Unterdrückungs-
und Gewaltpolitik der AKP-Regierung zu Newroz
Newroz und die AKP
Sercan Aydın, ROJ TV
Während Newroz für die Kurden
Begeisterung für die Freiheit und für ein neues Leben bedeutet, jagt
es den kolonialistischen Mächten Angst ein. Die Stärke und die Kraft
des kurdischen Volkes, die im diesjährigen Newroz sichtbar wurden, versetzten
die Herrschenden in Panik. Die Tatsache, dass in diesem Jahr im syrischen
und im türkischen Teil Kurdistans jeweils drei Kurden durch staatliche
Angriffe ums Leben kamen, ist Resultat dieser Furcht. Ein Sprichwort
besagt, dass Furcht nicht vor dem Tod schützt. Die Zahl der Kurden wächst
immer weiter, je mehr von ihnen getötet werden. Dies wurde in den letzten
zehn Jahren bewiesen. Während die Anzahl der bei den Newrozfeierlichkeiten
ermordeten Kurden inzwischen mehrere Hundert erreicht hat, nimmt die
Teilnehmerzahl an den Newrozkundgebungen mit jedem Jahr zu.
Newroz 2008 hat noch einmal bewiesen, dass die Verleugnungspolitik des
türkischen Staates gegenüber dem kurdischen Volk nichts anderes ist,
als am Krieg festzuhalten, den er nie wird gewinnen können. Da ihm die
Tötung aller Kurden unmöglich ist, sollte er im Interesse seiner eigenen
Bevölkerung die Verleugnungspolitik aufgeben. Ein weiteres Sprichwort
sagt: Je früher die Umkehr vom Verlust, umso größer der Gewinn.
Die Kurden wollen demokratische Selbstbestimmung. Demokratische Selbstbestimmung
hingegen bedeutet die demokratische Einheit der Türkei. Die Kurden beim
Namen zu nennen wird die Türkei nicht teilen. Bildung in kurdischer
Muttersprache wird die Türkei nicht teilen. Das Ausleben kurdischer
Kultur wie der türkischen wird die Türkei nicht teilen. Kurdische Regionalparlamente
zusätzlich zum türkischen Parlament werden die Türkei nicht teilen.
Die Ausweitung der Befugnisse für die Kommunalverwaltungen wird die
Türkei nicht teilen.
Bei der wahren Demokratisierung der Türkei werden alle diese Grundrechte
nicht zu verhindern sein. Folglich wird die Demokratisierung der Türkei
die Türkei nicht teilen.
Die zahlreiche Teilnahme der kurdischen Bevölkerung an den diesjährigen
Newrozfeierlichkeiten sollte als Zustimmung zum Projekt der „Demokratischen
Autonomie (Selbstverwaltung)“ betrachtet werden, dem türkische Staatsvertreter
die daraus entstehenden Notwendigkeiten folgen lassen sollten. Statt
sich gegen den Willen der Bevölkerung zu stellen, sollten sie von ihrer
Verleugnungspolitik Abstand nehmen und öffentlich erklären, die kurdische
Frage zu lösen. Die Voraussetzungen sind besser denn je, denn der kurdische
Volksvertreter Abdullah Öcalan ist eine große Chance, der eine Lösung
des Problems erleichtern kann, die PKK ist die Garantie für die Lösung
der kurdische Frage auf der Grundlage der Geschwisterlichkeit der Völker
und die KCK ist eine Kraft, die eine akzeptable Lösung unterstützt.
Der türkische Staat sollte endlich sehen, dass eine Liquidierung des
kurdischen Volksvertreters sowie der PKK dem türkischen Volk am meisten
schaden würde. Solche Akteure, die in dieser Weise eine akzeptable Lösung
anstreben, werden sich in Kurdistan auf lange Zeit nicht noch einmal
finden lassen.
Mit den Parolen auf den Newrozkundgebungen „Bijî serok Apo“ (Es lebe
der Vorsitzende Apo) oder „Die PKK ist das Volk, das Volk ist hier“
wurde erneut unterstrichen, dass weder die PKK zu zerschlagen noch Abdullah
Öcalan aus dem politischen Prozess herauszudrängen ist. Newroz 2008
war eine Deklaration des kurdischen Volkes, was es will und wen es zu
seinen politischen Vertretern erklärt.
Jede Politik, die entgegen dieser Realität versucht, die Identität der
Kurden zu leugnen, ihre Sprache zu verbieten und ihren Willen zu bestreiten,
hat keine Überlebenschance mehr. Die Äußerung des türkischen Ministerpräsidenten
Erdoğan nach der Wahl vom 22. Juli, die kurdische Befreiungsbewegung
könne niemals die kurdischen Bürger vertreten, wurde mit diesem Newroz
beantwortet und verlor jede Relevanz.
Die Widerstandshaltung des kurdischen Volkes zu Newroz wird alle Beteiligten
alles noch einmal genau hinterfragen lassen. Es ist zu hoffen, dass
dies parallel zur Bewegung der demokratischen Kräfte den Weg Richtung
Lösung eröffnet. Die klare Haltung der Menschen gegenüber der bisherigen
alten Politik hat die Lösungspolitik eröffnet. Sollte sich die Phase
so nicht positiv entwickeln, werden sich die Auseinandersetzungen zuspitzen.
