Tausende nahmen an der Newrozfeier mit der Guerilla teil

Newroz in Kandil

Erdal Ergin, ANF, Kandil

Den ganzen Kandil-Weg entlang sehen wir unter jedem Baum, auf jeder Ebene, um jede Wasserquelle Frauen, Männer, Kinder, alte Menschen, Jugendliche in Gruppen. In bunten Trachten machen sie Picknick und geben dem Platz Jahrmarktatmosphäre. Alle sind gekommen, um Newroz gemeinsam mit der Guerilla zu feiern. Seit mehr als zwei Stunden fliegen Aufklärungsflugzeuge in der Luft.


Wir reden mit einem älteren Mann aus Südkurdistan. Er ist genau 80 Jahre alt, aber sehr kräftig. Er war Zeuge der wichtigsten Entwicklungen im Süden und sein Gedächtnis ist klar. Nicht nur das, er hat zudem auch interessante Bewertungen. So fragt er uns: „Sind es US-Flugzeuge oder türkische?“ Mit meinem schlechten Sorani fordere ich ihn auf, die Frage selbst zu beantworten. Daraufhin sagt er: „Das macht keinen Unterschied, ob USA oder Türkei, im Endeffekt sind beide Feinde.“, und fügt hinzu: „Sie fürchten die PKK.“

Ich frage, warum sie sich fürchten. Er erklärt: „Auch die PUK und die KDP fürchten sich. Ich kenne ihre Geschichte. Es gibt nichts, was sie für Geld nicht tun würden.“ Er geht auf die aktuellen politischen Entwicklungen ein, indem er einige Komplottbeispiele aus der Vergangenheit erzählt. „Sie haben Angst, dass die Kurden im Süden zur PKK abdriften.“ Er sagt, dass die Haltung der KDP im Vergleich zur PUK noch besser sei, fährt dann fort: „Nicht weil die KDP die PKK mag, sondern weil sie weiß, dass sie nicht existieren kann, wenn es die PKK nicht gibt.“ Am selben Abend ruft die PÇDK die Menschen im Süden dazu auf, Newroz in den Medya-Verteidigungsgebieten mit der Guerilla zusammen zu feiern, um die Isolation über Kandil zu brechen.

Bevölkerung im Süden nimmt Guerilla an

Am nächsten Tag dröhnt der Luftraum von Kandil von türkischen Kampfflugzeugen. Ohne Bomben abzuwerfen, fliegen sie tief über das Gebiet. Nun fragen wir die Guerilla nach ihrer Bewertung. Einer sagt, die Unterstützung der Südbevölkerung während des Zap-Widerstandes und ihr Widerstand gegen die Bodenoffensive hätten jeden zum Nachdenken angeregt. Und weiter: „Die Kampfflugzeuge fliegen heute nicht wegen uns. Sie wollen eigentlich die südkurdische Bevölkerung einschüchtern.“ Ein anderer fügt hinzu, dass man das Volk im Süden davon abhalten wolle, sich mit der Guerilla zu vereinen, und um dies zu verhindern, könnten ebenfalls andere Maßnahmen eingeleitet werden. „Sie wollen das Newrozfeiern sabotieren“, sagt er weiter. Ich frage, ob sie mit ihrem Vorhaben erfolgreich sein könnten, die Bevölkerung einzuschüchtern, damit sie nicht zu den Feierlichkeiten kämen. Es gibt unterschiedliche Meinungen, einige gehen davon aus, dass es eine gewisse Wirkung haben werde, andere wiederum schließen es aus. Um die Antwort auf diese Frage zu finden, machen wir uns auf den Weg in das Gebiet, in dem am nächsten Tag die Newrozfeier stattfinden wird.

„Kommt bloß nicht mit der Guerilla zusammen!“

Als wir am nächsten Morgen aufwachen, hören wir die US-Aufklärungsflugzeuge. Nachdem ich gesehen habe, dass auch an diesem Tag die Kampfflugzeuge nacheinander die Region überfliegen, denke ich, dass die Teilnahme am Newroz wahrscheinlich sehr gering sein wird. Aber dieser Gedanke ändert sich, sobald ich mich auf den Weg mache. Den ganzen Kandil-Weg entlang sehen wir unter jedem Baum, auf jeder Ebene, um jede Wasserquelle Frauen, Männer, Kinder, alte Menschen, Jugendliche in Gruppen. In bunten Trachten machen sie Picknick und geben dem Platz Jahrmarktatmosphäre. Schaukeln für die Kinder werden aufgebaut, das Esstuch gedeckt, der Grill angeworfen und die Menschen tanzen Halay. Wir nähern uns einer Gruppe und steigen aus dem Fahrzeug. Nachdem wir sie begrüßt und ihnen zu Newroz gratuliert haben, fragen wir sie, ob sie an den Newrozfeierlichkeiten mit der Guerilla teilnehmen würden. Sie bejahen unsere Frage und erklären, dass sie pünktlich am Ort sein würden. Auch die andere Gruppe von 15 bis 20 Personen antwortet das Gleiche. Alle sind aus demselben Grund aufgebrochen.

