russischen Nationalen Energiesicherheitsforums Konstantin Siminov sieht den Misserfolg für die Energiesicherheitsstrategie Europas und der Türkei in unrealistischen Planungen.
Das Interview gibt einen Einblick in die internationalen Kämpfe und Widersprüche im Energiebereich.
Es wurde geführt von Rahmi Yağmu, ANF.


Wie wird sich das Abkommen zwischen ENI(2) und Gazprom(3) sowie das Pipelineprojekt Süd zwischen Russland und Bulgarien auf die Energiebeziehungen zwischen Russland und Europa auswirken?

Die Erdgasabkommen zwischen Gazprom und ENI sowie das Abkommen zwischen Russland und Bulgarien über den Transport von Erdgas über das Schwarze Meer stellen eine neue Entwicklung auf dem Energiesektor dar. Aus diesem Grunde hat Staatspräsident Wladimir Putin selbst diesen Vertrag unterzeichnet. Diesem Vertrag zufolge steht Bulgarien 50 % des Gewinns zu. Das Unbehagen einiger Kreise in Europa finde ich äußerst merkwürdig, denn das Erdgas, das im Rahmen dieses Abkommens transportiert werden wird, wird den Bedarf Europas decken. Es trifft zu, dass dieses Abkommen die Position Russlands in der Beziehung zum Westen gestärkt hat. Aber Europa hat sowieso keine anderen Energiealternativen.

Es heißt, dass sich die Abhängigkeit Russlands von den Transitländern mit dieser Pipeline verringern wird?

Es ist bedeutsam, dass Russland zum ersten Mal ohne Abhängigkeit von einem anderen Land Erdgas an das europäische Land Bulgarien liefern wird. Russland hat mit diesem Projekt das Risiko von Problemen mit der Ukraine und der Türkei minimiert. Russland transportiert 115–120 Milliarden Kubikmeter Erdgas über die Ukraine. Aber mit der neuen Pipeline ist zu erwarten, dass sich diese Menge reduziert.

Russland hat zuerst mit dem Burgaz-Aleksandrovic-Projekt und später mit dem Mavi-Akim-Projekt (Blauer Strom) die Türkei vernachlässigt. Warum hat Russland in letzter Zeit den Transit von Erdgas über die Türkei aufgegeben?

Es ist nicht richtig, dass Russland die Türkei kaltgestellt hat. Die Türkei hat sich selbst mit ihrer unverständlichen Haltung ins Abseits gestellt. Dabei bewertet Russland die Türkei als das Südtor Europas und plante, das Erdgas, welches über das zweite Mavi Akim nach Europa überführt werden sollte, durch die Türkei zu leiten. Die Türkei war gegenüber diesem Plan nicht sehr aufgeschlossen. Aus diesem Grund hat Russland das Abkommen mit Bulgarien geschlossen. Die Türkei hat wichtige Veränderungen in ihrer Energiepolitik vorgenommen. Diese Politik hat sich auch auf das Eröl ausgewirkt und führte zu gewissen Problemen bei der Durchfuhr durch die Meeresengen.

Der Grund hierfür liegt in den Beziehungen der Türkei zu Europa. Europa hat Druck auf die Türkei ausgeübt, damit diese Energie-Sonderabkommen mit Russland meidet. Daraufhin hat sich die Türkei Mittelasien zugewandt. Brüssel verhandelt im Beitrittsprozess mit der Türkei über Energie und hält sie auf diese Weise unter Kontrolle.

Sind die Pläne für Nabucco und Mittelasien daraus entstanden?