Denn diejenigen Kräfte, die keine Lösung wollen, werden auch in Zukunft
mit Gewalt gegen das aufbegehrende Volk vorgehen. Das wiederum wird
Widerstand und Ausschreitungen bedeuten.
Auch zum diesjährigen Newroz zeigte die AKP-Regierung, dass sie auf
Unterdrückungs- und Gewaltpolitik setzt. Es gibt zwei Gründe für diese
aggressive Haltung. Die Regierung greift derart brutal an, weil ihre
Politik in Kurdistan gescheitert ist. Wenn die AKP in Kurdistan zum
Scheitern gebracht wird, so wird auch der politische Kolonialismus des
Staates zum Scheitern gebracht werden. Das ist der erste Grund für die
aggressive Politik der AKP.
Die Verantwortung für die Angriffe gegen das Volk zu Newroz liegt bei
der AKP-Regierung. Diese, als Besitzerin des Staates – oder als eine
Kraft, die neue Besitzerin des Staates werden will –, attackiert erbarmungslos
die kurdische Freiheitsbewegung.
Der zweite Grund ist, dass die AKP in ihrem Vorhaben, den Staat zu übernehmen,
sich den sogenannten nationalen Kräften in der Türkei als nationalistisch
und eigentliche Eignerin des Staates präsentieren will. Auf diese Weise
versucht sie, ihre Position gegenüber den um die Macht konkurrierenden
Kreisen zu stärken.
Mit unbegrenzter Feindschaft gegen die kurdische Freiheitsbewegung erhofft
sie sich Duldung für ihr Vorhaben, den Staat einzunehmen. Mit der Fahne
des Nationalismus in der Hand ist sie diesem Ziel vor allem in den letzten
zwei Jahren nähergekommen. Bekanntlich ist sie nach der Wahl von 2007
nur an die Regierung gekommen, weil sie mit dem Generalstab eine Übereinkunft
auf der Grundlage einer klaren anti-kurdischen Haltung einging.
Im Gegenzug zu den Angriffen gegen das kurdische Volk und den Bestrebungen,
die kurdische Freiheitsbewegung zu liquidieren, konnte sich die AKP
im Staat einnisten. Parallel zum Machtkampf mit den klassischen militärischen
und zivilen Kreisen um die Herrschaft über den Staat greift sie erneut
die Kurden an. Auf diese Weise will sie demonstrieren, dass sie mehr
als alle anderen für die Einheit des Staates und der Nation eintritt.
Gegenüber jedem Widerstand, den ihre Absicht erfährt, Einfluss im Staat
zu erringen, greift sie zum Nationalismus auf Grundlage der Kurdenfeindschaft,
um sich so positiv zu stärken. Das erinnert an die Kreise in der Türkei,
die anfangen, die Nationalhymne zu singen, sobald ihnen Polizisten gegenüberstehen.
So stimmt auch die AKP jedes Mal die anti-kurdische Hymne an, sobald
sie in Bedrängnis ist.
In den 90er Jahren war die Feindschaft bestimmter Banden gegenüber dem
kurdischen Volksvertreter Abdullah Öcalan und der PKK üblich, um auf
diese Weise ihre ökonomische und politische Kraft zu stärken. Damals
wurde dies als Apo- und PKK-Gewinn bezeichnet. Vielleicht hat den größten
Gewinn hieraus bislang die AKP erzielt. Schon früher schöpften Islamisten
diese „Gewinn“-Möglichkeiten im Gegenzug zur gegen die PKK angewandten
Staatspolitik aus. Der PKK-Gewinn der AKP jedoch geht nun weit über
den ökonomischen und politischen Gewinn hinaus. Sie strebt auf der Grundlage
der PKK- und Apo-Feindschaft nach der Einnahme des Staates. Mit dieser
Feindschaft versucht sie, ihre Konkurrenz aus dem Rennen zu werfen.
Das ist ein weiterer bedeutender Grund für die brutalen Angriffe der
AKP-Regierung bei den Newrozfeierlichkeiten.
Die AKP zielt seit 2002 darauf ab, die 80-jährige Ära, in der der politische
Islam aus dem Staat hinausgedrängt worden ist, zu beenden. Dafür ist
sie sehr um die Stärkung ihres Einflusses im Staat bemüht. Ihre bisherigen
angeblich demokratischen Schritte sind nur darauf gerichtet, den politischen
Islam in der Türkei hoffähig zu machen. Sie ist nur so lange für Demokratie
und Freiheiten, solange diese ihr mehr Möglichkeiten einräumen und sie
stärken. Aus diesem Grund unternimmt sie keinerlei Schritte im Hinblick
auf das hauptsächliche Demokratieproblem der Türkei, die kurdische Frage.
Der Kampf zwischen der AKP und den sogenannten nationalen Kräften in
der Türkei, die sich als die einzigen Hüter des Staates sehen, darf
vor diesem Hintergrund nicht außer Acht gelassen werden. Diese Regierungspolitik
muss entlarvt werden. Die antidemokratische Haltung dieser sogenannten
Nationalen darf die hässliche Politik der AKP nicht überdecken. Der
Kampf zwischen AKP und Nationalen ist nichts anderes als ein Machtkampf
um den Staat.
Damit dieser Kampf der Riesen nicht das Volk zermahlt, ist es wichtig,
dass die demokratischen Kräfte zusammenkommen und verhindern, dass die
Zukunft der Völker ökonomischen und politischen Interessen geopfert
wird.