Wir machen uns auf den Weg zum Newrozfest. Als wir am Platz ankommen, fällt uns hektische Bewegung auf. Gegenseitige Umarmungen und Gratulationen zu Newroz haben bereits begonnen. Nachdem wir die Guerillas, die für die Sicherheit sorgen, passiert haben und zur Menge gestoßen sind, beginnen wir ebenfalls, allen zu Newroz zu gratulieren. Uns fällt sofort eine Gruppe von etwa 15 Personen auf, nur Männer. Wir gehen auf sie zu und im Gespräch stellt sich heraus, dass es Kurden aus dem Norden sind, die in Hewler arbeiten. „Wir waren eigentlich noch mehr, aber an der KDP-Kontrollstelle wurde uns die Weiterreise nicht gestattet“, so einer aus der Gruppe. Auf unsere Frage, wie sie es denn trotzdem hierher geschafft hätten, sagen sie, dass auch ihre Fahrzeuge hätten zurückkehren müssen. Aber sie seien ausgestiegen und auf die Kontrollstelle zugelaufen. Dort hätten sie gedroht, über die Berge zu gehen, wenn ihnen die Durchreise nicht erlaubt werde. Daraufhin hätten sie weiterfahren dürfen. Der Jüngste aus der Gruppe erzählt uns, dass die KDP Hunderte von Fahrzeugen an der Weiterfahrt gehindert habe. Später erfahren wir, dass die Menschen auch von der PUK von der Teilnahme abgehalten wurden. Um Details zu hören, gehen wir zu den Menschen, die aus der PUK-Gegend kommen. „Sie haben uns genau zwei Stunden warten lassen. 300, 400 Fahrzeuge haben sich am Kontrollpunkt angesammelt. Einer hat es nicht mehr ausgehalten und geschrien, ich werde jetzt weiterfahren, erschießt mich, wenn ihr wollt. Daraufhin ist er in sein Auto gestiegen und gefahren. Alle anderen haben es ihm nachgemacht“, erzählt uns Mam Nuri. Es ist eine interessante Paradoxie. In der Luft US-Flugzeuge und Flugzeuge der Türkei und unten KDP und PUK mit derselben Botschaft: „Kommt bloß nicht mit der Guerilla zusammen!“

Der Süden wandelt sich zum Norden

Wir fragen PÇDK-Vertreter, ob die Hindernisse noch immer bestünden. Sie hätten, nachdem sie davon hörten, interveniert. Daraufhin sei diese Maßnahme zwar aufgehoben worden, könne aber jederzeit wieder eingeführt werden, erklären sie uns. Es kommen immer mehr Fahrzeuge, von überall her. Aus Hewler, Suleymania, Duhok, Selahattin und Kerkuk. Eine Gruppe neben uns fällt mir auf. Wir erfahren, dass sie aus Şemdinli sind. Sie erzählen uns, dass sie die Grenze zu Fuß passiert hätten. Eine Frau von 52 Jahren berichtet, dass auch welche aus Mardin gekommen seien. Sie rät uns, mit ihnen zu sprechen.

Doch bevor wir mit den Menschen aus Mardin sprechen können, verstärken sich die Parolenrufe. Eine Gruppe aus annähernd 500 Personen mit Transparenten, KCK-Fahnen und Bildern von Abdullah Öcalan kommt auf den Platz. Sie rufen „Bijî serok Apo“. Dies heizt die Stimmung an. Der Anblick erinnert an Şirnak, Cizre und Nusaybin. Ich kann nicht umhin zu denken, dass der Süden sich zum Norden wandelt. Die Zeit für die Newrozveranstaltung kommt näher. Ich versuche abzuschätzen, wie viele da sind. Ich schätze etwa 3 000. Nach der Eröffnungsrede folgt eine Gedenkminute für die Gefallenen im kurdischen Freiheitskampf. Parallel dazu fliegen US-Aufklärungsflugzeuge genau über uns. Aber niemand lässt sich davon abhalten.

Die Newrozrede wird oft von den Parolen „Bijî Gerilla“ und „Bijî serok Apo“ unterbrochen. Im Anschluss treten lokale Musikgruppen auf und die Verans­taltung nimmt Feststimmung an. Uns wird bewusst, dass der Zap-Widerstand der Guerilla gegen die türkische Armee auch hier eine große Wirkung erzielt hat. In den Parolen, die während der Tänze gerufen werden, bleibt der türkische Ministerpräsident nicht verschont: „Mörder Erdoğan“ ist auch in diesem Teil Kurdistans äußerst populär. Weder die türkischen Flugzeuge noch die US-Aufklärungsflüge, weder die KDP noch die PUK haben mit ihren Verhinderungsversuchen Erfolg. Immer mehr Menschen kommen im Laufe der Veranstaltung hinzu.

Wir unterhalten uns mit Gruppen, die neu dazugestoßen sind, und erfahren, dass an den Kontrollstellen von KDP und PUK die Menschen noch immer aufgehalten würden. Auch die Aufklärungsflüge halten noch an. Zum Ende hin brechen die Menschen aus Hewler und Suleymania, weil sie noch einen weiten Weg vor sich haben, langsam auf. Wie überall auf der Welt, so sind auch die Kurden hier auf dem besten Wege, zu Apos Kurden zu werden.