Die
Regimekrise in der Türkei wird sich weiter verschärfen
Die Türkei vor und nach der Bodenoffensive
Günay Aslan, Journalist
Am 18. Oktober 2007 berieten
im türkischen Parlament die anwesenden Abgeordneten über den Antrag
der AKP-Regierung, das Militär für grenzüberschreitende Militäroperationen
zu bevollmächtigen. Die türkische Armee wollte gegen die PKK vor allem
in der kurdischen Region im Irak vorgehen. Die Regierung unter Ministerpräsident
Erdoğan hatte den Antrag vorbereitet. Das Thema war äußerst wichtig,
denn die Türkei startete eine wahnwitzige Initiative, die Anlass zu
einem Regionalkrieg sein könnte.
Trotz der außerordentlichen Bedeutung der Angelegenheit wurde der Antrag
im Parlament nur zwei Stunden behandelt. Außer der DTP waren alle anderen
Parteien dafür, die Armee in dieser Frage zu bevollmächtigen. Abgeordnete
von Regierung und Opposition, die an das Pult traten, um zum Antrag
zu sprechen, erklärten mit Leib und Seele ihre Unterstützung. Im Parlament
fanden keinerlei kontroverse Diskussionen statt. Das türkische Parlament
reihte sich einstimmig hinter diesem Antrag ein.
In dem Parlament mit 550 Sitzen bezogen nur die Sprecher der DTP Stellung
gegen diesen Antrag. Sie verwiesen auf die blutende Wunde der Türkei,
die kurdische Frage, und führten mit historischen Beispielen vor Augen,
dass die Probleme der Türkei seit ihrer Gründung bis heute nicht mit
Gewalt gelöst werden konnten. Sie erklärten daher, dass es notwendig
sei, das Problem nicht mit Gewalt, sondern mittels Dialog und mit demokratischen
Methoden zu lösen.
Die türkischen Parlamentarier waren nicht in der Lage, sich gegen die
Armee zu stellen. Viele waren sogar so blutrünstig, dass sie nicht
mal den DTP-Abgeordneten zuhören wollten. Ihrer Meinung nach sollte
die Armee in den Irak einmarschieren und der PKK eine Lektion erteilen.
Nicht nur der PKK, sondern auch der föderalen kurdischen Verwaltung
im Irak. Vor allem Masud Barzani [Vorsitzender der Kurdischen Demokratischen
Partei (KDP)], der es vermieden hatte, mit der türkischen Armee gegen
die PKK zusammenzuarbeiten, sollte zurechtgewiesen werden.
Die parlamentarische Sitzung begann um 15 Uhr und endete schließlich
um 17:30 Uhr mit der Abstimmung. Von den 526 Abgeordneten stimmten 507
für den Antrag. Nur 19 der anwesenden Abgeordneten der DTP stimmten
dagegen. Diese Abstimmung zeigte ganz klar, dass die angeblich liberale
AKP sich mit der nationalistischen MHP und der kemalistischen CHP gegen
die Kurden verbündet hatte. Nach dieser parlamentarischen Bevollmächtigung
richteten sich die Augen auf die Armee. Die Generäle hatten schließlich
die Vollmacht, hinter der sie jahrelang her gewesen waren, erhalten.
Die AKP-Regierung war lange Zeit dieser Forderung der Armee nicht nachgekommen.
Aber nun war es soweit, die Armee war autorisiert.
Nachdem der Antrag im Parlament angenommen worden war, hieß es in der
Erklärung des Generalstabschefs, dass die Vorbereitungen bereits begonnen
hätten und diese Vollmacht dann zu einem Zeitpunkt zum Einsatz kommen
würde, den die Armeeführung für passend erachte. Aber auch diese Erklärung
hatte wie der Freischein aus dem Parlament allein keinerlei Bedeutung.
Denn der Irak steht unter der Besatzung der USA und für dieses Vorhaben
war deren Genehmigung notwendig. Die USA, seit April 2003 die alleinigen
Machthaber im Irak, gestatteten der Türkei keine Militäroperationen
im irakischen Teil Kurdistans, weil es nicht als in ihrem Interesse
liegend gesehen wurde. Sie haben im Irak große Probleme und erhalten
aus Kurdistan wichtige Unterstützung. Die irakischen Kurden sind ihre
treuesten Verbündeten im Irak. Folglich wollten die USA sie nicht verlieren.
Aber genau das forderte die Türkei seit Jahren, manchmal mit Drohung
und manchmal mit Erpressung verlangte sie für sich die Genehmigung einzumarschieren.
Eigentlich war bekannt, dass der türkische Staat nicht die PKK, sondern
vielmehr die Errungenschaften der irakischen Kurden zum Ziel hatte.
Der Generalstabschef hatte dies in seiner Rede auch einmal ganz offen
eingestanden: „Die vordergründigste Drohung für die Türkei resultiert
aus dem kurdischen Staat, der sich im Irak gründen wird.“ Daher ist
bekannt, dass die Türkei die PKK nur als Vorwand benutzt, um die Region
Kurdistan im Irak zu besetzen. Aber es war ausgeschlossen, dass dies
gegen die USA durchgeführt werden würde.