Selbstverständlich. Auch Nabucco ist als Alternative zur Pipeline Süd entstanden. Diesem Projekt nach soll das Erdgas aus Mittelasien von Hazar am Kaspischen Meer über Georgien und Aserbeidschan in die Türkei und nach Europa weitergeleitet werden. Der Westen hat der Türkei dieses Projekt nahegelegt. Daraufhin hat die Türkei der Energiekooperation mit Russland den Rücken zugekehrt, obwohl für dieses Projekt bislang weder Untersuchungen bezüglich der Durchführbarkeit noch der Geologie vorgenommen wurden. Noch wichtiger ist, dass bislang niemand genaue Informationen über die Erdgasreserven Mittelasiens besitzt. Es steht nicht einmal fest, ob ausreichend Erdgas vorhanden ist, das dann über die Türkei nach Europa transportiert werden soll. In den letzten 15 Jahren konnten über die Energiereserven in Turkmenistan keinerlei konkrete Angaben gemacht werden. Auch die Untersuchungen sind an diesem Punkt nicht klar. Nabucco ist eine Einheit von Projekten, deren Realisierung äußerst schwierig ist. Selbst wenn es in seiner Gesamtheit realisiert werden sollte, ist es ausgeschlossen, dass die Reserven den Bedarf Europas decken. Wenn die Türkei trotz dieser Realität darauf beharrt, Verträge mit Usbekistan, Turkmenistan und Kasachstan zu entwickeln, wird Russland diese Art von alternativen Energiepipelines schließen.

Obwohl Europa wusste, dass Nabucco nicht realistisch ist, hat es dieses Projekt der Türkei als alternative Energiequelle aufgezwungen. Europa blufft in dieser Hinsicht gegenüber Russland. Die Türkei fällt somit für Russland als Transitland weg. Wahrscheinlich ist unser neuer Partner Bulgarien.

Diese politische Situation ist auch für die Pipelines gültig, denn das Pipelineprojekt Burgaz-Aleksandrovic wird umgesetzt. Die Türkei kann den Durchgang russischer Erdöltanks in den Meer­engen verhindern. Russland ist auch diesbezüglich auf der Suche nach Alternativen. Zum Beispiel könnten die Wege über das Schwarze Meer gestärkt werden. Das Schwarze Meer ist inzwischen ein wichtiger Transitweg. Des Weiteren schließt Griechenland mit Russland neue Verträge. Auch mit Serbien wurden neue Verträge unterzeichnet. Zugleich verweisen diese Beziehungen auf die Fehler der Europaperspektive der Türkei hin. Die Türkei opfert den Gewinn, den sie heute einheimsen könnte, für einen Traum, dessen Zukunft ungewiss ist.

Die Türkei musste in den Wintermonaten auf Grund einiger Probleme bezüglich des Erdgases, das sie über den Iran erhält, frieren. Welche technischen und politischen Gründe waren dafür verantwortlich?

Das Erdgas, das die Türkei bezieht ist, ist turkmenisches Erdgas. Als die Kälte zunahm, hat Turkmenistan die Erdgaslieferungen an die Türkei zugunsten seiner eigenen Bürger unterbrochen. Die Türkei hat daraufhin Russland ersucht, die Menge von Mavi Akim, die aus Navarasisk über das Schwarze Meer und Samsun übertragen wird, zu erhöhen. Daraufhin hat Russland auf seinen Erdgasbedarf aus seinem Betrieb in Kübani verzichtet und die Erdgaslieferung an die Türkei erhöht. Der Mavi Akim wurde erst auf 38 Millionen Kubikmeter, dann auf 40 Millionen Kubikmeter erhöht.

Diese Unterbrechung aus Turkmenistan hat gleichzeitig gezeigt, welches ökonomische und politische Fiasko das Nabucco-Projekt der Türkei ist. Die Türkei hat Probleme, Erdgas zu finden, um ihren eigenen Energiebedarf zu decken. Aber Russland hat mit einer Geste die Türkei vor der Kälte gerettet. Mal sehen, ob die Türkei sich loyal verhalten wird.

Ich möchte erneut auf die globalen Diskussionen bezüglich der Energie zurückkommen. Eine davon bezieht sich darauf, dass Russland Gas OPEC gründen will. Wie sind die Beziehungen in dieser Frage zwischen Russland und dem Westen?

Gas OPEC ist ein großes Projekt. Es zeigt, dass Erdgas eine genau so wichtige Energiequelle ist wie das Erdöl. Gleichzeitig versucht Russland, mit diesem Projekt das Preissystem zu kontrollieren. 60 % der Erdgasreserven der Welt befinden sich in Russland und im Iran. Wenn Gas OPEC gegründet wird, wird der Einfluss Russlands zunehmen. Die Welt fürchtet zu Recht, dass sich das auf die Gaspreise auswirken wird. Es könnte sich sogar bei den Verbraucherpreisen bemerkbar machen.

