| Türkei, EU, Ergenekon und das Verbotsverfahren gegen die Regierungspartei AKP Wer steht hinter dem Verbotsverfahren gegen die AKP? Baki Gül Solange die politische Dynamik in der Türkei nicht aus der Nähe betrachtet wird, ist es schwer, die aktuellen Entwicklungen nachzuvollziehen. Denn die Türkei ist im wahrsten Sinne des Wortes ein absonderliches Land. Stellen Sie sich vor, die Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) ist aus der Parlamentswahl vom 3.11.2002 als Siegerin hervorgegangen und bei der Parlamentswahl am 22. Juli 2007 bekam sie 47 % der Wählerstimmen. Somit hat sie zum zweiten Mal die Mehrheit der Sitze im Parlament und bildet die Regierung. Nach dem Wahlerfolg vom 22. Juli wurde Abdullah Gül, der in der ersten Amtsperiode Mitglied im Regierungskabinett war, zum Staatspräsidenten gewählt. Danach ereigneten sich seltsame Dinge in der Türkei. Die mit Kopftuch bedeckte Ehefrau des Staatspräsidenten, die mit den türkischen Streitkräften (TSK) nicht ausgesöhnt ist, zieht in den „Staatspräsidentenpalast” ein. Danach entwickelt sich zwischen AKP und türkischen Streitkräften ein noch nie gesehenes Bündnis. Die TSK bekommen grünes Licht von der Regierung für eine militärische Offensive im Nord-Irak. Im Anschluss wird eine Militäroperation gegen die kurdische Guerilla in dem Gebiet, welches der autonomen Regierung Süd-Kurdistans untersteht, durchgeführt. Kurz
darauf findet eine umfassende Operation in der Türkei gegen Vorsitzende
von Niederlassungen des Atatürkçü Düşünce Derneği [Verein zur Förderung
des Gedankengutes von Atatürk], die unter Namen wie Kuvayı Milliye [Nationale
Kräfte] oder Vatansever Güç Birlikleri [Patriotische Einheitskraft]
von ehemaligen Mitgliedern der Armee Konspirativ oder semikonspirativ
geführt werden, und gegen bestimmte Kontaktpersonen statt. Diese Vereine
gerieten ins Blickfeld, weil sie eine Kandidatur Abdullah Güls zum
Staatspräsidenten verhindern wollten und anti-kurdische Auseinandersetzungen
provoziert haben. Der Bombenangriff auf die kemalistische Tageszeitung Cumhuriyet; das Attentat auf den armenischen Schriftsteller Hrant Dink; die Ermordung von christlichen Missionaren in Malatya; der Mord an einem Mönch in Trabzon; das Attentat auf den Obersten Verwaltungsgerichtshof der Türkei; die unzähligen Bombenanschläge in den kurdischen Regionen, die von den sogenannten Türkischen Rachebrigaden (TIT) verübt wurden; die Bombenangriffe in Hakkari, Yüksekova und Şemdinli und viele andere gehen auf das Konto der Ergenekon. Nicht nur Morde und Bombenattentate, sondern auch die unter dem Namen „Republikskundgebungen” oder „Fahnendemonstrationen” durchgeführten Kundgebungen waren Aktivitäten von Ergenekon. Das Anlegen von Akten über Armenier, Kurden, Aleviten und in der Türkei lebende Ausländer ist ebenfalls eine Tätigkeit dieser Bande.* Die Aktivitäten der Ergenekon erreichten ihren Höhepunkt vor der Parlamentswahl vom 22. Juli und zielten auf Kurden und die AKP ab. Seit dem Attentat auf den Obersten Verwaltungsgerichtshof, der Operation gegen die Bande „Atabeyler” und den beschlagnahmten Handgranaten in Ümraniye wurde die Ergenekon-Bande ins Visier genommen und beobachtet. Nach der Parlamentswahl vom 22. Juli hat die AKP gemeinsam mit einigen Gruppen innerhalb des Militärs diese Operation gegen die Ergenekon durchgeführt. Der verhaftete Veli Küçük ist bekannt als Gründer des JITEM und Schlüsselfigur im „Susurluk”-Skandal. Neben dem General Veli Küçük ist die Anzahl der pensionierten Generäle, die in diese Bande verwickelt sind, sehr groß. Die Liste der in Ergenekon involvierten Personen besteht aus Offizieren, Polizeipräsidenten, Bürokraten, Lehrern, Journalisten, Mafia-Mitgliedern und vielen anderen. Die Tatsache, dass viele Personen, Gruppen und Organisationen aus verschiedenen Berufsbereichen und aus der höchsten Bürokratie des Staates mit unterschiedlichen politischen Ansichten in das Ergenekon-Netz verwickelt sind, zeigt, welche Dimension die illegalen Organisationen innerhalb des türkischen Staates angenommen haben. Dieser Kampf, der auch als Auseinandersetzung um die Einnahme des Staates und seine Repräsentation bezeichnet werden kann, spielt sich dem Anschein nach zwischen der AKP und der oben beschriebenen Ergenekon ab. Wenn wir das Verbotsverfahren gegen die AKP näher betrachten, können wir sehen, dass der Kampf und die Teilung der Politik in der Türkei nicht nur auf die Verhafteten aus der Ergenekon-Operation