Aus diesem Grunde verstärkte die Türkei mit dem Freischein ihre diplomatischen
Bemühungen. Die AKP-Regierung hatte in den USA fast ein Camp errichtet.
Schließlich fand dann am 5. November 2007 im Weißen Haus das Gespräch
zwischen Erdoğan und Bush statt.
Die USA haben großen Einfluss auf die kurdische Regierung im Irak, aber
er endet an der Entschlossenheit der Kurden bezüglich ihrer Freiheit.
Deshalb waren ihre Handlungsmöglichkeiten gegen die PKK begrenzt. Des
Weiteren waren sie sich darüber klar, dass das PKK-Problem nicht mit
Waffen zu lösen ist. Die Türkei benötigte die US-Unterstützung, aber
es war ausgeschlossen, dass sie trotz dieses Beistands Erfolg haben
würde. Ungeachtet dessen verschloss sich die türkische Armee allen anderen
Optionen außer der des Krieges. Sie wollte den Krieg vertiefen, denn
nur auf diese Weise konnte sie ihre Macht sichern.
Es war ausgeschlossen, dass die USA und die irakischen Kurden sich mit
der PKK bewaffnete Auseinandersetzungen liefern würden. Daher war die
Türkei gezwungen, diesen Krieg allein zu führen. Die Bush-Regierung,
die die PKK als gemeinsamen Feind deklarierte, würde höchstens geheimdienstliche
Unterstützung leisten, und dies nicht ohne Gegenleistung.
Die USA bewilligten der Türkei eine regional wie zeitlich begrenzte
Operation. Sie würden den Luft- und Landraum Iraks für die türkische
Armee öffnen. Aber die Operationen dürften sich nur auf die Bergregionen,
in denen sich PKKler aufhalten, beschränken und in einem begrenzten
Zeitrahmen stattfinden. Als Gegenleistung würde die Türkei offizielle
Gespräche mit dem kurdischstämmigen irakischen Staatspräsidenten Jalal
Talabani und dem Vorsitzenden der Föderalregierung Kurdistans Barzani
aufnehmen und nach der Militäroperation Lösungsschritte einleiten.
Trotz dieser Realität präsentierte die türkische Presse das Gespräch
vom 5. November in Siegesstimmung, was zu übertriebenen Erwartungen
in der Öffentlichkeit führte. Niemand dachte daran, die Ereignisse genauer
zu betrachten. Das Militär würde endlich in den Irak einmarschieren
und die PKK erledigen. So sah die angeheizte Stimmung aus. Während die
Türkei mit Zustimmung der USA ihre Kriegsvorbereitungen begann, veröffentlichte
die PKK am 1. Dezember ein aus sieben Punkten bestehendes Lösungspaket.
Die PKK forderte die verfassungsrechtliche Anerkennung der kurdischen
Identität, die Aufhebung aller Hindernisse für die sprachliche und kulturelle
Entwicklung, die Anerkennung des Rechts auf Bildung in der Muttersprache
sowie Bildung und die Gewährleistung der Meinungs-, Glaubens- und Artikulationsfreiheit.
Ebenfalls wurde die Beendigung der Geschlechterdiskriminierung, der
Erlass eines umfassenden Amnestiegesetzes, die Aufhebung des Dorfschützersystems,
die Entwicklung eines sozio-ökonomischen Projekts für die Rückkehr Zwangsvertriebener
und die Ausweitung der Befugnisse für die Kommunalverwaltungen als Voraussetzung
für die Niederlegung der Waffen und eine Beteiligung an der demokratischen
Phase verlangt.
All diese Maßnahmen sind im Hinblick auf die Modernisierung der Türkei
sowie die Integration in die internationale demokratische Gemeinschaft
unumgänglich. Die Türkei hat bereits Zusagen gemacht, diese Bedingungen
zum größten Teil im Rahmen der Beitrittsverhandlungsphase mit der EU
zu erfüllen, also im eigenen Interesse unabhängig von der PKK.
Trotzdem wurden am 16. Dezember die Luftangriffe aufgenommen. Mit dieser
Offensive ging auch eine forcierte psychologische Kriegsführung einher,
obwohl klar war, dass die Türkei mit diesen Luftangriffen keinerlei
Ergebnisse erzielen kann. Es war nicht zu erwarten, dass die PKK dadurch
ernsthaft beeinträchtigt und in ihrer Aktionsfähigkeit begrenzt werden
würde. Die türkischen Medien hingegen schrieben täglich, dass Hunderte
PKKler getötet würden, hochrangige PKKler geflohen und die Strukturen
der PKK vernichtet worden seien. Die Luftangriffe von 50 Kampfflugzeugen
kosteten fünf Guerillakämpfer und zwei Personen aus der Zivilbevölkerung
das Leben. Viele Dörfer wurden bombardiert und drei Brücken zerstört.