Natürlich bedarf es zur Gründung von Gas OPEC einer Zusammenarbeit von wichtigen Erdgasproduzenten. Russland bemüht sich derzeit darum, diese Gruppe zu bilden. Die EU und die USA versuchen, das zu verhindern. Es findet diesbezüglich ein Kampf statt. Die Versammlung mit Russland im letzten Jahr an der Golfregion kann als ein wichtiger Erfolg gesehen werden. Russland wird noch in diesem Frühjahr, nach der Wahl des Ministerpräsidenten, ein weiteres Treffen organisieren.

Auf der anderen Seite wurde das Abkommen zwischen Russland und Algerien annulliert. Die USA und die EU haben über Frankreich Druck auf Algerien ausgeübt, damit es das Abkommen annulliert. Um seine Beziehungen zu Frankreich zu verbessern hat Algerien seine Beziehungen zu Gazprom unterbrochen. Das wiederum zeigt die Entschlossenheit des Westens, dieses Projekt zu verhindern.

Kann die Energiesuche auf dem antarktischen Kontinent zu neuen Problemen zwischen Russland und dem Westen führen?

Die Erkundungsarbeiten auf dem antarktischen Kontinent halten an. In diesem Punkt herrscht ein globaler Kampf. Schon bei den ersten Erkundungsarbeiten wurde Alarm ausgelöst. Auch der Westen ist hier tätig. Es handelt sich um Untersuchungen bezüglich der Durchführbarkeit. Selbstverständlich werden die USA, Kanada und Norwegen Anspruch auf die Energiequellen in dieser Region erheben. Russland ist nicht in der Lage, sich auf die Hinterbeine zu stellen, denn Russland hat nicht das technische Niveau, hier Energie zu produzieren, und die USA besitzen die größte Meeresstreitkraft der Welt. Die kürzliche Äußerung Medvedevs, dass wir keine Schiffe am Nordpol haben, verweist auf diese Situation. Aber dennoch ist es natürlich, dass Russland in diesem Gebiet Ansprüche hegt.

Russland ist bemüht, seine Ansprüche geltend zu machen. Es wird sich zeigen, inwieweit diese richtig oder nicht richtig sind. In der Realität ist Russland nicht in der Lage, unter diesen Umständen und in dieser Tiefe Energie zu erzeugen. Seine militärischen und zivilen Untersuchungen in diesem Gebiet halten an – als Vorbereitung, um in Zukunft seine Ansprüche umzusetzen. Die Energiequellen im antarktischen Kontinent werden in Zukunft das meistbeachtete Thema der Welt sein.

Wer ist Konstantin Siminov?
Konstantin Siminov, Vorsitzender des Russischen Nationalen Energiesicherheitsforums, ist Doktor der Russischen Wirtschaft an der Staatlichen Universität Moskau. Weltweit hält er Konferenzen über Energie ab. Er schreibt zugleich für die renommierten russischen Zeitungen Nivesimeja und Isvestia und ist Kolumnist der Zeitung Vedamost. Er hat zahlreiche Bücher zum Thema Energie veröffentlicht.

Fußnoten:
(1) Das Nabucco-Pipeline-Projekt sieht den Bau einer Erdgaspipeline von der Türkei bis in das österreichische Baumgarten an der March nahe der slowakischen Grenze vor, wo das zentrale Verteilerzentrum der OMV AG (österreichische Erdöl- und Erdgaskonzern) für Erdgas liegt. Die Pipeline soll ca. 5 Milliarden Euro kosten, die durch ein Bankenkonsortium aufgebracht werden.
(2) Eni S.p.A. ist ein italienischer Erdöl- und Energiekonzern, der in den Bereiche Erdöl, Erdgas, Stromerzeugung, Petrochemie, Ingenieurswesen und Services auf Ölfeldern tätig ist.
(3) Die OAO-Gazprom ist das weltweit größte Erdgasförderunternehmen und mit 236 Milliarden US-Dollar Marktkapital eines der größten Unternehmen Europas. Der ehemalige russische Staatskonzern, der 1998 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, ist heutzutage mit rund 400 000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber des Landes. Die Firmenzentrale befindet sich in Moskau.