begrenzt ist. Sie besitzt noch immer viele Mitglieder in den obersten Rängen des Militärs, der Bürokratie und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Daher wird diese Organisation, wie es in der Vergangenheit zu sehen war, auch in Zukunft zu Unruhen, Durcheinander und Instabilität führen. Schauen wir uns einmal an, wie die Verbindung zwischen der Ergenekon-Bande und dem Verbotsverfahren der AKP aussieht. Die Ergenekon-Bande steht für das Verbot der AKP. Denn sie geht davon aus, dass die AKP ihre politische Macht dazu nutzt, den Staat einzunehmen und den Charakter des Regimes in Richtung „gemäßigter Islam“ zu verändern. Sie sieht die Beziehungen der AKP auf internationaler Ebene und insbesondere zum Iran und den islamischen Ländern im Mittleren Osten als Resultat dieser Bestrebungen. Aus diesem Grund hat die in der Türkei als „laizistische Front“ bezeichnete Gruppe mit der Unterstützung nationalistischer Organisationen eine Front gegen die AKP gebildet. Universitäten, nationale Vereine, laizistische und kemalistische Zeitungen und politische Parteien haben eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit begonnen. Sie haben versucht, die Parlamentswahl zu verhindern und Putschpläne zu schmieden. Aber nachdem das Bündnis zwischen der AKP und dem Militär zustande gekommen war, entstand die heutige Situation in der Türkei. Die Voraussetzungen für das Verbot einer politischen Partei sind in Artikel 69 der türkischen Verfassung festgelegt. Nach Absatz 4 ist die Schließung einer politischen Partei an das Urteil des Verfassungsgerichtes gebunden. Laut Artikel 69 kann eine politische Partei aus drei Gründen verboten werden.
Hier der Artikel 68, Abs. 4: „Das Parteiprogramm und die Satzung politischer
Parteien dürfen der Unabhängigkeit des Staates, der unteilbaren Einheit
des Landes und der Nation, den Menschenrechten, den Grundsätzen des
Rechts- und Gleichheitsstaates, der Souveränität des Volkes und den
demokratisch-laizistischen Grundsätzen der Republik nicht widersprechen.
Sie dürfen die Klassendiktatur oder andere Diktaturen weder vertreten
noch erstreben; sie dürfen nicht dazu anregen, Verbrechen zu begehen.“
Laut dieser Anklageschrift sollen ca. 75 Personen, darunter auch Ministerpräsident
Recep Tayyip Erdoğan, der jetzige Staatspräsident Abdullah Gül, der
ehemalige Parlamentsvorsitzende Bülent Arinç und viele weitere Abgeordnete
und Minister, ein politisches Betätigungsverbot bekommen. Sie werden
seitens der grundlegenden Säulen der türkischen Republik, der Legislative,
der Exekutive und der Judikative als illegitim bewertet und schwerer
Straftaten beschuldigt. Und all das passiert einer Partei, die mit 47
% der Stimmen als Regierungspartei im Parlament sitzt. Auch die Presse
in der Türkei legt ganz offen dar, dass hinter diesem politischen Desaster,
das der AKP zugestoßen ist, die Ergenekon-Bande steckt. Nach der Operation
gegen Ergenekon gab es wichtige Entwicklungen, die auch das Ende der
AKP vorbereitet haben. Es
ist zu beachten, dass die Infrastruktur von Ergenekon aus genau den
Soldaten und Zivilpersonen besteht, die in Şemdinli auf frischer Tat
ertappt wurden. Als grünes Licht für die Operation gegen Ergenekon gegeben
wurde, war die AKP nicht mutig genug, sich auch grundlegend gegen die
„schmutzigen Beziehungen“, die die Basis all dieser komplizierten Beziehungen
darstellen, zu stellen. Denn auch der gegenwärtige Generalstabschef
Yaşar Büyükanıt ist in dieses Netz verwickelt. Kurz
gesagt: All die Ergenekon-Bandenmitglieder, die zuvor schon im Susurluk-
und im Şemdinli-Skandal aufgetaucht waren, sollten seitens der AKP angeklagt
werden und die außer Kontrolle geratenen Teile sollten gebändigt werden.
Für genau diese Operation haben die TSK ihr O.K. gegeben. Fazit für uns ist: Sollten diese dunklen, schmutzigen Beziehungen nicht im Rahmen einer demokratischen und freiheitlichen Politik überwunden werden, wird die Türkei niemals zu einer offenen Politik gelangen. Das Risiko eines Bruchs wird immer bestehen bleiben. Die Türkei wird dann zu einem Land, das durch Skandale in der öffentlichen Diskussion bleibt. 1) Şamil Tayyar fasst in seinem Buch “Operasyon Ergenekon” (Operation Ergenekon) all diese Themen mit den jeweiligen Unterlagen dazu zusammen. Timaş Verlag, Februar 2008 2) Anklageschrift der Generalstaatsanwaltschaft des Revisionsgerichtes der Republik Türkei zum Verbotsverfahrens gegen die AKP vom 14.03.2008, Aktenzeichen: SP.Hz.2008/01 |