Diese Militäroffensive aus der Luft hielt mit bestimmten Abschnitten
etwa zwei Monate an. Wenn man sich die Stellungnahmen der Armeevertreter
von damals anschaut, könnte man annehmen, die PKK wäre vernichtet. Aber
niemand glaubte daran. Auch die türkische Armee muss ihre eigene Lüge
nicht geglaubt haben, sodass sie am 21. Februar in der Nacht mit über
10 000 speziell ausgebildeten Soldaten und schweren Geschützen den Irak
angriff.
Die Bodenoffensive, mit über 10 000 Soldaten, Kriegsflugzeugen und intensiver
Artillerie, stieß auf den Widerstand der PKK. Schon in den ersten Tagen
war zu erkennen, dass ihr Ausgang sich nicht von dem früherer Angriffe
unterscheiden würde. Das Militär geriet in die Klemme. Die Truppen mussten
große Verluste hinnehmen und kamen nicht voran. Nachdem sie sich eine
Woche lang abgemüht hatten, zogen sie sich auf Beschluss der Armeeführung
eilig zurück.
Zweifellos spielte bei der plötzlichen Rückzugsentscheidung neben dem
Widerstand der PKK auch eine Rolle, dass die USA die scharfe Reaktion
Barzanis gegen diese Offensive sowie seine Drohung, für die eigene Freiheit
notfalls auch zu den Waffen zu greifen, nicht ignorierten. Folglich
drängten sie die Türkei, den Überfall zu beenden. So erzielte die jahrelang
diskutierte Bodenoffensive eine entgegengesetzte Wirkung, die PKK,
die liquidiert werden sollte, ging gestärkt daraus hervor. Die türkische
Armee konnte der PKK weder Schaden zufügen noch Barzani zum Einknicken
bewegen. Im Gegenteil, die Türkei erlitt eine schwere militärische und
politische Niederlage. Die Folgen waren für sie erschütternd.
Nachdem die Besatzungsillusionen der Türkei mit dem Krieg im Zap-Gebiet
zwischen dem 21. und 29. Februar zerstoben waren und die Offensive mit
einer Niederlage geendet hatte, passierte das, was passieren musste.
Die Öffentlichkeit war schockiert. Die Diskussionen im Staatsapparat
endeten in Zank. Die Armee wertete die Kritik von MHP und CHP, die diese
Offensive aktiv unterstützt hatten, als Verrat. Die Krise innerhalb
des Regimes vertiefte sich und die Auflösung beschleunigte sich. Nachdem
die Besatzungsszenarien nicht hatten realisiert werden können, geriet
auch das Vertrauen in die Armee ins Wanken. Das Parteischließungsverfahren
gegen die AKP am 14. März kam für die Armee wie ein Rettungsring. Die
Tagesordnung wechselte erneut. Die klassischen Diskussionen um Laizismus
und Scharia bestimmen nun wieder die Debatten.
Die AKP wurde gezwungen, den Preis für die Zusammenarbeit mit der Armee
zu begleichen. Sie hat den Unmut der großen Unternehmerverbände wie
TÜSIAD, der liberalen Kreise und der Kurden auf sich gezogen und ist
isoliert worden. Die Kurden hingegen erlebten einen Durchbruch. Die
diesjährigen Newrozfeierlichkeiten waren bestimmt vom kurdischen Widerstandsgeist.
Die Kurden feierten Newroz entsprechend dem Ruhm ihres gerechten Freiheitskampfs.
Sie bevölkerten in ihren farbenprächtigen Kleidern und mit vor Freiheitsliebe
überschäumenden Herzen in Massen die Kundgebungsplätze. Sie lieferten
in vielen Städten, in erster Linie in Diyarbakır, Beispiele für demokratische
Reife. Anlässlich des Newrozfestes unterstrichen sie erneut ihre berechtigten
Forderungen und zeigten den Weg auf für einen gerechten und dauerhaften
Frieden. Das kurdische Volk vermittelte erneut seine Friedensbotschaft.
Aber die Antwort des Staates war auch diesmal wie schon immer Gewalt.
Die Polizei terrorisierte die Bevölkerung in Van, Hakkari, Siirt und
Yüksekova und griff die friedlichen Menschen auf brutalste Weise an.
Infolge des Staatsterrors wurden Hunderte verletzt und drei verloren
ihr Leben.
Auch das hat gezeigt, dass der Staat die Auseinandersetzung mit den
Kurden forcieren wird, um ihnen so den Preis für die tiefe Krise in
der Türkei abzuverlangen. Die Armee beabsichtigt, die Abrechnung innerhalb
des Staates in eine totale Abrechnung mit den Kurden zu verwandeln.
Nach der Bodenoffensive ist zu erwarten, dass die Regimekrise in der
Türkei sich immer mehr verschärft und dass daran gebunden der Umgang
mit der kurdischen Frage immer mehr erschwert wird.